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    <title>TBT &amp;mdash; michael | gisiger</title>
    <link>https://paper.wf/gisiger/tag:TBT</link>
    <description>Zufällige Fundstücke &amp; Gedanken aus dem Netz über das Netz. Und mehr.</description>
    <pubDate>Sat, 02 May 2026 01:38:02 +0000</pubDate>
    <item>
      <title>TBT: Michel Serres: &#34;Auslagerung des Kopfes&#34;</title>
      <link>https://paper.wf/gisiger/tbt-michel-serres-auslagerung-des-kopfes</link>
      <description>&lt;![CDATA[French philosopher Michel Serres at the 19th International Festival of Geography held in Saint-Dié-des-Vosges in October 2008&#xA;&#xA;In keinem anderen Land in Europa - nicht einmal in Deutschland - wird derzeit derart heftig um die Freiheit im Internet gekämpft wie in Frankreich. In der Grande Nation sind die Verhältnisse anders, eben noch klar geordnet: Der Aufklärung und der Revolution zum Trotz existiert in diesem Land noch immer eine Elite, die, dank den nach wie vor umfangreichen Machtpositionen, wie ein Löwe um ihre bisherige mediale Deutungsgewalt kämpft. Unisono singt die Regierung Sarkozy gemeinsam mit den linken Intellektuellen das ewig gleiche Lied des dreckigen Internets, welches &#34;gesäubert&#34; werden müsse (Alain Finkielkraut).&#xA;&#xA;| Throwback Thursday |&#xA;| :--- |&#xA;| Dieser Beitrag erschien ursprünglich vor Jahren in einem meiner mittlerweile offline genommenen Blogs. In loser Folge grabe ich tief in meinen archivierten SQL-Datenbanken und stosse manchmal auf sowas wie Gold. Enjoy! #TBT #Kybernetik |&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Was da tobt, ist aber nicht nur das letzte Rückzugsgefecht einer pseudo-egalitären Elite, sondern viel mehr auch ein Kampf der Generationen. Die arrivierten, entweder im Staatsdienst oder in staatlich sanktionierten geschützten Werkstätten fett gewordenen Alt-68er (dabei spielt es keine Rolle, ob sie damals Bewegte oder Spiesser waren - alle machen sie nun gemeinsame Sache) auf der einen Seite stehen den Nachgeborenen gegenüber. Vordergründig geht es um Urheberrechte und Diskussionskultur. In Tat und Wahrheit geht es aber um Privilegien, Pfründe und Macht, an die man sich mit aller Kraft klammert und mit allen Mitteln verteidigt.&#xA;&#xA;Eine angenehm andere Stimme in dieser schmutzigen Kampagne stellt da der achtzigjährige Philosoph Michel Serres 1] dar. [Die FAZ zitierte ihn wie folgt:&#xA;&#xA;  &#34;&#39;Das Internet erleichtert uns das Leben&#39;, schwärmt der achtzigjährige Michel Serres. In jungen Jahren hatte der Philosoph den Durchbruch des neuen Mediums Radio erlebt. Auch Serres kommt leicht ins Schwimmen, wenn er die Zukunft der vernetzten Gesellschaft beschreiben soll. &#39;Ich bin nicht sicher, dass das Buch tot ist, aber jene, die es beweinen, erinnern mich an die Sorbonne-Professoren, die Lateinisch sprachen und den Buchdruck bekämpften, weil sie um ihre Macht fürchteten.&#39; Vor Gutenberg waren die Studenten gezwungen, die Werke auswendig zu lernen. &#39;Der Buchdruck hat unser Gedächtnis zerstört, auf der Festplatte hat es wieder einen Ort gefunden.&#39; Serres nennt es die &#39;Auslagerung des Kopfes&#39;. Heute hat jeder einen Drucker zu Hause. Das Internet, ahnt Michel Serres, wird die Gesellschaft radikaler verändern, als es der Buchdruck vermochte. Er vergleicht seinen Durchbruch mit der Erfindung der Schrift, als unsere Geschichte begann.&#34;&#xA;&#xA;Der klare Blick auf die Realität kommt nicht von ungefähr. Serres, Professor für Philosophie sowohl an der Sorbonne wie auch in Stanford, entwickelte auf der Basis des Informationsmodells von Shannon und Weaver (Shannon/Weaver 1998) und beeinflusst durch kybernetische Ansätze (s. Hörl/Hagner 2008) eine eigene Kommunikationstheorie: In seiner Theorie rückt Serres den Boten in den Mittelpunkt. Dieser Bote wird teilweise als Parasit und teilweise als Joker für den Akt der Kommunikation beschrieben (Serres 1980). Aufgegriffen hat diesen Ansatz u.a. die soziologische Systemtheorie (s. Luhmann 2001 und 2004).&#xA;&#xA;Philosoph der Kommunikation und des Internets&#xA;&#xA;Für Serres verlangt das &#34;Verbrechen der Wissensmonopolisierung&#34; heute in der Informationsgesellschaft nach Wiedergutmachung. Diese kommt jedoch nicht wie bis anhin in der tradierten hierarchischen Gesellschaft üblich von oben nach unten, sondern von aussen nach innen, von den Rändern, der Peripherie her. Im Endeffekt also von all jenen, die erst dank den neuen Technologien Zugang zum Wissen bekommen haben.&#xA;&#xA;Serres ist der Überzeugung, dass die freie Zirkulation des Wissens sich nicht (mehr) durch Urheberrechte zügeln lässt. Das Potenzial der Technik wird immer voll ausgeschöpft werden. Was möglich ist, wird früher oder später realisiert - und sei es durch Piraterie. Globale Netzwerke werden die bestehenden Unterschiede in der Wissensverteilung aufheben; und mit ihnen auch die politischen Ungleichheiten. Diese Meinung vertrat Serres bereits 2001 in einem Interview mit Telepolis.&#xA;&#xA;Wer des Französischen mächtig ist, findet im Netz die Videoaufzeichnung einer Rede Serres&#39;, welche er 2007 anlässlich einer Konferenz zum Thema &#34;Les nouvelles technologies : révolution culturelle et cognitive&#34; gehalten hat. Seine Kernbotschaft lautet: &#34;Les nouvelles technologies nous ont condamnés à devenir intelligents!&#34;&#xA;&#xA;Literatur&#xA;Hörl Erich &amp; Michael Hagner (Hrsg.) (2008): Die Transformation des Humanen: Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik, Berlin: Suhrkamp.&#xA;Luhman, Niklas (2001): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Berlin: Suhrkamp. &#xA;Luhman, Niklas (2004); Die Realität der Massenmedien, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.&#xA;Serres, Michel (1980): Le parasite, Paris: Grasset; (Dt.: 1981 Der Parasit, Frankfurt a. M.: Suhrkamp).&#xA;Shannon, Claude Elwood &amp; Warren Weaver (1998): The Mathematical Theory of Communication, Urbana: University of Illinois.&#xA;&#xA;(Erstveröffentlichung: 2010-05-19 12:45:23)&#xA;&#xA;---&#xA;Fussnote&#xA;[1] Nachtrag 2023: Michel Serres, geboren 1930, verstarb im Juni 2019.&#xA;&#xA;Bildquelle&#xA;Ji-Elle, Public domain, via Wikimedia Commons&#xA;&#xA;Topic&#xA;ThrowbackThursday]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/17/Michel_Serres-2008a.jpg/982px-Michel_Serres-2008a.jpg" alt="French philosopher Michel Serres at the 19th International Festival of Geography held in Saint-Dié-des-Vosges in October 2008"></p>

<p>In keinem anderen Land in Europa – nicht einmal in Deutschland – wird derzeit derart heftig um die Freiheit im Internet gekämpft wie in Frankreich. In der Grande Nation sind die Verhältnisse anders, eben noch klar geordnet: Der Aufklärung und der Revolution zum Trotz existiert in diesem Land noch immer eine Elite, die, dank den nach wie vor umfangreichen Machtpositionen, wie ein Löwe um ihre bisherige mediale Deutungsgewalt kämpft. Unisono singt die Regierung Sarkozy gemeinsam mit den linken Intellektuellen das ewig gleiche Lied des <a href="https://www.agoravox.fr/actualites/medias/article/le-net-la-poubelle-et-le-55526" rel="nofollow">dreckigen Internets</a>, welches “gesäubert” werden müsse (Alain Finkielkraut).</p>

<table>
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<tr>
<th align="left">Throwback Thursday</th>
</tr>
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<tbody>
<tr>
<td align="left">Dieser Beitrag erschien ursprünglich vor Jahren in einem meiner mittlerweile offline genommenen Blogs. In loser Folge grabe ich tief in meinen archivierten SQL-Datenbanken und stosse manchmal auf sowas wie Gold. Enjoy! <a href="/gisiger/tag:TBT" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">TBT</span></a> <a href="/gisiger/tag:Kybernetik" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">Kybernetik</span></a></td>
</tr>
</tbody>
</table>



<p>Was da tobt, ist aber nicht nur das letzte Rückzugsgefecht einer pseudo-egalitären Elite, sondern viel mehr auch ein Kampf der Generationen. Die arrivierten, entweder im Staatsdienst oder in staatlich sanktionierten geschützten Werkstätten fett gewordenen Alt-68er (dabei spielt es keine Rolle, ob sie damals Bewegte oder Spiesser waren – alle machen sie nun gemeinsame Sache) auf der einen Seite stehen den Nachgeborenen gegenüber. Vordergründig geht es um Urheberrechte und Diskussionskultur. In Tat und Wahrheit geht es aber um Privilegien, Pfründe und Macht, an die man sich mit aller Kraft klammert und mit allen Mitteln verteidigt.</p>

<p>Eine angenehm andere Stimme in dieser schmutzigen Kampagne stellt da der achtzigjährige Philosoph Michel Serres [1] dar. <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/internet-in-frankreich-angriff-der-digitalen-armee-1907805.html" rel="nofollow">Die FAZ zitierte ihn wie folgt</a>:</p>

<blockquote><p><em>”&#39;Das Internet erleichtert uns das Leben&#39;, schwärmt der achtzigjährige Michel Serres. In jungen Jahren hatte der Philosoph den Durchbruch des neuen Mediums Radio erlebt. Auch Serres kommt leicht ins Schwimmen, wenn er die Zukunft der vernetzten Gesellschaft beschreiben soll. &#39;Ich bin nicht sicher, dass das Buch tot ist, aber jene, die es beweinen, erinnern mich an die Sorbonne-Professoren, die Lateinisch sprachen und den Buchdruck bekämpften, weil sie um ihre Macht fürchteten.&#39; Vor Gutenberg waren die Studenten gezwungen, die Werke auswendig zu lernen. &#39;Der Buchdruck hat unser Gedächtnis zerstört, auf der Festplatte hat es wieder einen Ort gefunden.&#39; Serres nennt es die &#39;Auslagerung des Kopfes&#39;. Heute hat jeder einen Drucker zu Hause. Das Internet, ahnt Michel Serres, wird die Gesellschaft radikaler verändern, als es der Buchdruck vermochte. Er vergleicht seinen Durchbruch mit der Erfindung der Schrift, als unsere Geschichte begann.”</em></p></blockquote>

