Dein Buch
Es war ein angenehm milder Frühlingstag und eigentlich hätte alles so leicht sein können. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, die ersten Bäume trugen Blüten, kurz: Die Welt schien gerade wie aus dem Bilderbuch. Und doch lief Tim den Weg zwischen Stadtrand und Wald entlang, als laste die gesamte Welt auf ihm. Die Ohrenstöpsel mit ihrer Geräuschunterdrückung ließen ihn das Vogelgezwitscher ganz vortrefflich ignorieren. Seine Musikauswahl trug ihr Übriges dazu bei, dass sich ganz und gar keine Frühlingsstimmung bei ihm einstellte.
Ganz im Gegenteil, Tim wollte am liebsten auch gar nicht, dass sich so etwas wie Frühlingsstimmung in ihm ausbreitete. Eigentlich hätte er sich mit den gesammelten Werken Poes unter seiner schwarzen Decke auf dem Sofa vergraben wollen. Die Sonne ging ihm auf die Nerven, ließ ihn schon jetzt die sengende Hitze des unweigerlich bevorstehenden Sommers spüren. Am liebsten hätte er noch ein paar Wochen Winter gehabt. Und das nicht nur, weil dann der Sommer noch ein wenig auf sich warten lassen hätte, nein. Er hätte auch seine Bachelorarbeit noch ein bisschen vor sich hin schieben können.
»Allmählich gehst du mir auf den Keks, Grufti hin und oder her«, hatte ihm Paul an den Kopf geworfen, als der nach Hause gekommen war.
»Was denn?«, hatte Tim gefragt, voller Unverständnis. Es war ja nicht so, dass Paul nicht auch jedes Jahr in der Sommerhitze irgendwann anfing, zu jammern, dass er gerne endlich wieder Herbst hätte.
»Meine Fresse, guck dich doch an! Hängst da bei bestem Frühlingswetter unter der dunkelsten Decke auf der Couch rum!«
»Und?«, hatte Tim entgegnet, weil er das Problem dabei nicht gesehen hatte.
»Ich hätte ja vorgeschlagen, dass wir beide mal wieder ein bisschen Zeit miteinander verbringen, das tolle Wetter draußen genießen. Die Eisdiele hat auch schon auf.«
»Hmm … Morgen vielleicht?«, hatte Tim vorsichtig entgegnet. »Heute bin ich irgendwie nicht in der Stimmung.«
»Scheiße, Tim, das hast du schon die letzten drei Tage gesagt!« Entnervt hatte Paul die Hände in die Luft geworfen und sich dann auf der Türschwelle wieder umgedreht. »Dann brüte halt weiter unter deiner Düsterdecke vor dich hin. Ich geh zu Kathi, die hört mir wenigstens zu!«
»Aber …« Tim hatte nur noch die Wohnungstür knallen hören, bevor er überhaupt begriffen hatte, was gerade passiert war.
Na ja, so wirklich begriffen hatte er das immer noch nicht, auch jetzt nicht, als er schon über eine halbe Stunde lang hier am Waldrand unterwegs war. Er blieb stehen und sah sich um. Da war der Bücherschrank. Er lachte kurz und tonlos, ein Schnaufen eher. Hier hatte er Paul zum ersten Mal getroffen, damals, vor fast drei Jahren.
Er seufzte.
Eigentlich waren die drei Jahre unerwartet gut gelaufen. Damals steckte Tim gerade bis über beide Ohren im Prüfungsstoff am Ende des ersten Semesters. An dem Nachmittag hatte er jedoch einfach mal raus gemusst, hatte die Enge seines winzigen Zimmers im Studentenwohnheim nicht mehr ertragen können. Es hatte geschneit gehabt und die Welt hatte so still und friedlich gewirkt. Damals hatte er gerade das Buch mit den gesammelten Werken Edgar Allan Poes aus dem Bücherschrank gezogen gehabt, als ihn eine Stimme erschreckt hatte.
»Wie passend«, hatte Paul gesagt und Tim von oben bis unten gemustert.
Tim hatte nur verlegen grinsen können. Ja, war schon so ein bisschen klischeehaft gewesen, wie er da gestanden hatte, in seinen langen schwarzen Mantel gehüllt, genau dieses Buch in den Händen haltend.
Er blinzelte. Jetzt und hier war Frühling und nicht Winter. Und er war allein hier am Bücherschrank und Paul war nicht da. Mit einem erneuten Seufzen öffnete er die Tür und warf einen Blick hinein. Wirklich Neues gab es wie so oft nicht zu entdecken, dazu stand dieser Bücherschrank zu abseits, hier zwischen dem Stadtrand und dem Wald. Aber Tim war entschlossen, jetzt irgendein Buch mitzunehmen, damit er nicht das Gefühl hatte, ganz umsonst hier her gekommen zu sein.
