<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/">
  <channel>
    <title>Kybernetik &amp;mdash; michael | gisiger</title>
    <link>https://paper.wf/gisiger/tag:Kybernetik</link>
    <description>Zufällige Fundstücke &amp; Gedanken aus dem Netz über das Netz. Und mehr.</description>
    <pubDate>Sat, 02 May 2026 00:17:58 +0000</pubDate>
    <item>
      <title>TBT: Michel Serres: &#34;Auslagerung des Kopfes&#34;</title>
      <link>https://paper.wf/gisiger/tbt-michel-serres-auslagerung-des-kopfes</link>
      <description>&lt;![CDATA[French philosopher Michel Serres at the 19th International Festival of Geography held in Saint-Dié-des-Vosges in October 2008&#xA;&#xA;In keinem anderen Land in Europa - nicht einmal in Deutschland - wird derzeit derart heftig um die Freiheit im Internet gekämpft wie in Frankreich. In der Grande Nation sind die Verhältnisse anders, eben noch klar geordnet: Der Aufklärung und der Revolution zum Trotz existiert in diesem Land noch immer eine Elite, die, dank den nach wie vor umfangreichen Machtpositionen, wie ein Löwe um ihre bisherige mediale Deutungsgewalt kämpft. Unisono singt die Regierung Sarkozy gemeinsam mit den linken Intellektuellen das ewig gleiche Lied des dreckigen Internets, welches &#34;gesäubert&#34; werden müsse (Alain Finkielkraut).&#xA;&#xA;| Throwback Thursday |&#xA;| :--- |&#xA;| Dieser Beitrag erschien ursprünglich vor Jahren in einem meiner mittlerweile offline genommenen Blogs. In loser Folge grabe ich tief in meinen archivierten SQL-Datenbanken und stosse manchmal auf sowas wie Gold. Enjoy! #TBT #Kybernetik |&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Was da tobt, ist aber nicht nur das letzte Rückzugsgefecht einer pseudo-egalitären Elite, sondern viel mehr auch ein Kampf der Generationen. Die arrivierten, entweder im Staatsdienst oder in staatlich sanktionierten geschützten Werkstätten fett gewordenen Alt-68er (dabei spielt es keine Rolle, ob sie damals Bewegte oder Spiesser waren - alle machen sie nun gemeinsame Sache) auf der einen Seite stehen den Nachgeborenen gegenüber. Vordergründig geht es um Urheberrechte und Diskussionskultur. In Tat und Wahrheit geht es aber um Privilegien, Pfründe und Macht, an die man sich mit aller Kraft klammert und mit allen Mitteln verteidigt.&#xA;&#xA;Eine angenehm andere Stimme in dieser schmutzigen Kampagne stellt da der achtzigjährige Philosoph Michel Serres 1] dar. [Die FAZ zitierte ihn wie folgt:&#xA;&#xA;  &#34;&#39;Das Internet erleichtert uns das Leben&#39;, schwärmt der achtzigjährige Michel Serres. In jungen Jahren hatte der Philosoph den Durchbruch des neuen Mediums Radio erlebt. Auch Serres kommt leicht ins Schwimmen, wenn er die Zukunft der vernetzten Gesellschaft beschreiben soll. &#39;Ich bin nicht sicher, dass das Buch tot ist, aber jene, die es beweinen, erinnern mich an die Sorbonne-Professoren, die Lateinisch sprachen und den Buchdruck bekämpften, weil sie um ihre Macht fürchteten.&#39; Vor Gutenberg waren die Studenten gezwungen, die Werke auswendig zu lernen. &#39;Der Buchdruck hat unser Gedächtnis zerstört, auf der Festplatte hat es wieder einen Ort gefunden.&#39; Serres nennt es die &#39;Auslagerung des Kopfes&#39;. Heute hat jeder einen Drucker zu Hause. Das Internet, ahnt Michel Serres, wird die Gesellschaft radikaler verändern, als es der Buchdruck vermochte. Er vergleicht seinen Durchbruch mit der Erfindung der Schrift, als unsere Geschichte begann.&#34;&#xA;&#xA;Der klare Blick auf die Realität kommt nicht von ungefähr. Serres, Professor für Philosophie sowohl an der Sorbonne wie auch in Stanford, entwickelte auf der Basis des Informationsmodells von Shannon und Weaver (Shannon/Weaver 1998) und beeinflusst durch kybernetische Ansätze (s. Hörl/Hagner 2008) eine eigene Kommunikationstheorie: In seiner Theorie rückt Serres den Boten in den Mittelpunkt. Dieser Bote wird teilweise als Parasit und teilweise als Joker für den Akt der Kommunikation beschrieben (Serres 1980). Aufgegriffen hat diesen Ansatz u.a. die soziologische Systemtheorie (s. Luhmann 2001 und 2004).&#xA;&#xA;Philosoph der Kommunikation und des Internets&#xA;&#xA;Für Serres verlangt das &#34;Verbrechen der Wissensmonopolisierung&#34; heute in der Informationsgesellschaft nach Wiedergutmachung. Diese kommt jedoch nicht wie bis anhin in der tradierten hierarchischen Gesellschaft üblich von oben nach unten, sondern von aussen nach innen, von den Rändern, der Peripherie her. Im Endeffekt also von all jenen, die erst dank den neuen Technologien Zugang zum Wissen bekommen haben.&#xA;&#xA;Serres ist der Überzeugung, dass die freie Zirkulation des Wissens sich nicht (mehr) durch Urheberrechte zügeln lässt. Das Potenzial der Technik wird immer voll ausgeschöpft werden. Was möglich ist, wird früher oder später realisiert - und sei es durch Piraterie. Globale Netzwerke werden die bestehenden Unterschiede in der Wissensverteilung aufheben; und mit ihnen auch die politischen Ungleichheiten. Diese Meinung vertrat Serres bereits 2001 in einem Interview mit Telepolis.&#xA;&#xA;Wer des Französischen mächtig ist, findet im Netz die Videoaufzeichnung einer Rede Serres&#39;, welche er 2007 anlässlich einer Konferenz zum Thema &#34;Les nouvelles technologies : révolution culturelle et cognitive&#34; gehalten hat. Seine Kernbotschaft lautet: &#34;Les nouvelles technologies nous ont condamnés à devenir intelligents!&#34;&#xA;&#xA;Literatur&#xA;Hörl Erich &amp; Michael Hagner (Hrsg.) (2008): Die Transformation des Humanen: Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik, Berlin: Suhrkamp.&#xA;Luhman, Niklas (2001): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Berlin: Suhrkamp. &#xA;Luhman, Niklas (2004); Die Realität der Massenmedien, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.&#xA;Serres, Michel (1980): Le parasite, Paris: Grasset; (Dt.: 1981 Der Parasit, Frankfurt a. M.: Suhrkamp).&#xA;Shannon, Claude Elwood &amp; Warren Weaver (1998): The Mathematical Theory of Communication, Urbana: University of Illinois.&#xA;&#xA;(Erstveröffentlichung: 2010-05-19 12:45:23)&#xA;&#xA;---&#xA;Fussnote&#xA;[1] Nachtrag 2023: Michel Serres, geboren 1930, verstarb im Juni 2019.&#xA;&#xA;Bildquelle&#xA;Ji-Elle, Public domain, via Wikimedia Commons&#xA;&#xA;Topic&#xA;ThrowbackThursday]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/17/Michel_Serres-2008a.jpg/982px-Michel_Serres-2008a.jpg" alt="French philosopher Michel Serres at the 19th International Festival of Geography held in Saint-Dié-des-Vosges in October 2008"></p>

