Des Winters Licht
Es war einmal vor langer, langer Zeit, da lebte in den Winterlanden eine Königin. Die Königin war von tiefer Traurigkeit seit sie vor Jahren ihren Gemahl verloren hatte. Denn damals hatte der neue König der Sommerlande verlauten lassen, dass auch das Land des Winters zu seinem Reiche gehören sollte. Und so hatte sich der König der Winterlande heldenhaft in den Kampf begeben, um sein Volk vor Unheil zu bewahren.
Doch der Preis dafür war, dass das einst helle Licht im Lebenskristall der Winterkönigin zu einem schwachen Schimmer zusammenschrumpfte. Der Verlust ihres Gemahles hatte ihr eine unendliche Traurigkeit gebracht. Nie wieder waren die Winter seitdem gewesen, wie sie davor einmal waren: Nie wieder hatten vom Weiß frisch gefallenen Schnees bedeckte Felder im Sonnenlichte geglitzert. Nie wieder hatten die Dächer der Häuser in Dörfen und Städten wie von Puderzucker bestreut dagelegen. Und nie wieder hatte sich auch nur eine einzige Schneeflocke ihren Weg vom Himmel zur Erde hinab gebahnt. Der Königin Traurigkeit hatte die Winterlande in ein nicht enden wollendes Grau getaucht. Tag für Tag, jahrein, jahraus war das Land des Winters trüb und trist.
Das einzige Licht im Leben der Königin war ihr Sohn Solas, der Prinz des Winters, der mit ihr hoch droben im Schlosse lebte. Immer zu seinem Wiegenfeste bahnten sich für einen Tag lang die Sonnenstrahlen ihren Weg durchs Nebelgrau, für einen einzigen Tag zu Beginn eines jeden neuen Jahres konnte das Volk der Winterlande aufatmen.
So stand die Königin auch in diesem Jahr, kurz bevor des Prinzen Geburtstag gefeiert wurde, in ihren Gemächern und hielt den Kristall mit ihrem Lebenslichte in den Händen. Die Flamme darin glomm wie immer nur ganz schwach. Als sie aber daran dachte, dass der Prinz dieses Jahr seine Volljährigkeit erreichte, dass nun bald er über die Winterlande herrschte, da entfachte es die Flamme wieder und aus dem winzigen bläulichen Glimmen wurde immerhin wieder ein kleines, warmes Flackern.
Auch Prinz Solas stand in seinem Gemach, blickte aus dem Fenster hinaus auf die trüben Nebel, die die Winterlande einhüllten. In seinem Lebenskristall brannte noch kein Licht. Dies, so hatte man ihm von kleinauf beigebracht, würde erst entfacht, sobald er mit der Prinzessin des Sommers vermählt ward. Solange er denken konnte, hatte seine Mutter ihm erklärt, wie wichtig es war, dass dereinst sein Lebenskristall hell erleuchtete, heller gar als ihr eigener zuvor jemals geschienen hatte. Denn all ihre Hoffnung lag auf ihm, alle Hoffnung des Volkes je wieder einen wirklichen Winter zu erblicken.
Magister Egna, sein Lehrer am Hofe, hatte ihn zwar gelehrt, dass die Jahreszeiten im Gleichgewicht bleiben mussten. So sollte auf jeden Sommer und Herbst einer echter Winter folgen, der mit seinem Schnee dafür sorgte, dass die Felder die Kälte überstanden. Im Frühjahr sodann würde der Schnee langsam schmelzen und die Flüsse mit neuem Wasser füllen, die der Natur neues Leben einhauchten. Die immerwährende Traurigkeit der Königin jedoch, die für nebelgraue Winter ohne Schnee sorgte, hatte alles aus dem Gleichgewicht und das Volk an den Rand des Hungers gebracht. So hatte der Magister seinem Schüler immer wieder erklärt, dass nur ein neuer Herrscher über die Winterlande die Ordnung wieder herstellen konnte. Dies also würde des Prinzen Bestimmung sein.