Ach, wem machte er denn was vor? Eigentlich war er von zu Hause geflüchtet, hatte es allein auf dem Sofa auch nicht mehr ausgehalten, nachdem Paul türknallend davongestürmt war. Dass er jetzt hier am Waldrand langgelaufen war zu ausgerechnet dem Bücherschrank, an dem er und Paul sich kennengelernt hatten, war reiner Zufall.
Tim war drauf und dran, die Tür wieder zuzumachen, weiter mit seiner düsteren Musik auf den Ohren ziellos umher zu streunen, als ihm schließlich doch noch ein Buch ins Auge sprang. Dein Buch, stand da auf dem Buchrücken. Als Autor war Du angegeben, alles in goldenen Lettern. Was zur Hölle? Hatte da jemand etwa sein Tagebuch in einen öffentlichen Bücherschrank gestellt? Wie seltsam.
Der Einband war allerdings sehr kunstvoll gestaltet. War das Kunstleder oder doch echtes? Tim zog das Buch heraus und überlegte kurz, ob er einen Blick hineinwerfen sollte. Er strich mit der Hand über den Deckel, der vom Baum des Lebens geziert wurde. Wer gab denn nur ein so wunderschön gearbeitetes Buch einfach so her?
Tim drehte und wendete es noch ein paar Mal in seinen Händen, aber am Ende siegte seine Neugier. Er schlug das Buch auf und begann, zu lesen: »Allmählich gehst du mir auf den Keks, Grufti hin oder her!« Paul war wieder in seinem Modus, in dem ihm absolut nichts, was ich sagte oder tat, Recht war. »Was denn?«, hab ich ihn gefragt. Ich meine, immerhin fing Paul ja auch jeden Sommer an, über die Hitze zu jammern. Da konnte er mir jetzt schon zugestehen, dass ich es nicht wirklich toll fand, wenn es so früh im Jahr schon so warm wurde.
Er schlug das Buch wieder zu und spürte, wie sein Herzschlag schneller ging. Dann warf Tim noch einmal einen Blick auf den Buchrücken: Dein Buch.
Er schluckte.
Das konnte doch nicht sein. Was er da gerade gelesen hatte, war vielleicht gerade mal eine Stunde her, war ganz genauso passiert, inklusive der Gedanken, die er gehabt hatte. Würde er ein Tagebuch führen, hätte Tim die Szene vielleicht genauso festgehalten. Was war das nur für ein Buch?
Er schlug es wieder auf, blätterte zurück, vielleicht so dreißig, vierzig Seiten. Dann las er weiter: Letzte Nacht hat’s geschneit und ich hab’s im StuWo nicht mehr ausgehalten. Musste mal raus, die kühle Winterluft genießen. Ich kann ja nicht nur lernen. Und wer weiß schon, wann wir mal wieder so richtig Winter bekommen. Das muss man ja auch mal genießen. Aber was noch viel wichtiger ist … Als ich am Bücherschrank war, draußen am Stadtrand, kurz vorm Wald, und einen Band mit Poes gesammelten Werken rausgezogen hab, da stand … er. Verdammt, ich bin mir vorgekommen wie so’n Pubertier, hab kein Wort rausgebracht. Wenn ich je Schmetterlinge im Bauch hatte, dann grade eben, da draußen im Schnee am Bücherschrank. Sein Grinsen, als er mich von oben bis unten angeguckt hat – ich hab den langen Mantel angehabt – und dann das Buch gesehen hat. Fuck. Ich konnte gar nicht so schnell schalten, wie er dann einfach weitergegangen ist. Hätte vielleicht nach seiner Nummer fragen sollen. Ich glaub’, ich geh morgen wieder zu dem Bücherschrank. Hoffentlich treff’ ich ihn noch mal. Und hoffentlich bekomm’ ich dann ein Wort raus.
Tim schüttelte den Kopf, schaute auf, sah die zartgrünen Knospen an den Sträuchern und Bäumen im Wald vor sich nur verschwommen. Das konnte doch überhaupt nicht sein! Dieses Buch las sich, als sei es wirklich sein eigenes Tagebuch. Noch dazu sah die Handschrift darin beinahe wie seine eigene aus. Dabei hatte er nie in seinem Leben je ein Tagebuch geschrieben. Wozu auch? Und vor allem, wo hätte er die Zeit für sowas finden sollen? Noch dazu in der Prüfungsphase nach dem ersten Semester!
