Marktgläubigkeit

Fast jeder kennt die Worte von Adam Smith über die unsichtbare Hand des Marktes. Der Sinn dieses Satzes ist so offenkundig, dass er kaum misszuverstehen ist: Smith wollte seinen Gott für den wirtschaftlichen Aufschwung preisen, der sich vor seinen Augen in den 1770ern Edinburgh ereignete.

Im Rest seines Buches sind zahlreiche gute Beobachtungen und Erklärungen – aber mit voller Absicht hat er den Ausgleich von Angebot und Nachfrage als ein Wunder beschrieben, weil er es nur dann auf Gott zurückführen konnte.

Aber wollen wir diese Erklärung heute ernsthaft beibehalten? Zumal das beschriebene Wunder sehr einfach zu erklären ist: als “Marktwirtschaft” bezeichnen wir eine Umgebung, in der Anbietende die Nachfrage abschätzen können, und Nachfragende wiederum das Angebot. Und deshalb erwarten sie einen Anstieg oder einen Fall der Preise, zu denen getauscht wird, und passen ihr jeweiliges Verhalten im Vorgriff an. Kein Wunder also, dass Preise nicht in die eine oder andere Richtung davongaloppieren. Warum also 2026 immer noch dieser ökonomische Gottesglaube?

Auch dies kann sehr einfach erklärt werden. Wer eine Religion verstehen will, muss fragen, wer die Priester sind, die das Geheimnis hüten. Und das freie Spiel der Märkte nützt ganz offenkundig denen am meisten, die bereits haben. Auch der Teufel hat folglich in dieser Religion einen Namen: Umverteilung. Gegenwärtig scheint Umverteilung gefährlicher als die Klimaerwärmung – obwohl um uns herum die Wälder abbrennen. Was für eine Religion!

Der Teufel steckt in Steuern und Abgaben, in Fördergeldern, in Gemeinnützigkeit. Er steckt auch in Investititionen und günstigen Krediten. Wer dem Teufel abschwört, macht die Eigentümer:innen zur bestimmenden Oligarchie eines Landes. Und wer den Priestern folgt, möchte zu dieser Oligarchie gehören – das ist das verbindende Motiv der Marktgläubigkeit.

@[email protected]