<p>In keinem anderen Land in Europa – nicht einmal in Deutschland – wird derzeit derart heftig um die Freiheit im Internet gekämpft wie in Frankreich. In der Grande Nation sind die Verhältnisse anders, eben noch klar geordnet: Der Aufklärung und der Revolution zum Trotz existiert in diesem Land noch immer eine Elite, die, dank den nach wie vor umfangreichen Machtpositionen, wie ein Löwe um ihre bisherige mediale Deutungsgewalt kämpft. Unisono singt die Regierung Sarkozy gemeinsam mit den linken Intellektuellen das ewig gleiche Lied des <a href="https://www.agoravox.fr/actualites/medias/article/le-net-la-poubelle-et-le-55526" rel="nofollow">dreckigen Internets</a>, welches “gesäubert” werden müsse (Alain Finkielkraut).</p>

<table>
<thead>
<tr>
<th align="left">Throwback Thursday</th>
</tr>
</thead>

<tbody>
<tr>
<td align="left">Dieser Beitrag erschien ursprünglich vor Jahren in einem meiner mittlerweile offline genommenen Blogs. In loser Folge grabe ich tief in meinen archivierten SQL-Datenbanken und stosse manchmal auf sowas wie Gold. Enjoy! <a href="/gisiger/tag:TBT" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">TBT</span></a> <a href="/gisiger/tag:Kybernetik" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">Kybernetik</span></a></td>
</tr>
</tbody>
</table>



<p>Was da tobt, ist aber nicht nur das letzte Rückzugsgefecht einer pseudo-egalitären Elite, sondern viel mehr auch ein Kampf der Generationen. Die arrivierten, entweder im Staatsdienst oder in staatlich sanktionierten geschützten Werkstätten fett gewordenen Alt-68er (dabei spielt es keine Rolle, ob sie damals Bewegte oder Spiesser waren – alle machen sie nun gemeinsame Sache) auf der einen Seite stehen den Nachgeborenen gegenüber. Vordergründig geht es um Urheberrechte und Diskussionskultur. In Tat und Wahrheit geht es aber um Privilegien, Pfründe und Macht, an die man sich mit aller Kraft klammert und mit allen Mitteln verteidigt.</p>

<p>Eine angenehm andere Stimme in dieser schmutzigen Kampagne stellt da der achtzigjährige Philosoph Michel Serres [1] dar. <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/internet-in-frankreich-angriff-der-digitalen-armee-1907805.html" rel="nofollow">Die FAZ zitierte ihn wie folgt</a>:</p>

<blockquote><p><em>”&#39;Das Internet erleichtert uns das Leben&#39;, schwärmt der achtzigjährige Michel Serres. In jungen Jahren hatte der Philosoph den Durchbruch des neuen Mediums Radio erlebt. Auch Serres kommt leicht ins Schwimmen, wenn er die Zukunft der vernetzten Gesellschaft beschreiben soll. &#39;Ich bin nicht sicher, dass das Buch tot ist, aber jene, die es beweinen, erinnern mich an die Sorbonne-Professoren, die Lateinisch sprachen und den Buchdruck bekämpften, weil sie um ihre Macht fürchteten.&#39; Vor Gutenberg waren die Studenten gezwungen, die Werke auswendig zu lernen. &#39;Der Buchdruck hat unser Gedächtnis zerstört, auf der Festplatte hat es wieder einen Ort gefunden.&#39; Serres nennt es die &#39;Auslagerung des Kopfes&#39;. Heute hat jeder einen Drucker zu Hause. Das Internet, ahnt Michel Serres, wird die Gesellschaft radikaler verändern, als es der Buchdruck vermochte. Er vergleicht seinen Durchbruch mit der Erfindung der Schrift, als unsere Geschichte begann.”</em></p></blockquote>

<p>Der klare Blick auf die Realität kommt nicht von ungefähr. Serres, Professor für Philosophie sowohl an der Sorbonne wie auch in Stanford, entwickelte auf der Basis des Informationsmodells von Shannon und Weaver (Shannon/Weaver 1998) und beeinflusst durch kybernetische Ansätze (s. Hörl/Hagner 2008) eine eigene Kommunikationstheorie: In seiner Theorie rückt Serres den Boten in den Mittelpunkt. Dieser Bote wird teilweise als Parasit und teilweise als Joker für den Akt der Kommunikation beschrieben (Serres 1980). Aufgegriffen hat diesen Ansatz u.a. die soziologische Systemtheorie (s. Luhmann 2001 und 2004).</p>

<h2 id="philosoph-der-kommunikation-und-des-internets" id="philosoph-der-kommunikation-und-des-internets">Philosoph der Kommunikation und des Internets</h2>

<p>Für Serres verlangt das “Verbrechen der Wissensmonopolisierung” heute in der Informationsgesellschaft nach Wiedergutmachung. Diese kommt jedoch nicht wie bis anhin in der tradierten hierarchischen Gesellschaft üblich von oben nach unten, sondern von aussen nach innen, von den Rändern, der Peripherie her. Im Endeffekt also von all jenen, die erst dank den neuen Technologien Zugang zum Wissen bekommen haben.</p>