Und doch stand in diesem Buch beschrieben, was er damals gedacht, gefühlt hatte. Ihm war beinahe, als waren ihm beim Lesen wieder die Schmetterlinge von damals durch den Bauch geflogen. Damals, als er Paul zum ersten Mal getroffen hatte.
Was sollte er jetzt nur tun? Das Buch einfach so hier stehenlassen, damit jeder, der es fand, seine Gedanken, seine Gefühle nachlesen konnte? Auf gar keinen Fall. Aber sollte Tim es stattdessen mit nach Hause nehmen? Wo Paul es am Ende finden und darin lesen konnte? Wenn jemand Tim vor einem halben, vielleicht einem Dreivierteljahr gefragt hätte, ob ihn das störte, hätte Tim mit Nein geantwortet. Aber jetzt? Wenn er ehrlich zu sich sein sollte, dann würde ihn das jetzt durchaus stören, wenn Paul in Tims Tagebuch schmökerte.
Was es ja nicht sein konnte. Und doch …
Tim klappte das Buch zu, schloss den Bücherschrank und ging auf dem kürzesten Weg wieder nach Hause, nahm kaum seine Umwelt wahr, wäre am Zebrastreifen vor der Haustür beinahe mit einem Fahrradfahrer zusammengerasselt. Aber er fragte sich die ganze Zeit, wie das, was er im Buch gelesen hatte, dort hinein gekommen sein konnte. Es hatte den Anschein, dass er selbst es geschrieben haben musste. Aber das konnte absolut nicht sein.
Oder schlafwandelte Tim etwa? Nein. Das hätte Paul sicher mal erwähnt. Vor allem, ungeschickt, wie Tim nun einmal war, hätte er sich sicher irgendwelche blauen Flecken holen müssen, wenn er denn wirklich nachts umhergewandelt wäre.
Er schmiss die Wohnungstür hinter sich zu – es war noch abgeschlossen gewesen, also war Paul wohl immer noch bei Kathi – und schlüpfte aus seinen Docs. Wieder auf dem Sofa angekommen, wieder unter seiner Lieblingsdecke vergraben, warf Tim dann einen neuen Blick ins Buch. Es würde ihm ja doch keine Ruhe lassen, ehe er der Sache nicht auf den Grund gegangen war.
Es nervt so! Ich hab doch nicht Informatik studiert und gelernt, wie man Computer das tun lässt, was man gerne hätte. Wie man Programme entwirft und möglichst elegant und effizient formuliert, nur, damit ich mir jetzt das Gelernte von Computern selbst erledigen lasse. Und das in schlecht!
Das war am Anfang des vorletzten Semesters gewesen. Da hatten viele Profs angefangen, diesen KI-Quatsch in ihre Vorlesungen mit einzubauen. Einerseits war Tim zu dem Zeitpunkt ganz froh gewesen, dass das erst so spät in seinem Studium wirklich ein Ding geworden war. Andererseits sah es gerade schwer danach aus, dass er sich in der einen letzten Prüfung, die er noch brauchte, tatsächlich mit dem Mist auseinandersetzen musste. Und zwar ernsthaft auseinandersetzen musste. Und danach wohl auch noch in seiner Bachelorarbeit.
Er blätterte voran, las wieder ein paar Sätze: ‘Nen ollen Miesmuffel hat er mich genannt. Aber ich mein, was soll ich denn sagen? Die ganze IT-Welt dreht völlig frei wegen diesem KI-Mist. Dabei sind das alles nur Sprachmodelle! Die spucken nur Wörter aufgrund statistischer Wahrscheinlichkeiten aus! Das müssten doch unsere Profs am besten wissen! Paul könnte ruhig mal versuchen zu verstehen, wieso mir das Studium so witzlos vorkommt. Wollte er aber nicht. Stattdessen haben wir uns wegen irgendwelcher Kleinigkeiten gezofft. Mir ist zum Heulen.
Tim schluckte. War das der Punkt gewesen, ab dem alles schiefgegangen war? Wenn er so darüber nachdachte, hatten sie sich in letzter Zeit viel zu oft wegen irgendwelcher Nichtigkeiten angeblafft. Hätte er stattdessen damals einfach den Mund halten sollen, Paul nichts von seinen Sorgen erzählen sollen?
Tim starrte wieder auf den Lebensbaum auf dem Buchdeckel. Moment. Eine Sache hatte er noch nicht getan, fiel ihm da auf. Er hatte die ganze Zeit nur irgendwo im vorderen Drittel des Buches geblättert. Aber weiter hinten hatte er noch nicht hineingeschaut. Ein Schauer durchfuhr ihn. Stand da vielleicht drin, was noch geschehen würde? Er musste noch mal schlucken, spürte, wie sein Herzschlag wieder schneller ging – und schlug dann irgendwo kurz nach der Mitte des Buchs eine Seite auf.