<p>Der klare Blick auf die Realität kommt nicht von ungefähr. Serres, Professor für Philosophie sowohl an der Sorbonne wie auch in Stanford, entwickelte auf der Basis des Informationsmodells von Shannon und Weaver (Shannon/Weaver 1998) und beeinflusst durch kybernetische Ansätze (s. Hörl/Hagner 2008) eine eigene Kommunikationstheorie: In seiner Theorie rückt Serres den Boten in den Mittelpunkt. Dieser Bote wird teilweise als Parasit und teilweise als Joker für den Akt der Kommunikation beschrieben (Serres 1980). Aufgegriffen hat diesen Ansatz u.a. die soziologische Systemtheorie (s. Luhmann 2001 und 2004).</p>

<h2 id="philosoph-der-kommunikation-und-des-internets" id="philosoph-der-kommunikation-und-des-internets">Philosoph der Kommunikation und des Internets</h2>

<p>Für Serres verlangt das “Verbrechen der Wissensmonopolisierung” heute in der Informationsgesellschaft nach Wiedergutmachung. Diese kommt jedoch nicht wie bis anhin in der tradierten hierarchischen Gesellschaft üblich von oben nach unten, sondern von aussen nach innen, von den Rändern, der Peripherie her. Im Endeffekt also von all jenen, die erst dank den neuen Technologien Zugang zum Wissen bekommen haben.</p>

<p>Serres ist der Überzeugung, dass die freie Zirkulation des Wissens sich nicht (mehr) durch Urheberrechte zügeln lässt. Das Potenzial der Technik wird immer voll ausgeschöpft werden. Was möglich ist, wird früher oder später realisiert – und sei es durch Piraterie. Globale Netzwerke werden die bestehenden Unterschiede in der Wissensverteilung aufheben; und mit ihnen auch die politischen Ungleichheiten. Diese Meinung vertrat Serres bereits <a href="https://www.heise.de/tp/features/Der-Pirat-des-Wissens-ist-ein-guter-Pirat-3563674.html" rel="nofollow">2001 in einem Interview mit Telepolis</a>.</p>

<p>Wer des Französischen mächtig ist, findet im Netz <a href="https://interstices.info/les-nouvelles-technologies-revolution-culturelle-et-cognitive/" rel="nofollow">die Videoaufzeichnung einer Rede Serres&#39;</a>, welche er 2007 anlässlich einer Konferenz zum Thema “Les nouvelles technologies : révolution culturelle et cognitive” gehalten hat. Seine Kernbotschaft lautet: <em>“Les nouvelles technologies nous ont condamnés à devenir intelligents!”</em></p>

<h3 id="literatur" id="literatur">Literatur</h3>
<ul><li>Hörl Erich &amp; Michael Hagner (Hrsg.) (2008): Die Transformation des Humanen: Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik, Berlin: Suhrkamp.</li>
<li>Luhman, Niklas (2001): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Berlin: Suhrkamp.</li>
<li>Luhman, Niklas (2004); Die Realität der Massenmedien, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.</li>
<li>Serres, Michel (1980): Le parasite, Paris: Grasset; (Dt.: 1981 Der Parasit, Frankfurt a. M.: Suhrkamp).</li>
<li>Shannon, Claude Elwood &amp; Warren Weaver (1998): The Mathematical Theory of Communication, Urbana: University of Illinois.</li></ul>

<p><em>(Erstveröffentlichung: 2010-05-19 12:45:23)</em></p>

<hr>

<p><strong>Fussnote</strong>
[1] Nachtrag 2023: Michel Serres, geboren 1930, verstarb im Juni 2019.</p>

<p><strong>Bildquelle</strong>
1. Ji-Elle, Public domain, via Wikimedia Commons</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="/gisiger/tag:ThrowbackThursday" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">ThrowbackThursday</span></a></p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/gisiger/tbt-michel-serres-auslagerung-des-kopfes</guid>
      <pubDate>Thu, 05 Jan 2023 15:07:12 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>TBT: Bürgerjournalismus - Versuch einer Begriffsbestimmung</title>
      <link>https://paper.wf/gisiger/tbt-burgerjournalismus-versuch-einer-begriffsbestimmung</link>
      <description>&lt;![CDATA[Citizen journalist&#xA;&#xA;Wer sich mit der Thematik &#34;Bürgerjournalismus&#34; befasst, stößt früher oder später auf eine beinahe schon babylonisch anmutende Begriffsverwirrung. Buzzwords wie zum Beispiel &#34;Citizen Journalism&#34; oder &#34;Pro-Am Journalism&#34; brechen über den geneigten Leser auf vornehmlich englischen Seiten herein. Hilfreich sind diese fast täglich neu geschaffenen Modewörter selten – sie werden kaum verstanden. Sind solche Worte einmal in die freie Wildbahn entlassen, wohnt ihnen eine Eigendynamik inne, die die Verwirrung nur noch weiter anwachsen lässt. Auf ihrer Reise durch die (elektronischen) Medien, von Sendern zu Empfängern, verändert sich zuweilen ihre Bedeutung. Ich will hier darum den Versuch einer kleinen Begriffsbestimmung unternehmen und so eine erste Orientierungshilfe für Interessierte leisten.&#xA;&#xA;| Throwback Thursday |&#xA;| :--- |&#xA;| Dieser Beitrag von mir erschien ursprünglich vor Jahren auf einem mittlerweile offline genommenen Portal. In loser Folge grabe ich tief in meinen archivierten SQL-Datenbanken und stosse manchmal auf sowas wie Gold. Enjoy! #TBT #Bürgerjournalismus |&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Citizen Journalism (Bürgerjournalismus)&#xA;&#xA;Dieser Sammelbegriff lässt sich am einfachsten beschreiben als journalistisches Handeln einer Person, die mit Journalismus nicht ihren Lebensunterhalt bestreitet. Eine einfache Definition für einen nicht ganz so einfachen Oberbegriff. Bürgerjournalismus in der einen oder anderen Form sind eben auch alle folgenden Begriffe.&#xA;&#xA;Participatory Journalism (Pro-Am Journalism)&#xA;&#xA;Dies ist die einfachste Form des Bürgerjournalismus, die von den professionellen Medien praktiziert wird. Die Konsumenten werden eingeladen, sich nach der Veröffentlichung eines Beitrags zum Beispiel in Form von Kommentaren zu beteiligen. Diese Beteiligung kann neue Fakten oder Facetten einer Story thematisieren, die dann ihrerseits wiederum in einen neuen Beitrag einfließen. Profis (Pro) kooperieren also mit Amateuren (Am), um ihre Arbeit weiterzuentwickeln.&#xA;&#xA;Network Journalism&#xA;&#xA;Diese Form des Bürgerjournalismus könnte man auch als kollaborativen Journalismus bezeichnen: Mehrere Individuen kommen auf einer Plattform zusammen, um gemeinsam an einer Story zu arbeiten. Dabei kommen die zwei Prinzipien &#34;Wisdom of Crowds&#34; (&#34;Weisheit der Vielen&#34;) und &#34;Crowdsourcing&#34; zur Anwendung. Ersteres besagt, dass das Wissen eines Netzwerks größer ist als die Summe des Einzelwissens der Mitglieder. Crowdsourcing in diesem Zusammenhang meint den Umstand, dass eine Gruppe eine Story effizienter bearbeiten kann als ein einzelner Journalist. Diese Form wird manchmal auch als Distributed Reporting bezeichnet.&#xA;&#xA;Open Source Journalism&#xA;&#xA;Hier wird es schwierig, ist doch Open Source ebenfalls ein Sammelbegriff außerhalb des Journalismus. Wie beim Network Journalism arbeiten auch hier mehrere Individuen kollaborativ zusammen. Allerdings unterscheidet sich die Form der Verüffentlichung. Während die Zusammenarbeit beim Netzwerkjournalismus in der Regel nach der Veröffentlichung endet, beginnt sie hier wieder von Neuem oder geht kontinuierlich weiter. Ganz im Sinne von Open Source ist nämlich der journalistische Prozess mit der Veröffentlichung nicht abgeschlossen. Dabei gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten:&#xA;&#xA;Ständige Neuveröffentlichung: Ähnlich wie bei einem Wikipedia-Eintrag liegt der Beitrag nie in einer abgeschlossenen, finalen Version vor; er kann kontinuierlich verändert werden und wird damit gewissermaßen ständig neu veröffentlicht.&#xA;Informationsaustausch: So wie Open Source-Software geistiges Eigentum ablehnt, verweigert der Open Source-Journalismus das Prinzip des Scoops, der exklusiven Story. Indem man die Exklusivität aufgibt und mit anderen teilt, erhalten alle Zugang zu einem größeren Pool an Informationen, die sich dem Einzelnen nie eröffnet hätten.&#xA;&#xA;Open Source-Journalismus kann per definitionem nicht proprietär sein, sondern muss unter einer Creative-Commons-Lizenz oder anderen alternativen Formen des (Nicht-)Urheberrechts veröffentlicht werden - Public Domain, Copyleft etc.&#xA;&#xA;Crowdsourced Journalism&#xA;&#xA;Auch hier haben wir es wiederum mit einem Sammelbegriff zu tun, der außerhalb des Bürgerjournalismus existiert. Am einfachsten kann man Crowdsourcing so definieren: Freiwillige übernehmen eine Arbeit, die sonst von einem Profi gemacht wird. Als Beispiel kann hier der aktuelle Logo-Wettbewerb von Mister Wong genannt werden.&#xA;&#xA;Weil Crowdsourcing weniger eine Handlung sondern vielmehr ein Organisationsprinzip umschreibt, fällt eine Definition des Crowdsourced Journalism schwer. Vereinfacht gesagt, Crowdsourced Journalism ist nicht etwas, das man tut, sondern an dem man sich beteiligt. So gesehen sind alle oben beschriebenen kollaborativen Formen des Bürgerjournalismus auch Crowdsourced Journalism.&#xA;&#xA;(Erstveröffentlichung: 2007-09-18)&#xA;&#xA;---&#xA;Bildquellen&#xA;Newfoundlandguy, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons&#xA;&#xA;Topic&#xA;ThrowbackThursday]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/2/2b/Citizen_Journalist.jpg/712px-Citizen_Journalist.jpg" alt="Citizen journalist"></p>

