tagesbuch

Begründungen

Mein Schlüsselerlebnis zum Verständnis des weltweiten Aufstiegs der populistischen Nationalismen ereigenete sich im Frühjahr 2020. Im Lockdown nach Ausbruch der Covid-19-Pandemie sagte ein mir bis dahin unauffäliger Nachbar beim Frischluftschnappen im Hof: “Ich glaube nicht, dass so viele Menschen an dem Virus sterben. Es gibt da so Seiten im Internet.”

Zum einen war die Situation leicht verständlich: die Folgen des Pandemie-Einbruchs waren so drastisch, dass er sie verleugnete. Die psychische Motivation war ebenso offenkundig: “wenn es nicht wahr ist, muss ich mich nicht ändern”.

Zum anderen war das Gespräch erschreckend: denn jede Fortsetzung war sinnlos. Als Tatsache praktisch beweisen kann man nur seine direkt erreichbare Umwelt, alles andere ist #Kommunikation. In der Kommunikation sind Behauptungen auf #Begründungen angewiesen. Und wenn sich jemand der Schlüssigkeit von #Argumenten durch ein schlichtes “glaube ich nicht” verweigert, bricht die Kommunikation ab (oder irrlichtert ziellos weiter).

Die Covid-19-Pandemie war ein Katalysator für den populistischen #Nationalismus. Dieser hatte schon nach der #Finanzkrise 2008 erheblich an Zustimmung gewonnen, als radikale Alternative zur #Demokratie. Die Finanzkrise hatte offenkundig werden lassen, dass es eine Elite tatsächlich gibt. Denn die Schäden und Belastungen trafen ökonomisch Schwächere (sowohl individuell als auch staatlich), doch im Bankensektor schien niemand im juristischen Sinne schuldig zu sein. Es gab keine Gerichtsverfahren oder politisch einschneidenden Eingriffe, um etwa die Kosten der Krise bei den Profiteur:innen des Wertpapierhandels einzutreiben. In diesem Moment versagte die Demokratie, weil sie offensichtlicher Ungerechtigkeit tatenlos zusah, oder sogar noch rechtfertigte. Sie untergrub die von ihr versprochene #Gleichheit.

Der populistische Nationalismus sammelte fast alle Unzufriedenen, die man gegen das System mobilisieren konnte. Die wenigen linken Alternativen (wie etwa Syriza in Griechenland) scheiterten daran, dass die Demokratie tatsächlich ein #System ist: nämlich eine komplexe Organisation voneinander abhängiger Teile. Es lässt nicht zu, dass nur eine Komponente oder nur ein lokaler Ort sich grundlegend ändert, weil in der Weltwirtschaft alles vernetzt ist und Wechselwirkungen aufeinander hat. Für grundlegende Veränderungen braucht es immer eine kritische Masse.

Eine solche kritische Masse bilden, unterstützt von “Social Media”, aber mittlerweile die populistischen Nationalismen. Die Bereitschaft zur Verleugnung, um Anpassungszwänge abzuwehren, vermischt sich in gefährlicher Form mit der Wut von Enttäuschten. Enttäuschung und die Erlaubnis zu aggressivem Hass ergeben eine teuflische Mischung.

Die #noafd halte ich für brandgefährlich. Denn sollte sie an Regierungsgewalt gelangen, bliebe ihr gar nichts anderes übrig, als ihre Diskriminierungen, Unterdrückungen und Vertreibungen umzusetzen – denn ein alternatives politisches Programm haben sie nicht. Um ihre Wähler:innen bei Stange zu halten, müssten sie ihren Hass soweit wie möglich in die Tat umsetzen.

Rome wasn't burnt in a day.