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    <title>sowjetunion &amp;mdash; Janus Newstrujew</title>
    <link>https://paper.wf/newstrujew/tag:sowjetunion</link>
    <description>Gedanken, die nicht in einen Mastodon-Tröt passen&lt;a href=&#34;https://autistics.life/@Newstrujew/&#34; rel=&#34;me&#34;&gt;&lt;/a&gt;</description>
    <pubDate>Sat, 02 May 2026 16:15:12 +0000</pubDate>
    <item>
      <title>Wie wandert man eigentlich aus?</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/wie-wandert-man-eigentlich-aus</link>
      <description>&lt;![CDATA[#flucht #sowjetunion #antisemitismus #diskriminierung #chancengleichheit #bildung &#xA;&#xA;Ich bin in einem Land geboren, das nicht mehr existiert: die Sowjetunion. Die Auswanderung nach Deutschland ist ein einschneidendes Ereignis meines Lebens, das es in ein &#34;davor&#34; und ein &#34;danach&#34; aufteilt. Menschen, die in Deutschland geboren sind, können sich so etwas meist nicht einmal annähernd vorstellen. Viele meinen jedoch, dass sie es könnten, weil sie z.B. schon mal paar Jahre im Ausland verbracht haben. Und sie meinen, sie wären dadurch zu einem Urteil über &#34;die Ausländer&#34; berechtigt.&#xA;&#xA;Eigentlich will ich niemanden belehren, aber diese Erfahrungen sind in keinster Weise vergleichbar. Es ist etwas völlig anderes, wenn man aus Verzweiflung auswandert und nie wieder zurück kann. Wenn man nicht weiß, was einen erwartet. Wenn man sich nicht verständigen kann, weil man die Sprache nicht kann. Wenn man auf Hilfe angewiesen ist und gleichzeitig weiß, dass einen eigentlich niemand hier haben will.!--more--&#xA;&#xA;Dabei hatte es meine Familie gut. Wir durften &#34;geregelt&#34; einreisen, mit Erlaubnis. Wir konnten unsere Reise sorgfältig planen und mussten unser Leben nicht riskieren. Wenn ich hier also meine Erfahrungen skizziere, bedenkt bitte: Leute, die heute in Deutschland Asyl suchen, mussten sehr viel mehr durchmachen. Und gleichzeitig müssen sie mit der Unsicherheit leben, morgen vielleicht schon in das Land abgeschoben zu werden, das sie unter großem Risiko für sich verlassen haben.&#xA;&#xA;Wieso auswandern?&#xA;&#xA;Gewisse Kreise in Deutschland sind überzeugt: eine Auswanderung passiert primär aus wirtschaftlichen Gründen. Warum in der Heimat bleiben, wenn es anderswo mehr Geld gibt? Tatsächlich gehört aber eine ordentliche Portion Verzweiflung dazu, alles zu verlassen, was man kennt, und ins Ungewisse zu reisen.&#xA;&#xA;Als die Sowjetunion sich ihrem Ende zuneigte, wurden die Ausreisen häufiger. Das hatte vor allem damit zu tun, dass eine Ausreise nach Israel für Juden zwar immer noch nicht gerade unproblematisch war, aber immerhin legal. Und zwar war es die Zeit der leeren Ladenregale, aber seien wir mal ehrlich: wer wandert denn in die permanente Kriegszone Israel aus, um unbeschwert einkaufen zu können?&#xA;&#xA;Der tatsächliche Grund hatte sehr viel mit Antisemitismus zu tun. Juden waren in der Sowjetunion immer massiver Diskriminierung ausgesetzt. Die Idee, in einem jüdischen Staat zu leben und nie wieder alltäglichen Antisemitismus zu erleben, hatte eine enorme Anziehungskraft.&#xA;&#xA;Einige unserer Bekannten und Verwandten sind ausgewandert. Sie schickten uns offizielle Einladungen, damit wir auch eine Ausreise beantragen konnten. Diese Briefe lagen bei uns jahrelang herum, unbenutzt. Das Leben wurde immer beschwerlicher und ungewisser, aber meine Eltern wollten nicht weg.&#xA;&#xA;Trotzdem bereiteten sie sich auf alle Eventualitäten vor, und so wurde ich in dieser Zeit unterrichtet, um wenigstens etwas übers Judentum zu lernen, mit dem ich überhaupt nicht vertraut war. Meine Eltern lernten Hebräisch.&#xA;&#xA;Und dann war die Sowjetunion nicht mehr. Wir lebten plötzlich in einem Land, in dem ungezügelter Nationalismus regierte. Dieser führte schon bald zu einem Bürgerkrieg. Das betraf uns zwar nicht unmittelbar. Dass der Bürgerkrieg bald mit einem Waffenstillstand enden und dieser Waffenstillstand Jahrzehnte halten würde, war zu dem Zeitpunkt aber nicht absehbar.&#xA;&#xA;Der Nationalismus hingegen war eine direkte Bedrohung. Dieser richtete sich gegen Russen wie gegen Juden. Als russischsprachiger Jude war ich das Feindbild schlechthin. Die Familie meines Vaters lebte seit mindesten hundert Jahren in dieser Stadt, länger kann ich meine Familiengeschichte nicht zurückverfolgen. Aber das zählte nicht mehr, und tatsächlich blieb von der ehemals zahlreichen russischsprachigen und jüdischen Bevölkerung der Stadt innerhalb von wenigen Jahren kaum etwas übrig.&#xA;&#xA;Ich hatte hier keine Zukunft mehr, das war meinen Eltern klar. Der sowjetische Antisemitismus war schlimm, aber man kannte ihn. Man wusste, was man tun und lassen sollte, um die schlimmsten Auswüchse zu vermeiden. Der neue Antisemitismus kannte dagegen keine Grenzen und war unberechenbar.&#xA;&#xA;Dazu kam die wachsende Kriminalität. Mein Vater war Kleinunternehmer, Kennern der Epoche sagt vielleicht der Begriff &#34;Kooperative&#34; etwas. Ihm wurde schon damals klar, dass jegliche unternehmerische Tätigkeit sich bald mit der organisierten Kriminalität arrangieren muss. Das wollte er nicht.&#xA;&#xA;Ein Nachbar von uns, ein deutlich erfolgreicherer Unternehmer, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Einige Monate nach unserer Abreise schlug er mit seiner Familie in unserem Wohnheim auf. Sie mussten das Land fluchtartig in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verlassen, weil er irgendeinem Kriminellen in die Quere kam. Ihm blieb nichts anderes übrig, nachdem er Drohungen bekam, in denen der Tagesablauf seiner Kinder genau geschildert wurde.&#xA;&#xA;Wohin soll es gehen?&#xA;&#xA;Es kommt für euch vielleicht wie ein Schock, aber Deutschland war nicht unsere erste Wahl. Nach Israel wollten meine Eltern zwar nicht, weil sie ihre Kinder schützen wollten. Aber sie wären viel lieber in die USA ausgereist, und das nicht nur wegen der deutschen Geschichte. In den USA waren schon viele Bekannte, die die Lage bereits erkundet haben und notfalls helfen konnten. In Deutschland kannten wir niemanden.&#xA;&#xA;Die Antworten von der deutschen und von der amerikanischen Botschaft kamen zwar fast zeitgleich bei uns an. Während Deutschland uns aber eine Einreisegenehmigung schickte, kam von den Amerikanern die Einladung zu einem Interview. In der amerikanischen Botschaft, die damals nur im fernen Moskau existierte. Zu dem die gesamte Familie erscheinen musste, den sturen Großvater und die demente Großmutter eingeschlossen. Die andere Großmutter mit der klinischen Depression natürlich auch. Und dieses Interview würde zwar wahrscheinlich zu einer Einreiseerlaubnis führen (dem Beruf meines Vaters sei dank), aber ohne Garantie und ohne eines verlässlichen zeitlichen Rahmens.&#xA;&#xA;Die Wahl fiel nicht leicht. Auf der einen Seite Gewissheit, aber es war ja Deutschland. Auf der anderen Seite eine beschwerliche Reise, vermutlich viel Wartezeit (und wer weiß, was in der Zwischenzeit passieren könnte), ungewisser Ausgang. Und mein Großvater, der es niemals verzeihen würde, sollte er diese Reise umsonst gemacht haben.&#xA;&#xA;Kürzlich meinte mein Vater, die Entscheidung hätte ich getroffen. Und tatsächlich erinnere ich mich dumpf an das Gespräch, in dem mich das Unterstützungssystem in Deutschland überzeugt hat, im Gegensatz zu den USA, wo meine Eltern schon bald ins kalte Wasser geworfen würden. Aber natürlich kann man eine solche Entscheidung nicht auf ein Kind abwälzen, obwohl es erstaunlich viele Eltern versuchen. Vermutlich, weil auch Erwachsene damit völlig überfordert sind.&#xA;&#xA;Jedenfalls beschlossen meine Eltern, ihr Glück nicht herauszufordern. Es ging nach Deutschland.&#xA;&#xA;Die Vorbereitungen&#xA;&#xA;Flugtickets waren schon bald gekauft, für eine wahrlich astronomische Summe. Aber wie verpackt und verschifft man ein Leben?&#xA;&#xA;Hier hatten wir Glück: wir konnten recht viele Sachen ins Flugzeug mitnehmen, und wir durften einen Container nach Deutschland schicken. Die Details kenne ich nicht, diesen Container habe ich nie gesehen. Aber er muss durchaus geräumig gewesen sein.&#xA;&#xA;Jedoch natürlich nicht so geräumig, dass wir alles mitnehmen könnten. Und deswegen hatten wir die Qual der Wahl: Was braucht man? Was wirft man weg? Was lässt sich verkaufen? Was verschenkt man?&#xA;&#xA;Und da war noch etwas. Der neue Nationalstaat hatte Bedenken, dass die Juden Kulturgüter und Geld aus dem Land ausführen würden. Also wurden strikte Beschränkungen auferlegt. Beispielsweise durfte man höchstens 400 US-Dollar (soweit ich mich erinnere) an westlichen Währungen mitnehmen. Schon der Währungstausch war streng limitiert, mein Vater hat bereits über Jahre Möglichkeiten gesucht, westliche Währungen zu kaufen. Wertlose Nationalwährung durfte man dagegen mitnehmen, wie man wollte. Alle Ähnlichkeiten mit den Gesetzen des Dritten Reiches sind natürlich rein zufällig.&#xA;&#xA;Also durften wir etliche bürokratische Hürden nehmen, um unsere hochgradig &#34;wertvolle&#34; Sammlung von diversen Ansteckbuttons und ein paar Silberlöffel ausführen zu dürfen. Nach dieser Erfahrung haben wir uns die Mühe mit den Briefmarken gespart und sie einfach in einen Briefumschlag gepackt. In diesem Briefumschlag liegen sie übrigens immer noch, es hatte seitdem niemand Lust auf diese Sammlung.&#xA;&#xA;Und was Geld anging, so fand mein Vater jemanden, den er bestechen konnte, damit es da keine Probleme gab. Nicht, dass wir derart viel Geld hätten. Aber wir hatten eine Wohnung, die wir hofften zu verkaufen. Was sich mit einem laufenden Bürgerkrieg als ziemlich schwierig herausstellte. Letztendlich musste dieses Unterfangen aufgegeben werden, für die Wohnung wurde nicht annähernd genug geboten. Ein Freund meines Vaters hat die Wohnung paar Jahre später verkauft, als die Nachfrage wieder anstieg. Das Geld hat er nach Israel mitgenommen, von dort kam es irgendwie zu uns.&#xA;&#xA;Es waren Sommerferien, aber ich war auch beschäftigt. Ich bastelte Kartons aller Größen, damit wir unser Geschirr verpacken konnten. Und ich verkaufte unsere Sachen auf dem Markt, mit eher mäßigem Erfolg. Der Handel lief nur wirklich, wenn meine Mutter dazukam.&#xA;&#xA;Einmal kam meine Klassenlehrerin an meinem Stand vorbei. Ich bin erst vor einem Jahr an diese Schule gewechselt, und ich mochte sie sehr. Ich mochte auch diese Lehrerin, und ich wäre lieber sehr viel länger in ihrer Klasse geblieben. Aber da haben wir uns verabschiedet, und ich habe sie nie wieder gesehen.&#xA;&#xA;Zwei Wochen Deutschunterricht für mich haben auch gepasst. Eine Frau, die im Nachbarhaus wohnte, hat mich unterrichtet. Ich denke, sie war Deutschlehrerin? Als wir nach Deutschland kamen, konnte ich jedenfalls lesen, ohne den Sinn des Gelesenen zu verstehen.&#xA;&#xA;Am Ende hätten wir viele Sachen dort lassen können. Die Streichhölzer zum Beispiel, die in Deutschland so teuer sein sollten. Sind sie ja auch im Vergleich, aber wozu braucht man sie in einem Nichtraucher-Haushalt, der keinen Gasherd mehr hat?&#xA;&#xA;Mein Großvater hat sehr viel Zeug eingepackt. Er hatte Angst, irgendetwas zurückzulassen, was er vielleicht noch gebrauchen könnte. Der Großteil seiner Sachen wurde nie wieder benutzt.