<p>Wer sich mit der Thematik “Bürgerjournalismus” befasst, stößt früher oder später auf eine beinahe schon babylonisch anmutende Begriffsverwirrung. Buzzwords wie zum Beispiel “Citizen Journalism” oder “Pro-Am Journalism” brechen über den geneigten Leser auf vornehmlich englischen Seiten herein. Hilfreich sind diese fast täglich neu geschaffenen Modewörter selten – sie werden kaum verstanden. Sind solche Worte einmal in die freie Wildbahn entlassen, wohnt ihnen eine Eigendynamik inne, die die Verwirrung nur noch weiter anwachsen lässt. Auf ihrer Reise durch die (elektronischen) Medien, von Sendern zu Empfängern, verändert sich zuweilen ihre Bedeutung. Ich will hier darum den Versuch einer kleinen Begriffsbestimmung unternehmen und so eine erste Orientierungshilfe für Interessierte leisten.</p>

<table>
<thead>
<tr>
<th align="left">Throwback Thursday</th>
</tr>
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<tbody>
<tr>
<td align="left">Dieser Beitrag von mir erschien ursprünglich vor Jahren auf einem mittlerweile offline genommenen Portal. In loser Folge grabe ich tief in meinen archivierten SQL-Datenbanken und stosse manchmal auf sowas wie Gold. Enjoy! <a href="/gisiger/tag:TBT" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">TBT</span></a> <a href="/gisiger/tag:B%C3%BCrgerjournalismus" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">Bürgerjournalismus</span></a></td>
</tr>
</tbody>
</table>



<h2 id="citizen-journalism-bürgerjournalismus" id="citizen-journalism-bürgerjournalismus">Citizen Journalism (Bürgerjournalismus)</h2>

<p>Dieser Sammelbegriff lässt sich am einfachsten beschreiben als journalistisches Handeln einer Person, die mit Journalismus nicht ihren Lebensunterhalt bestreitet. Eine einfache Definition für einen nicht ganz so einfachen Oberbegriff. Bürgerjournalismus in der einen oder anderen Form sind eben auch alle folgenden Begriffe.</p>

<h2 id="participatory-journalism-pro-am-journalism" id="participatory-journalism-pro-am-journalism">Participatory Journalism (Pro-Am Journalism)</h2>

<p>Dies ist die einfachste Form des Bürgerjournalismus, die von den professionellen Medien praktiziert wird. Die Konsumenten werden eingeladen, sich nach der Veröffentlichung eines Beitrags zum Beispiel in Form von Kommentaren zu beteiligen. Diese Beteiligung kann neue Fakten oder Facetten einer Story thematisieren, die dann ihrerseits wiederum in einen neuen Beitrag einfließen. Profis (Pro) kooperieren also mit Amateuren (Am), um ihre Arbeit weiterzuentwickeln.</p>

<h2 id="network-journalism" id="network-journalism">Network Journalism</h2>

<p>Diese Form des Bürgerjournalismus könnte man auch als kollaborativen Journalismus bezeichnen: Mehrere Individuen kommen auf einer Plattform zusammen, um gemeinsam an einer Story zu arbeiten. Dabei kommen die zwei Prinzipien “Wisdom of Crowds” (“Weisheit der Vielen”) und “Crowdsourcing” zur Anwendung. Ersteres besagt, dass das Wissen eines Netzwerks größer ist als die Summe des Einzelwissens der Mitglieder. Crowdsourcing in diesem Zusammenhang meint den Umstand, dass eine Gruppe eine Story effizienter bearbeiten kann als ein einzelner Journalist. Diese Form wird manchmal auch als <strong>Distributed Reporting</strong> bezeichnet.</p>

<h2 id="open-source-journalism" id="open-source-journalism">Open Source Journalism</h2>

<p>Hier wird es schwierig, ist doch Open Source ebenfalls ein Sammelbegriff außerhalb des Journalismus. Wie beim Network Journalism arbeiten auch hier mehrere Individuen kollaborativ zusammen. Allerdings unterscheidet sich die Form der Verüffentlichung. Während die Zusammenarbeit beim Netzwerkjournalismus in der Regel nach der Veröffentlichung endet, beginnt sie hier wieder von Neuem oder geht kontinuierlich weiter. Ganz im Sinne von Open Source ist nämlich der journalistische Prozess mit der Veröffentlichung nicht abgeschlossen. Dabei gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten:</p>
<ul><li><em>Ständige Neuveröffentlichung:</em> Ähnlich wie bei einem Wikipedia-Eintrag liegt der Beitrag nie in einer abgeschlossenen, finalen Version vor; er kann kontinuierlich verändert werden und wird damit gewissermaßen ständig neu veröffentlicht.</li>
<li><em>Informationsaustausch:</em> So wie Open Source-Software geistiges Eigentum ablehnt, verweigert der Open Source-Journalismus das Prinzip des Scoops, der exklusiven Story. Indem man die Exklusivität aufgibt und mit anderen teilt, erhalten alle Zugang zu einem größeren Pool an Informationen, die sich dem Einzelnen nie eröffnet hätten.</li></ul>

<p>Open Source-Journalismus kann per definitionem nicht proprietär sein, sondern muss unter einer Creative-Commons-Lizenz oder anderen alternativen Formen des (Nicht-)Urheberrechts veröffentlicht werden – Public Domain, Copyleft etc.</p>

<h2 id="crowdsourced-journalism" id="crowdsourced-journalism">Crowdsourced Journalism</h2>

<p>Auch hier haben wir es wiederum mit einem Sammelbegriff zu tun, der außerhalb des Bürgerjournalismus existiert. Am einfachsten kann man Crowdsourcing so definieren: Freiwillige übernehmen eine Arbeit, die sonst von einem Profi gemacht wird. Als Beispiel kann hier der aktuelle Logo-Wettbewerb von Mister Wong genannt werden.</p>

<p>Weil Crowdsourcing weniger eine Handlung sondern vielmehr ein Organisationsprinzip umschreibt, fällt eine Definition des Crowdsourced Journalism schwer. Vereinfacht gesagt, Crowdsourced Journalism ist nicht etwas, das man tut, sondern an dem man sich beteiligt. So gesehen sind alle oben beschriebenen kollaborativen Formen des Bürgerjournalismus auch Crowdsourced Journalism.</p>