Doch dem Prinzen schien diese Aufgabe wie eine Last auf den Schultern zu liegen. Ja, sie wog ihm beinahe so schwer, dass er glaubte, den ganzen Schlossberg auf seinem Rücken zu tragen. Denn er kannte die Sommerprinzessin doch gar nicht, hatte sie sein Lebtag noch nicht ein einziges Mal erblickt. Wie nur konnten sie also alle daran glauben, dass seine Vermählung mit ihr seinen Lebenskristall entzünden würde und so das Licht des Winters zurück ins Land brächte?
»Du wirst sehen«, sprach die Königin am anderen Tage, als sie und der Prinz im Thronsaal auf die Ankunft der Sommerprinzessin samt ihres Gefolges warteten, »die Prinzessin ist ein wunderschönes Mädchen. Ihre Anmut soll schon so manchem Jüngling den Atem geraubt haben. Sicher wird es auch dir so ergehen.« Ihr Blick ruhte dabei auf ihrer beider Lebenskristalle, in ihrem noch das zarte warme Flämmchen vom Abend zuvor flackernd, in dem des Prinzen aber noch kein Funke zu sehen.
Prinz Solas nahm die Worte der Königin schweigend hin. So harrten sie der Ankunft des Gefolges aus den Sommerlanden während die Stille im Thronsaale sich beinah über alles legte wie die immerwährende Trübnis über die Winterlande. Überhaupt begriff der Prinz auch nicht, weshalb er mit der Prinzessin vermählt werden sollte, wenn doch deren Vater, der neue König der Sommerlande, dereinst seinen Vater, ins Verderben gestürzt hatte.
Die großen Türen am Ende des Thronsaales schwangen schließlich auf und die Kammerzofe der Königin verkündete die Ankunft der Königin des Sommers und ihrer Tochter, Prinzessin Sahra. Die Königinnen begrüßten einander, stellten Prinzessin und Prinz einander vor. Der Blick seiner Mutter harrte auf des Prinzen Lebenskristall, der aber noch immer dunkel und leer blieb. Die Prinzessin war in der Tat eine wunderschöne junge Frau. Und doch verstand Prinz Solas noch immer nicht, weshalb sie seinen Lebenskristall entfachen sollte, auf dass schließlich die Jahreszeiten wieder ins Gleichgewicht kamen und der Winter wieder ward wie dereinst.
Schließlich wurde des Nachmittags die Verlobung vollzogen und die Vorbereitungen für die Vermählung am anderen Tage begannen. Der ganze Hofstaat war voller Geschäftigkeit. Dem Prinzen war dies alles gar zu viel und er wünschte sich nichts sehnlicher, als dass dieser Tag nur bald vorüber sein mochte. Doch des Abends wurde auch noch das Festmahl zu Ehren seiner Volljährigkeit gehalten. Prinz Solas nahm jedoch nur spärlich von all den Köstlichkeiten, die dargeboten waren. Nichts wünschte er sich sehnlicher, als der Aufmerksamkeiten entfliehen zu können.
Und so begab er sich alsbald, jedoch nicht eher als sich geziemte, in sein Gemach und dachte nach, was er nun tun sollte. Er blickte hinaus in die finstere Nacht. Anders als sonst zu seinem Wiegenfeste hatte sich in diesem Jahr der alles einhüllende Nebel nicht gelichtet. So waren auch die Lichter der Stadt am Fuße des Schlossberges nicht zu sehen. Denn was ihm in all der Geschäftigkeit des Nachmittages nicht aufgefallen, war, dass der Königin Licht in ihrem Kristalle wieder zu einem kleinen, blauen Flämmchen geschrumpft war.
Der Prinz zog seinen Lebenskristall aus seinem Gewande hervor und betrachtete ihn im Kerzenschein. Den ganzen Tag hatte die Königin erwartungsvoll darauf geblickt, wann immer er den Kristall für Jedermann sichtbar vor sich hielt. Stimmte etwas mit dem Kristall nicht? Nein, das konnte nicht sein, dessen war sich Prinz Solas gewiss. Magister Egna hatte doch erklärt, dass dieser erst nach der Vermählung erleuchten würde. Aus welchem Grunde nur war seine Mutter dann des Tages so darauf versessen, dass ein Funke im Kristall erleuchtete?
Prinz Solas beschloss, dies Rätsel zu ergründen, noch an diesem Abend. Eher hätte er keine Ruhe gefunden. Doch wer, wenn nicht Magister Egna, wusste wohl mit Gewissheit um den Zauber der Lebenskristalle?
