Eine Frage der Lebensqualität

Veröffentlicht am 08.04.2003 | Lesedauer: 5 Minuten Von Gisela Schütte Medizin hautnah in der Gynäkologie des AK Altona – Aktion des LBK und der WELT

Die Krankheit ist nicht lebensbedrohlich, betrifft die Intimsphäre und ist deshalb ein Tabuthema. Dabei leiden rund sechs bis acht Millionen Menschen in Deutschland darunter so stark, dass ihr Alltag und ihre Lebensqualität massiv beeinträchtigt sind. Es geht um Inkontinenz, ein Problem, das auch bei Medizin hautnah anfangs die WELT-Leser betreten zu Boden sehen ließ: Ja, man hat schon einmal davon gehört, aber niemand kennt jemanden, der darunter leidet. Und die Krankheit gilt allenfalls als Problem alter Menschen, sehr alter Menschen. Also – warum sich damit befassen? Professor Dr. Volker Ragosch, Chefarzt und Privatdozent Dr. Sven Hundertmark der Frauenklinik mit Perinatalzentrum im Allgemeinen Krankenhaus Altona, machte deutlich, dass es Menschen aller Altersgruppen trifft, allerdings weit häufiger, nämlich zu 75 Prozent, Frauen. Die Ursache: “Die weibliche Anatomie und der aufrechte Gang passen nicht zusammen.” So kommt es, dass bereits zehn Prozent der 35-jährigen Frauen unter Inkontinenz leiden. Das ist Anlass für die Mediziner, im Rahmen eines spezialisierten Zentrums für Urogynäkologie Rat und Hilfe zu schaffen. Trifft es die Männer, ist das eine Sache für den Urologen. Bei Medizin hautnah gab es als erstes Anatomie-Unterricht, damit die Teilnehmer nachvollziehen konnten, wie es sich verhält mit dem weiblichen Unterkörper, mit der Gebärmutter und der Blase, der Harnröhre und dem Beckenboden, der, wenn er kräftig und intakt ist, alles in der richtigen Ordnung zusammenhalten soll. Die Ursachen der Inkontinenz können höchst unterschiedlich sein. Oft erschlafft der Beckenboden als Folge von Schwangerschaften, die Gebärmutter drückt auf die Blase und die betroffenen Frauen leiden unter andauerndem Harndrang. Es können aber auch andere körperliche Leiden dahinter stehen, Zucker- oder Herzkrankheit zum Beispiel, aber auch die Erfahrung von Gewalt. In 20 bis 30 Prozent der Fälle leiden Frauen nach einer Vergewaltigung unter Inkontinenz. “So etwas lässt sich nicht mit einer Operation lösen”, erklärte Ragosch. Generell sei die Behandlung meistens eine langwierige Sache.

Dennoch – Möglichkeiten, das lästige Leiden zu therapieren, gibt es eine ganze Menge. Es ist ein interdisziplinäres Behandlungskonzept, mit dem das Zentrum aufwartet. Internisten sind beteiligt wegen der möglichen organischen Ursachen, Neurologen, weil die Blase über das Gehirn gesteuert wird, Urologen, weil es mit Ausscheidungen zu tun hat und Gynäkologen, weil es hier um Frauen geht. “Zu allererst müssen wir ein Tabu brechen”, sagte Ragosch, die Betroffenen motivieren, ihr Leiden anzusprechen und nicht sich schamhaft zu verstecken, sich ein kompetentes Zentrum zu suchen und nicht darauf zu warten, ob sich die Beschwerden am Ende nicht doch wieder legen. Was den Professor aufregt: “Die Werbung suggeriert uns, das Problem mit Windeln zu lösen. Das ist katastrophal und skandalös, denn das Leiden ist nicht nur ein hygienisches, sondern auch ein soziales Problem.” Aber bereits sehr viel jüngere Frauen seien in ihrem Alltag erheblich eingeschränkt, und das nicht nur wegen hygienischer Schwierigkeiten. Sie planen ihre Einkäufe nach dem Vorhandensein von Sanitärzonen unterwegs für den Notfall. Als Ragosch das erzählte, meldete sich eine Leserin zu Wort, elegant, um die fünfzig Jahre alt. “Stimmt”, sagte sie selbstsicher. “15, 18 Mal am Tag muss ich zur Toilette.” Der Bann war gebrochen. Plötzlich kannte nicht nur jeder irgendjemanden, plötzlich sah man Betroffene, die in eigener Sache oder der von Freunden und Verwandten Rat und Hilfe suchten, auch junge Frauen, nach der Geburt.

