20. September 1984

Um mich einmal wieder mit Leuten aus meinem Freundeskreis zu treffen, meldete ich mich wie üblich bei Herrn Salztal. Er weiß immer, wo meine Freundinnen und Freunde sind und was sie gerade machen. Und er wusste besser als ich, ob sie mich überhaupt als Freund sehen. Wenn sie mich nicht mochten, stellte er meine Mitteilung gar nicht zu. (Die Post brachte sogar Briefe, die man gar nicht wollte, nur weil jemand das Porto bezahlt hatte!)

Ich konnte auch Leute abblocken und wurde in Ruhe gelassen – allerdings auch, wenn es wichtig oder zumindest ineressant war.

Herr Salztal war sooo praktisch. Zuerst gab ich ihm meine Telefonnummer und ich bekam dafür seine Unternehmensbroschüre (ungefragt, aber nun gut). Zu meiner eigenen Sicherheit wollte er meine Kontaktadresse, falls ich meinen Schlüssel mal verliere. Es war ein bisschen nervig, dass er seine Broschüren dann auch dahin sendete, aber das war halt der Preis für seinen Service. Es gibt ja die Altpapiertonne.

Als ich die Nummer einer Bekannten eintippte, unterbrach er mich: “Gib mir doch dein Telefonbuch, und ich mache das für dich. Zusätzlich gucke ich in allen anderen privaten Telefonbüchern, ob du drin stehst. Deine Bekannte hat mir ihres auch gegeben, und du stehst drin!” Ob er mir das sagen durfte? Hatte sie ihm das erlaubt? Egal, es war sooo praktisch! Ich bekam sogar ein blaues Häkchen, wenn die Nachricht gelesen worden war.

Natürlich gingen jetzt alle meine Nachrichten durch die Hände von Herrn Salztal, und er machte von allen eine Kopie für sich, auch von den Bildern. Auf meine kritische Nachfrage versicherte er mir: “Deine Nachrichten sind unterwegs verschlüsselt. Ich schließe bei dir ab, und beim Empfänger wieder auf.” Naja, freilich hatte nur Herr Salztal den Schlüssel und konnte gucken, was da so alles unterwegs war.

Es führte dann aber auch dazu, dass Herr Salztal zu allem und jedem eine Meinung hatte. Zuerst ging ich häufiger in seine beiden Kneipen, zu der nur seine Kundinnen und Kunden Zutritt hatten. Bald nervten seine ständigen Kommentare ein bisschen: “Der hört doch gar nicht dieselbe Musik wie du!” Und er zeigte mir immer zuerst die Nachrichten derer, die dieselbe Musik hörten. Was das sollte? Es war Teil seines Geschäfts mit der Musikindustrie. Je mehr wir über unsere Musik redeten, desto mehr Geld würden wir dafür ausgeben – so das Kalkül. Dabei rede ich auch gern mal mit Leuten, die ganz anderes hören.

Aber ich konnte ja immer noch die anderen Nachrichten lesen. Leute, die kaum was mit mir gemeinsam hatten und weit weg wohnten, musste ich allerdings gezielt anschreiben. Manche hätte ich fast vergessen. Angezeigt wurden mir dagegen völlig Unbekannte, nur weil sie ähnliche Interessen hatten. Schon etwas sonderbar – aber insgesamt sooo praktisch.

Dann wurde es noch etwas anstrengender, als mich zwar nicht mehr automatisch seine ganze Kundschaft ansprechen durfte, dafür aber alle seine Geschäftspartner ihre Broschüren übergaben. Manche zupften sogar am Ärmel, wenn ich nicht zuhören wollte.

Ziemlich unerträglich wurde es, als ich zwar weiterhin unerwünschte Gäste von meinem Tisch fernhalten konnte – aber einige Nazis plötzlich als “Geschäftspartner” mit ihren Broschüren zugelassen wurden. Sie durften mich sogar anzuppeln und dazwischenrufen. In seine Kneipen ging ich daraufhin nicht mehr. In meinem Freundeskreis gibt es nämlich keine Nazis – ich hörte deren Scheiß nur, weil ich ständig in Herrn Salztals Kneipen war.

Aber auch sein Nachrichtendienst wurde immer mehr wie seine Kneipen. Das Fass zum Überlaufen brachte dann ein Chor. Herr Salztal hatte alle meine Mitteilungen (also alle meine Interessen, Vorlieben und Abneigungen), alle meine Bilder und Videos, und dieselbe Menge an Informationen von allen anderen seiner Kundschaft an diesen Chor gegeben. Der hatte sich alles angesehen und daraus geschlossen, was jeder von uns am liebsten hören würde. Und er sang es durch die Gegend, machte immer neue Lieder daraus. Wie eine Echokammer.

Statt mit meinen Bekannten konnte ich mich auch mit dem Chor austauschen, obwohl ich niemanden von denen kannte (waren das überhaupt Leute, oder eine Maschine?!). Es gab Bekannte, die sprachen sogar lieber mit dem Chor und hatten vergessen, das sie sich ursprünglich mal mit einer Bekanntschaft hatten verabreden wollen.

Und dann fand ich heraus, dass der Chor all sein Wissen über mich auch nutzte, wenn er anderen etwas vorsang. Ohne meine Zustimmung. Auch in meiner Abwesenheit. Für alle Ewigkeit. Auf alles, was ich gesendet hatte oder senden würde, hatte der Chor für alle Zeiten Zugriff und dichtete seine Lieder daraus. In manchen kam ich vor, als Phantasiefigur auf Bildern in Kleidung, die ich nie getragen hatte.

Das war dann echt zu viel. Ich hatte die Organisation meines Privatlebens an Herrn Salztal gegeben. Als ich genervter wurde, ging ich immer stärker dazu über, es wieder ohne ihn zu organisieren. Aber er wusste natürlich noch alles, was er mal mitgelesen hatte. Immer wieder erwischte ich mich dabei, aus purer Bequemlichkeit seinen Service zu nutzen – es ist doch sooo praktisch.

Aber die Folgen waren mittlerweile unkalkulierbar.

21. September 2026

Jetzt schreibe ich mir wieder direkt mit meinen Bekannten. Da sind ein paar Postdienstleister, die einfach nur die Nachrichten überbringen. Man kann auch Telefonbücher abgleichen, muss es aber nicht. Keine Broschüren mehr. Und vor allem: kein Chor.

Am häufigsten nutze ich den hier. Wenn es wirklich vertraulich sein soll, gibt es auch den hier.

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