&#xA;&#xA;Hätten wir doch mehr Bücher mitgenommen... In den ersten Monaten, bis unser Container ankam, hatte ich nur vier Bücher. Ich kannte sie auswendig.&#xA;&#xA;Stattdessen habe ich einem Freund meine Bücher gezeigt, um sie zu verschenken. Aber er war nicht so recht begeistert. Einige Bücher konnten wir verkaufen, aber ich denke, ein großer Teil der Bücher ist einfach so in der Wohnung geblieben.&#xA;&#xA;Die Reise&#xA;&#xA;Am Flughafen ist mir vor allem eine Tüte mit Geldscheinen in Erinnerung geblieben, die wir nach den Kontrollen den Freunden übergaben, die uns verabschieden kamen. Die notwendige Bestechungssumme ist nämlich deutlich geschrumpft, weil wir ja kein Geld für die Wohnung bekommen haben und deswegen nicht sonderlich weit über der erlaubten Ausfuhrgrenze lagen. Auch die Gebühren fürs Übergewicht hielten sich in Grenzen. Die Reste unseres Geldes in Nationalwährung sahen aber nach beeindruckend viel aus, der Hyperinflation sei dank. Dafür hatten wir keine Verwendung mehr.&#xA;&#xA;Und dann waren wir in Frankfurt am Main. Schon den Weg zum Flughafenbahnhof zu finden war eine Herausforderung. Mein Bruder hatte recht passables Englisch, fand aber niemanden, mit dem er sich damit verständigen konnte. Letztendlich haben wir uns zwei Polizistinnen zur Hilfe geholt, die irgendwann verstanden, was wir brauchten, und uns zum Bahnhof begleiteten.&#xA;&#xA;Dort waren sie aber wieder überfordert, denn einen Bahn-Informationsstand gab es nicht, und sie hatten keine Ahnung, wie wir an unser Ziel kommen. Nach wiederum viel Hin und Her kam heraus, dass wir zum Hauptbahnhof müssen und erst dort einen Ticket für einen Fernzug bekommen.&#xA;&#xA;Am Hauptbahnhof wurden uns Tickets für einen ICE verkauft, die einen beachtlichen Teil unserer spärlichen Geldreserven gefressen haben. Wie sich später herausstellte, wäre ein anderer Zug nicht viel langsamer, aber sehr viel billiger gewesen. Aber so ist es, wenn man von nichts eine Ahnung hat.&#xA;&#xA;Wir mussten noch zweimal umsteigen, bis wir am Ziel ankamen, mit unserem ganzen Gepäck kein leichtes Unterfangen. Immerhin stellten wir bald fest, dass Züge in Deutschland erst losfahren, wenn alle Passagiere mit dem Aus- und Einsteigen fertig sind.&#xA;&#xA;Die kleine Tasche meiner dementen Großmutter haben wir im letzten Zug dennoch vergessen. Aber wir hatten Glück: jemand hat sie dort entdeckt, und dieser jemand wusste auch, wo wir ausgestiegen waren. Dass wir auf dem Weg zum Durchgangslager waren, war klar. Diese Tasche fand uns also schon am nächsten Tag.&#xA;&#xA;Und noch etwas war in diesem Zug passiert. Ich muss ziemlich verloren ausgesehen haben. Jemand drückte mir 10 DM in die Hand und sagte: &#34;Willkommen in Deutschland!&#34; Für mich war es enorm viel Geld, ein ganzes Vermögen. Ich habe mir danach noch lange ausgerechnet, was ich mir davon kaufen könnte, bis ich diesen Geldschein irgendwann verlor.&#xA;&#xA;Bis wir endlich im Durchgangslager ankamen, das wir auch erst finden mussten, war es schon dunkel. Wir bekamen unsere Zimmer, einen mittelgroßen Berg an Lebensmitteln und durften uns ausruhen. Von den Lebensmitteln haben uns besonders ein Eimer (ja, ein regulärer 10 Liter Eimer) mit Bockwürstchen und eine Konservendose mit 3 kg Bohnen beeindruckt. Wir bekamen den Ratschlag, keine Lebensmittel zurückzulassen, denn wir würden keine mehr bekommen.&#xA;&#xA;Am nächsten Tag durften meine Eltern wählen, wohin es weitergehen soll. Sie wollten natürlich in eine Großstadt, bekamen da aber eine Absage: Großstädte seien alle voll. Also wählten sie den Ort aus der Liste aus, den sie immerhin in ihrem Atlas fanden. Dass es in Deutschland einen Dutzend Orte mit diesem Namen gibt, wussten sie natürlich nicht.&#xA;&#xA;Noch einen Tag später war das Wochenende vorbei, und es ging weiter. Noch eine andere Familie kam mit uns, sie kamen am Freitag an und verbrachten deswegen einen Tag mehr im Durchgangslager. Wieder eine lange Reise, diesmal aber immerhin mit einem Minibus. Den Weg mussten wir nicht mehr suchen.&#xA;&#xA;Und weiter?&#xA;&#xA;Wir kamen in einem malerischen Dorf an. Meine Eltern hätten sicherlich eine schlechtere Wahl treffen können. Der Nachteil wurde schon bald klar: bis auf einen winzigen Laden, in dem für uns alles viel zu teuer war, gab es hier keine Lebensmittel zu kaufen. Für &#34;richtige&#34; Einkäufe musste man zwölf Kilometer fahren. Der Bus zweimal täglich (ja, einmal am Morgen und einmal am Nachmittag) war zu nichts zu gebrauchen.&#xA;&#xA;Wir haben die Gegend zunächst zu Fuß erkundet. Im drei Kilometer entfernten Nachbarort fanden wir Bahngleise, aber keinen Bahnhof. Wie ich jetzt weiß, war es eine stillgelegte Strecke.&#xA;&#xA;Also musste schnellstmöglich ein Auto gekauft werden, schon allein wegen des Sprachkurses, für den meine Eltern jeden Tag fünfzig Kilometer in eine Richtung fahren mussten (immerhin in Fahrgemeinschaft mit einer anderen Familie). Ein anderer Bewohner des Wohnheims hat meinen Vater zu paar Autohäusern gefahren. Das Auto, das er dann nehmen musste, war vermutlich kein Schnäppchen. Aber immerhin konnte er einen Kredit für einen Teil des Kaufpreises heraushandeln.&#xA;&#xA;Für mich musste eine Schule organisiert werden. Zuerst ging es an die Grundschule, weil es die ja im Ort gab. Zum Glück wurde dort gesagt, ich sei für die Grundschule zu alt.&#xA;&#xA;Also ist der Heimleiter mit mir zu der nächstgelegenen Schule gefahren (zwölf Kilometer, siehe oben). Welche Schulart? Hauptschule, da gingen ja alle Kinder in diesem Wohnheim hin. Wir hatten keine Ahnung. Wörterbuch sagte, dass &#34;Haupt&#34; irgendwie wichtig sei, schien also gut zu sein.&#xA;&#xA;Meine Lehrerinnen merkten zum Glück schon bald, dass ich an der Hauptschule falsch sei. Es war für mich aber noch lange die Horrorvorstellung, dass ich dorthin zurückgeschickt würde, wenn meine Leistungen nicht gut genug sind. Und ich blieb auch an der Realschule unterfordert, bis ich im Abitur ans Gymnasium kam.&#xA;&#xA;Ich wurde schon an der Hauptschule eine Klassenstufe zurückgestellt, an der Realschule ging es noch eine Klassenstufe tiefer. Das ist eine Erfahrung, die sehr viele Kinder durchmachen. Begründet wird es damit, dass der Schulstoff dann einfacher sei. Das ist eine fragliche Begründung, denn eigentlich ist das Problem nicht die Komplexität des Schulstoffs, sondern die fehlenden Sprachkenntnisse. Und der Spracherwerb geht unabhängig von Klassenstufe voran.&#xA;&#xA;So sehr mich diese Zurückstufung damals schmerzte, eigentlich war sie gut für mich. Dadurch war ich erstmals in meiner Schullaufbahn unter Gleichaltrigen. Und gerade in der Pubertät ist es wichtig, in der Entwicklung auf dem gleichen Stand zu sein.&#xA;&#xA;Apropos Spracherwerb: an der Hauptschule gab es einen Sprachkurs. Dieser brachte zwar nicht viel, aber dadurch lernte ich einige russischsprachige Kinder kennen, mit denen ich die Pausen verbrachte. An der Realschule gab es keinen Sprachkurs, so dass ich in den Pausen Deutsch sprach und es dadurch deutlich schneller lernte.&#xA;&#xA;Nach etwas über einem Jahr schafften wir es, aus dem Wohnheim in eine nahegelegene Kleinstadt umzuziehen. Einfach war es nicht, denn Ausländern hat man auch auf dem Land ungern vermietet. Vermutlich wollte die Wohnung mit ihrer kaum existenter Wärmeisolierung und Beheizung durch Gaskamine einfach niemand haben. Im Winter ging in meinem Zimmer nachts die Temperatur runter auf 11°. Der Misthaufen hinter dem Haus tat sein Übriges. Eine bessere Wohnung fanden wir erst zwei Jahre später.&#xA;&#xA;Arbeit gab es für Ausländer natürlich auch keine. Mein Vater fing mit unbezahlten Praktika an, um irgendwie die Sprache zu lernen. Später fand er einen Job, in dem er sämtliche Arbeit in der Firma machte, aber unter Sozialhilfeniveau bezahlt wurde. Irgendwann gab es endlich eine Gehaltserhöhung, mit der wir unabhängig von staatlichen Leistungen waren (wollte man mir im Ausländeramt nicht recht glauben).&#xA;&#xA;Wir wollten zu seiner Arbeitsstelle umziehen, fanden schon eine Wohnung. Während wir noch mit Reparaturen beschäftigt waren, reichte sein Chef Insolvenz ein, und wir mussten den Umzug abblasen. Zum Glück, muss man sagen. Denn mein Vater fand einen besser bezahlten Job in der Nähe, und ich musste die Schule nicht wechseln. Nach noch einem Jobwechsel kam er zum Renteneintritt immerhin auf ein Lohnniveau, das in seinem Beruf manche Berufseinsteiger*innen bekommen.&#xA;&#xA;Meine Mutter hatte dagegen überhaupt keine Chance, in ihren Beruf zu kommen. Sie hatte eine Reihe von schlecht bezahlten Aushilfsjobs. Einen Job hat sie länger gemacht, obwohl sie davon eigentlich keine Ahnung hatte - dafür aber ich. Ihrem Chef war es gerade recht, dass insbesondere anfangs ich einen großen Teil der Arbeit machte. Für ihn kam das sehr günstig.&#xA;&#xA;Es stand also nicht besonders gut um unsere Finanzen. Dass ich in dieser Zeit mehrmals im Ausland war, war der jüdischen Gemeinde (oder genauer: der ZWST) zu verdanken, die in den Sommerferien vergleichsweise billig Reisen für Kinder und Jugendliche organisierte. Ich war dennoch im Nachteil: während deutsche Jugendliche bereits problemlos innerhalb Europas verreisten, brauchte ich nicht nur ein Visum für Italien, sondern auch ein ziemlich teures Transitvisum für Österreich.&#xA;&#xA;Mit der Volljährigkeit durfte ich zum ersten und letzten Mal in &#34;meine&#34; Botschaft, um einen Pass zu bekommen. Dort ließ man mich so richtig spüren, was man von Vaterlandsverrätern hält. Umso erleichterter war ich über die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts, die es erstmals unter bestimmten Umständen ermöglichte, die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen, ohne die alte Staatsangehörigkeit aufgeben zu müssen. Es ist ja nicht so, dass ich die zweite Staatsangehörigkeit brauchte, aber ich wollte mich schlicht nicht der Willkür dieser Botschaft aussetzen lassen. Natürlich hat die Union wenige Jahre später diese sinnvolle Änderung wieder zurückgedreht.&#xA;&#xA;Da war ich aber bereits deutscher Staatsbürger. Ich musste mich nicht mehr mit dem Ausländeramt auseinandersetzen und habe die erstaunliche Erfahrung gemacht, dass deutsche Behörden freundlich und hilfsbereit sein können. Außerdem bekam ich kaum noch Komplimente zu meiner deutschen Sprache, meine Sprache hat also endlich ein Niveau erreicht, das Leute als akzeptabel empfanden und nicht mehr besonders hervorheben mussten.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:flucht" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">flucht</span></a> <a href="/newstrujew/tag:sowjetunion" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">sowjetunion</span></a> <a href="/newstrujew/tag:antisemitismus" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">antisemitismus</span></a> <a href="/newstrujew/tag:diskriminierung" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">diskriminierung</span></a> <a href="/newstrujew/tag:chancengleichheit" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">chancengleichheit</span></a> <a href="/newstrujew/tag:bildung" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">bildung</span></a></p>

