On democracy - für die Demokratie

Bites from arguments

Um mich einmal wieder mit Leuten aus meinem Freundeskreis zu treffen, meldete ich mich wie üblich bei Herrn Salztal. Er weiß immer, wo meine Freundinnen und Freunde sind und was sie gerade machen. Und er wusste besser als ich, ob sie mich überhaupt als Freund sehen. Wenn sie mich nicht mochten, stellte er meine Mitteilung gar nicht zu. (Die Post brachte sogar Briefe, die man gar nicht wollte, nur weil jemand das Porto bezahlt hatte!)

Ich konnte auch Leute abblocken und wurde in Ruhe gelassen – allerdings auch, wenn es wichtig oder zumindest ineressant war.

Herr Salztal war sooo praktisch. Zuerst gab ich ihm meine Telefonnummer und ich bekam dafür seine Unternehmensbroschüre (ungefragt, aber nun gut). Zu meiner eigenen Sicherheit wollte er meine Kontaktadresse, falls ich meinen Schlüssel mal verliere. Es war ein bisschen nervig, dass er seine Broschüren dann auch dahin sendete, aber das war halt der Preis für seinen Service. Es gibt ja die Altpapiertonne.

Als ich die Nummer einer Bekannten eintippte, unterbrach er mich: “Gib mir doch dein Telefonbuch, und ich mache das für dich. Zusätzlich gucke ich in allen anderen privaten Telefonbüchern, ob du drin stehst. Deine Bekannte hat mir ihres auch gegeben, und du stehst drin!” Ob er mir das sagen durfte? Hatte sie ihm das erlaubt? Egal, es war sooo praktisch! Ich bekam sogar ein blaues Häkchen, wenn die Nachricht gelesen worden war.

Natürlich gingen jetzt alle meine Nachrichten durch die Hände von Herrn Salztal, und er machte von allen eine Kopie für sich, auch von den Bildern. Auf meine kritische Nachfrage versicherte er mir: “Deine Nachrichten sind unterwegs verschlüsselt. Ich schließe bei dir ab, und beim Empfänger wieder auf.” Naja, freilich hatte nur Herr Salztal den Schlüssel und konnte gucken, was da so alles unterwegs war.

Es führte dann aber auch dazu, dass Herr Salztal zu allem und jedem eine Meinung hatte. Zuerst ging ich häufiger in seine beiden Kneipen, zu der nur seine Kundinnen und Kunden Zutritt hatten. Bald nervten seine ständigen Kommentare ein bisschen: “Der hört doch gar nicht dieselbe Musik wie du!” Und er zeigte mir immer zuerst die Nachrichten derer, die dieselbe Musik hörten. Was das sollte? Es war Teil seines Geschäfts mit der Musikindustrie. Je mehr wir über unsere Musik redeten, desto mehr Geld würden wir dafür ausgeben – so das Kalkül. Dabei rede ich auch gern mal mit Leuten, die ganz anderes hören.

Aber ich konnte ja immer noch die anderen Nachrichten lesen. Leute, die kaum was mit mir gemeinsam hatten und weit weg wohnten, musste ich allerdings gezielt anschreiben. Manche hätte ich fast vergessen. Angezeigt wurden mir dagegen völlig Unbekannte, nur weil sie ähnliche Interessen hatten. Schon etwas sonderbar – aber insgesamt sooo praktisch.

Dann wurde es noch etwas anstrengender, als mich zwar nicht mehr automatisch seine ganze Kundschaft ansprechen durfte, dafür aber alle seine Geschäftspartner ihre Broschüren übergaben. Manche zupften sogar am Ärmel, wenn ich nicht zuhören wollte.

Ziemlich unerträglich wurde es, als ich zwar weiterhin unerwünschte Gäste von meinem Tisch fernhalten konnte – aber einige Nazis plötzlich als “Geschäftspartner” mit ihren Broschüren zugelassen wurden. Sie durften mich sogar anzuppeln und dazwischenrufen. In seine Kneipen ging ich daraufhin nicht mehr. In meinem Freundeskreis gibt es nämlich keine Nazis – ich hörte deren Scheiß nur, weil ich ständig in Herrn Salztals Kneipen war.