<p><em>(Erstveröffentlichung: 2007-09-18)</em></p>

<hr>

<p><strong>Bildquellen</strong>
1. Newfoundlandguy, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0" rel="nofollow">CC BY-SA 4.0</a>, via Wikimedia Commons</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="/gisiger/tag:ThrowbackThursday" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">ThrowbackThursday</span></a></p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/gisiger/tbt-burgerjournalismus-versuch-einer-begriffsbestimmung</guid>
      <pubDate>Thu, 22 Dec 2022 11:18:46 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>TBT: Medienwelt im Umbruch</title>
      <link>https://paper.wf/gisiger/tbt-medienwelt-im-umbruch</link>
      <description>&lt;![CDATA[Visiting OhmyNews&#xA;&#xA;Die etablierten Medien, allen voran die Tageszeitungen, haben seit Jahren mit existenzbedrohenden Problemen zu kämpfen. Die Werbeeinnahmen brechen kontinuierlich ein und die Leser bleiben aus. Dieser Trend ist aber nicht unumkehrbar. Die neuen Technologien erlauben es, das Publikum systematischer in den Kommunikationsprozess einzubinden. Ein möglicher Lösungsansatz.&#xA;&#xA;| Throwback Thursday |&#xA;| :--- |&#xA;| Dieser Beitrag von mir erschien ursprünglich vor Jahren auf einem mittlerweile offline genommenen Portal. In loser Folge grabe ich tief in meinen Archiv und stosse manchmal auf sowas wie Gold. Enjoy! #TBT #Bürgerjournalismus |&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Der Buchhandel hat es vorgemacht: Während noch in den Achtzigern die Verlage diktieren konnten, was gelesen wird, verlagerte sich die Meinungsbildung in den Neunzigern hin zum Handel und zu den Medien. Heute jedoch hat sich soetwas wie ein Endkundenmarkt etabliert. Allein Amazon bietet 2,2 Millionen Titel in seinen Katalogen an. Vergriffene, gebrauchte, neue, fast neue Bücher, alle sind sie abrufbar auf einen Klick. Dabei handelt es sich - und das ist die wahre Revolution - nicht um Karteileichen. Amazon macht zwischen 40 und 57 Prozent Umsatz mit den Titeln aus diesem sogenannten Long Tail. Auch buch.de weist für grosse Buchverlage mit einer entsprechend umfangreichen Backlist (also vielen alten Titeln) einen Umsatzanteil von rund 50 Prozent aus, und selbst bei kleineren Verlagen liegt der Backlist Anteil bei einem Viertel. Der Endkunde, der Leser also, bestimmt den Markt.&#xA;&#xA;Was können die Printmedien daraus lernen?&#xA;&#xA;Bevor wir uns möglichen Lösungen zuwenden, müssen wir die Krise genauer analysieren. Es ist eine hausgemachte Krise. Die Printmedien verlieren immer mehr Marktanteile an das Fernsehen, das Radio und vor allem an das Internet. Immer mehr Leser informieren sich entlang ihren Präferenzen und wollen sich nicht mehr der Meinungsdiktatur der Medien aussetzen. Fündig werden sie dabei hauptsächlich im Internet. Ohne an einen regulierten Redaktionsalltag gebunden zu sein, berichten Blogs (web logs oder Internet-Tagebücher) und andere Onlineportale dezidiert subjektiv über tagesaktuelles Geschehen.&#xA;&#xA;Der selbst herbei geschriebene angebliche Niedergang ist also ein klassisches &#34;den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen&#34;-Phänomen. Eine Rückbesinnung auf einen vielleicht altmodischen, aber lebhaften Journalismus tut Not. Dieser konzentriert sich auf eine lokale Berichterstattung und auf das Finden und Schreiben von heissen Storys. Kurz, ein Journalismus, der den offiziellen Stellen Kopfschmerzen bereitet und seine Kontrollfunktion im öffentlichen Diskurs wieder wahrnimmt. Soviel zur inhaltlichen Veränderung.&#xA;&#xA;Überleben wird nur, wer Rücksicht nimmt auf die Wünsche der Leser. Interaktion lautet die Devise. Blogs und andere Online-Angebote leben von der Auseinandersetzung mit den Lesern. Hier hinken die Printmedien der Zeit hinterher. Ausser den regelmässigen Leserbrief-Spalten hat sich nichts getan. Erste Versuche wie z.B. das Weblog der Los Angeles Times scheiterten kläglich – wegen angeblichen Pöbeleien wurde die Kommentarfunktion ausgeschaltet.&#xA;&#xA;Avantgarde in den USA&#xA;&#xA;In den USA sind die etablierten Medien in ihrer Auseinandersetzung mit den neuen Realitäten etwas weiter als in unseren Breitengraden. Ein möglicher Lösungsansatz bietet der sogenannte participatory journalism: der Leserschaft wird die Möglichkeit geboten, Artikel nach Wikipedia-Art zu bearbeiten und zu kommentieren. Besonders darin hervorgetan haben sich Online-Projekte im dünn besiedelten Westen, wo die Portale den verstreut lebenden Usern mehr als nur abrufbare Nachrichten bieten müssen. Einer dieser Avantgardisten, der New West aus Missoula, Montana, will in diesem Jahr auch ein monatliches Magazin, ganz altmodisch auf Papier, veröffentlichen.&#xA;&#xA;Einen gänzlich anderen Ansatz verfolgt das Wisconsin State Journal. Warum sollte man neue Leser nicht locken und für die Zeitung interessieren, indem man die interaktiven Möglichkeiten des Internet nutzt? Ab sofort können beim Wisconsin State Journal die Leser zwischen 11 und 16 Uhr mitentscheiden, was am nächsten Tag auf der Titelseite der Zeitung landet. Natürlich stellt die Leserschaft dabei nicht die ganze Seite zusammen. Nur die populärste Online-Story schafft es auf den Titel. Die Aktion wird gut angenommen. Auch die Redakteure lernen nun etwas über die Präferenzen ihrer Leserschaft. In Zukunft würden es wohl mehr Meinungsformate und Berichte aus subjektiven Perspektiven auf die Titelseite schaffen, glaubt man bei der Zeitung.&#xA;&#xA;Ohmy-News aus Südkorea: Bürger-Reporter&#xA;&#xA;Bürger-Reporter nennen sie sich, die über 40.000 Journalisten, die Koreas aufregendstes Zeitungsprojekt machen, die Ohmy-News, eine professionell gestaltete Website, in der jeder schreiben darf, der sich als Mitglied registriert hat. Im Land mit der höchsten Dichte an Internet-Nutzern - 70 Prozent der Haushalte haben Breitbandanschluss - führen journalistische Laien die etablierte Presse vor. Ohmy-News ist kein Printorgan, das im Internet nur einen zusätzlichen Vertriebsweg sieht, sondern ein Web-Projekt, das nebenbei jeden Samstag seine besten Beiträge als Zeitung druckt. Ohmy gehört in Korea bereits zu den führenden Stimmen des Landes. Seit etwas mehr als einem Jahr publiziert sie auch eine englischsprachige, internationale Internet-Zeitung; eine japanische und eine chinesische sind geplant.&#xA;&#xA;Natürlich wird auch hier noch durch eine Redaktion eine Auswahl getroffen. Diese Redaktion sichtet die Beiträge, weist rund ein Drittel zurück, prüft Fakten, redigiert und besorgt das Layout. Ist ein Text einmal aufgeschaltet, können die meist jungen Autoren ihre Leser zählen. Und diese kommentieren, was sie lesen - und können, falls ihnen ein Text gefällt, im sogenannten Trinkgeldtopf ein kleines Honorar zahlen.&#xA;&#xA;Ohmy-News hat Koreas Medien nicht nur zur Öffnung gezwungen, der Open-Source-Journalismus gräbt ihnen auch Einnahmen ab. In den Anfängen begeisterte das Internet als Technologie, dann erkannte man, dass das Geschäft jene machten, die über Inhalte verfügten, die Leser anziehen, also Medien- und Musikfirmen. Das Internet ist interaktiv. 40 Prozent der zwei Millionen Augenpaare, die täglich Ohmy anklicken, schauen sich auch Leser-Kommentare an und äussern sich selber. Sie sind zudem jung und überdurchschnittlich gebildet. Genau, was die Werbung wünscht.&#xA;&#xA;Mischformen als nachhaltiger Erfolgsfaktor&#xA;&#xA;Eine verstärkte Integration von kommunikationswilligen Laien in die arbeitsteiligen Medienorganisationen bietet sich also also Lösung an. In Europa macht derzeit das Beispiel der norwegischen Zeitung VG Schule, die ihre Leserschaft dazu auffordert, via SMS, E-Mail, Fax oder Telefon Beiträge anzubieten. Für Verwertbares gibt es Geld. Die Redaktion behält allerdings die Oberhoheit. Den Bloggern bleibt die Nische des Meinungsjournalismus, während die etablierten Medien dank klarem Investigativjournalismus mit verstärkter Interaktion wieder die Nähe zum Leser, zum Kunden finden können. Damit werden sie automatisch wieder interessanter für die Werbekunden und können sich nachhaltig ihren Anteil an den Werbeetats sichern.&#xA;&#xA;Die neuen Technologien erlauben es, das Publikum systematischer in den Kommunikationsprozess einzubinden. Fast, so scheint es, wird Brechts Forderung nach einem „emanzipatorischen Medienapparat“ doch noch Wirklichkeit. In der neuen Medienwelt ist Platz für alle: für einen boomenden Zeitungsmarkt, der Hintergrund- und lokale Berichterstattung bietet, lokale, nationale und internationale TV- und Radiostationen, Magazine und Zeitschriften und eben auch für eine florierende Blogosphäre. Bestimmend ist nicht das Medium, sondern der Inhalt, der transportiert wird. Wer immer die Inhalte bietet, die der Konsument wünscht, wird prosperieren. Die anderen verschwinden vom Markt.&#xA;&#xA;(Erstveröffentlichung: 2006-01-30)&#xA;&#xA;---&#xA;Bildquelle&#xA;Jerry Michalski, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons&#xA;&#xA;Topic&#xA;ThrowbackThursday]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/94/Visiting_OhmyNews_%28525702723%29.jpg/800px-Visiting_OhmyNews_%28525702723%29.jpg" alt="Visiting OhmyNews"></p>

<p>Die etablierten Medien, allen voran die Tageszeitungen, haben seit Jahren mit existenzbedrohenden Problemen zu kämpfen. Die Werbeeinnahmen brechen kontinuierlich ein und die Leser bleiben aus. Dieser Trend ist aber nicht unumkehrbar. Die neuen Technologien erlauben es, das Publikum systematischer in den Kommunikationsprozess einzubinden. Ein möglicher Lösungsansatz.</p>

<table>
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<th align="left">Throwback Thursday</th>
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<tbody>
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<td align="left">Dieser Beitrag von mir erschien ursprünglich vor Jahren auf einem mittlerweile offline genommenen Portal. In loser Folge grabe ich tief in meinen Archiv und stosse manchmal auf sowas wie Gold. Enjoy! <a href="/gisiger/tag:TBT" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">TBT</span></a> <a href="/gisiger/tag:B%C3%BCrgerjournalismus" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">Bürgerjournalismus</span></a></td>
</tr>
</tbody>
</table>



<p>Der Buchhandel hat es vorgemacht: Während noch in den Achtzigern die Verlage diktieren konnten, was gelesen wird, verlagerte sich die Meinungsbildung in den Neunzigern hin zum Handel und zu den Medien. Heute jedoch hat sich soetwas wie ein Endkundenmarkt etabliert. Allein Amazon bietet 2,2 Millionen Titel in seinen Katalogen an. Vergriffene, gebrauchte, neue, fast neue Bücher, alle sind sie abrufbar auf einen Klick. Dabei handelt es sich – und das ist die wahre Revolution – nicht um Karteileichen. Amazon macht zwischen 40 und 57 Prozent Umsatz mit den Titeln aus diesem sogenannten Long Tail. Auch buch.de weist für grosse Buchverlage mit einer entsprechend umfangreichen Backlist (also vielen alten Titeln) einen Umsatzanteil von rund 50 Prozent aus, und selbst bei kleineren Verlagen liegt der Backlist Anteil bei einem Viertel. Der Endkunde, der Leser also, bestimmt den Markt.</p>

<h2 id="was-können-die-printmedien-daraus-lernen" id="was-können-die-printmedien-daraus-lernen">Was können die Printmedien daraus lernen?</h2>

<p>Bevor wir uns möglichen Lösungen zuwenden, müssen wir die Krise genauer analysieren. Es ist eine hausgemachte Krise. Die Printmedien verlieren immer mehr Marktanteile an das Fernsehen, das Radio und vor allem an das Internet. Immer mehr Leser informieren sich entlang ihren Präferenzen und wollen sich nicht mehr der Meinungsdiktatur der Medien aussetzen. Fündig werden sie dabei hauptsächlich im Internet. Ohne an einen regulierten Redaktionsalltag gebunden zu sein, berichten Blogs (web logs oder Internet-Tagebücher) und andere Onlineportale dezidiert subjektiv über tagesaktuelles Geschehen.</p>

<p>Der selbst herbei geschriebene angebliche Niedergang ist also ein klassisches “den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen”-Phänomen. Eine Rückbesinnung auf einen vielleicht altmodischen, aber lebhaften Journalismus tut Not. Dieser konzentriert sich auf eine lokale Berichterstattung und auf das Finden und Schreiben von heissen Storys. Kurz, ein Journalismus, der den offiziellen Stellen Kopfschmerzen bereitet und seine Kontrollfunktion im öffentlichen Diskurs wieder wahrnimmt. Soviel zur inhaltlichen Veränderung.</p>

<p>Überleben wird nur, wer Rücksicht nimmt auf die Wünsche der Leser. Interaktion lautet die Devise. Blogs und andere Online-Angebote leben von der Auseinandersetzung mit den Lesern. Hier hinken die Printmedien der Zeit hinterher. Ausser den regelmässigen Leserbrief-Spalten hat sich nichts getan. Erste Versuche wie z.B. das Weblog der <em>Los Angeles Times</em> scheiterten kläglich – wegen angeblichen Pöbeleien wurde die Kommentarfunktion ausgeschaltet.</p>

<h2 id="avantgarde-in-den-usa" id="avantgarde-in-den-usa">Avantgarde in den USA</h2>

<p>In den USA sind die etablierten Medien in ihrer Auseinandersetzung mit den neuen Realitäten etwas weiter als in unseren Breitengraden. Ein möglicher Lösungsansatz bietet der sogenannte <em>participatory journalism</em>: der Leserschaft wird die Möglichkeit geboten, Artikel nach Wikipedia-Art zu bearbeiten und zu kommentieren. Besonders darin hervorgetan haben sich Online-Projekte im dünn besiedelten Westen, wo die Portale den verstreut lebenden Usern mehr als nur abrufbare Nachrichten bieten müssen. Einer dieser Avantgardisten, der <em>New West</em> aus Missoula, Montana, will in diesem Jahr auch ein monatliches Magazin, ganz altmodisch auf Papier, veröffentlichen.</p>