<p>Ich bin in einem Land geboren, das nicht mehr existiert: die Sowjetunion. Die Auswanderung nach Deutschland ist ein einschneidendes Ereignis meines Lebens, das es in ein “davor” und ein “danach” aufteilt. Menschen, die in Deutschland geboren sind, können sich so etwas meist nicht einmal annähernd vorstellen. Viele meinen jedoch, dass sie es könnten, weil sie z.B. schon mal paar Jahre im Ausland verbracht haben. Und sie meinen, sie wären dadurch zu einem Urteil über “die Ausländer” berechtigt.</p>

<p>Eigentlich will ich niemanden belehren, aber diese Erfahrungen sind in keinster Weise vergleichbar. Es ist etwas völlig anderes, wenn man aus Verzweiflung auswandert und nie wieder zurück kann. Wenn man nicht weiß, was einen erwartet. Wenn man sich nicht verständigen kann, weil man die Sprache nicht kann. Wenn man auf Hilfe angewiesen ist und gleichzeitig weiß, dass einen eigentlich niemand hier haben will.</p>

<p>Dabei hatte es meine Familie gut. Wir durften “geregelt” einreisen, mit Erlaubnis. Wir konnten unsere Reise sorgfältig planen und mussten unser Leben nicht riskieren. Wenn ich hier also meine Erfahrungen skizziere, bedenkt bitte: Leute, die heute in Deutschland Asyl suchen, mussten sehr viel mehr durchmachen. Und gleichzeitig müssen sie mit der Unsicherheit leben, morgen vielleicht schon in das Land abgeschoben zu werden, das sie unter großem Risiko für sich verlassen haben.</p>

<h2 id="wieso-auswandern" id="wieso-auswandern">Wieso auswandern?</h2>

<p>Gewisse Kreise in Deutschland sind überzeugt: eine Auswanderung passiert primär aus wirtschaftlichen Gründen. Warum in der Heimat bleiben, wenn es anderswo mehr Geld gibt? Tatsächlich gehört aber eine ordentliche Portion Verzweiflung dazu, alles zu verlassen, was man kennt, und ins Ungewisse zu reisen.</p>

<p>Als die Sowjetunion sich ihrem Ende zuneigte, wurden die Ausreisen häufiger. Das hatte vor allem damit zu tun, dass eine Ausreise nach Israel für Juden zwar immer noch nicht gerade unproblematisch war, aber immerhin legal. Und zwar war es die Zeit der leeren Ladenregale, aber seien wir mal ehrlich: wer wandert denn in die permanente Kriegszone Israel aus, um unbeschwert einkaufen zu können?</p>

<p>Der tatsächliche Grund hatte sehr viel mit Antisemitismus zu tun. Juden waren in der Sowjetunion immer massiver Diskriminierung ausgesetzt. Die Idee, in einem jüdischen Staat zu leben und nie wieder alltäglichen Antisemitismus zu erleben, hatte eine enorme Anziehungskraft.</p>

<p>Einige unserer Bekannten und Verwandten sind ausgewandert. Sie schickten uns offizielle Einladungen, damit wir auch eine Ausreise beantragen konnten. Diese Briefe lagen bei uns jahrelang herum, unbenutzt. Das Leben wurde immer beschwerlicher und ungewisser, aber meine Eltern wollten nicht weg.</p>

<p>Trotzdem bereiteten sie sich auf alle Eventualitäten vor, und so wurde ich in dieser Zeit unterrichtet, um wenigstens etwas übers Judentum zu lernen, mit dem ich überhaupt nicht vertraut war. Meine Eltern lernten Hebräisch.</p>

<p>Und dann war die Sowjetunion nicht mehr. Wir lebten plötzlich in einem Land, in dem ungezügelter Nationalismus regierte. Dieser führte schon bald zu einem Bürgerkrieg. Das betraf uns zwar nicht unmittelbar. Dass der Bürgerkrieg bald mit einem Waffenstillstand enden und dieser Waffenstillstand Jahrzehnte halten würde, war zu dem Zeitpunkt aber nicht absehbar.</p>

<p>Der Nationalismus hingegen war eine direkte Bedrohung. Dieser richtete sich gegen Russen wie gegen Juden. Als russischsprachiger Jude war ich das Feindbild schlechthin. Die Familie meines Vaters lebte seit mindesten hundert Jahren in dieser Stadt, länger kann ich meine Familiengeschichte nicht zurückverfolgen. Aber das zählte nicht mehr, und tatsächlich blieb von der ehemals zahlreichen russischsprachigen und jüdischen Bevölkerung der Stadt innerhalb von wenigen Jahren kaum etwas übrig.</p>

<p>Ich hatte hier keine Zukunft mehr, das war meinen Eltern klar. Der sowjetische Antisemitismus war schlimm, aber man kannte ihn. Man wusste, was man tun und lassen sollte, um die schlimmsten Auswüchse zu vermeiden. Der neue Antisemitismus kannte dagegen keine Grenzen und war unberechenbar.</p>

<p>Dazu kam die wachsende Kriminalität. Mein Vater war Kleinunternehmer, Kennern der Epoche sagt vielleicht der Begriff “Kooperative” etwas. Ihm wurde schon damals klar, dass jegliche unternehmerische Tätigkeit sich bald mit der organisierten Kriminalität arrangieren muss. Das wollte er nicht.</p>

<p>Ein Nachbar von uns, ein deutlich erfolgreicherer Unternehmer, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Einige Monate nach unserer Abreise schlug er mit seiner Familie in unserem Wohnheim auf. Sie mussten das Land fluchtartig in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verlassen, weil er irgendeinem Kriminellen in die Quere kam. Ihm blieb nichts anderes übrig, nachdem er Drohungen bekam, in denen der Tagesablauf seiner Kinder genau geschildert wurde.</p>

<h2 id="wohin-soll-es-gehen" id="wohin-soll-es-gehen">Wohin soll es gehen?</h2>

<p>Es kommt für euch vielleicht wie ein Schock, aber Deutschland war nicht unsere erste Wahl. Nach Israel wollten meine Eltern zwar nicht, weil sie ihre Kinder schützen wollten. Aber sie wären viel lieber in die USA ausgereist, und das nicht nur wegen der deutschen Geschichte. In den USA waren schon viele Bekannte, die die Lage bereits erkundet haben und notfalls helfen konnten. In Deutschland kannten wir niemanden.</p>

<p>Die Antworten von der deutschen und von der amerikanischen Botschaft kamen zwar fast zeitgleich bei uns an. Während Deutschland uns aber eine Einreisegenehmigung schickte, kam von den Amerikanern die Einladung zu einem Interview. In der amerikanischen Botschaft, die damals nur im fernen Moskau existierte. Zu dem die gesamte Familie erscheinen musste, den sturen Großvater und die demente Großmutter eingeschlossen. Die andere Großmutter mit der klinischen Depression natürlich auch. Und dieses Interview würde zwar wahrscheinlich zu einer Einreiseerlaubnis führen (dem Beruf meines Vaters sei dank), aber ohne Garantie und ohne eines verlässlichen zeitlichen Rahmens.</p>

<p>Die Wahl fiel nicht leicht. Auf der einen Seite Gewissheit, aber es war ja <em>Deutschland</em>. Auf der anderen Seite eine beschwerliche Reise, vermutlich viel Wartezeit (und wer weiß, was in der Zwischenzeit passieren könnte), ungewisser Ausgang. Und mein Großvater, der es niemals verzeihen würde, sollte er diese Reise umsonst gemacht haben.</p>

<p>Kürzlich meinte mein Vater, die Entscheidung hätte ich getroffen. Und tatsächlich erinnere ich mich dumpf an das Gespräch, in dem mich das Unterstützungssystem in Deutschland überzeugt hat, im Gegensatz zu den USA, wo meine Eltern schon bald ins kalte Wasser geworfen würden. Aber natürlich kann man eine solche Entscheidung nicht auf ein Kind abwälzen, obwohl es erstaunlich viele Eltern versuchen. Vermutlich, weil auch Erwachsene damit völlig überfordert sind.</p>

<p>Jedenfalls beschlossen meine Eltern, ihr Glück nicht herauszufordern. Es ging nach Deutschland.</p>

<h2 id="die-vorbereitungen" id="die-vorbereitungen">Die Vorbereitungen</h2>

<p>Flugtickets waren schon bald gekauft, für eine wahrlich astronomische Summe. Aber wie verpackt und verschifft man ein Leben?</p>

<p>Hier hatten wir Glück: wir konnten recht viele Sachen ins Flugzeug mitnehmen, und wir durften einen Container nach Deutschland schicken. Die Details kenne ich nicht, diesen Container habe ich nie gesehen. Aber er muss durchaus geräumig gewesen sein.</p>

<p>Jedoch natürlich nicht so geräumig, dass wir alles mitnehmen könnten. Und deswegen hatten wir die Qual der Wahl: Was braucht man? Was wirft man weg? Was lässt sich verkaufen? Was verschenkt man?</p>

<p>Und da war noch etwas. Der neue Nationalstaat hatte Bedenken, dass die Juden Kulturgüter und Geld aus dem Land ausführen würden. Also wurden strikte Beschränkungen auferlegt. Beispielsweise durfte man höchstens 400 US-Dollar (soweit ich mich erinnere) an westlichen Währungen mitnehmen. Schon der Währungstausch war streng limitiert, mein Vater hat bereits über Jahre Möglichkeiten gesucht, westliche Währungen zu kaufen. Wertlose Nationalwährung durfte man dagegen mitnehmen, wie man wollte. Alle Ähnlichkeiten mit den Gesetzen des Dritten Reiches sind natürlich rein zufällig.</p>

<p>Also durften wir etliche bürokratische Hürden nehmen, um unsere hochgradig “wertvolle” Sammlung von diversen Ansteckbuttons und ein paar Silberlöffel ausführen zu dürfen. Nach dieser Erfahrung haben wir uns die Mühe mit den Briefmarken gespart und sie einfach in einen Briefumschlag gepackt. In diesem Briefumschlag liegen sie übrigens immer noch, es hatte seitdem niemand Lust auf diese Sammlung.</p>