Aber auch sein Nachrichtendienst wurde immer mehr wie seine Kneipen. Das Fass zum Überlaufen brachte dann ein Chor. Herr Salztal hatte alle meine Mitteilungen (also alle meine Interessen, Vorlieben und Abneigungen), alle meine Bilder und Videos, und dieselbe Menge an Informationen von allen anderen seiner Kundschaft an diesen Chor gegeben. Der hatte sich alles angesehen und daraus geschlossen, was jeder von uns am liebsten hören würde. Und er sang es durch die Gegend, machte immer neue Lieder daraus. Wie eine Echokammer.

Statt mit meinen Bekannten konnte ich mich auch mit dem Chor austauschen, obwohl ich niemanden von denen kannte (waren das überhaupt Leute, oder eine Maschine?!). Es gab Bekannte, die sprachen sogar lieber mit dem Chor und hatten vergessen, das sie sich ursprünglich mal mit einer Bekanntschaft hatten verabreden wollen.

Und dann fand ich heraus, dass der Chor all sein Wissen über mich auch nutzte, wenn er anderen etwas vorsang. Ohne meine Zustimmung. Auch in meiner Abwesenheit. Für alle Ewigkeit. Auf alles, was ich gesendet hatte oder senden würde, hatte der Chor für alle Zeiten Zugriff und dichtete seine Lieder daraus. In manchen kam ich vor, als Phantasiefigur auf Bildern in Kleidung, die ich nie getragen hatte.

Das war dann echt zu viel. Ich hatte die Organisation meines Privatlebens an Herrn Salztal gegeben. Als ich genervter wurde, ging ich immer stärker dazu über, es wieder ohne ihn zu organisieren. Aber er wusste natürlich noch alles, was er mal mitgelesen hatte. Immer wieder erwischte ich mich dabei, aus purer Bequemlichkeit seinen Service zu nutzen – es ist doch sooo praktisch.

Aber die Folgen waren mittlerweile unkalkulierbar.

21. September 2026

Jetzt schreibe ich mir wieder direkt mit meinen Bekannten. Da sind ein paar Postdienstleister, die einfach nur die Nachrichten überbringen. Man kann auch Telefonbücher abgleichen, muss es aber nicht. Keine Broschüren mehr. Und vor allem: kein Chor.

Am häufigsten nutze ich den hier. Wenn es wirklich vertraulich sein soll, gibt es auch den hier.

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How could the German #noafd secure such a landslide victory? Because they allow to hate migrants and promise the prospect of violence against them (and others).

It's clear and neither difficult to see nor unique to the German case – worldwide, we observe the ascendance of these fascist movements.

Yet, the problem with this plain view is the reluctance of democrats to name it directly, and to react accordingly.

The supporters of fascism want a different social order, and they are not interested in any kind of improved democracy.

What many well-meaning democrats suggest – to develop programmes that serve the rational interest of these people – is absolutely futile. Social decline may characterise the biography of some fascists, but they strive only for a very specific, and direct, and bodily repair of this experience. They want to make their scapegoats suffer. Nothing else will satisfy them.

So, the necessary answer is very clear: They must be forbidden from doing so. Only the power of law will contain and ammeliorate this problem.

The challenge for democracy is not the answer itself, but it's institutionalisation. Democracy carries a burden of modernisation theories. They promised that one day everything will be fine. Everybody would finally be wealthy, civilised, and happily included.

The non-existing case were people who do not want democratic equality, not even for themselves. People who prefer “declarations of dependence” (James Ferguson), and the subjugation to a leader that allows them to hate and beat.

This problem exists on the local and on the global level. Neither do we have a justified way of forcing fascist into compliance nor do we know of how to conceptualise a world in which authoritarian regimes will exist as a rule (and not as an aberrance or exception).

Hence, there is a lot to discuss – but not of how to encounter fascists.