Seine Augen wurden groß.
Gut hat er ausgesehen in seinem Frack und dem Zylinder auf dem Kopf. Und sein Freund … Nee, sein Mann ja jetzt, sah auch echt schick aus. Hat mir ein bisschen einen Stich gegeben, als ich die beiden so gesehen hab. Und ehrlich gesagt, so sehr ich mich auch für Paul gefreut hab, ich konnte die ganze Zeit nicht anders, als mich selbst dort vorne neben ihm zu sehen, wie ich anstelle von Robert dem Standesbeamten mein Ja, ich will! geantwortet hab. Bin dann auch ziemlich früh von der Feier verschwunden. Und jetzt lieg ich wieder hier aufm Sofa und vergrab mich unter meiner Decke.
Fuck.
Paul würde sich von ihm trennen? Würde statt ihm irgendwann einen Anderen heiraten?
Wenn Tim nicht eh schon auf dem Sofa rumgelümmelt hätte, hätte er sich spätestens jetzt ganz dringend irgendwo hinsetzen müssen. Für einen kurzen Augenblick schien die Welt sich um ihn herum zu drehen. Hastig blätterte er ein paar Seiten zurück, versuchte, die Stelle wiederzufinden, die er vorhin am Bücherschrank aufgeschlagen hatte. Die Stelle, die das Hier und Jetzt beschrieb. Er musste jetzt unbedingt herausfinden, was heute Abend, vielleicht morgen früh noch geschehen würde. Und dann würde er am besten alles ganz anders machen.
In dem Moment hörte er den Schlüssel in der Wohnungstür. Paul war wieder da.
Schnell klappte er das Buch zu, sprang auf und schob es unter den Bücherstapel auf dem Couchtisch. Er versuchte, es aussehen zu lassen, als hätte es da schon länger gelegen. Hoffentlich würde Paul es ignorieren.
»Tim?«, hörte er seinen Freund vorsichtig rufen.
»Bin hier im Wohnzimmer!«
Dann stand Paul in der Tür und schaute ihn an. Tim fiel auf, dass es jetzt aussehen musste, als hätte er sich die letzten drei, vier Stunden nicht von hier fort bewegt, hätte die ganze Zeit unter seiner Decke vor sich hin geschmollt.
Er sprang auf und lief zur Wohnzimmertür, zu Paul.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte der.
Tim schaute ihn an, wusste nicht, was er antworten sollte. Wenn er nur schon im Buch gelesen hätte, was er jetzt besser nicht sagte.
»Ich mein«, fuhr Paul fort, »weil du dich ja scheinbar keinen Zentimeter gerührt hast als ich weg war.«
»Oh«, machte Tim. »Nee, nee, war vorhin ein bisschen spazieren. Am Waldrand lang, bis zum Bücherschrank. Du weißt schon.«
Er sah Pauls Mundwinkel ganz leicht zucken. »Ja.«
»Und … Na ja, als ich da so stand, musste ich dran denken … Mir fiel dein Lächeln von damals wieder ein, du weißt schon, als ich da so im Schnee stand …«
»… in deinem langen, schwarzen Mantel mit Poes gesammelten Werken in der Hand«, beendete Paul Tims Satz. Er grinste. Wie damals.
Tim schaute für einen Augenblick verlegen zu Boden. Dann holte er tief Luft und blickte Paul fest in die Augen: »Ich weiß nicht, was in den letzten Tagen … Wochen mit mir los war. Aber meinst du, wir können vielleicht noch mal dahin zurück?«
Paul legte den Kopf ein wenig schief, grinste noch immer. »Na ja, Schnee liegt draußen ja nicht mehr, aber …« Sein Grinsen verschwand. »Weißt du, ich hab mich eben ein bisschen bei Kathi ausgeheult. Na ja, vielleicht das falsche Wort.«
Tim schaute Paul einfach nur an, wusste nicht, was er gerade denken sollte.
»Vielleicht auch nicht«, fuhr Paul fort. »Auf jeden Fall hat Kathi mir ganz schön den Kopf gewaschen. Sie meinte, wenn wir beide wirklich eine Zukunft haben wollen, dann liegt das ja auch mit an mir.«
Scheiß doch auf dieses verdammte Buch. Mit zittriger Stimme fragte Tim: »Haben … haben wir denn eine?«
Paul nickte und sie fielen sich beide um den Hals. Tim zuckte kurz zusammen, als er hinter sich den Bücherstapel poltern hörte, der wohl vom Couchtisch gefallen sein musste.
Von Karl Grieven. Tauberbischofsheim, April 2026. Alle Rechte vorbehalten.