Dem Prinzen kam ein Einfall. Und so schickte er seinen Kammerdiener aus, einen der Küchenjungen zu holen. Mit dessen Kleidung würde er unerkannt vom Hofe schleichen können, um in der Stadt den Edelsteinschleifer aufzusuchen. Dieser musste doch von allen Menschen im Lande am besten um die Kristalle wissen!
Zur großen Verwunderung seines Kammerdieners tauschte Prinz Solas also sein Gewand gegen die einfache Kleidung des Küchenjungen. Der Diener würde schweigen, dessen war sich der Prinz gewiss. Und des Küchenjungen Belohnung wäre eine Nacht in den üppigen prinzlichen Gemächern. Wenn er davon erzählte, so würde ihm niemand Glauben schenken.
Also stahl sich der Prinz vom Hofe und irrte durch die nebelverhangenen Gassen der Stadt, seinen Lebenskristall sicher verwahrt. Er wusste nicht recht, wohin er laufen sollte, aber die Gassen waren menschenleer.
»Junge!«, rief plötzlich jemand die Gasse hinab. Doch keine Antwort erklang und auch der Prinz schaute sich um, wer denn wohl gemeint sein könnte.
»Dich meine ich!«, sprach ein Mann, dessen Gestalt nun aus den Nebelschwaden hervortrat. »Was treibst du dich nach Anbruch der Nacht in den Gassen umher? Weißt du nicht, dass man dich dafür ins Verließ sperren wird?«
Dem Prinzen wurde gewahr, dass ihn in der Tat niemand erkannte. Was sollte er tun? Sperrte man ihn ins Verließ, so würde die Königin am anderen Morgen sein heimliches Verschwinden vom Hofe bemerken.
Doch da drang von einer Hausecke ein Flüstern an des Prinzen Ohr: »Schnell! Eile dich!«
So flink ihn seine Füße in dem ungewohnten Schuhwerk von gar zweifelhafter Beschaffenheit trugen, lief Prinz Solas vor dem Manne davon, dem Flüsterer nach. Die Gasse hinter der Hausecke war noch finsterer und enger und so musste er innehalten. Da tat sich einige Schritte vor ihm ein Lichtschein auf und eine schattenhafte Hand deutete ihm, näherzutreten.
Und so fand sich Prinz Solas schließlich im flackernden Kerzenschein einer warmen Stube wieder. Der Flüsterer war ein Jüngling gleichen Alters. Dieser fragte den Prinzen, ob er wohl nicht bei Sinnen sei, noch nach Beginn der Nachtruhe durch die Stadt zu laufen.
Bevor er eine Ermahnung aussprechen konnte, besann sich der Prinz aber. Er war ja im Augenblick nur ein gewöhnlicher Küchenjunge! Und so zog er seinen Lebenskristall hervor und fragte: »Ich bin auf der Suche nach dem Edelsteinschleifer. Er muss mir von den Kristallen erzählen.«
Der Jüngling indes schaute mit gebanntem Blicke auf des Prinzen Kristall und fiel sodann voller Ehrfurcht auf die Knie, bat um Vergebung für sein ungebührliches Benehmen.
Prinz Solas fragte voller Erstaunen: »Woher weißt du, wer ich bin?«
»Einen Lebenskristall von solcher Güte und Größe tragen nur Könige und Prinzen bei sich«, antwortete der Junge, dessen Blick noch immer zu Boden gerichtet war.
»Wer bist du, dass darum weißt?«, begehrte Prinz Solas zu erfahren.
Der Jüngling wagte noch immer nicht, wieder aufzuschauen. Die Augen weiter gen Boden sprach er: »Mein Prinz, Ihr habt gefunden, wonach Ihr suchtet. Ich bin als Waisenjunge vom Edelsteinschleifer aufgenommen worden und er hat mich die Kunst gelehrt, den Lebenskristallen ihre Kraft zu schenken.«
Voller Hoffnung auf eine Antwort fragte der Prinz: »Dann weißt du auch, wie man sein Licht entfacht?«
Des Jüngling Haupt senkte sich noch weiter und er bat erneut um Vergebung: »Verzeiht, mein Prinz, ich glaubte, dies sei allgemein bekannt und auch Euch ganz sicher gewahr. Man sagt, dass nur der Funke der wahren Liebe die Flamme eines Kristalles zu ihrem hellsten Schein bringen kann.«
Das nun gab dem Prinzen zu denken. Warum hatte ihm ein Jeder immer gesagt, dass sein Lebenslicht mit seiner Vermählung zu brennen begann? War dies alles nur eine Täuschung gewesen? Oder hatte es seine Mutter, ja gar der Magister nicht besser gewusst? Mochte der Prinz nun auch die Antwort haben, nach der er gesucht, so war sie ihm nicht von Nutzen.