<p>Einen gänzlich anderen Ansatz verfolgt das <em>Wisconsin State Journal</em>. Warum sollte man neue Leser nicht locken und für die Zeitung interessieren, indem man die interaktiven Möglichkeiten des Internet nutzt? Ab sofort können beim <em>Wisconsin State Journal</em> die Leser zwischen 11 und 16 Uhr mitentscheiden, was am nächsten Tag auf der Titelseite der Zeitung landet. Natürlich stellt die Leserschaft dabei nicht die ganze Seite zusammen. Nur die populärste Online-Story schafft es auf den Titel. Die Aktion wird gut angenommen. Auch die Redakteure lernen nun etwas über die Präferenzen ihrer Leserschaft. In Zukunft würden es wohl mehr Meinungsformate und Berichte aus subjektiven Perspektiven auf die Titelseite schaffen, glaubt man bei der Zeitung.</p>

<h2 id="ohmy-news-aus-südkorea-bürger-reporter" id="ohmy-news-aus-südkorea-bürger-reporter">Ohmy-News aus Südkorea: Bürger-Reporter</h2>

<p>Bürger-Reporter nennen sie sich, die über 40.000 Journalisten, die Koreas aufregendstes Zeitungsprojekt machen, die <em>Ohmy-News</em>, eine professionell gestaltete Website, in der jeder schreiben darf, der sich als Mitglied registriert hat. Im Land mit der höchsten Dichte an Internet-Nutzern – 70 Prozent der Haushalte haben Breitbandanschluss – führen journalistische Laien die etablierte Presse vor. <em>Ohmy-News</em> ist kein Printorgan, das im Internet nur einen zusätzlichen Vertriebsweg sieht, sondern ein Web-Projekt, das nebenbei jeden Samstag seine besten Beiträge als Zeitung druckt. <em>Ohmy</em> gehört in Korea bereits zu den führenden Stimmen des Landes. Seit etwas mehr als einem Jahr publiziert sie auch eine englischsprachige, internationale Internet-Zeitung; eine japanische und eine chinesische sind geplant.</p>

<p>Natürlich wird auch hier noch durch eine Redaktion eine Auswahl getroffen. Diese Redaktion sichtet die Beiträge, weist rund ein Drittel zurück, prüft Fakten, redigiert und besorgt das Layout. Ist ein Text einmal aufgeschaltet, können die meist jungen Autoren ihre Leser zählen. Und diese kommentieren, was sie lesen – und können, falls ihnen ein Text gefällt, im sogenannten Trinkgeldtopf ein kleines Honorar zahlen.</p>

<p><em>Ohmy-News</em> hat Koreas Medien nicht nur zur Öffnung gezwungen, der Open-Source-Journalismus gräbt ihnen auch Einnahmen ab. In den Anfängen begeisterte das Internet als Technologie, dann erkannte man, dass das Geschäft jene machten, die über Inhalte verfügten, die Leser anziehen, also Medien- und Musikfirmen. Das Internet ist interaktiv. 40 Prozent der zwei Millionen Augenpaare, die täglich <em>Ohmy</em> anklicken, schauen sich auch Leser-Kommentare an und äussern sich selber. Sie sind zudem jung und überdurchschnittlich gebildet. Genau, was die Werbung wünscht.</p>

<h2 id="mischformen-als-nachhaltiger-erfolgsfaktor" id="mischformen-als-nachhaltiger-erfolgsfaktor">Mischformen als nachhaltiger Erfolgsfaktor</h2>

<p>Eine verstärkte Integration von kommunikationswilligen Laien in die arbeitsteiligen Medienorganisationen bietet sich also also Lösung an. In Europa macht derzeit das Beispiel der norwegischen Zeitung <em>VG</em> Schule, die ihre Leserschaft dazu auffordert, via SMS, E-Mail, Fax oder Telefon Beiträge anzubieten. Für Verwertbares gibt es Geld. Die Redaktion behält allerdings die Oberhoheit. Den Bloggern bleibt die Nische des Meinungsjournalismus, während die etablierten Medien dank klarem Investigativjournalismus mit verstärkter Interaktion wieder die Nähe zum Leser, zum Kunden finden können. Damit werden sie automatisch wieder interessanter für die Werbekunden und können sich nachhaltig ihren Anteil an den Werbeetats sichern.</p>

<p>Die neuen Technologien erlauben es, das Publikum systematischer in den Kommunikationsprozess einzubinden. Fast, so scheint es, wird Brechts Forderung nach einem „emanzipatorischen Medienapparat“ doch noch Wirklichkeit. In der neuen Medienwelt ist Platz für alle: für einen boomenden Zeitungsmarkt, der Hintergrund- und lokale Berichterstattung bietet, lokale, nationale und internationale TV- und Radiostationen, Magazine und Zeitschriften und eben auch für eine florierende Blogosphäre. Bestimmend ist nicht das Medium, sondern der Inhalt, der transportiert wird. Wer immer die Inhalte bietet, die der Konsument wünscht, wird prosperieren. Die anderen verschwinden vom Markt.</p>

<p><em>(Erstveröffentlichung: 2006-01-30)</em></p>

<hr>

<p><strong>Bildquelle</strong>
Jerry Michalski, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0" rel="nofollow">CC BY-SA 2.0</a>, via Wikimedia Commons</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="/gisiger/tag:ThrowbackThursday" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">ThrowbackThursday</span></a></p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/gisiger/tbt-medienwelt-im-umbruch</guid>
      <pubDate>Thu, 15 Dec 2022 19:41:10 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>TBT: Wissen und seine Aggregatzustände</title>
      <link>https://paper.wf/gisiger/tbt-wissen-und-seine-aggregatzustande</link>
      <description>&lt;![CDATA[Water drop 001&#xA;Die Verfügbarkeit von Informationen und vor allem der Informationsfluss sind oftmals entscheidend in einem Unternehmen. Um diesen Informationsfluss in einer Organisation besser zu verstehen, kann das Modell der Aggregatzustände von Wissen helfen. Ähnlich wie Wasser kann Wissen nämlich fest, flüssig oder gasförmig vorkommen und entsprechend fliessen.&#xA;&#xA;| Throwback Thursday |&#xA;| :--- |&#xA;| Dieser Beitrag erschien ursprünglich vor Jahren in einem meiner mittlerweile offline genommenen Blogs. In loser Folge grabe ich tief in meinen archivierten SQL-Datenbanken und stosse manchmal auf sowas wie Gold. Enjoy! #TBT |&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Die Aggregatzustände&#xA;&#xA;Dokumentiertes, jederzeit abrufbares Wissen ist &#39;fest&#39;. Es kann in Dokumenten, aber auch auf anderen Datenträgern oder in Programmen vorliegen. Dieses feste Wissen kann nicht einfach versickern (verschwinden), aber es fliesst auch nur sehr zäh. Man muss sich das verfügbare Wissen aneignen, sich aktiv darum bemühen.&#xA;&#xA;Das Wissen in unseren Köpfen hingegen ist &#39;flüssig&#39;. Es fliesst durch Gespräche leicht von einer Person zur anderen. Anders als Informationen im festen Zustand ist es jedoch nur schwer greifbar und kann nur ungenau reproduziert werden. Flüssiges Wissen versickert zudem im Laufe der Zeit - wir vergessen.&#xA;&#xA;&#39;Gasförmig&#39; ist Wissen schliesslich, das über mehrere Personen verteilt ist und das sich kaum lokalisieren lässt. Darunter fallen insbesondere Gerüchte, Überzeugungen oder Wertvorstellungen. Es wird oftmals nicht gezielt verteilt, sondern entsteht zum Beispiel im Laufe einer Informationsbeschaffung (vgl. dazu auch die Diffusionstheorie nach Rogers über die Verbreitung von Innovationen).&#xA;&#xA;Analyse des Informationsflusses&#xA;&#xA;Betrachtet man den Informationsfluss innerhalb einer Organisation nun unter dem Gesichtspunkt der verschiedenen Aggregatzustände, kann man problematische Stellen darin identifizieren. Gibt es irgendwo Friktionen? Wird zum Beispiel ein Dokument - also festes Wissen - erstellt, das niemand abruft? Besonders krtitisch sind jene Punkte, an denen Aggregatübergänge stattfinden. Flüssiges Wissen kann verfestigt werden, indem man es zum Beispiel aufschreibt. Im #Wissensmanagement nennt man diesen Vorgang &#34;Externalisierung&#34;. Der umgekehrte Weg, also das Aufnehmen (und Verstehen) von Wissen, nennt man &#34;Internalisierung&#34; (vgl. das SECI-Modell von Nonaka &amp; Takeuchi).&#xA;&#xA;Aggregatübergänge erzeugen Aufwand, also müssen sie sich lohnen. Untersucht man Szenarien als Flussmodell mit Aggregatzuständen, kann man Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigen, die ohne diese Betrachtungsweise vielleicht (zu) lange unentdeckt bleiben.&#xA;&#xA;Dieser Post beruht auf dem Paper Aggregatzustände von Anforderungen erkennen und nutzen von Kurt Schneider.&#xA;&#xA;(Erstveröffentlichung: 2009-05-28 15:44:21)&#xA;&#xA;---&#xA;Bildquelle&#xA;José Manuel Suárez, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons&#xA;&#xA;Topic&#xA;ThrowbackThursday]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/5/5e/Water_drop_001.jpg/800px-Water_drop_001.jpg" alt="Water drop 001">
Die Verfügbarkeit von Informationen und vor allem der Informationsfluss sind oftmals entscheidend in einem Unternehmen. Um diesen Informationsfluss in einer Organisation besser zu verstehen, kann das Modell der Aggregatzustände von Wissen helfen. Ähnlich wie Wasser kann Wissen nämlich fest, flüssig oder gasförmig vorkommen und entsprechend fliessen.</p>

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<th align="left">Throwback Thursday</th>
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<td align="left">Dieser Beitrag erschien ursprünglich vor Jahren in einem meiner mittlerweile offline genommenen Blogs. In loser Folge grabe ich tief in meinen archivierten SQL-Datenbanken und stosse manchmal auf sowas wie Gold. Enjoy! <a href="/gisiger/tag:TBT" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">TBT</span></a></td>
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<h2 id="die-aggregatzustände" id="die-aggregatzustände">Die Aggregatzustände</h2>

<p>Dokumentiertes, jederzeit abrufbares Wissen ist <strong>&#39;fest&#39;</strong>. Es kann in Dokumenten, aber auch auf anderen Datenträgern oder in Programmen vorliegen. Dieses feste Wissen kann nicht einfach versickern (verschwinden), aber es fliesst auch nur sehr zäh. Man muss sich das verfügbare Wissen aneignen, sich aktiv darum bemühen.</p>

<p>Das Wissen in unseren Köpfen hingegen ist <strong>&#39;flüssig&#39;</strong>. Es fliesst durch Gespräche leicht von einer Person zur anderen. Anders als Informationen im festen Zustand ist es jedoch nur schwer greifbar und kann nur ungenau reproduziert werden. Flüssiges Wissen versickert zudem im Laufe der Zeit – wir vergessen.</p>