<p>Serres ist der Überzeugung, dass die freie Zirkulation des Wissens sich nicht (mehr) durch Urheberrechte zügeln lässt. Das Potenzial der Technik wird immer voll ausgeschöpft werden. Was möglich ist, wird früher oder später realisiert – und sei es durch Piraterie. Globale Netzwerke werden die bestehenden Unterschiede in der Wissensverteilung aufheben; und mit ihnen auch die politischen Ungleichheiten. Diese Meinung vertrat Serres bereits <a href="https://www.heise.de/tp/features/Der-Pirat-des-Wissens-ist-ein-guter-Pirat-3563674.html" rel="nofollow">2001 in einem Interview mit Telepolis</a>.</p>

<p>Wer des Französischen mächtig ist, findet im Netz <a href="https://interstices.info/les-nouvelles-technologies-revolution-culturelle-et-cognitive/" rel="nofollow">die Videoaufzeichnung einer Rede Serres&#39;</a>, welche er 2007 anlässlich einer Konferenz zum Thema “Les nouvelles technologies : révolution culturelle et cognitive” gehalten hat. Seine Kernbotschaft lautet: <em>“Les nouvelles technologies nous ont condamnés à devenir intelligents!”</em></p>

<h3 id="literatur" id="literatur">Literatur</h3>
<ul><li>Hörl Erich &amp; Michael Hagner (Hrsg.) (2008): Die Transformation des Humanen: Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik, Berlin: Suhrkamp.</li>
<li>Luhman, Niklas (2001): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Berlin: Suhrkamp.</li>
<li>Luhman, Niklas (2004); Die Realität der Massenmedien, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.</li>
<li>Serres, Michel (1980): Le parasite, Paris: Grasset; (Dt.: 1981 Der Parasit, Frankfurt a. M.: Suhrkamp).</li>
<li>Shannon, Claude Elwood &amp; Warren Weaver (1998): The Mathematical Theory of Communication, Urbana: University of Illinois.</li></ul>

<p><em>(Erstveröffentlichung: 2010-05-19 12:45:23)</em></p>

<hr>

<p><strong>Fussnote</strong>
[1] Nachtrag 2023: Michel Serres, geboren 1930, verstarb im Juni 2019.</p>