Der Ziehsohn des Edelsteinschleifers bot dem Prinzen sein bescheidenes Nachtlager an und wollte sich auf dem harten Boden zur Ruhe legen. Unmöglich konnte Prinz Solas dieses Angebot annehmen, nächtigte stattdessen in der Küche des Hauses am Tische. In den allerfrühesten Stunden des Morgens schließlich eilten die Zwei durch die dunkelsten Gassen der Stadt zum Fuße des Winterberges. Keine Nachtwache erblickte sie auf ihrem Wege und so bedankte sich der Prinz bei dem Jüngling, der wieder ehrfürchtig auf die Knie sank.
»Bitte«, sprach Prinz Solas, »so erhebe dich doch. Wie ist dein Name?«
Der Jüngling erhob sich wie ihm befohlen und ließ aber doch den Blick zu Boden gerichtet: »Léas nennt man mich, mein Prinz.«
»Léas«, sprach der Prinz mit Bedacht und hielt einen Augenblick inne, versprach dem Jüngling sodann, dass ihm sein Dank gewiss sei. Er würde nach ihm schicken lassen, sobald er den Thron bestiegen hatte. Dann wandte sich der Prinz um und schlich sich auf demselben Wege in den Burghof zurück, den er am Abend zuvor gekommen war.
Zurück in seinen Gemächern war der Küchenjunge schon verschwunden. Selbst des Prinzen Kammerdiener wusste nicht, wann und wohin. Der Prinz trug ihm aber auf, des Küchenjungen Kleidung zu waschen und ihm zurückzubringen. Und so stand Prinz Solas wieder allein in seinem Gemach, wieder in seinem prinzlichen Gewande und hielt seinen Lebenskristall in den Händen. Die Frage ging ihm nicht aus dem Sinne wo er denn diese wahre Liebe finden sollte, um das Licht in seinem Kristall zu entfachen.
Er eilte zu einem der Schlosstürme, wo Magister Egna seine Stube hatte, ganz und gar voller Folianten in denen alles Wissen der Winter- und Sommerlande steckte. Dem Magister waren die Fragen des Prinzen unangenehm. So zierte er sich quälend lange Augenblicke, auch nur eine davon zu beantworten – bis des Prinzen Geduldsfaden endlich riss.
»So erzählt mir jetzt, warum Ihr mir nie die ganze Wahrheit beibrachtet!«, rief er von einem Zorn erfüllt, wie er ihn noch nie zuvor in seinem Leben gespürt hatte. Er nahm einen tiefen Atemzug. »Ihr wisst, ich schätze Eure Weisheit, Magister, aber ich werde nicht zögern, Euch für ein Jahr in den Minen Bergarbeit verrichten zu lassen!«
Diese Drohung verfing beim Magister und so erzählte er, dass die Winterkönigin glaubte, dass das Licht eines Lebenskristalls aufging, wenn sein Träger den Bund fürs Leben einging. So sei es dereinst bei ihr gewesen. Der Magister schloss damit, dass er der Königin auch nicht noch deren letzte Hoffnung nehmen wollte und deswegen auch dem Prinzen nie die ganze Wahrheit verraten hatte. Die Winterlande wären sonst ganz der Trübnis anheim gefallen, sprach der Magister, und es wäre des Volkes Ende gewesen.
»Aber sagt, Magister, ist es am Ende nicht doch vergebens gewesen? Wenn nur die wahre Liebe eines Lebenskristalles Licht entzünden kann, wo finde ich sie dann?«, fragte der Prinz mit schwerem Herzen. Nichts sehnlicher wünschte er, als dass er seiner Mutter, ja aller Menschen Hoffnung erfüllen konnte.