<p>Und was Geld anging, so fand mein Vater jemanden, den er bestechen konnte, damit es da keine Probleme gab. Nicht, dass wir derart viel Geld hätten. Aber wir hatten eine Wohnung, die wir hofften zu verkaufen. Was sich mit einem laufenden Bürgerkrieg als ziemlich schwierig herausstellte. Letztendlich musste dieses Unterfangen aufgegeben werden, für die Wohnung wurde nicht annähernd genug geboten. Ein Freund meines Vaters hat die Wohnung paar Jahre später verkauft, als die Nachfrage wieder anstieg. Das Geld hat er nach Israel mitgenommen, von dort kam es irgendwie zu uns.</p>

<p>Es waren Sommerferien, aber ich war auch beschäftigt. Ich bastelte Kartons aller Größen, damit wir unser Geschirr verpacken konnten. Und ich verkaufte unsere Sachen auf dem Markt, mit eher mäßigem Erfolg. Der Handel lief nur wirklich, wenn meine Mutter dazukam.</p>

<p>Einmal kam meine Klassenlehrerin an meinem Stand vorbei. Ich bin erst vor einem Jahr an diese Schule gewechselt, und ich mochte sie sehr. Ich mochte auch diese Lehrerin, und ich wäre lieber sehr viel länger in ihrer Klasse geblieben. Aber da haben wir uns verabschiedet, und ich habe sie nie wieder gesehen.</p>

<p>Zwei Wochen Deutschunterricht für mich haben auch gepasst. Eine Frau, die im Nachbarhaus wohnte, hat mich unterrichtet. Ich denke, sie war Deutschlehrerin? Als wir nach Deutschland kamen, konnte ich jedenfalls lesen, ohne den Sinn des Gelesenen zu verstehen.</p>

<p>Am Ende hätten wir viele Sachen dort lassen können. Die Streichhölzer zum Beispiel, die in Deutschland so teuer sein sollten. Sind sie ja auch im Vergleich, aber wozu braucht man sie in einem Nichtraucher-Haushalt, der keinen Gasherd mehr hat?</p>

<p>Mein Großvater hat sehr viel Zeug eingepackt. Er hatte Angst, irgendetwas zurückzulassen, was er vielleicht noch gebrauchen könnte. Der Großteil seiner Sachen wurde nie wieder benutzt.</p>

<p>Hätten wir doch mehr Bücher mitgenommen... In den ersten Monaten, bis unser Container ankam, hatte ich nur vier Bücher. Ich kannte sie auswendig.</p>

<p>Stattdessen habe ich einem Freund meine Bücher gezeigt, um sie zu verschenken. Aber er war nicht so recht begeistert. Einige Bücher konnten wir verkaufen, aber ich denke, ein großer Teil der Bücher ist einfach so in der Wohnung geblieben.</p>

<h2 id="die-reise" id="die-reise">Die Reise</h2>

<p>Am Flughafen ist mir vor allem eine Tüte mit Geldscheinen in Erinnerung geblieben, die wir nach den Kontrollen den Freunden übergaben, die uns verabschieden kamen. Die notwendige Bestechungssumme ist nämlich deutlich geschrumpft, weil wir ja kein Geld für die Wohnung bekommen haben und deswegen nicht sonderlich weit über der erlaubten Ausfuhrgrenze lagen. Auch die Gebühren fürs Übergewicht hielten sich in Grenzen. Die Reste unseres Geldes in Nationalwährung sahen aber nach beeindruckend viel aus, der Hyperinflation sei dank. Dafür hatten wir keine Verwendung mehr.</p>

<p>Und dann waren wir in Frankfurt am Main. Schon den Weg zum Flughafenbahnhof zu finden war eine Herausforderung. Mein Bruder hatte recht passables Englisch, fand aber niemanden, mit dem er sich damit verständigen konnte. Letztendlich haben wir uns zwei Polizist*innen zur Hilfe geholt, die irgendwann verstanden, was wir brauchten, und uns zum Bahnhof begleiteten.</p>

<p>Dort waren sie aber wieder überfordert, denn einen Bahn-Informationsstand gab es nicht, und sie hatten keine Ahnung, wie wir an unser Ziel kommen. Nach wiederum viel Hin und Her kam heraus, dass wir zum Hauptbahnhof müssen und erst dort einen Ticket für einen Fernzug bekommen.</p>

<p>Am Hauptbahnhof wurden uns Tickets für einen ICE verkauft, die einen beachtlichen Teil unserer spärlichen Geldreserven gefressen haben. Wie sich später herausstellte, wäre ein anderer Zug nicht viel langsamer, aber sehr viel billiger gewesen. Aber so ist es, wenn man von nichts eine Ahnung hat.</p>

<p>Wir mussten noch zweimal umsteigen, bis wir am Ziel ankamen, mit unserem ganzen Gepäck kein leichtes Unterfangen. Immerhin stellten wir bald fest, dass Züge in Deutschland erst losfahren, wenn alle Passagiere mit dem Aus- und Einsteigen fertig sind.</p>

<p>Die kleine Tasche meiner dementen Großmutter haben wir im letzten Zug dennoch vergessen. Aber wir hatten Glück: jemand hat sie dort entdeckt, und dieser jemand wusste auch, wo wir ausgestiegen waren. Dass wir auf dem Weg zum Durchgangslager waren, war klar. Diese Tasche fand uns also schon am nächsten Tag.</p>

<p>Und noch etwas war in diesem Zug passiert. Ich muss ziemlich verloren ausgesehen haben. Jemand drückte mir 10 DM in die Hand und sagte: “Willkommen in Deutschland!” Für mich war es enorm viel Geld, ein ganzes Vermögen. Ich habe mir danach noch lange ausgerechnet, was ich mir davon kaufen könnte, bis ich diesen Geldschein irgendwann verlor.</p>

<p>Bis wir endlich im Durchgangslager ankamen, das wir auch erst finden mussten, war es schon dunkel. Wir bekamen unsere Zimmer, einen mittelgroßen Berg an Lebensmitteln und durften uns ausruhen. Von den Lebensmitteln haben uns besonders ein Eimer (ja, ein regulärer 10 Liter Eimer) mit Bockwürstchen und eine Konservendose mit 3 kg Bohnen beeindruckt. Wir bekamen den Ratschlag, keine Lebensmittel zurückzulassen, denn wir würden keine mehr bekommen.</p>

<p>Am nächsten Tag durften meine Eltern wählen, wohin es weitergehen soll. Sie wollten natürlich in eine Großstadt, bekamen da aber eine Absage: Großstädte seien alle voll. Also wählten sie den Ort aus der Liste aus, den sie immerhin in ihrem Atlas fanden. Dass es in Deutschland einen Dutzend Orte mit diesem Namen gibt, wussten sie natürlich nicht.</p>

<p>Noch einen Tag später war das Wochenende vorbei, und es ging weiter. Noch eine andere Familie kam mit uns, sie kamen am Freitag an und verbrachten deswegen einen Tag mehr im Durchgangslager. Wieder eine lange Reise, diesmal aber immerhin mit einem Minibus. Den Weg mussten wir nicht mehr suchen.</p>

<h2 id="und-weiter" id="und-weiter">Und weiter?</h2>

<p>Wir kamen in einem malerischen Dorf an. Meine Eltern hätten sicherlich eine schlechtere Wahl treffen können. Der Nachteil wurde schon bald klar: bis auf einen winzigen Laden, in dem für uns alles viel zu teuer war, gab es hier keine Lebensmittel zu kaufen. Für “richtige” Einkäufe musste man zwölf Kilometer fahren. Der Bus zweimal täglich (ja, einmal am Morgen und einmal am Nachmittag) war zu nichts zu gebrauchen.</p>

<p>Wir haben die Gegend zunächst zu Fuß erkundet. Im drei Kilometer entfernten Nachbarort fanden wir Bahngleise, aber keinen Bahnhof. Wie ich jetzt weiß, war es eine stillgelegte Strecke.</p>

<p>Also musste schnellstmöglich ein Auto gekauft werden, schon allein wegen des Sprachkurses, für den meine Eltern jeden Tag fünfzig Kilometer in eine Richtung fahren mussten (immerhin in Fahrgemeinschaft mit einer anderen Familie). Ein anderer Bewohner des Wohnheims hat meinen Vater zu paar Autohäusern gefahren. Das Auto, das er dann nehmen musste, war vermutlich kein Schnäppchen. Aber immerhin konnte er einen Kredit für einen Teil des Kaufpreises heraushandeln.</p>

<p>Für mich musste eine Schule organisiert werden. Zuerst ging es an die Grundschule, weil es die ja im Ort gab. Zum Glück wurde dort gesagt, ich sei für die Grundschule zu alt.</p>

<p>Also ist der Heimleiter mit mir zu der nächstgelegenen Schule gefahren (zwölf Kilometer, siehe oben). Welche Schulart? Hauptschule, da gingen ja alle Kinder in diesem Wohnheim hin. Wir hatten keine Ahnung. Wörterbuch sagte, dass “Haupt” irgendwie wichtig sei, schien also gut zu sein.</p>

<p>Meine Lehrer*innen merkten zum Glück schon bald, dass ich an der Hauptschule falsch sei. Es war für mich aber noch lange die Horrorvorstellung, dass ich dorthin zurückgeschickt würde, wenn meine Leistungen nicht gut genug sind. Und ich blieb auch an der Realschule unterfordert, bis ich im Abitur ans Gymnasium kam.</p>

<p>Ich wurde schon an der Hauptschule eine Klassenstufe zurückgestellt, an der Realschule ging es noch eine Klassenstufe tiefer. Das ist eine Erfahrung, die sehr viele Kinder durchmachen. Begründet wird es damit, dass der Schulstoff dann einfacher sei. Das ist eine fragliche Begründung, denn eigentlich ist das Problem nicht die Komplexität des Schulstoffs, sondern die fehlenden Sprachkenntnisse. Und der Spracherwerb geht unabhängig von Klassenstufe voran.</p>

<p>So sehr mich diese Zurückstufung damals schmerzte, eigentlich war sie gut für mich. Dadurch war ich erstmals in meiner Schullaufbahn unter Gleichaltrigen. Und gerade in der Pubertät ist es wichtig, in der Entwicklung auf dem gleichen Stand zu sein.</p>

<p>Apropos Spracherwerb: an der Hauptschule gab es einen Sprachkurs. Dieser brachte zwar nicht viel, aber dadurch lernte ich einige russischsprachige Kinder kennen, mit denen ich die Pausen verbrachte. An der Realschule gab es keinen Sprachkurs, so dass ich in den Pausen Deutsch sprach und es dadurch deutlich schneller lernte.</p>

<p>Nach etwas über einem Jahr schafften wir es, aus dem Wohnheim in eine nahegelegene Kleinstadt umzuziehen. Einfach war es nicht, denn Ausländern hat man auch auf dem Land ungern vermietet. Vermutlich wollte die Wohnung mit ihrer kaum existenter Wärmeisolierung und Beheizung durch Gaskamine einfach niemand haben. Im Winter ging in meinem Zimmer nachts die Temperatur runter auf 11°. Der Misthaufen hinter dem Haus tat sein Übriges. Eine bessere Wohnung fanden wir erst zwei Jahre später.</p>

<p>Arbeit gab es für Ausländer natürlich auch keine. Mein Vater fing mit unbezahlten Praktika an, um irgendwie die Sprache zu lernen. Später fand er einen Job, in dem er sämtliche Arbeit in der Firma machte, aber unter Sozialhilfeniveau bezahlt wurde. Irgendwann gab es endlich eine Gehaltserhöhung, mit der wir unabhängig von staatlichen Leistungen waren (wollte man mir im Ausländeramt nicht recht glauben).</p>

