Warum ist die #noafd so erfolgreich?

Es gibt zwei einander ausschließende Existenzweisen, die Demokratie und den Nationalismus.

Demokratie verspricht gleiches Recht für alle. Weil dies aufgrund existierender Ungleichheit faktisch nie für alle gleichzeitig der Fall ist, bezieht sie ihre Zustimmung aus dem zukünftigen Versprechen. Sie muss also den Möglichkeitsraum offen halten, und zwar für alle, und die entstehenden Lasten und Nachteile verteilen.

Nationalismus verspricht persönliche Vorteile durch Ausschluss anderer. Weil dies eine Feststellung braucht, wer dazugehört und wer ausgeschlossen wird, muss er Emotionalisieren und eine fiktive Familie “Nation” schaffen, was durch die tatsächliche Feindschaft zu Fremden und Fremdem gelingt.

Demokratie muss sich global auf alle beziehen und ist daher immer utopisch. Nationalismus kann sich auf homogene Minderheiten stützen und ist daher immer gewalttätig.

Die #noafd und andere autoritäre Nationalismen sind derzeit aus drei Gründen sehr erfolgreich:

  1. Sie sind konkret und gegenwartsbezogen. Sie versprechen “jetzt” eine Besserung für alle Dazugehörigen, erzielt durch den Ausschluss der Nicht-Zugehörigen. Alles, was sie dafür verlangen, ist Unterstützung, Treue und Glaube der Zugehörigen.

  2. Schuld sind die Fremden und anderen. Daraus folgt vor allem, dass für die eigene Person kein Änderungsbedarf, kein Lernbedarf und keine zusätzliche Anstrengung erforderlich ist.

  3. Die Versprechen der Demokratie sind unglaubwürdig geworden, als man aufhörte, die Lasten und Nachteile eines offenen Möglichkeitsraumes zu verteilen. Die Privilegierten sollten davor bewahrt werden, damit sie der Demokratie ihre Unterstützung nicht entziehen. Leider haben viele es dennoch getan.

Demokratie kann dieses Problem lösen, indem sie die friedliche und auskömmliche Zukunft für alle plant und angeht, und den sanften Zwang der Mehrheit zu einer Lastenverteilung auf privilegierte Minderheiten nutzt. Der Anreiz für die in ihren individuellen Privilegien Eingeschränkten kann in der kollektiven Stabilität dauerhaft vorteilhafter Umstände (gute Infrastruktur, friedliche Gesellschaft) liegen.

Nationalismus zieht Privilegierte durch das Versprechen ungehemmter Vermehrung der individuellen Vorteile an. Seine dystopischen und verschwiegenen Kosten liegen in den Folgen der Gewalt des Ausschlusses. Denn um die versprochenen Vorteile herbeizuschaffen, muss der Ausschluss, die Armut und der Tod anderer erzwungen werden. Das erfordert noch mehr Gewalt und erzeugt Feindseligkeit und Widerstand, und es macht Krieg wahrscheinlicher.

Demokratie kann hingegen eine unbegrenzte Zukunft versprechen, weil sie alle dafür mobilisieren kann. Es ist gerade die Utopie des Versprechens, die zum Engagement und Einsatz, und auch zur Leistungsbereitschaft führt. Aber dafür müssen realistische Fortschritte und gerechtfertigte Lastenverteilungen umgesetzt werden.

Die Schwachstelle des Nationalismus ist die Emotionalität, und die Stärke der Demokratie ist die Rationalität. Denn die Leidenschaften des Nationalismus führen letztlich zu Illusionen, ergebnisloser Verausgabung und einer feindseligen Umwelt. Die Nüchternheit der Demokratie führen letztlich zu kleinschrittigen tatsächlichen Verbesserungen.

Augenblicklich erscheint es umgekehrt – der Nationalismus mobilisiert mit der Erlaubnis zu Ausschweifung und Hass, die Demokratie verliert durch bescheidene Flickschusterei. Und diese Umkehrung entsteht durch weit verbreitete emotionale Gegenwartsbezogenheit unter Verwerfung der im Wissen archivierten Vergangenheit und Ausblendung zukünftiger Aussichten.

Die gegenwärtige Schwäche der Demokratie besteht darin, keine realitätstüchtige Aussicht auf die Zukunft zu entwerfen, in der erwartbare Fortschritte und vertretbare Lastenverteilungen mit der Aussicht auf einen stabilen Möglichkeitsraum verbunden werden.

Es ist irrational, offenkundige Missstände zu erdulden, nur weil man die erforderliche Verteilung von Kosten, Zumutungen und Belastungen nicht auszusprechen wagt. Damit imitiert man die illusorische Jetztbezogenheit des Nationalismus, die von der kommenden Gewalttätigkeit ablenkt.

@[email protected]