Magister Egna dachte einen Augenblick nach und sprach sodann: »Mein Prinz, seit Anbeginn der Zeiten hat noch immer ein Sohn der Winterlande eine Tochter der Sommerlande zu seiner Königin genommen. Und umgekehrt verhielt es sich ebenso. Doch wenn des neuen Sommerkönigs Tochter nicht die richtige ist, dann bliebe nur zu hoffen, dass des alten Königs Tochter noch irgendwo zugegen ist.«
Prinz Solas seufzte tief und schwer. Das war unmöglich, ein Jeder wusste doch, dass der neue Sommerkönig dereinst nach dem zu frühen Tode des alten dessen Kinder vom Hofe verbannt hatte. In aller Winde Richtungen hatte er sie verjagt. So verließ er des Magisters Stube wieder und es war ihm gar noch schwerer ums Herz als zuvor.
Indes stand die Königin des Winters in ihren Gemächern und blickte sorgenvoll auf das beinah kaum noch zu erblickende Licht in ihrem Kristalle. So sehr hatte sie gehofft, dass das Licht des Prinzen genauso schnell entfachte wie es dereinst ihres getan hatte – damals, als sie als junge Prinzessin zum allerersten Mal ihre Augen auf den Sommerprinzen gelegt hatte. Aber als dies am Vortage nicht geschehen war, wurde ihr noch banger ums Herz. Einzig das Wort des Magisters, dass es mit der Vermählung schon geschähe, ließ die Königin noch hoffen.
Der Zeitpunkt der Vermählung rückte näher und so zog die festliche Prozession schließlich los, zur Feier des angehenden neuen Königspaares. Prinz Solas und Prinzessin Sahra auf Sänften ihr voran getragen wand sie sich durch die Stadt. Die Menschen drängten sich um sie, blickten aus ihren Häusern auf Prinzessin und Prinz, gar hoffnungsvoll. Auch der Prinz blickte immer wieder zur Prinzessin hinüber. Doch keimte in ihm selbst noch immer keine Hoffnung auf, sah er in ihr nicht das, was seine Mutter wollte, das er sah. Es blieb die Flamme seinem Lebenskristalle weiter fern.
So ging sein Blick stattdessem wieder über sein Volk, die Menschen der Stadt. Mit einem Male jedoch blieben seine Augen an eines anderen hängen. Zwei Augenpaare, die einander wie Lichter in der Trübnis des Nebels gesucht hatten. Der Festzug jedoch zog ohne Unterlass weiter, dass dem Prinzen keine Gelegenheit blieb, genauer hinzuschauen, wer es war, der seinen Blick gefangengenommen hatte.
So kehrte die Hochzeitsgesellschaft schließlich ins Schloss zurück und fand sich im Thronsaale ein. Nach alter Sitte hätten der Prinzessin Vater, der Sommerkönig, und des Prinzen Mutter die Trauung vollziehen müssen. Doch nun standen vor dem zu trauenden Paare nur die beiden Mütter.
Prinz Solas war es unwohl bei alledem und hob entgegen des Brauchs zuerst zu sprechen an: »Eure Hoheit, unser aller Königin …« Die Winterkönigin sandte ihm ein Funkeln, das den Prinzen jedoch nicht beirrte. So erhob er seine Stimme: »Mutter!«
Ein Raunen ging durch die Menge im Saale.
Prinz Solas überlegte für einen Augenblick. Doch ihm war gewiss, dass Prinzessin Sahra nicht die Richtige war und so sprach er: »Ihr wisst, dass die Jahreszeiten nur im Gleichgewicht sein können, wenn sich die Herrscher über Sommer und Winter miteinander im Frieden befinden, sie einen ewigen Bund eingehen.«
Das Raunen wurde ein Murmeln. Was nur war in den Prinzen gefahren?
Der strafende Blick der Winterkönigin ruhte weiter auf Prinz Solas und sie hob zu sprechen an. Doch der Prinz ließ sie nicht zu Worte kommen und hob seinen Lebenskristall in die Höhe: »So seht! Mein Licht wurde noch nicht entfacht. Ein Jeder, der um den Zauber der Kristalle weiß, wird verstehen, dass die Prinzessin und ich nicht füreinander bestimmt sein können.«
Das Murmeln im Saale wurde zu einem heillosen Durcheinander von Stimmen. Das war noch nie dagewesen. Noch nie hatte ein Prinz oder eine Prinzessin des Winters ein ›Nein‹ während der Vermählung gesprochen.