<p><strong>Bildquelle</strong>
1. Ji-Elle, Public domain, via Wikimedia Commons</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="/gisiger/tag:ThrowbackThursday" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">ThrowbackThursday</span></a></p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/gisiger/tbt-michel-serres-auslagerung-des-kopfes</guid>
      <pubDate>Thu, 05 Jan 2023 15:07:12 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>New Work, kalifornische Hippies und das Militär</title>
      <link>https://paper.wf/gisiger/new-work-kalifornische-hippies-und-das-militar</link>
      <description>&lt;![CDATA[ARPANET access points in the 1970s&#xA;Seit ich Mitte der 1980er-Jahre meinen ersten Heimcomputer (einen #Commodore C128D) bekam und kurz darauf mittels Akkustikkoppler erstmals digitale Netzwerke ergkundete, faszinierte mich das Thema auch theoretisch. In der Folge sammelte und sammelt sich bei mir viel Literatur zu dem Thema an, angefangen bei Clifford Stolls &#34;Kuckucksei&#34; von 1989 über die ganzen Klassiker seit der #Kybernetik bis heute. Aktuell lese ich gerade &#34; Auf dem Weg zur Cyberpolis - Neue Formen von Gemeinschaft, Selbst und Bildung&#34; von  Martin Donner &amp; Heidrun Allert (als Open Access hier verfügbar). Darin bin ich auf einen interessanten Zusammenhang gestossen, der mir so noch nicht wirklich bewusst war: Die üblicherweise kolportierte Geschichte 1], dass die Counterculture der 1960er-Jahre in Kalifornien über die ganzen Computer-Pioniere im [Xerox PARC unter Robert W. &#39;Bob&#39; Taylor) (1932-2017) neue Arbeitsweisen etablierte, die schliesslich in den 1990ern die New Economy startete und heute als #NewWork bekannt ist, ist nur die halbe Wahrheit. Bob Taylor war zwar tatsächlich mitverantwortlich dafür, aber nicht erst im PARC, sondern bereits vorher bei der (D)ARPA.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Robert W. Taylor in 2008&#xA;Taylor (oben im Bild) wurde 1966 Direktor des Information Processing Techniques Office (IPTO) der Advanced Research Project Agency (ARPA) des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Das IPTO war federführend beim Aufbau des ARPANET. Als Direktor musste Taylor zwischen den unterschiedlichen Kulturen beim Militär und unter den Wissenschaftern (es waren praktisch ausschliesslich Männer damals) der ARPA und den beteiligten Firmen vermitteln. Viele der frühen Computerpioniere waren entweder geprägt von der Counterculture oder z.T. sogar in diversen Oranisationen engagiert, die sich aktiv gegen den Vietnamkrieg aussprachen. Gegenüber den Militärs und dem Verteidigungsministerium rechtfertigte Taylor die Forschungsarbeit immer mit ihrem konkreten Nutzen für das Militär.&#xA;&#xA;Ein neuer Führungsstil bei der ARPA&#xA;&#xA;Um die Wissenschafter bei der Stange zu halten, etablierte Taylor hingegen einen neuen Führungsstil, der&#xA;&#xA;  &#34;in rudimentärer Form bereits all jene Praktiken, die später auch den Charakter der digitalisierten Netzwerkgesellschaft ausmachen werden: kollaboratives Management mit informellerem Charakter, (Selbst-)Organisation, Eigenverantwortung sowie Rückversicherung und Kontrolle durch einen ebenso effizienten Feedback-Kanal.&#34; (S. 131/132)&#xA;&#xA;Nach seinem Wechsel 1971 ans PARC von Xerox in Palo Alto, wo ebenfalls einige der herausragenden Pioniere des Internets und des PC beschäftigt waren, brachte Taylor seinen neuen Stil mit. Wichtiger für die Etablierung dieser neuen Führung war aber der Erfolg des ARPANET. Donner &amp; Allert schreiben (S. 129):&#xA;&#xA;  &#34;Dieser Stil, der aus der Komplexität der Hochtechnologie-Forschung emergiert und das Silicon Valley bis heute prägt, sickert in Folge über externe Projektberichte und die vielen am ARPANET und Internet beteiligten Vertragsnehmer, die ihrerseits einen boomenden Wirtschaftszweig begründen, in die Wirtschaft ein. Mit einigen Jahren Verzug wird dies auch in der Management-Literatur reflektiert, und zwar just in dem Augenblick, in dem das Internet beginnt, gesellschaftlich relevant zu werden und neue Märkte zu versprechen. Die Verbreitung von Netzwerktechnologien in der Arbeits- und Alltagspraxis bringt in Verbindung mit der neuen Management-Literatur die Netzwerkgesellschaft hervor.