Viele Frauen hätten ein Problem mit dem Trinken – sie nähmen zu wenig Flüssigkeit zu sich, berichtete Ragosch. Die Folge: Die Blase ist nicht trainiert und verliert an Fassungsvermögen, ergo muss man immer häufiger zur Toilette. Und dann beginnen die Betroffenen vor jedem kleinen Weg auch noch präventiv aufs Klo zu gehen. Die meisten Defekte allerdings entstünden durch Geburten und durch eine falsche Belastung des Beckenbodens. Dann helfe im Ernstfall nur noch eine Operation. Aber vorher gebe es eine ganze Reihe von konservativen Behandlungsmöglichkeiten. Die Organe im weiblichen Unterleib sind mit komplizierten Bändern und Muskeln positioniert. Die Ärzte unterscheiden vor allem zwischen Stress-Inkontinenz, bei der es unter Belastung wie Husten oder Heben zum unkontrollierten Wasserlassen kommt, und Drang-Inkontinenz, bei der die Betroffenen ständig das Gefühl haben, auf die Toilette gehen zu müssen. Die Diagnostik sei aufwendig. Es müsse genau protokolliert werden, wie viel getrunken und wie oft Flüssigkeit entsorgt wird. So viel zur Buchhaltung.

Zur Diagnostik der anatomischen Gegebenheiten haben die Mediziner ein ganzes Arsenal an Messinstrumenten, die die Muskulatur des Beckenbodens, die Kontraktionsfähigkeit der Harnröhre und das Fassungsvermögen untersuchen. Vielfältig sind die Therapiemöglichkeiten. Naturheilverfahren, Physiotherapie, Beckenbodengymnastik und Blasentraining helfen das Leiden zu lindern. Es gibt bei Stress-Inkontinenz unterschiedliche konservative und operative Behandlungsmöglichkeiten. Das sind zum Beispiel Pessare, die intern dafür sorgen, dass die Gebärmutter nicht auf die Blase drückt, wenn die Beckenbodenmuskulatur erschlafft ist. Hilfe können auch Medikamente, etwa eine lokale Östrogenbehandlung mit Salben bieten, wobei die Hormone das Gewebe straffen.

Anzeige Im Ernstfall, wenn bei einer massiven Gebärmuttersenkung die Blase eingeengt und die Harnröhre geknickt wird, sind oft kompliziertere chirurgische Maßnahmen erforderlich. Ist eine reine Inkontinenz ohne Senkung das Problem, so ziehen die Chirurgen in einer mikroinvasiven Operation ein stabilisierendes Bändchen, ein so genanntes TVT -Bändchen ein, das die ursprüngliche Ordnung im Unterleib wiederherstellt. “Ärzte und Patientinnen sollten darauf achten, dass das originale TVT-Produkt eingesetzt wird, das weltweit über 500 000 Mal verwendet wird und sehr sicher ist”, betonte Hundertmark.

Die Operation erfolgt in Lokal- oder Rückenmarksanästhesie. Die WELT-Leserinnen konnten das im OP beobachten. Und eine Patientin, die zwei Tage zuvor den Eingriff hatte machen lassen, bekannte, wie sehr sie die Inkontinenz beeinträchtige, wie sehr sie sich vor der Diagnostik geschämt und dem Eingriff gefürchtet hatte, und wie sehr sie jetzt das Ergebnis erleichterte. Ragosch und Hundertmark wollen über die Beschwerden und die Behandlungsmöglichkeiten informieren.

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