Noch lauter wurde nun des Prinzen Stimme. Wie Donner durch den Saal hallten seine Worte: »So hört mir zu!«
Schweigen kehrte ein. Es war so still, dass selbst die Winterkönigin sich kaum zu atmen traute. So hatte sie ihren Sohn noch nie erlebt.
So sprach der Prinz: »Mir kam zu Ohren, dass die Kinder des wahren Sommerkönigs geflohen seien, dereinst, als der neue, falsche Sommerkönig den Thron der Sommerlande für sich beanspruchte. Schickt aus nach ihnen zu suchen!«
Noch während er diese Worte sprach, trat ein Jüngling aus der Menge hervor, den Blick ehrfürchtig zu Boden gerichtet. »Mein Prinz«, begann er.
Prinz Solas erkannte die Stimme, erkannte den Jüngling. Es war Léas, der Ziehsohn des Edelsteinschleifers. Sodann erhob dieser sein Haupt und blickte dem Prinzen in die Augen: »Ich bin ein Waise und mein Name ist Léas, wie Ihr wisst. Was Ihr aber nicht wisst, ist, wer mein Vater war.«
Des Prinzen Blick war gebannt. Es waren Léas’ Augen gewesen, an denen seine eigenen während des Festzuges durch die Stadt sich verfangen hatten. Er besann sich und fragte: »So sprich, wer war dein Vater?«
»Mein Vater war Samrad, König der Sommerlande«, erwiderte der Jüngling und das Schweigen im Saale zerbrach, wurde zu einem Tosen der Stimmen.
Die Winterkönigin rührte sich nun wieder und sprach: »Wenn Ihr wirklich ein Prinz seid, so zeigt her euren Kristall des Lebens.«
Wie ihm befohlen zog Léas den Kristall hervor, der in Größe und Schönheit in nichts dem des Winterprinzen nachstand. In ihm brannte eine warme Flamme.
»Es ist also wahr«, sagte die Königin. »So sagt, Prinz Léas, habt ihr denn eine Schwester?«
Doch noch bevor dieser antworten konnte, drehte sich Prinz Solas zu seiner Mutter um, in seinem Kristall ein zartes Flämmchen flackernd, und er sprach: »Mutter, ich glaube, wir haben schon den gefunden, der uns des Winters Licht wiederbringt.«
Das Tosen der Stimmen im Saale wurde gar zu einem Höllenlärm. Der Winterkönigin Wort jedoch brachte die Ordnung zurück: »Schweigt, Ihr alle! Wir werden uns hier am morgigen Tage wieder einfinden. Verlasst nun alle diesen Saal!«
Die ganze Nacht fand die Winterkönigin keine Ruhe. Konnte es wirklich sein, dass ein Prinz ihres eigenen Sohnes Licht entfachte? So blickte sie bis zum frühen Morgen des nächsten Tages aus ihrem Fenster, sah von hoch droben auf dem Schlosse über die Winterlande. Zog sich dort etwa das Grau des scheinbar ewigen Nebels ganz langsam zurück? Sollte der Bann nun endlich gebrochen sein? Die Winterkönigin wagte kaum, es zu hoffen.
Sie richtete ihren Blick in den Morgenhimmel, an dem jedoch schwere Wolken hingen, die das Licht der Sonne noch immer nicht ins Land ließen. Die Königin schloss die Augen und seufzte tief. Da spürte sie, wie ihr eine Träne die Wange herunter rann, so kalt wie der Winter selbst. Als sie jedoch die Augen wieder öffnete, fielen Schneeflocken ganz sachte zu Boden. Sie hatte gar keine Träne geweint. Denn es war der Winter, der zurückkehrte.
Die Winterkönigin blickte in ihren Lebenskristall und sah, wie die Flamme darin wieder entfacht war, ja gar wieder in ihrer vollen Kraft erstrahlte. Zum ersten Mal seit langem spürte die Königin keine Trauer mehr.
Von Karl Grieven. Tauberbischofsheim, Dezember 2025. Alle Rechte vorbehalten.