<p>Wir wollten zu seiner Arbeitsstelle umziehen, fanden schon eine Wohnung. Während wir noch mit Reparaturen beschäftigt waren, reichte sein Chef Insolvenz ein, und wir mussten den Umzug abblasen. Zum Glück, muss man sagen. Denn mein Vater fand einen besser bezahlten Job in der Nähe, und ich musste die Schule nicht wechseln. Nach noch einem Jobwechsel kam er zum Renteneintritt immerhin auf ein Lohnniveau, das in seinem Beruf manche Berufseinsteiger*innen bekommen.</p>

<p>Meine Mutter hatte dagegen überhaupt keine Chance, in ihren Beruf zu kommen. Sie hatte eine Reihe von schlecht bezahlten Aushilfsjobs. Einen Job hat sie länger gemacht, obwohl sie davon eigentlich keine Ahnung hatte – dafür aber ich. Ihrem Chef war es gerade recht, dass insbesondere anfangs ich einen großen Teil der Arbeit machte. Für ihn kam das sehr günstig.</p>

<p>Es stand also nicht besonders gut um unsere Finanzen. Dass ich in dieser Zeit mehrmals im Ausland war, war der jüdischen Gemeinde (oder genauer: der ZWST) zu verdanken, die in den Sommerferien vergleichsweise billig Reisen für Kinder und Jugendliche organisierte. Ich war dennoch im Nachteil: während deutsche Jugendliche bereits problemlos innerhalb Europas verreisten, brauchte ich nicht nur ein Visum für Italien, sondern auch ein ziemlich teures Transitvisum für Österreich.</p>

<p>Mit der Volljährigkeit durfte ich zum ersten und letzten Mal in “meine” Botschaft, um einen Pass zu bekommen. Dort ließ man mich so richtig spüren, was man von Vaterlandsverrätern hält. Umso erleichterter war ich über die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts, die es erstmals unter bestimmten Umständen ermöglichte, die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen, ohne die alte Staatsangehörigkeit aufgeben zu müssen. Es ist ja nicht so, dass ich die zweite Staatsangehörigkeit brauchte, aber ich wollte mich schlicht nicht der Willkür dieser Botschaft aussetzen lassen. Natürlich hat die Union wenige Jahre später diese sinnvolle Änderung wieder zurückgedreht.</p>

<p>Da war ich aber bereits deutscher Staatsbürger. Ich musste mich nicht mehr mit dem Ausländeramt auseinandersetzen und habe die erstaunliche Erfahrung gemacht, dass deutsche Behörden freundlich und hilfsbereit sein können. Außerdem bekam ich kaum noch Komplimente zu meiner deutschen Sprache, meine Sprache hat also endlich ein Niveau erreicht, das Leute als akzeptabel empfanden und nicht mehr besonders hervorheben mussten.</p>
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      <guid>https://paper.wf/newstrujew/wie-wandert-man-eigentlich-aus</guid>
      <pubDate>Sat, 13 Jul 2024 08:44:09 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Sowjetische Geschichtsnarrative und russisches Selbstverständnis</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/sowjetische-geschichtsnarrative-und-russisches-selbstverstandnis</link>
      <description>&lt;![CDATA[#russland #sowjetunion #geschichte #imperialismus #krieg&#xA;&#xA;Irgendwie muss ich gerade an meinen sowjetischen Geschichtsunterricht zurückdenken. Es scheint dort einige Erklärungen des aktuellen russischen Angriffskriegs zu geben. Ein Text über Geschichtsnarrative, Imperialismus und russisches Selbstverständnis.&#xA;&#xA;Hinweis: Ich habe zwar ein sehr gutes Gedächtnis, aber nach über 30 Jahren kann ich mich natürlich nicht mehr an jedes Detail erinnern. Und während ich vermute, dass meine Erfahrung repräsentativ für die Sowjetunion und heutiges Russland ist, ist sie anekdotische Evidenz.&#xA;&#xA;!--more--Zunächst einmal: die sowjetische Geschichtsschreibung war massiv ideologisch eingefärbt. Die Zaren waren immer schlecht, egal was sie taten. Wenn sie dennoch etwas Gutes taten, war ihre Motivation schlecht. Oder die Idee kam eigentlich von einem Mann des Volkes (=gut).&#xA;&#xA;Ähnlich hätte man eine scharfe Verurteilung aller Ausprägungen des Imperialismus erwartet. Die auch kam, beim westlichen Imperialismus. Der russische Imperialismus wurde dagegen weder benannt, noch angesprochen. Imperialisten waren immer nur die anderen.&#xA;&#xA;Angesichts zahlreicher Kriege, die Russland für die Ausweitung seines Territoriums geführt hat, ist dieser mentale Spagat ganz schön beachtlich. Ich vermute, dass man bei dessen Begründung an die Geschichtsnarrativen des verhassten Zarenrusslands angeknüpft hat.&#xA;&#xA;Eine zentrale Rolle spielen dabei Panslawismus und Panrussismus. Ja, in der &#34;internationalistischen&#34; Sowjetunion. Die Slawen und insbesondere Russen wurden als besonders tugendhaft dargestellt. Andere Völker schauten zu ihnen auf, das Schlechte kam stets von außen.&#xA;&#xA;Da ist es nur &#34;natürlich&#34;, dass Russen die anderen Völker auch regieren sollten. Es war, so dieses Narrativ, gar im Interesse dieser Völker. Die sich freiwillig Russland anschlossen. Oder weil Russland sich gegen sie verteidigen musste.&#xA;&#xA;Ja, das ist wortwörtlich das Narrativ, das so manche russische Politiker kürzlich benutzt haben. Dabei ist es egal, ob es absurd ist. Zahlreiche Generationen sind mit diesem Narrativ aufgewachsen. Es ist Teil des russischen Selbstverständnisses.&#xA;&#xA;2002 war ich in einem Museum in St. Petersburg. Es hat mich schockiert, wie wenig Russland die eigene Geschichte aufgearbeitet hat. Daran hat sich nichts geändert. Die vermutlich aus dem Zarenrussland stammenden imperialistischen Narrative setzen sich ungehindert fort.&#xA;&#xA;Und das ist der Boden, aus dem der aktuelle Angriffskrieg erwächst. Das sind die Narrative, mit denen er oftmals begründet wird. Und ein beachtlicher Teil der Bevölkerung nimmt es für bare Münze. Denn es ist das, was sie schon immer gehört haben.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:russland" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">russland</span></a> <a href="/newstrujew/tag:sowjetunion" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">sowjetunion</span></a> <a href="/newstrujew/tag:geschichte" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">geschichte</span></a> <a href="/newstrujew/tag:imperialismus" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">imperialismus</span></a> <a href="/newstrujew/tag:krieg" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">krieg</span></a></p>

<p>Irgendwie muss ich gerade an meinen sowjetischen Geschichtsunterricht zurückdenken. Es scheint dort einige Erklärungen des aktuellen russischen Angriffskriegs zu geben. Ein Text über Geschichtsnarrative, Imperialismus und russisches Selbstverständnis.</p>

<p><em>Hinweis</em>: Ich habe zwar ein sehr gutes Gedächtnis, aber nach über 30 Jahren kann ich mich natürlich nicht mehr an jedes Detail erinnern. Und während ich vermute, dass meine Erfahrung repräsentativ für die Sowjetunion und heutiges Russland ist, ist sie anekdotische Evidenz.</p>

<p>Zunächst einmal: die sowjetische Geschichtsschreibung war massiv ideologisch eingefärbt. Die Zaren waren immer schlecht, egal was sie taten. Wenn sie dennoch etwas Gutes taten, war ihre Motivation schlecht. Oder die Idee kam eigentlich von einem Mann des Volkes (=gut).</p>

<p>Ähnlich hätte man eine scharfe Verurteilung aller Ausprägungen des Imperialismus erwartet. Die auch kam, beim westlichen Imperialismus. Der russische Imperialismus wurde dagegen weder benannt, noch angesprochen. Imperialisten waren immer nur die anderen.</p>

<p>Angesichts zahlreicher Kriege, die Russland für die Ausweitung seines Territoriums geführt hat, ist dieser mentale Spagat ganz schön beachtlich. Ich vermute, dass man bei dessen Begründung an die Geschichtsnarrativen des verhassten Zarenrusslands angeknüpft hat.</p>

<p>Eine zentrale Rolle spielen dabei Panslawismus und Panrussismus. Ja, in der “internationalistischen” Sowjetunion. Die Slawen und insbesondere Russen wurden als besonders tugendhaft dargestellt. Andere Völker schauten zu ihnen auf, das Schlechte kam stets von außen.</p>

<p>Da ist es nur “natürlich”, dass Russen die anderen Völker auch regieren sollten. Es war, so dieses Narrativ, gar im Interesse dieser Völker. Die sich freiwillig Russland anschlossen. Oder weil Russland sich gegen sie verteidigen musste.</p>

<p>Ja, das ist wortwörtlich das Narrativ, das so manche russische Politiker kürzlich benutzt haben. Dabei ist es egal, ob es absurd ist. Zahlreiche Generationen sind mit diesem Narrativ aufgewachsen. Es ist Teil des russischen Selbstverständnisses.</p>

<p>2002 war ich in einem Museum in St. Petersburg. Es hat mich schockiert, wie wenig Russland die eigene Geschichte aufgearbeitet hat. Daran hat sich nichts geändert. Die vermutlich aus dem Zarenrussland stammenden imperialistischen Narrative setzen sich ungehindert fort.</p>

<p>Und das ist der Boden, aus dem der aktuelle Angriffskrieg erwächst. Das sind die Narrative, mit denen er oftmals begründet wird. Und ein beachtlicher Teil der Bevölkerung nimmt es für bare Münze. Denn es ist das, was sie schon immer gehört haben.</p>
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      <guid>https://paper.wf/newstrujew/sowjetische-geschichtsnarrative-und-russisches-selbstverstandnis</guid>
      <pubDate>Thu, 07 Jul 2022 13:09:06 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Wie Abtreibungen Leben retten</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/wie-abtreibungen-leben-retten</link>
      <description>&lt;![CDATA[#abtreibung #sowjetunion #armut&#xA;&#xA;Die Freunde erzwungener Schwangerschaften erzählen gerne über Leute, deren Mütter eigentlich abtreiben wollten. Was naturgemäß zu kurz kommt, sind Geschichten der Leute, der wegen erzwungener Schwangerschaften gestorben sind.&#xA;&#xA;Ich habe Glück, hier zu sein.&#xA;&#xA;!--more--Als meine Eltern beschlossen haben, dass sie ein zweites Kind wollen, hat es lange nicht geklappt. Danach hatte meine Mutter eine Fehlgeburt. Auch ohne medizinischen Hintergrund kann ich ihre Symptome heute einordnen: Sepsis, Lebensgefahr. Sie blieb damit zu Hause.&#xA;&#xA;Sie hat für sich beschlossen, ein Krankenhaus nur aufzusuchen, wenn sie nicht mehr kann. Ich weiß, was für ein Glück es ist, dass sie das überhaupt überlebt und nicht einmal bleibende Schäden davon getragen hat. Sonst wäre ich heute nicht hier.&#xA;&#xA;Warum nicht ins Krankenhaus? Weil zuvor eine ihrer Freundinnen schon eine Fehlgeburt hatte. Im Krankenhaus wollte man ihr nicht helfen, solange sie nicht verrät, wer ihr die &#34;Abtreibung&#34; gemacht hat. Erst, als sie vor Schmerzen das Bewusstsein verlor, wurde etwas getan.&#xA;&#xA;Und das ist die Welt, die die selbsternannten &#34;Lebensschützer&#34; wieder für uns wollen. Eine Welt, in der jede Frau unter Generalverdacht steht, abgetrieben zu haben. Und dadurch auch gerne Lebensgefahr für sie hingenommen wird.&#xA;&#xA;Die Geschichte meiner Mutter hat sich übrigens in der Sowjetunion zugetragen. Dieselbe Sowjetunion, die die Freunde erzwungener Schwangerschaften gerne als Negativbeispiel anführen. Weil Abtreibungen dort gesetzlich erlaubt waren und angeblich deshalb so oft vorkamen.&#xA;&#xA;Die Wahrheit ist natürlich eine andere. Gesetzlich erlaubt, hatten Abtreibungen dennoch Konsequenzen. Die Arbeitsstelle wurde benachrichtigt. Eine Frau konnte dadurch schlimmstenfalls ihre Arbeit verlieren. Deswegen gab es illegale Abtreibungen weiterhin.&#xA;&#xA;Eine ungewollt schwangere Frau war in der Zwickmühle. Die meisten Menschen in der Sowjetunion lebten nach unseren hiesigen Verhältnissen ohnehin unterhalb der Armutsgrenze. Ein Kind war wirtschaftlich nicht tragbar, oft schon wegen dem Wohnraum. Meine Eltern beispielsweise hatten 12 Quadratmeter für drei Menschen. Zweites Kind war für sie erst möglich, als sie ein größeres Zimmer bekamen.&#xA;&#xA;Dazu kam, dass Geld fürs Essen meist ohnehin knapp war. Schwangerschaft austragen bedeutete oft verhungern müssen.&#xA;&#xA;Und offiziell abtreiben? Ohne Arbeit kein oder nur noch wenig Geld. Auch hier war die Perspektive oftmals: verhungern.&#xA;&#xA;Also blieb oft nur noch eine illegale Abtreibung. Und diese wurden verfolgt. Mit den oben beschriebenen Konsequenzen.&#xA;&#xA;Wenn Abtreibungen aber Konsequenzen hatten, warum war die Zahl der Abtreibungen in der Sowjetunion so hoch? Tja, weil Verhütungsmittel so gut wie nicht existierten. Selbst Kondome waren nicht zu bekommen, von anderen Verhütungsmitteln ganz zu schweigen.&#xA;&#xA;Eigentlich ist die Lehre hier ganz klar: wer wirklich Abtreibungen vermeiden will, muss Verhütungsmittel und Aufklärung fördern. Und die wirtschaftlichen Verhältnisse werdender Mütter verbessern.&#xA;&#xA;Aber darum geht es den Freunden erzwungener Schwangerschaften nicht.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:abtreibung" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">abtreibung</span></a> <a href="/newstrujew/tag:sowjetunion" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">sowjetunion</span></a> <a href="/newstrujew/tag:armut" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">armut</span></a></p>