&#34;&#xA;&#xA;Der Rest ist Geschichte und bekannt, aus der New Economy wird New Work. Letztere wird im Zuge der Corona-Pandemie sehr populär und heute wundern wir uns alle über Elon #Musk und seine &#34;extremly hardcore&#34; work.&#xA;&#xA;Dual-Use-Internet und Dual-Use-Leadership?&#xA;&#xA;Nicht nur das Internet ist eine Dual-Use-Technologie, sondern im Grunde auch alle neuen Führungsstile und Management-Methoden, die mit ihm zusammen Eingang in unser Leben gefunden haben, sind in diesem Sinne ebenfalls dual-use:&#xA;&#xA;  &#34;Das Internet ist weder ein zivilgesellschaftlich-demokratisches Netzwerk noch ein militärisch-geheimdienstliches, sondern beides.&#34; (S. 141)&#xA;&#xA;Sowie:&#xA;&#xA;  &#34;Die ökonomische Gestalt der Netzwerkgesellschaft speist sich demnach nicht aus Ideen der Counterculture, sondern vermittels der Entwicklungskontexte des Internets aus ursprünglich militärischen Überlegungen, was mithin die vielen militärischen Metaphern in der Netzwerkökonomie erklärt. Dies lässt sich sowohl an der Entwicklungsgeschicht e des Internets als auch an der Transformation der ökonomischen Theoriebildung zu Zeiten des Kalten Krieges belegen.&#34; (S. 120)&#xA;&#xA;Ich meine, wie sonst wurde sowas überhaupt möglich: &#34;Mit agilen Methoden und digitaler Technologie bestehende Prozesse in der Gefechtsunterstützung beschleunigen&#34;?&#xA;&#xA;---&#xA;Fussnoten&#xA;1] z.B. hier bei Fred Turner (2005): Where the Counterculture Met the New Economy: The WELL and the Origins of Virtual Community, [DOI:10.1353/tech.2005.0154, verfügbar hier.&#xA;&#xA;Bildquellen&#xA;ARPANET access points in the 1970s: Semaforo GMS, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons&#xA;Robert W. Taylor in 2008: Gardner Campbell, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons&#xA;&#xA;Topic&#xA;Kommerz]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/b/bc/Arpanet_in_the_1970s.png/800px-Arpanet_in_the_1970s.png" alt="ARPANET access points in the 1970s">
Seit ich Mitte der 1980er-Jahre meinen ersten Heimcomputer (einen <a href="/gisiger/tag:Commodore" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">Commodore</span></a> C128D) bekam und kurz darauf mittels Akkustikkoppler erstmals digitale Netzwerke ergkundete, faszinierte mich das Thema auch theoretisch. In der Folge sammelte und sammelt sich bei mir viel Literatur zu dem Thema an, angefangen bei Clifford Stolls “Kuckucksei” von 1989 über die ganzen Klassiker seit der <a href="/gisiger/tag:Kybernetik" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">Kybernetik</span></a> bis heute. Aktuell lese ich gerade “ Auf dem Weg zur Cyberpolis – Neue Formen von Gemeinschaft, Selbst und Bildung” von  Martin Donner &amp; Heidrun Allert (als Open Access <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5878-1/auf-dem-weg-zur-cyberpolis/" rel="nofollow">hier verfügbar</a>). Darin bin ich auf einen interessanten Zusammenhang gestossen, der mir so noch nicht wirklich bewusst war: Die üblicherweise kolportierte Geschichte [1], dass die Counterculture der 1960er-Jahre in Kalifornien über die ganzen Computer-Pioniere im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Xerox_PARC" rel="nofollow">Xerox PARC</a> unter <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Robert_Taylor_(computer_scientist)" rel="nofollow">Robert W. &#39;Bob&#39; Taylor</a> (1932-2017) neue Arbeitsweisen etablierte, die schliesslich in den 1990ern die New Economy startete und heute als <a href="/gisiger/tag:NewWork" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">NewWork</span></a> bekannt ist, ist nur die halbe Wahrheit. Bob Taylor war zwar tatsächlich mitverantwortlich dafür, aber nicht erst im PARC, sondern bereits vorher bei der (D)ARPA.</p>