For those who ask for a reference: https://en.wikipedia.org/wiki/Escape_from_Freedom

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Fast jeder kennt die Worte von Adam Smith über die unsichtbare Hand des Marktes. Der Sinn dieses Satzes ist so offenkundig, dass er kaum misszuverstehen ist: Smith wollte seinen Gott für den wirtschaftlichen Aufschwung preisen, der sich vor seinen Augen in den 1770ern Edinburgh ereignete.

Im Rest seines Buches sind zahlreiche gute Beobachtungen und Erklärungen – aber mit voller Absicht hat er den Ausgleich von Angebot und Nachfrage als ein Wunder beschrieben, weil er es nur dann auf Gott zurückführen konnte.

Aber wollen wir diese Erklärung heute ernsthaft beibehalten? Zumal das beschriebene Wunder sehr einfach zu erklären ist: als “Marktwirtschaft” bezeichnen wir eine Umgebung, in der Anbietende die Nachfrage abschätzen können, und Nachfragende wiederum das Angebot. Und deshalb erwarten sie einen Anstieg oder einen Fall der Preise, zu denen getauscht wird, und passen ihr jeweiliges Verhalten im Vorgriff an. Kein Wunder also, dass Preise nicht in die eine oder andere Richtung davongaloppieren. Warum also 2026 immer noch dieser ökonomische Gottesglaube?

Auch dies kann sehr einfach erklärt werden. Wer eine Religion verstehen will, muss fragen, wer die Priester sind, die das Geheimnis hüten. Und das freie Spiel der Märkte nützt ganz offenkundig denen am meisten, die bereits haben. Auch der Teufel hat folglich in dieser Religion einen Namen: Umverteilung. Gegenwärtig scheint Umverteilung gefährlicher als die Klimaerwärmung – obwohl um uns herum die Wälder abbrennen. Was für eine Religion!

Der Teufel steckt in Steuern und Abgaben, in Fördergeldern, in Gemeinnützigkeit. Er steckt auch in Investititionen und günstigen Krediten. Wer dem Teufel abschwört, macht die Eigentümer:innen zur bestimmenden Oligarchie eines Landes. Und wer den Priestern folgt, möchte zu dieser Oligarchie gehören – das ist das verbindende Motiv der Marktgläubigkeit.

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Die Frage, ob wir #Gesellschaft als die aktiv herzustellende Gruppe der legitim auf dem Staatsterritorium befindlichen Menschen sehen, oder alternativ als vorgestellte Verwandtschaftbeziehung (aka “Volk”) hat massive Auswirkungen auf die Art der Politik.

Dies wird deutlich, wenn die #noafd plant, von Kulturschaffenden ein patriotisches Bekenntnis zu verlangen. Ihr Argument: wer nicht “für” Deutschland spreche, solle “von” Deutschland auch keine Steuergelder erhalten. Loyalität, und die Logik einer patriarchalen Familie.

Das Kernproblem ist, dass Loyalität die Wahrheitsfindung unterbindet. Denn Wahrheit basiert auf Kritik, das ist der begründete Widerspruch zur vorherrschenden Auffassung. Kritik ist die Voraussetzung, um Fehler korrigieren zu können.

Loyalität bedeutet den Verzicht auf Kritik, und damit die Fortsetzung und Kopie des Bestehenden.

Echte Freund:innen erkennt man an ernsthafter Kritik, die einem Fehlerkorrektur erlaubt. Das gilt auch politisch.

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Es gibt zwei einander ausschließende Existenzweisen, die Demokratie und den Nationalismus.

Demokratie verspricht gleiches Recht für alle. Weil dies aufgrund existierender Ungleichheit faktisch nie für alle gleichzeitig der Fall ist, bezieht sie ihre Zustimmung aus dem zukünftigen Versprechen. Sie muss also den Möglichkeitsraum offen halten, und zwar für alle, und die entstehenden Lasten und Nachteile verteilen.

Nationalismus verspricht persönliche Vorteile durch Ausschluss anderer. Weil dies eine Feststellung braucht, wer dazugehört und wer ausgeschlossen wird, muss er Emotionalisieren und eine fiktive Familie “Nation” schaffen, was durch die tatsächliche Feindschaft zu Fremden und Fremdem gelingt.