<p>Die Freunde erzwungener Schwangerschaften erzählen gerne über Leute, deren Mütter eigentlich abtreiben wollten. Was naturgemäß zu kurz kommt, sind Geschichten der Leute, der wegen erzwungener Schwangerschaften gestorben sind.</p>

<p>Ich habe Glück, hier zu sein.</p>

<p>Als meine Eltern beschlossen haben, dass sie ein zweites Kind wollen, hat es lange nicht geklappt. Danach hatte meine Mutter eine Fehlgeburt. Auch ohne medizinischen Hintergrund kann ich ihre Symptome heute einordnen: Sepsis, Lebensgefahr. Sie blieb damit zu Hause.</p>

<p>Sie hat für sich beschlossen, ein Krankenhaus nur aufzusuchen, wenn sie nicht mehr kann. Ich weiß, was für ein Glück es ist, dass sie das überhaupt überlebt und nicht einmal bleibende Schäden davon getragen hat. Sonst wäre ich heute nicht hier.</p>

<p>Warum nicht ins Krankenhaus? Weil zuvor eine ihrer Freundinnen schon eine Fehlgeburt hatte. Im Krankenhaus wollte man ihr nicht helfen, solange sie nicht verrät, wer ihr die “Abtreibung” gemacht hat. Erst, als sie vor Schmerzen das Bewusstsein verlor, wurde etwas getan.</p>

<p>Und das ist die Welt, die die selbsternannten “Lebensschützer” wieder für uns wollen. Eine Welt, in der jede Frau unter Generalverdacht steht, abgetrieben zu haben. Und dadurch auch gerne Lebensgefahr für sie hingenommen wird.</p>

<p>Die Geschichte meiner Mutter hat sich übrigens in der Sowjetunion zugetragen. Dieselbe Sowjetunion, die die Freunde erzwungener Schwangerschaften gerne als Negativbeispiel anführen. Weil Abtreibungen dort gesetzlich erlaubt waren und angeblich deshalb so oft vorkamen.</p>

<p>Die Wahrheit ist natürlich eine andere. Gesetzlich erlaubt, hatten Abtreibungen dennoch Konsequenzen. Die Arbeitsstelle wurde benachrichtigt. Eine Frau konnte dadurch schlimmstenfalls ihre Arbeit verlieren. Deswegen gab es illegale Abtreibungen weiterhin.</p>

<p>Eine ungewollt schwangere Frau war in der Zwickmühle. Die meisten Menschen in der Sowjetunion lebten nach unseren hiesigen Verhältnissen ohnehin unterhalb der Armutsgrenze. Ein Kind war wirtschaftlich nicht tragbar, oft schon wegen dem Wohnraum. Meine Eltern beispielsweise hatten 12 Quadratmeter für drei Menschen. Zweites Kind war für sie erst möglich, als sie ein größeres Zimmer bekamen.</p>

<p>Dazu kam, dass Geld fürs Essen meist ohnehin knapp war. Schwangerschaft austragen bedeutete oft verhungern müssen.</p>

<p>Und offiziell abtreiben? Ohne Arbeit kein oder nur noch wenig Geld. Auch hier war die Perspektive oftmals: verhungern.</p>

<p>Also blieb oft nur noch eine illegale Abtreibung. Und diese wurden verfolgt. Mit den oben beschriebenen Konsequenzen.</p>

<p>Wenn Abtreibungen aber Konsequenzen hatten, warum war die Zahl der Abtreibungen in der Sowjetunion so hoch? Tja, weil Verhütungsmittel so gut wie nicht existierten. Selbst Kondome waren nicht zu bekommen, von anderen Verhütungsmitteln ganz zu schweigen.</p>

<p>Eigentlich ist die Lehre hier ganz klar: wer wirklich Abtreibungen vermeiden will, muss Verhütungsmittel und Aufklärung fördern. Und die wirtschaftlichen Verhältnisse werdender Mütter verbessern.</p>

<p>Aber darum geht es den Freunden erzwungener Schwangerschaften nicht.</p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/newstrujew/wie-abtreibungen-leben-retten</guid>
      <pubDate>Sun, 26 Jun 2022 07:01:47 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Nationalität in post-sowjetischen Reisepässen</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/nationalitat-in-post-sowjetischen-reisepassen</link>
      <description>&lt;![CDATA[#sowjetunion #geschichte #diskriminierung&#xA;&#xA;Habe usbekische Pässe gesehen und mit Entsetzen festgestellt, dass in diese &#34;Nationalität&#34; eingetragen wird, in bester sowjetischer Tradition. Damit ist nicht etwa die Staatsangehörigkeit gemeint, sondern die ethnische Herkunft.&#xA;&#xA;Dieser Eintrag war in der Sowjetunion die Grundlage für die Diskriminierung unzähliger Menschen. Gerade Juden, die oft nicht einmal am Aussehen oder Nachnamen erkennbar waren, wurden so weiterhin dem auf allen Ebenen grassierenden Antisemitismus ausgesetzt.&#xA;&#xA;Sowohl Ukraine als auch Russland haben diesen Eintrag völlig zurecht abgeschafft. Wobei Wikipedia auf einen Artikel verlinkt, laut dem russisch-orthodoxe Christen die Wiedereinführung dieses Eintrags forderten, um der &#34;Diskriminierung des russischen Volkes&#34; entgegenzuwirken.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:sowjetunion" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">sowjetunion</span></a> <a href="/newstrujew/tag:geschichte" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">geschichte</span></a> <a href="/newstrujew/tag:diskriminierung" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">diskriminierung</span></a></p>

<p>Habe usbekische Pässe gesehen und mit Entsetzen festgestellt, dass in diese “Nationalität” eingetragen wird, in bester sowjetischer Tradition. Damit ist nicht etwa die Staatsangehörigkeit gemeint, sondern die ethnische Herkunft.</p>

<p>Dieser Eintrag war in der Sowjetunion die Grundlage für die Diskriminierung unzähliger Menschen. Gerade Juden, die oft nicht einmal am Aussehen oder Nachnamen erkennbar waren, wurden so weiterhin dem auf allen Ebenen grassierenden Antisemitismus ausgesetzt.</p>

<p>Sowohl Ukraine als auch Russland haben diesen Eintrag völlig zurecht abgeschafft. Wobei Wikipedia auf einen Artikel verlinkt, laut dem russisch-orthodoxe Christen die Wiedereinführung dieses Eintrags forderten, um der “Diskriminierung des russischen Volkes” entgegenzuwirken.</p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/newstrujew/nationalitat-in-post-sowjetischen-reisepassen</guid>
      <pubDate>Thu, 24 Mar 2022 19:09:45 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Schulfach &#34;Arbeit&#34; in post-sowjetischen Ländern</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/schulfach-arbeit-in-post-sowjetischen-landern</link>
      <description>&lt;![CDATA[#bildung #russland #ukraine #sowjetunion #geschichte&#xA;&#xA;Ich bin immer wieder fasziniert, wie wenig sich der ukrainische (und russische) Schulunterricht in der 30 Jahren seit dem Ende der Sowjetunion weiterentwickelt hat. Da erzählt man mir beispielsweise über das Fach Werken. Wobei es aber wörtlich weiterhin &#34;Arbeit&#34; heißt.&#xA;&#xA;Und das ergibt eigentlich nur im sowjetischen Kontext einen Sinn. Hier galt ideologisch bedingt nur das manuelle Erzeugen von etwas als Arbeit, im Gegensatz zur intellektueller Arbeit oder Dienstleistungen zum Beispiel.&#xA;&#xA;In dem Fach wird auch weiter in feinster sowjetischer Manier nach Geschlecht getrennt: Jungs an die Werkbank, Mädchen an den Herd. Die beiden Mädchen meinen übereinstimmend, dass sie das Fach sogar mögen würden, wenn sie zu den Jungs dürften. Dürfen sie aber nicht.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:bildung" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">bildung</span></a> <a href="/newstrujew/tag:russland" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">russland</span></a> <a href="/newstrujew/tag:ukraine" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">ukraine</span></a> <a href="/newstrujew/tag:sowjetunion" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">sowjetunion</span></a> <a href="/newstrujew/tag:geschichte" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">geschichte</span></a></p>

<p>Ich bin immer wieder fasziniert, wie wenig sich der ukrainische (und russische) Schulunterricht in der 30 Jahren seit dem Ende der Sowjetunion weiterentwickelt hat. Da erzählt man mir beispielsweise über das Fach Werken. Wobei es aber wörtlich weiterhin “Arbeit” heißt.</p>

<p>Und das ergibt eigentlich nur im sowjetischen Kontext einen Sinn. Hier galt ideologisch bedingt nur das manuelle Erzeugen von etwas als Arbeit, im Gegensatz zur intellektueller Arbeit oder Dienstleistungen zum Beispiel.</p>