<p><strong>&#39;Gasförmig&#39;</strong> ist Wissen schliesslich, das über mehrere Personen verteilt ist und das sich kaum lokalisieren lässt. Darunter fallen insbesondere Gerüchte, Überzeugungen oder Wertvorstellungen. Es wird oftmals nicht gezielt verteilt, sondern entsteht zum Beispiel im Laufe einer Informationsbeschaffung (vgl. dazu auch die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Diffusionstheorie" rel="nofollow">Diffusionstheorie nach Rogers</a> über die Verbreitung von Innovationen).</p>

<h2 id="analyse-des-informationsflusses" id="analyse-des-informationsflusses">Analyse des Informationsflusses</h2>

<p>Betrachtet man den Informationsfluss innerhalb einer Organisation nun unter dem Gesichtspunkt der verschiedenen Aggregatzustände, kann man problematische Stellen darin identifizieren. Gibt es irgendwo Friktionen? Wird zum Beispiel ein Dokument – also festes Wissen – erstellt, das niemand abruft? Besonders krtitisch sind jene Punkte, an denen Aggregatübergänge stattfinden. Flüssiges Wissen kann verfestigt werden, indem man es zum Beispiel aufschreibt. Im <a href="/gisiger/tag:Wissensmanagement" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">Wissensmanagement</span></a> nennt man diesen Vorgang “Externalisierung”. Der umgekehrte Weg, also das Aufnehmen (und Verstehen) von Wissen, nennt man “Internalisierung” (vgl. das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/SECI-Modell" rel="nofollow">SECI-Modell von Nonaka &amp; Takeuchi</a>).</p>

<p>Aggregatübergänge erzeugen Aufwand, also müssen sie sich lohnen. Untersucht man Szenarien als Flussmodell mit Aggregatzuständen, kann man Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigen, die ohne diese Betrachtungsweise vielleicht (zu) lange unentdeckt bleiben.</p>

<p>Dieser Post beruht auf dem Paper <a href="https://fb-swt.gi.de/fileadmin/FB/SWT/Softwaretechnik-Trends/Verzeichnis/Band_26_Heft_1/10_schneider.pdf" rel="nofollow"><em>Aggregatzustände von Anforderungen erkennen und nutzen</em></a> von Kurt Schneider.</p>

<p><em>(Erstveröffentlichung: 2009-05-28 15:44:21)</em></p>

<hr>

<p><strong>Bildquelle</strong>
1. José Manuel Suárez, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0" rel="nofollow">CC BY 2.0</a>, via Wikimedia Commons</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="/gisiger/tag:ThrowbackThursday" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">ThrowbackThursday</span></a></p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/gisiger/tbt-wissen-und-seine-aggregatzustande</guid>
      <pubDate>Thu, 08 Dec 2022 07:55:30 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>TBT: John Perry Barlow - Keine Materie im Cyberspace</title>
      <link>https://paper.wf/gisiger/tbt-john-perry-barlow-keine-materie-im-cyberspace</link>
      <description>&lt;![CDATA[John Perry Barlow&#xA;Vorratsdatenspeicherung, zensursula, ACTA, rechtsfreier Raum. Diese Schlagworte machten und machen im Netz und in den &#34;Holzmedien&#34; die Runde. Sie stehen für den Willen der &#34;Internetausdrucker&#34;, nach der realen nun auch die virtuelle Welt zu regulieren, zu kontrollieren. Die Mächtigen des Meatspace wollen ihren eisernen Griff endlich auch im #Cyberspace durchsetzen - mit allen Mitteln. Dieser Backlash, dieser &#34;Angriff der Antimoderne auf selbstbestimmtes Leben&#34; (Zeger 2008, S. 33) begann nicht erst mit 9/11 und der darauf folgenden Terrorismusangst. Seine Wurzeln liegen tiefer.&#xA;&#xA;| Throwback Thursday |&#xA;| :--- |&#xA;| Dieser Beitrag erschien ursprünglich vor Jahren in einem meiner mittlerweile offline genommenen Blogs. In loser Folge grabe ich tief in meinen archivierten SQL-Datenbanken und stosse manchmal auf sowas wie Gold. In diesem Fall auf wütendes Gold. Enjoy! #TBT |&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Schon immer war es das Ziel des Herrschaftsapparats, die Individualität mittels Identifikation zu zerstören. Die Reduktion auf eine Nummer, einen Datensatz macht das Individuum zur anonymen Manipuliermasse, mit der nach belieben verfahren werden kann. Moderne Informatikmittel erleichtern das Sammeln von und den Zugriff auf eben diese Datensätze. Fatal wirken sich dabei die vielfältigen Analyse- und Verknüpfungsmöglichkeiten aus: Bürger A hat zum Zeitpunkt Z mit &#34;Terrorist&#34; B kommuniziert, also ist A ebenfalls ein &#34;Terrorist&#34;. Dies ist die dunkle Seite der Informatik und des Cyberspace. Sie haben dem modernen Präventivstaat, der sich meist nur noch graduell von seinem totalitären Bruder unterscheidet, erst möglich gemacht.&#xA;&#xA;Von der Unabhängigkeit des Cyberspace&#xA;&#xA;Einer hat das schon früh erkannt. Der amerikanische Autor, Mitglied der Band The Grateful Dead, Bürgerrechtler und Mitbegründer der Electronic Frontier Foundation (EFF), John Perry Barlow 1]. Anlässlich des World Economic Forums [2] verlas er am 8. Februar 1996 seine [&#34;Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace&#34; (A Declaration of the Independence of Cyberspace). Darin antizipierte er viele der Entwicklungen bis heute und versuchte, diesen mit radikalen Forderungen entgegenzutreten:&#xA;&#xA;  &#34;Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Lasst uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr.&#xA;&#xA;  Wir besitzen keine gewählte Regierung, und wir werden wohl auch nie eine bekommen - und so wende ich mich mit keiner grösseren Autorität an Euch als der, mit der die Freiheit selber spricht. Ich erkläre den globalen sozialen Raum, den wir errichten, als gänzlich unabhängig von der Tyrannei, die Ihr über uns auszuüben anstrebt. Ihr habt hier kein moralisches Recht zu regieren noch besitzt Ihr Methoden, es zu erzwingen, die wir zu befürchten hätten.&#34;&#xA;&#xA;iframe id=&#39;ivplayer&#39; width=&#39;600&#39; height=&#39;320&#39; src=&#39;https://yewtu.be/embed/3WS9DhSIWR0?t=4&#39; style=&#39;border:none;&#39;/iframe&#xA;&#xA;Es ist dieses &#34;Kammerstück&#34; (Telepolis), diese &#34;Ursuppe, aus der alle löffeln, die immer wieder grosse Hoffnungen in das Internet setzen&#34; (heise online). Barlow wurde mit diesem Text gewissermassen zum &#34;Thomas Jefferson of cyberspace&#34; (Reason). Lesebefehl, auch heute noch!&#xA;&#xA;Ergänzend dazu hier noch ein Interview der BBC mit Barlow, welches im Rahmen der vierteiligen Doku-Serie &#34;The Virtual Revolution&#34; aufgezeichnet wurde.&#xA;&#xA;Literatur&#xA;Zeger, Hans G. (2008): Mensch. Nummer. Datensatz. Unsere Lust an totaler Kontrolle. St. Pölten: Residenz Verlag.&#xA;&#xA;(Erstveröffentlichung: 2010-04-20 16:01:43)&#xA;&#xA;---&#xA;Fussnoten&#xA;[1] Nachtrag 2022: John Perry Barlow, geboren 1947, verstarb im Februar 2017.&#xA;[2] Bereits damals sorgten einige Geschäfte für Aufsehen, etwa der Einstieg von Bertelsmann bei AOL 1995. Konsequenterweise lud das WEF 1996 auch Risikokapitalgeber und einige Akteure aus dem Cyberspace ein.&#xA;&#xA;Bildquelle&#xA;John Perry Barlow: Joi, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons&#xA;&#xA;Topic&#xA;ThrowbackThursday]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/a2/John_Perry_Barlow.jpg/800px-John_Perry_Barlow.jpg" alt="John Perry Barlow">
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vorratsdatenspeicherung" rel="nofollow">Vorratsdatenspeicherung</a>, <a href="https://netzpolitik.org/2009/zensursula-oder-kreativ-gegen-internetzensur/" rel="nofollow">zensursula</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Anti-Counterfeiting_Trade_Agreement" rel="nofollow">ACTA</a>, <a href="https://www.spiegel.de/netzwelt/web/phrasen-kritik-das-internet-ist-kein-rechtsfreier-raum-a-632277.html" rel="nofollow">rechtsfreier Raum</a>. Diese Schlagworte machten und machen im Netz und in den “Holzmedien” die Runde. Sie stehen für den Willen der “Internetausdrucker”, nach der realen nun auch die virtuelle Welt zu regulieren, zu kontrollieren. Die Mächtigen des Meatspace wollen ihren eisernen Griff endlich auch im <a href="/gisiger/tag:Cyberspace" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">Cyberspace</span></a> durchsetzen – mit allen Mitteln. Dieser Backlash, dieser “Angriff der Antimoderne auf selbstbestimmtes Leben” (Zeger 2008, S. 33) begann nicht erst mit 9/11 und der darauf folgenden Terrorismusangst. Seine Wurzeln liegen tiefer.</p>

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<th align="left">Throwback Thursday</th>
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<td align="left">Dieser Beitrag erschien ursprünglich vor Jahren in einem meiner mittlerweile offline genommenen Blogs. In loser Folge grabe ich tief in meinen archivierten SQL-Datenbanken und stosse manchmal auf sowas wie Gold. In diesem Fall auf wütendes Gold. Enjoy! <a href="/gisiger/tag:TBT" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">TBT</span></a></td>
</tr>
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<p>Schon immer war es das Ziel des Herrschaftsapparats, die Individualität mittels Identifikation zu zerstören. Die Reduktion auf eine Nummer, einen Datensatz macht das Individuum zur anonymen Manipuliermasse, mit der nach belieben verfahren werden kann. Moderne Informatikmittel erleichtern das Sammeln von und den Zugriff auf eben diese Datensätze. Fatal wirken sich dabei die vielfältigen Analyse- und Verknüpfungsmöglichkeiten aus: Bürger A hat zum Zeitpunkt Z mit “Terrorist” B kommuniziert, also ist A ebenfalls ein “Terrorist”. Dies ist die dunkle Seite der Informatik und des Cyberspace. Sie haben dem modernen <a href="http://www.lexexakt.de/index.php/glossar/praeventivstaat.php" rel="nofollow">Präventivstaat</a>, der sich meist nur noch graduell von seinem totalitären Bruder unterscheidet, erst möglich gemacht.</p>

<h2 id="von-der-unabhängigkeit-des-cyberspace" id="von-der-unabhängigkeit-des-cyberspace">Von der Unabhängigkeit des Cyberspace</h2>