<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/b/bc/Bob_Taylor_in_2008.jpg/800px-Bob_Taylor_in_2008.jpg" alt="Robert W. Taylor in 2008">
Taylor (oben im Bild) wurde 1966 Direktor des Information Processing Techniques Office (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Information_Processing_Techniques_Office" rel="nofollow">IPTO</a>) der Advanced Research Project Agency (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/DARPA" rel="nofollow">ARPA</a>) des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Das IPTO war federführend beim Aufbau des <a href="https://ethw.org/ARPANET" rel="nofollow">ARPANET</a>. Als Direktor musste Taylor zwischen den unterschiedlichen Kulturen beim Militär und unter den Wissenschaftern (es waren praktisch ausschliesslich Männer damals) der ARPA und den beteiligten Firmen vermitteln. Viele der frühen Computerpioniere waren entweder geprägt von der Counterculture oder z.T. sogar in diversen Oranisationen engagiert, die sich aktiv gegen den Vietnamkrieg aussprachen. Gegenüber den Militärs und dem Verteidigungsministerium rechtfertigte Taylor die Forschungsarbeit immer mit ihrem konkreten Nutzen für das Militär.</p>

<h2 id="ein-neuer-führungsstil-bei-der-arpa" id="ein-neuer-führungsstil-bei-der-arpa">Ein neuer Führungsstil bei der ARPA</h2>

<p>Um die Wissenschafter bei der Stange zu halten, etablierte Taylor hingegen einen neuen Führungsstil, der</p>

<blockquote><p><em>“in rudimentärer Form bereits all jene Praktiken, die später auch den Charakter der digitalisierten Netzwerkgesellschaft ausmachen werden: kollaboratives Management mit informellerem Charakter, (Selbst-)Organisation, Eigenverantwortung sowie Rückversicherung und Kontrolle durch einen ebenso effizienten Feedback-Kanal.”</em> (S. 131/132)</p></blockquote>

<p>Nach seinem Wechsel 1971 ans PARC von Xerox in Palo Alto, wo ebenfalls einige der herausragenden Pioniere des Internets und des PC beschäftigt waren, brachte Taylor seinen neuen Stil mit. Wichtiger für die Etablierung dieser neuen Führung war aber der Erfolg des ARPANET. Donner &amp; Allert schreiben (S. 129):</p>