<p>In dem Fach wird auch weiter in feinster sowjetischer Manier nach Geschlecht getrennt: Jungs an die Werkbank, Mädchen an den Herd. Die beiden Mädchen meinen übereinstimmend, dass sie das Fach sogar mögen würden, wenn sie zu den Jungs dürften. Dürfen sie aber nicht.</p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/newstrujew/schulfach-arbeit-in-post-sowjetischen-landern</guid>
      <pubDate>Sat, 12 Mar 2022 18:11:44 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Der russische Imperialismus als Nachwirkung der Sowjetunion</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/der-russische-imperialismus-als-nachwirkung-der-sowjetunion</link>
      <description>&lt;![CDATA[#russland #ukraine #sowjetunion #geschichte #imperialismus&#xA;&#xA;Wenn ihr euch beim Lesen der Nachrichten fragt, was Russland mit der Ukraine will, wenn es schon die eigenen Territorien kaum versorgen kann: es hat auch damit zu tun, dass das kollektive Trauma Russlands, der Zerfall der Sowjetunion, nie verarbeitet wurde.&#xA;&#xA;Die Propaganda der Sowjetunion war plump. Man wusste, dass ihr nicht zu trauen war. Und doch ist bei vielen Menschen etwas hängengeblieben: wir sind stark, wir werden gefürchtet und beneidet, ohne uns geht keine Rechnung auf.&#xA;&#xA;!--more--Und plötzlich fanden sich die Menschen im postsowjetischen Russland wieder. Immer noch ein großes Land, aber viel kleiner. Immer noch bedeutend, aber keine Weltmacht mehr. Und mit einem Präsidenten, der sich gerne national wie international zum Clown machte.&#xA;&#xA;In dieser Situation kam Putin als &#34;der starke Mann&#34; an die Macht. Und damit war die kurze Phase der kritischen Auseinandersetzung mit dem Erbe der Sowjetunion schon wieder vorbei. Putin versprach ein Wiedererstarken Russlands und knüpfte nahtlos an sowjetische Propaganda an.&#xA;&#xA;Die Heldengeschichten wurden wieder populär. Insbesondere der Sieg über den deutschen Faschismus wurde wieder glorifiziert. Dass an der enormen Zahl sowjetischer Opfer die Entscheidungen der sowjetischen Führung mitverantwortlich waren: wieder ausgeblendet.&#xA;&#xA;Erst kürzlich wurde die russische Menschenrechtsorganisation Memorial zwangsaufgelöst, die den Opfern der Sowjetunion bedachte. Vor Gericht wird Klartext gesprochen: &#34;Warum wird uns vorgeschlagen, statt stolz auf unser Land zu sein, das die Welt vor dem Faschismus befreit hat, sich stattdessen für unsere, wie sich herausstellt, finstere Vergangenheit schämen? Weil jemand dafür bezahlt.&#34;&#xA;&#xA;Während man sich für die Auflösung juristischer Vorwände bedient, gibt man den wahren Grund offen zu: Memorial würde ein falsches Bild der Sowjetunion zeichnen. Sprich: nichts soll dem Geschichtsrevisionismus offizieller Stellen entgegenstehen. Kritik ist unerwünscht.&#xA;&#xA;Was hat das mit der Ukraine zu tun? Während in der Sowjetunion theoretisch alle Völker gleichgestellt waren, stellte die sowjetische Propaganda die Führung durch etnische Russen als naturgegeben dar. Der Panslawismus des Russischen Reiches wurde in Wirklichkeit nie aufgegeben.&#xA;&#xA;Entsprechend wenig Verständnis hatte man für die Unabhängigkeitsbestreben Ukraines, die in der Sowjetunion mit extremer Gewalt und Zwangsrussifizierung bekämpft wurden. Gleichzeitig wurde die gemeinsame Geschichte betont: beide Länder beanspruchen Kiew als ihren Ursprung.&#xA;&#xA;Seit dem 2. Weltkrieg kommt hinzu: die Ukrainer sollten Russland dankbar sein, dass sie befreit wurden. Dass für die Ukraine eine Besatzung durch eine andere ersetzt wurde, ist in der russischen Wahrnehmung nicht präsent.&#xA;&#xA;Und so gibt es auch im heutigen Russland sehr viele Menschen, die die Ukraine als rechtmäßig russisches Territorium ansehen. Auch dieser Tendenz hat Putin nie entgegengewirkt, sondern sie sogar noch gezielt verstärkt.&#xA;&#xA;Will Putin also von Problemen im eigenen Land ablenken, kann er immer die Ukraine in die Mangel nehmen. Die Zustimmung im eigenen Land ist ihm gewiss. Als Russland 2014 die Krim eroberte, war der Jubel groß. Und es hat ihn nichts gekostet, Konsequenzen sind ausgeblieben.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:russland" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">russland</span></a> <a href="/newstrujew/tag:ukraine" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">ukraine</span></a> <a href="/newstrujew/tag:sowjetunion" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">sowjetunion</span></a> <a href="/newstrujew/tag:geschichte" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">geschichte</span></a> <a href="/newstrujew/tag:imperialismus" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">imperialismus</span></a></p>

<p>Wenn ihr euch beim Lesen der Nachrichten fragt, was Russland mit der Ukraine will, wenn es schon die eigenen Territorien kaum versorgen kann: es hat auch damit zu tun, dass das kollektive Trauma Russlands, der Zerfall der Sowjetunion, nie verarbeitet wurde.</p>

<p>Die Propaganda der Sowjetunion war plump. Man wusste, dass ihr nicht zu trauen war. Und doch ist bei vielen Menschen etwas hängengeblieben: wir sind stark, wir werden gefürchtet und beneidet, ohne uns geht keine Rechnung auf.</p>

<p>Und plötzlich fanden sich die Menschen im postsowjetischen Russland wieder. Immer noch ein großes Land, aber viel kleiner. Immer noch bedeutend, aber keine Weltmacht mehr. Und mit einem Präsidenten, der sich gerne national wie international zum Clown machte.</p>

<p>In dieser Situation kam Putin als “der starke Mann” an die Macht. Und damit war die kurze Phase der kritischen Auseinandersetzung mit dem Erbe der Sowjetunion schon wieder vorbei. Putin versprach ein Wiedererstarken Russlands und knüpfte nahtlos an sowjetische Propaganda an.</p>

<p>Die Heldengeschichten wurden wieder populär. Insbesondere der Sieg über den deutschen Faschismus wurde wieder glorifiziert. Dass an der enormen Zahl sowjetischer Opfer die Entscheidungen der sowjetischen Führung mitverantwortlich waren: wieder ausgeblendet.</p>

<p>Erst kürzlich wurde die russische Menschenrechtsorganisation Memorial zwangsaufgelöst, die den Opfern der Sowjetunion bedachte. Vor Gericht <a href="https://www.bbc.com/russian/features-59817247" rel="nofollow">wird Klartext gesprochen</a>: “Warum wird uns vorgeschlagen, statt stolz auf unser Land zu sein, das die Welt vor dem Faschismus befreit hat, sich stattdessen für unsere, wie sich herausstellt, finstere Vergangenheit schämen? Weil jemand dafür bezahlt.”</p>

<p>Während man sich für die Auflösung juristischer Vorwände bedient, gibt man den wahren Grund offen zu: Memorial würde ein falsches Bild der Sowjetunion zeichnen. Sprich: nichts soll dem Geschichtsrevisionismus offizieller Stellen entgegenstehen. Kritik ist unerwünscht.</p>

<p>Was hat das mit der Ukraine zu tun? Während in der Sowjetunion theoretisch alle Völker gleichgestellt waren, stellte die sowjetische Propaganda die Führung durch etnische Russen als naturgegeben dar. Der Panslawismus des Russischen Reiches wurde in Wirklichkeit nie aufgegeben.</p>

<p>Entsprechend wenig Verständnis hatte man für die Unabhängigkeitsbestreben Ukraines, die in der Sowjetunion mit extremer Gewalt und Zwangsrussifizierung bekämpft wurden. Gleichzeitig wurde die gemeinsame Geschichte betont: beide Länder beanspruchen Kiew als ihren Ursprung.</p>

<p>Seit dem 2. Weltkrieg kommt hinzu: die Ukrainer sollten Russland dankbar sein, dass sie befreit wurden. Dass für die Ukraine eine Besatzung durch eine andere ersetzt wurde, ist in der russischen Wahrnehmung nicht präsent.</p>

<p>Und so gibt es auch im heutigen Russland sehr viele Menschen, die die Ukraine als rechtmäßig russisches Territorium ansehen. Auch dieser Tendenz hat Putin nie entgegengewirkt, sondern sie sogar noch gezielt verstärkt.</p>

<p>Will Putin also von Problemen im eigenen Land ablenken, kann er immer die Ukraine in die Mangel nehmen. Die Zustimmung im eigenen Land ist ihm gewiss. Als Russland 2014 die Krim eroberte, war der Jubel groß. Und es hat ihn nichts gekostet, Konsequenzen sind ausgeblieben.</p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/newstrujew/der-russische-imperialismus-als-nachwirkung-der-sowjetunion</guid>
      <pubDate>Tue, 15 Feb 2022 08:52:04 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Die Problematik der sowjetischen Kinderliteratur</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/die-problematik-der-sowjetischen-kinderliteratur</link>
      <description>&lt;![CDATA[#sowjetunion #geschichte #medien&#xA;&#xA;Wir haben hier sehr viele russischsprachige Kinderbücher, aber kaum welche aus den sowjetischen Zeiten. Und wenn welche da sind, werden viele nie gelesen.&#xA;&#xA;Ich denke, ich kann das Problem mit diesen Büchern endlich richtig artikulieren.&#xA;&#xA;!--more--Sowjetische Kindergeschichten folgen sehr oft einem einfachen Muster:&#xA;&#xA;Ein Kind tut etwas Verwerfliches. Meist ist das Fehlverhalten trivial: Essensverweigerung, Lügen, Faulenzen.&#xA;&#xA;Jemand anders (Peers, Autoritätspersonen) zeigt das Fehlverhalten auf und übt Druck aus. Typischerweise werden Gruppenzwang und/oder Shaming als Druckmittel benutzt, gerne auch andere als Vorbild aufzeigen.&#xA;&#xA;Am Ende bereut das Kind das eigene Verhalten und ändert es. Alle sind glücklich, der gesellschaftliche Frieden ist gerettet.&#xA;&#xA;Solche Geschichten gibt es natürlich auch anderswo, aber in sowjetischer Literatur sind sie wirklich prävalent. Sie begünstigen ein Schwarz-Weiß-Denken: auf einen Seite die Sünder, die es zu bekehren gilt, auf der anderen die moralisch erhabenen Guten.&#xA;&#xA;Es wird hier Mobbing seitens der Guten normalisiert. Letztlich sind solche Geschichten auch bloß ein Abbild einer Gesellschaft, in der solches Mobbing tatsächlich üblich und akzeptiert war.&#xA;&#xA;Ebenfalls typisch für diese Gesellschaft: individuelle Gründe werden gar nicht erst in Erwägung gezogen, Abweichungen von der Norm werden ohne Rücksicht auf Folgen für das Individuum bekämpft. Es wird echte Reue erwartet, obwohl mit diesen Mitteln eigentlich nicht erreichbar.&#xA;&#xA;Zum Glück gibt es heute genug Kinderbücher, die Akzeptanz und Toleranz vorleben, und in denen Andersartigkeit nicht als etwas Schlechtes dargestellt wird. Das passt sehr viel besser zu der Gesellschaft, die ich mir für meine Kinder wünsche.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:sowjetunion" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">sowjetunion</span></a> <a href="/newstrujew/tag:geschichte" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">geschichte</span></a> <a href="/newstrujew/tag:medien" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">medien</span></a></p>

<p>Wir haben hier sehr viele russischsprachige Kinderbücher, aber kaum welche aus den sowjetischen Zeiten. Und wenn welche da sind, werden viele nie gelesen.</p>

<p>Ich denke, ich kann das Problem mit diesen Büchern endlich richtig artikulieren.</p>

<p>Sowjetische Kindergeschichten folgen sehr oft einem einfachen Muster:</p>

<p>Ein Kind tut etwas Verwerfliches. Meist ist das Fehlverhalten trivial: Essensverweigerung, Lügen, Faulenzen.</p>

<p>Jemand anders (Peers, Autoritätspersonen) zeigt das Fehlverhalten auf und übt Druck aus. Typischerweise werden Gruppenzwang und/oder Shaming als Druckmittel benutzt, gerne auch andere als Vorbild aufzeigen.</p>

<p>Am Ende bereut das Kind das eigene Verhalten und ändert es. Alle sind glücklich, der gesellschaftliche Frieden ist gerettet.</p>

<p>Solche Geschichten gibt es natürlich auch anderswo, aber in sowjetischer Literatur sind sie wirklich prävalent. Sie begünstigen ein Schwarz-Weiß-Denken: auf einen Seite die Sünder, die es zu bekehren gilt, auf der anderen die moralisch erhabenen Guten.</p>