<p>Einer hat das schon früh erkannt. Der amerikanische Autor, Mitglied der Band <em>The Grateful Dead</em>, Bürgerrechtler und Mitbegründer der Electronic Frontier Foundation (<a href="https://www.eff.org/" rel="nofollow">EFF</a>), <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/John_Perry_Barlow" rel="nofollow">John Perry Barlow</a> [1]. Anlässlich des World Economic Forums [2] verlas er am 8. Februar 1996 seine <a href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/1/1028/1.html" rel="nofollow">“Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace”</a> (<a href="https://projects.eff.org/~barlow/Declaration-Final.html" rel="nofollow"><em>A Declaration of the Independence of Cyberspace</em></a>). Darin antizipierte er viele der Entwicklungen bis heute und versuchte, diesen mit radikalen Forderungen entgegenzutreten:</p>

<blockquote><p><em>“Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Lasst uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr.</em></p>

<p><em>Wir besitzen keine gewählte Regierung, und wir werden wohl auch nie eine bekommen – und so wende ich mich mit keiner grösseren Autorität an Euch als der, mit der die Freiheit selber spricht. Ich erkläre den globalen sozialen Raum, den wir errichten, als gänzlich unabhängig von der Tyrannei, die Ihr über uns auszuüben anstrebt. Ihr habt hier kein moralisches Recht zu regieren noch besitzt Ihr Methoden, es zu erzwingen, die wir zu befürchten hätten.”</em></p></blockquote>

<iframe id="ivplayer" id="ivplayer" width="600" height="320" src="https://yewtu.be/embed/3WS9DhSIWR0?t=4" style="border:none;"></iframe>

<p>Es ist dieses “Kammerstück” (<a href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/1/1028/1.html" rel="nofollow">Telepolis</a>), diese “Ursuppe, aus der alle löffeln, die immer wieder grosse Hoffnungen in das Internet setzen” (<a href="http://www.heise.de/newsticker/meldung/10-Jahre-Unabhaengigkeitserklaerung-des-Cyberspace-173188.html" rel="nofollow">heise online</a>). Barlow wurde mit diesem Text gewissermassen zum “Thomas Jefferson of cyberspace” (<a href="http://reason.com/archives/2004/08/01/john-perry-barlow-20" rel="nofollow">Reason</a>). Lesebefehl, auch heute noch!</p>

<p>Ergänzend dazu <a href="https://www.bbc.co.uk/programmes/p0057yrd" rel="nofollow">hier noch ein Interview der BBC mit Barlow</a>, welches im Rahmen der vierteiligen Doku-Serie “The Virtual Revolution” aufgezeichnet wurde.</p>

<h3 id="literatur" id="literatur">Literatur</h3>

<p>Zeger, Hans G. (2008): Mensch. Nummer. Datensatz. Unsere Lust an totaler Kontrolle. St. Pölten: Residenz Verlag.</p>

<p><em>(Erstveröffentlichung: 2010-04-20 16:01:43)</em></p>

<hr>

<p><strong>Fussnoten</strong>
[1] Nachtrag 2022: John Perry Barlow, geboren 1947, verstarb im Februar 2017.
[2] Bereits damals sorgten einige Geschäfte für Aufsehen, etwa der Einstieg von Bertelsmann bei AOL 1995. Konsequenterweise lud das WEF 1996 auch Risikokapitalgeber und einige Akteure aus dem Cyberspace ein.</p>

<p><strong>Bildquelle</strong>
1. John Perry Barlow: Joi, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0" rel="nofollow">CC BY 2.0</a>, via Wikimedia Commons</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="/gisiger/tag:ThrowbackThursday" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">ThrowbackThursday</span></a></p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/gisiger/tbt-john-perry-barlow-keine-materie-im-cyberspace</guid>
      <pubDate>Thu, 01 Dec 2022 07:31:43 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>TBT: Mit Jack Tramiel verstarb jüngst eine der Lichtgestalten der Computergeschichte</title>
      <link>https://paper.wf/gisiger/tbt-mit-jack-tramiel-verstarb-jungst-eine-der-lichtgestalten-der</link>
      <description>&lt;![CDATA[Commodore Founder Jack Tramiel and VIC20 Product Manager Michael Tomczyk celebrated the first million units in 1982&#xA;Am Ostersonntag verstarb in Kalifornien mit Jack Tramiel (links im Bild) eine der Lichtgestalten der Computergeschichte. Tramiel war Gründer von Commodore, der Visionär hinter dem legendären Heimcomputer C64 und später dann zusammen mit seinen Söhnen auch Besitzer und Chef von Atari. Er hatte somit entscheidenden Anteil daran, dass Computer in das Alltagsleben einzogen und PCs heute in fast jedem Haushalt stehen. Jack Tramiel brachte aber nicht nur den Computer in die Kinderzimmer, er sozialisierte mit dem C64 eine ganze Generation.&#xA;&#xA;| Throwback Thursday |&#xA;| :--- |&#xA;| Dieser Beitrag erschien ursprünglich vor Jahren in einem meiner mittlerweile offline genommenen Blogs. In loser Folge grabe ich tief in meinen archivierten SQL-Datenbanken und stosse manchmal auf sowas wie Gold. Enjoy! #TBT |&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Jack Tramiel, der eigentlich Idek Tramielski hiess, wurde 1928 in Polen geboren und wurde 1944 wegen seiner jüdischen Herkunft als 16-jähriger in Auschwitz interniert. Nach der Befreiung und wenigen Jahren in Deutschland emigrierte er in die USA, wo er den Namen Jack Tramiel annahm und mangels Arbeit zur Armee ging. Während seinem Dienst kümmerte er sich hauptsächlich um die Reparatur von Schreibmaschinen. Dieser Arbeit blieb er auch nach seinem Ausscheiden 1952 treu und eröffnete - mittlerweile eingebürgert - in New York sein erstes Unternehmen, #Commodore Portable Typewriter, dessen Hauptkunde die US Army war. 1954 gründete er schliesslich zwecks Umgehung von Importbeschränkungen in den USA in Kanada die Commodore Business Machines International (CBM), die hauptsächlich günstige Schreibmaschinen aus Europa importierte. 1962 brachte er das Unternehmen an die Börse und stieg in den frühen 1970er-Jahren in die Produktion preiswerter Taschenrechner ein.&#xA;Die Commodore-Heimcomputer&#xA;Der erste Coup landete er 1976 mit dem Kauf des jungen Chipherstellers MOS Technology, dessen 6502 8-Bit-Prozessor-Familie schliesslich nicht nur in den Commodre-Rechnern PET 2001, VC20 und C64 steckte, sondern auch in den Apple I und II, den 8-Bit-Homecomputern und den Spielkonsolen von Atari steckten. Dank der Übernahme von MOS war Commodore nun unabhängig von Lieferanten und konnte die gesamte Entwicklung und Produktion im eigenen Unternehmen vornehmen. &#xA;&#xA;Commodore Computers of the 1980s&#xA;&#xA;Dabei war Tramiels Vision immer dieselbe:&#xA;&#xA;  &#34;We need to build computers for the masses, not the classes.&#34;&#xA;&#xA;In die Zeit fällt übrigens auch Tramiels zweiter Coup, die Lizenzierung von Microsoft BASIC für alle Commodore-Rechner durch eine Einmalzahlung von US$ 25&#39;000. Bill Gates forderte ursprünglich Lizenzgebühren vom US$ 3 pro ausgeliefertem Gerät - anbetracht der Tatsache, dass Commodore alleine vom C64 mehrere zehn Millionen Geräte verkauft hat, ein wahres Schnäppchen.&#xA;Die Zeit bei Atari&#xA;1984, also nur zwei Jahre nach der Markteinführung des C64, überwarf sich Tramiel allerdings mit seinen Investoren, so dass er aus dem Unternehmen ausschied. Zunächst gründete er die Tramel Technology, die das Ziel verfolgte, die nächste Generation des Homecomputers zu entwickeln, kaufte dann aber nur wenige Monate später zusammen mit seinen Söhnen die wegen dem Crash des Konsolenmarktes anfang des Jahrzehnts darniederliegende #Atari Inc. und führte sie zwölf Jahre lang. Mit dem Atari ST löste er dann auch das Versprechen der Tramel Technology ein. Der ST war nicht nur einer der ersten Computer mit einer grafischen Benutzeroberfläche (GEM von Digital Research), sondern auch der erste Rechner, der die Brücke zwischen Heim- und Arbeitscomputer schlug. Dank professionellen Anwendungen wie Desktop Publishing und serienmässiger MIDI-Schnittstelle etablierte sich der ST in Büros und Tonstudios - lange vor dem Mac, der damals noch Unsummen kostete.&#xA;&#xA;Den Heimcomputer-Markt verlor Tramiel allerdings definitiv an Commodore, das Tramiel/Atari die Entwicklerfirma des Amiga buchstäblich vor der Nase wegkaufte. Der Graben zwischen Amiga- und ST-Usern verlief damals ähnlich tief wie heute jener zwischen der iOS- und der Android-Gemeinde. Das nächste Produkt, die Konsole Jaguar floppte jedoch, und Tramiel zog sich aus dem Berufsleben zurück. Der Rest ist Geschichte, Commodore und Atari sind heute leider nur noch Marken, die von Hersteller zu Hersteller wandern.&#xA;Tramiels Erbe: Die Generation C64&#xA;Scott M. Fulton schrieb in seiner Würdigung von Tramiel auf ReadWriteWeb zurecht:&#xA;&#xA;  &#34;The PET 2001, the Commodore 64, and the Atari ST are three of the most important consumer products ever produced. Although only one was a huge financial success, the way you use your PC and your tablet and your smartphone all depend on the paths blazed by those three devices. Jack was the rare tech-company leader with true retail consumer product experience. He didn&#39;&#39;t invent anything, but he set many of this industry&#39;&#39;s wheels in motion, and we all owe him a huge debt for doing so.&#34;&#xA;&#xA;Aber dies ist nicht der einzige Verdienst von Tramiel. Sein grosser Verkaufsschlager, der C64, zog zumindest im deutschsprachigen Raum eine ganze Generation von Jugendlichen heran, die mit dem &#34;Brotkasten&#34; nicht nur erste Computererfahrungen sammelte, sondern die auch eine erste grosse Szene von Crackern, Swappern, Musikern, Grafikern usw. bildete. Diese &#34;Generation 64&#34; war es, die Mitte der 1990er-Jahre schliesslich das Internet als Fortsetzung dessen begriff, was sie zehn Jahre zuvor auf dem Pausenhof und mit dem Akkustikkoppler beim Tauschen von Programmen praktizierten - nämlich den problemlosen Zugang zu nahezu unbegrenztem digitalem Wissen zu gegen Null tendierenden Kosten. Weltweit und nur einen Mausklick entfernt. Das ist meiner Meinung nach das wahre Erbe Tramiels. Oder wie es heute ein Kommentator auf YouTube etwas prosaischer ausdrückte:&#xA;&#xA;  &#34;LOAD &#34;AFTERLIFE&#34;,8,1&#xA;    Jack Tramiel&#39;&#39;s legacy can not be matched﻿ by anyone in the computer industry, he is the true godfather of computing, R.I.P. You, and what you created, will never be forgotten.&#34;&#xA;&#xA;Literatur&#xA;Brian Bagnall (2011): Volkscomputer. Aufstieg und Fall des Computer-Pioniers Commodore: Die Geschichte von Pet und VC-20, C64 und Amiga und die Geburt des Personal Computers, Utting: Gameplan.&#xA;Christian Stöcker (2011): Nerd Attack! Eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook, München: DVA.&#xA;&#xA;(Erstveröffentlichung: 2012-04-10 23:20:45)&#xA;---&#xA;Bildquelle&#xA;Michael Tomczyk, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons&#xA;mariom990, CC0 (Public Domain), via Wikimedia Commons&#xA;&#xA;Topic&#xA;ThrowbackThursday]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6c/Commodore_Founder_Jack_Tramiel_and_VIC20_Product_Manager_Michael_Tomczyk_celebrated_the_first_million_units_in_1982_which_jump-started_the_home_computer_revolution.jpg" alt="Commodore Founder Jack Tramiel and VIC20 Product Manager Michael Tomczyk celebrated the first million units in 1982">
Am Ostersonntag verstarb in Kalifornien mit <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jack_Tramiel" rel="nofollow">Jack Tramiel</a> (links im Bild) eine der Lichtgestalten der Computergeschichte. Tramiel war Gründer von Commodore, der Visionär hinter dem legendären Heimcomputer C64 und später dann zusammen mit seinen Söhnen auch Besitzer und Chef von Atari. Er hatte somit entscheidenden Anteil daran, dass Computer in das Alltagsleben einzogen und PCs heute in fast jedem Haushalt stehen. Jack Tramiel brachte aber nicht nur den Computer in die Kinderzimmer, er sozialisierte mit dem C64 eine ganze Generation.</p>