Demokratie muss sich global auf alle beziehen und ist daher immer utopisch. Nationalismus kann sich auf homogene Minderheiten stützen und ist daher immer gewalttätig.

Die #noafd und andere autoritäre Nationalismen sind derzeit aus drei Gründen sehr erfolgreich:

  1. Sie sind konkret und gegenwartsbezogen. Sie versprechen “jetzt” eine Besserung für alle Dazugehörigen, erzielt durch den Ausschluss der Nicht-Zugehörigen. Alles, was sie dafür verlangen, ist Unterstützung, Treue und Glaube der Zugehörigen.

  2. Schuld sind die Fremden und anderen. Daraus folgt vor allem, dass für die eigene Person kein Änderungsbedarf, kein Lernbedarf und keine zusätzliche Anstrengung erforderlich ist.

  3. Die Versprechen der Demokratie sind unglaubwürdig geworden, als man aufhörte, die Lasten und Nachteile eines offenen Möglichkeitsraumes zu verteilen. Die Privilegierten sollten davor bewahrt werden, damit sie der Demokratie ihre Unterstützung nicht entziehen. Leider haben viele es dennoch getan.

Demokratie kann dieses Problem lösen, indem sie die friedliche und auskömmliche Zukunft für alle plant und angeht, und den sanften Zwang der Mehrheit zu einer Lastenverteilung auf privilegierte Minderheiten nutzt. Der Anreiz für die in ihren individuellen Privilegien Eingeschränkten kann in der kollektiven Stabilität dauerhaft vorteilhafter Umstände (gute Infrastruktur, friedliche Gesellschaft) liegen.

Nationalismus zieht Privilegierte durch das Versprechen ungehemmter Vermehrung der individuellen Vorteile an. Seine dystopischen und verschwiegenen Kosten liegen in den Folgen der Gewalt des Ausschlusses. Denn um die versprochenen Vorteile herbeizuschaffen, muss der Ausschluss, die Armut und der Tod anderer erzwungen werden. Das erfordert noch mehr Gewalt und erzeugt Feindseligkeit und Widerstand, und es macht Krieg wahrscheinlicher.

Demokratie kann hingegen eine unbegrenzte Zukunft versprechen, weil sie alle dafür mobilisieren kann. Es ist gerade die Utopie des Versprechens, die zum Engagement und Einsatz, und auch zur Leistungsbereitschaft führt. Aber dafür müssen realistische Fortschritte und gerechtfertigte Lastenverteilungen umgesetzt werden.

Die Schwachstelle des Nationalismus ist die Emotionalität, und die Stärke der Demokratie ist die Rationalität. Denn die Leidenschaften des Nationalismus führen letztlich zu Illusionen, ergebnisloser Verausgabung und einer feindseligen Umwelt. Die Nüchternheit der Demokratie führen letztlich zu kleinschrittigen tatsächlichen Verbesserungen.

Augenblicklich erscheint es umgekehrt – der Nationalismus mobilisiert mit der Erlaubnis zu Ausschweifung und Hass, die Demokratie verliert durch bescheidene Flickschusterei. Und diese Umkehrung entsteht durch weit verbreitete emotionale Gegenwartsbezogenheit unter Verwerfung der im Wissen archivierten Vergangenheit und Ausblendung zukünftiger Aussichten.

Die gegenwärtige Schwäche der Demokratie besteht darin, keine realitätstüchtige Aussicht auf die Zukunft zu entwerfen, in der erwartbare Fortschritte und vertretbare Lastenverteilungen mit der Aussicht auf einen stabilen Möglichkeitsraum verbunden werden.

Es ist irrational, offenkundige Missstände zu erdulden, nur weil man die erforderliche Verteilung von Kosten, Zumutungen und Belastungen nicht auszusprechen wagt. Damit imitiert man die illusorische Jetztbezogenheit des Nationalismus, die von der kommenden Gewalttätigkeit ablenkt.

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