<blockquote><p><em>“Dieser Stil, der aus der Komplexität der Hochtechnologie-Forschung emergiert und das Silicon Valley bis heute prägt, sickert in Folge über externe Projektberichte und die vielen am ARPANET und Internet beteiligten Vertragsnehmer, die ihrerseits einen boomenden Wirtschaftszweig begründen, in die Wirtschaft ein. Mit einigen Jahren Verzug wird dies auch in der Management-Literatur reflektiert, und zwar just in dem Augenblick, in dem das Internet beginnt, gesellschaftlich relevant zu werden und neue Märkte zu versprechen. Die Verbreitung von Netzwerktechnologien in der Arbeits- und Alltagspraxis bringt in Verbindung mit der neuen Management-Literatur die Netzwerkgesellschaft hervor.”</em></p></blockquote>

<p>Der Rest ist Geschichte und bekannt, aus der New Economy wird New Work. Letztere wird im Zuge der Corona-Pandemie sehr populär und heute wundern wir uns alle über Elon <a href="/gisiger/tag:Musk" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">Musk</span></a> und <a href="https://www.politico.eu/article/must-tells-twitter-staff-to-work-harder-or-leave/" rel="nofollow">seine “extremly hardcore” work</a>.</p>

<h2 id="dual-use-internet-und-dual-use-leadership" id="dual-use-internet-und-dual-use-leadership">Dual-Use-Internet und Dual-Use-Leadership?</h2>

<p>Nicht nur das Internet ist eine Dual-Use-Technologie, sondern im Grunde auch alle neuen Führungsstile und Management-Methoden, die mit ihm zusammen Eingang in unser Leben gefunden haben, sind in diesem Sinne ebenfalls dual-use:</p>

<blockquote><p><em>“Das Internet ist weder ein zivilgesellschaftlich-demokratisches Netzwerk noch ein militärisch-geheimdienstliches, sondern beides.”</em> (S. 141)</p></blockquote>

<p>Sowie:</p>

<blockquote><p><em>“Die ökonomische Gestalt der Netzwerkgesellschaft speist sich demnach nicht aus Ideen der Counterculture, sondern vermittels der Entwicklungskontexte des Internets aus ursprünglich militärischen Überlegungen, was mithin die vielen militärischen Metaphern in der Netzwerkökonomie erklärt. Dies lässt sich sowohl an der Entwicklungsgeschicht e des Internets als auch an der Transformation der ökonomischen Theoriebildung zu Zeiten des Kalten Krieges belegen.”</em> (S. 120)</p></blockquote>

<p>Ich meine, wie sonst wurde sowas überhaupt möglich: <a href="https://soldat-und-technik.de/2022/11/fuehrung-kommunikation/33368/mit-agilen-methoden-und-digitaler-technologie-bestehende-prozesse-in-der-gefechtsunterstuetzung-beschleunigen/" rel="nofollow">“Mit agilen Methoden und digitaler Technologie bestehende Prozesse in der Gefechtsunterstützung beschleunigen”</a>?</p>

<hr>

<p><strong>Fussnoten</strong>
[1] z.B. hier bei Fred Turner (2005): Where the Counterculture Met the New Economy: The WELL and the Origins of Virtual Community, <a href="http://dx.doi.org/10.1353/tech.2005.0154" rel="nofollow">DOI:10.1353/tech.2005.0154</a>, verfügbar <a href="https://fredturner2022.sites.stanford.edu/sites/g/files/sbiybj27111/files/media/file/turner-tc-counterculture-new-economy.pdf" rel="nofollow">hier</a>.</p>

<p><strong>Bildquellen</strong>
1. ARPANET access points in the 1970s: Semaforo GMS, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0" rel="nofollow">CC BY-SA 4.0</a>, via Wikimedia Commons
2. Robert W. Taylor in 2008: Gardner Campbell, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0" rel="nofollow">CC BY-SA 2.0</a>, via Wikimedia Commons</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="/gisiger/tag:Kommerz" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">Kommerz</span></a></p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/gisiger/new-work-kalifornische-hippies-und-das-militar</guid>
      <pubDate>Tue, 29 Nov 2022 14:31:40 +0000</pubDate>
    </item>
  </channel>
</rss>