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<th align="left">Throwback Thursday</th>
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<td align="left">Dieser Beitrag erschien ursprünglich vor Jahren in einem meiner mittlerweile offline genommenen Blogs. In loser Folge grabe ich tief in meinen archivierten SQL-Datenbanken und stosse manchmal auf sowas wie Gold. Enjoy! <a href="/gisiger/tag:TBT" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">TBT</span></a></td>
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<p>Jack Tramiel, der eigentlich Idek Tramielski hiess, wurde 1928 in Polen geboren und wurde 1944 wegen seiner jüdischen Herkunft als 16-jähriger in Auschwitz interniert. Nach der Befreiung und wenigen Jahren in Deutschland emigrierte er in die USA, wo er den Namen Jack Tramiel annahm und mangels Arbeit zur Armee ging. Während seinem Dienst kümmerte er sich hauptsächlich um die Reparatur von Schreibmaschinen. Dieser Arbeit blieb er auch nach seinem Ausscheiden 1952 treu und eröffnete – mittlerweile eingebürgert – in New York sein erstes Unternehmen, <a href="/gisiger/tag:Commodore" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">Commodore</span></a> Portable Typewriter, dessen Hauptkunde die US Army war. 1954 gründete er schliesslich zwecks Umgehung von Importbeschränkungen in den USA in Kanada die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Commodore_International" rel="nofollow">Commodore Business Machines International (CBM)</a>, die hauptsächlich günstige Schreibmaschinen aus Europa importierte. 1962 brachte er das Unternehmen an die Börse und stieg in den frühen 1970er-Jahren in die Produktion preiswerter Taschenrechner ein.</p>

<h2 id="die-commodore-heimcomputer" id="die-commodore-heimcomputer">Die Commodore-Heimcomputer</h2>

<p>Der erste Coup landete er 1976 mit dem Kauf des jungen Chipherstellers <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/MOS_Technology" rel="nofollow">MOS Technology</a>, dessen 6502 8-Bit-Prozessor-Familie schliesslich nicht nur in den Commodre-Rechnern <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/PET_2001" rel="nofollow">PET 2001</a>, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Commodore_VC_20" rel="nofollow">VC20</a> und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Commodore_64" rel="nofollow">C64</a> steckte, sondern auch in den Apple I und II, den 8-Bit-Homecomputern und den Spielkonsolen von Atari steckten. Dank der Übernahme von MOS war Commodore nun unabhängig von Lieferanten und konnte die gesamte Entwicklung und Produktion im eigenen Unternehmen vornehmen.</p>

<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/28/Commodore_Computers_of_the_1980s_mod.jpg" alt="Commodore Computers of the 1980s"></p>

<p>Dabei war Tramiels Vision immer dieselbe:</p>

<blockquote><p><em>“We need to build computers for the masses, not the classes.”</em></p></blockquote>

<p>In die Zeit fällt übrigens auch Tramiels zweiter Coup, die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Commodore_BASIC" rel="nofollow">Lizenzierung von Microsoft BASIC für alle Commodore-Rechner</a> durch eine Einmalzahlung von US$ 25&#39;000. Bill Gates forderte ursprünglich Lizenzgebühren vom US$ 3 pro ausgeliefertem Gerät – anbetracht der Tatsache, dass Commodore alleine vom C64 mehrere zehn Millionen Geräte verkauft hat, ein wahres Schnäppchen.</p>

<h2 id="die-zeit-bei-atari" id="die-zeit-bei-atari">Die Zeit bei Atari</h2>

<p>1984, also nur zwei Jahre nach der Markteinführung des C64, überwarf sich Tramiel allerdings mit seinen Investoren, so dass er aus dem Unternehmen ausschied. Zunächst gründete er die Tramel Technology, die das Ziel verfolgte, die nächste Generation des Homecomputers zu entwickeln, kaufte dann aber nur wenige Monate später zusammen mit seinen Söhnen die wegen dem Crash des Konsolenmarktes anfang des Jahrzehnts darniederliegende <a href="/gisiger/tag:Atari" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">Atari</span></a> Inc. und führte sie zwölf Jahre lang. Mit dem <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Atari_ST" rel="nofollow">Atari ST</a> löste er dann auch das Versprechen der Tramel Technology ein. Der ST war nicht nur einer der ersten Computer mit einer grafischen Benutzeroberfläche (GEM von Digital Research), sondern auch der erste Rechner, der die Brücke zwischen Heim- und Arbeitscomputer schlug. Dank professionellen Anwendungen wie Desktop Publishing und serienmässiger MIDI-Schnittstelle etablierte sich der ST in Büros und Tonstudios – lange vor dem Mac, der damals noch Unsummen kostete.</p>

<p>Den Heimcomputer-Markt verlor Tramiel allerdings definitiv an Commodore, das Tramiel/Atari die Entwicklerfirma des <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Amiga" rel="nofollow">Amiga</a> buchstäblich vor der Nase wegkaufte. Der Graben zwischen Amiga- und ST-Usern verlief damals ähnlich tief wie heute jener zwischen der iOS- und der Android-Gemeinde. Das nächste Produkt, die Konsole <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Atari_Jaguar" rel="nofollow">Jaguar</a> floppte jedoch, und Tramiel zog sich aus dem Berufsleben zurück. Der Rest ist Geschichte, Commodore und Atari sind heute leider nur noch Marken, die von Hersteller zu Hersteller wandern.</p>

<h2 id="tramiels-erbe-die-generation-c64" id="tramiels-erbe-die-generation-c64">Tramiels Erbe: Die Generation C64</h2>

<p>Scott M. Fulton schrieb <a href="https://web.archive.org/web/20120614080628/http://www.readwriteweb.com/archives/power_without_the_price_the_legacy_of_jack_tramiel.php" rel="nofollow">in seiner Würdigung von Tramiel</a> auf ReadWriteWeb zurecht:</p>

<blockquote><p><em>“The PET 2001, the Commodore 64, and the Atari ST are three of the most important consumer products ever produced. Although only one was a huge financial success, the way you use your PC and your tablet and your smartphone all depend on the paths blazed by those three devices. Jack was the rare tech-company leader with true retail consumer product experience. He didn&#39;&#39;t invent anything, but he set many of this industry&#39;&#39;s wheels in motion, and we all owe him a huge debt for doing so.”</em></p></blockquote>

<p>Aber dies ist nicht der einzige Verdienst von Tramiel. Sein grosser Verkaufsschlager, der C64, zog zumindest im deutschsprachigen Raum eine ganze Generation von Jugendlichen heran, die mit dem “Brotkasten” nicht nur erste Computererfahrungen sammelte, sondern die auch eine erste grosse Szene von Crackern, Swappern, Musikern, Grafikern usw. bildete. Diese “Generation 64” war es, die Mitte der 1990er-Jahre schliesslich das Internet als Fortsetzung dessen begriff, was sie zehn Jahre zuvor auf dem Pausenhof und mit dem Akkustikkoppler beim Tauschen von Programmen praktizierten – nämlich den problemlosen Zugang zu nahezu unbegrenztem digitalem Wissen zu gegen Null tendierenden Kosten. Weltweit und nur einen Mausklick entfernt. Das ist meiner Meinung nach das wahre Erbe Tramiels. Oder wie es heute ein Kommentator auf YouTube etwas prosaischer ausdrückte:</p>

<blockquote><p><em>“LOAD “AFTERLIFE”,8,1</em></p>

<p><em>Jack Tramiel&#39;&#39;s legacy can not be matched﻿ by anyone in the computer industry, he is the true godfather of computing, R.I.P. You, and what you created, will never be forgotten.”</em></p></blockquote>

<h3 id="literatur" id="literatur">Literatur</h3>
<ul><li>Brian Bagnall (2011): Volkscomputer. Aufstieg und Fall des Computer-Pioniers Commodore: Die Geschichte von Pet und VC-20, C64 und Amiga und die Geburt des Personal Computers, Utting: Gameplan.</li>
<li>Christian Stöcker (2011): Nerd Attack! Eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook, München: DVA.</li></ul>

<p><em>(Erstveröffentlichung: 2012-04-10 23:20:45)</em></p>

<hr>

<p><strong>Bildquelle</strong>
1. Michael Tomczyk, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0" rel="nofollow">CC BY-SA 4.0</a>, via Wikimedia Commons
2. mariom990, CC0 (Public Domain), via Wikimedia Commons</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="/gisiger/tag:ThrowbackThursday" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">ThrowbackThursday</span></a></p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/gisiger/tbt-mit-jack-tramiel-verstarb-jungst-eine-der-lichtgestalten-der</guid>
      <pubDate>Thu, 24 Nov 2022 07:59:51 +0000</pubDate>
    </item>
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