<p>Es wird hier Mobbing seitens der Guten normalisiert. Letztlich sind solche Geschichten auch bloß ein Abbild einer Gesellschaft, in der solches Mobbing tatsächlich üblich und akzeptiert war.</p>

<p>Ebenfalls typisch für diese Gesellschaft: individuelle Gründe werden gar nicht erst in Erwägung gezogen, Abweichungen von der Norm werden ohne Rücksicht auf Folgen für das Individuum bekämpft. Es wird echte Reue erwartet, obwohl mit diesen Mitteln eigentlich nicht erreichbar.</p>

<p>Zum Glück gibt es heute genug Kinderbücher, die Akzeptanz und Toleranz vorleben, und in denen Andersartigkeit nicht als etwas Schlechtes dargestellt wird. Das passt sehr viel besser zu der Gesellschaft, die ich mir für meine Kinder wünsche.</p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/newstrujew/die-problematik-der-sowjetischen-kinderliteratur</guid>
      <pubDate>Sat, 12 Feb 2022 07:58:52 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Antisemitismus in der Sowjetunion</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/antisemitismus-in-der-sowjetunion</link>
      <description>&lt;![CDATA[#antisemitismus #sowjetunion #geschichte #diskriminierung&#xA;&#xA;Eine bekannte Psychotherapeutin meinte, dass nur aus der ehemaligen Sowjetunion stammende Juden eine solche Angst vor Antisemitismus hätten, nicht etwa deutsche oder amerikanische.&#xA;&#xA;Das könnte stimmen. Denn der Antisemitismus war in der Sowjetunion omnipräsent. Ein paar Beispiele.&#xA;&#xA;!--more--Juden waren an den meisten Hochschulen unerwünscht. In den Aufnahmeprüfungen gab es teilweise Listen mit Leuten, die nicht bestehen durften. Anderswo wurde ohne Umschweife gesagt: &#34;Sie werden hier nicht studieren, egal wie oft Sie die Prüfung machen.&#34; Das war &#34;normal&#34;.&#xA;&#xA;Ich verstehe, dass es für Leute, die in Deutschland aufgewachsen sind, vielleicht schwierig ist, sich so etwas vorzustellen. Ich versichere euch allerdings, dass ich hier keine Gerüchte wiedergebe. Ich habe es aus erster Hand, von verschiedenen Menschen.&#xA;&#xA;Das setzte sich dann im Arbeitsleben fort. Es war bekannt, wo man sich als Jude bewerben konnte, und wo es reine Zeitverschwendung wäre. Auch das so &#34;normal&#34;, dass es eigentlich nicht der Rede wert war.&#xA;&#xA;Aber selbst wenn man irgendwo angefangen hat, verhinderte der Antisemitismus den Aufstieg in leitende Positionen. In einem mir bekannten Fall wollte man einen Juden wirklich in eine leitende Position befördern, also hat man ihm einen Namenswechsel nahegelegt, damit dieser nicht mehr so jüdisch klingt. Ja, er hat seinen Nachnamen dann tatsächlich geändert.&#xA;&#xA;Ähnliches (aber das habe ich nicht aus erster Hand) soll auch beim Verlegen von Büchern abgelaufen sein. Juden wurden entweder nicht verlegt, oder nur dann, wenn sie sich einen russisch klingenden Pseudonym zugelegt haben.&#xA;&#xA;Dazu kamen natürlich grassierende antisemitische Theorien und tätliche Angriffe. Juden wurden ganz beiläufig für sämtliche Probleme verantwortlich gemacht. Regimegegner kramten bei Lenin sogar einen jüdischen Urgroßvater aus, um Juden für Kommunismus verantwortlich zu machen.&#xA;&#xA;Menschen, die den Internationalismus der Sowjetunion loben, verkennen, dass Theorie und Praxis hier sehr oft nicht zusammenpassten. In der Theorie sollte es nämlich keine Diskriminierung geben.&#xA;&#xA;In der Praxis wurde aber dafür rein gar nichts getan. Denn die Ursache der Diskriminierung (wie aller anderen Übel) wurde im Kapitalismus gesehen. Ohne Kapitalismus konnte es keine Diskriminierung mehr geben. Wenn es sie in der Praxis dann doch gab, wurde darüber einfach nicht gesprochen. Problem gelöst.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:antisemitismus" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">antisemitismus</span></a> <a href="/newstrujew/tag:sowjetunion" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">sowjetunion</span></a> <a href="/newstrujew/tag:geschichte" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">geschichte</span></a> <a href="/newstrujew/tag:diskriminierung" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">diskriminierung</span></a></p>

<p>Eine bekannte Psychotherapeutin meinte, dass nur aus der ehemaligen Sowjetunion stammende Juden eine solche Angst vor Antisemitismus hätten, nicht etwa deutsche oder amerikanische.</p>

<p>Das könnte stimmen. Denn der Antisemitismus war in der Sowjetunion omnipräsent. Ein paar Beispiele.</p>

<p>Juden waren an den meisten Hochschulen unerwünscht. In den Aufnahmeprüfungen gab es teilweise Listen mit Leuten, die nicht bestehen durften. Anderswo wurde ohne Umschweife gesagt: “Sie werden hier nicht studieren, egal wie oft Sie die Prüfung machen.” Das war “normal”.</p>

<p>Ich verstehe, dass es für Leute, die in Deutschland aufgewachsen sind, vielleicht schwierig ist, sich so etwas vorzustellen. Ich versichere euch allerdings, dass ich hier keine Gerüchte wiedergebe. Ich habe es aus erster Hand, von verschiedenen Menschen.</p>

<p>Das setzte sich dann im Arbeitsleben fort. Es war bekannt, wo man sich als Jude bewerben konnte, und wo es reine Zeitverschwendung wäre. Auch das so “normal”, dass es eigentlich nicht der Rede wert war.</p>

<p>Aber selbst wenn man irgendwo angefangen hat, verhinderte der Antisemitismus den Aufstieg in leitende Positionen. In einem mir bekannten Fall wollte man einen Juden wirklich in eine leitende Position befördern, also hat man ihm einen Namenswechsel nahegelegt, damit dieser nicht mehr so jüdisch klingt. Ja, er hat seinen Nachnamen dann tatsächlich geändert.</p>

<p>Ähnliches (aber das habe ich nicht aus erster Hand) soll auch beim Verlegen von Büchern abgelaufen sein. Juden wurden entweder nicht verlegt, oder nur dann, wenn sie sich einen russisch klingenden Pseudonym zugelegt haben.</p>

<p>Dazu kamen natürlich grassierende antisemitische Theorien und tätliche Angriffe. Juden wurden ganz beiläufig für sämtliche Probleme verantwortlich gemacht. Regimegegner kramten bei Lenin sogar einen jüdischen Urgroßvater aus, um Juden für Kommunismus verantwortlich zu machen.</p>

<p>Menschen, die den Internationalismus der Sowjetunion loben, verkennen, dass Theorie und Praxis hier sehr oft nicht zusammenpassten. In der Theorie sollte es nämlich keine Diskriminierung geben.</p>

<p>In der Praxis wurde aber dafür rein gar nichts getan. Denn die Ursache der Diskriminierung (wie aller anderen Übel) wurde im Kapitalismus gesehen. Ohne Kapitalismus konnte es keine Diskriminierung mehr geben. Wenn es sie in der Praxis dann doch gab, wurde darüber einfach nicht gesprochen. Problem gelöst.</p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/newstrujew/antisemitismus-in-der-sowjetunion</guid>
      <pubDate>Tue, 12 Oct 2021 06:34:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Stellung der Frauen in der Sowjetunion</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/stellung-der-frauen-in-der-sowjetunion</link>
      <description>&lt;![CDATA[#feminismus #sowjetunion #geschichte&#xA;&#xA;  Wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen.&#xA;small(George Santayana)/small&#xA;&#xA;Dieser Satz gilt auch für Linke, die sozialistische Staaten zu Vorreitern bei den Frauenrechten glorifizieren. Denn das waren sie mitnichten.&#xA;&#xA;Bemerkung vorab: meine Erfahrungswerte beziehen sich allesamt auf die Sowjetunion. In anderen sozialistischen Ländern wie der DDR könnte es deutlich anders ausgesehen haben.&#xA;&#xA;!--more--Zunächst einmal ist es richtig, dass Frauen und Männer (ja, binär) im Arbeitsleben der Sowjetunion formell gleichgestellt waren. Ob das wirtschaftliche oder ideologische Gründe hatte, will ich hier gar nicht diskutieren. Schauen wir uns lieber das Drumherum an.&#xA;&#xA;Acht Stunden Lohnarbeit am Tag, zuzüglich verpflichtende Werks- und Parteiversammlungen, zuzüglich Arbeitswege, das hatten also beide Seiten. Und dann?&#xA;&#xA;Dann musste beispielsweise gekocht werden, Fertiggerichte existierten ja nicht. Das übernahmen fast ausnahmslos Frauen.&#xA;&#xA;Dann war da noch die Wäsche. Wer in den 80er Jahren in der Sowjetunion eine Waschmaschine (nicht unbedingt eine automatische) besaß, konnte sich glücklich schätzen. Meine Mutter verbrachte die Hälfte von jedem Samstag mit der Wäsche. Ja, auch hier waren Frauen dran.&#xA;&#xA;Zwei Frauen waschen Wäsche. Vor ihnen stehen große Bottiche mit Wasser, in denen Kleidung eingeweicht wird. Eine der Frauen hält ein Waschbrett, an dem sie ein Kleidungsstück reibt.&#xA;&#xA;Dieses Bild stammt aus einem Film von 1979 (Москва слезам не верит, Quelle). So in etwa kenne ich das auch noch.&#xA;&#xA;Und dann waren da natürlich noch Kinder. Werktags haben die Eltern ihre Kinder kaum gesehen. Wenn sie nicht in der Kita waren, spielten sie draußen. An Wochenenden aber waren auch vor allem die Mütter für die Kinder zuständig. Von den Vätern wurde vor allem erwartet, die Kinder zu bestrafen.&#xA;&#xA;Die Literatur und die Spielfilme der Sowjetunion sind von entsprechenden Stereotypen durchzogen. Mütter kochen, Töchter lernen kochen. Mütter waschen, Töchter helfen. Diese Konstanten wurden meines Wissens nach nirgendwo infrage gestellt.&#xA;&#xA;Nur als Beispiel zwei Standbilder aus einem sowjetischen Zeichentrickzyklus (Обезьянки, 1983-1987) über eine Affenmama, die kocht, wäscht und nebenbei auf ihre fünf Kinder aufpasst. Sehr überzogen dargestellt natürlich, aber trotzdem als normaler Mütteralltag gezeigt.&#xA;&#xA;Eine Affenmama legt irgendwelche Blätter in eine Schüssel, auf dem Herd steht ein Topf.&#xA;Eine Affenmama wäscht Wäsche mit einem Waschbrett und schaut gleichzeitig, was ihre Kinder tun. Im Hintergrund ist eine Wäscheleine mit Kindersachen.&#xA;&#xA;Wenn Männer mehr Freizeit als Frauen hatten, was machten sie damit? Sie gingen beispielsweise in den Hof oder in den Park und spielten: Domino, Schach, Dame, Hockey.&#xA;&#xA;Vier Männer sitzen am Tisch draußen und spielen Domino&#xA;Auf einer Eisfläche spielen Männer Hockey. Viele Menschen schauen zu, meist Männer und Kinder, nur ein paar Frauen.&#xA;&#xA;Sowjetische Fotos zeigen immer ausschließlich Männer beim Spielen (Quelle).&#xA;&#xA;Die weniger gesellschaftlich akzeptierte Freizeitbeschäftigung der Männer war das Trinken. Auch hier bezeichnend: Alkoholismus war größtenteils ein Männerproblem. Frauen hatten dafür schlicht keine Zeit.&#xA;&#xA;Auch bei der Abschaffung der Stereotype beispielsweise um Kleidung und Frisuren spielte die Sowjetunion mitnichten eine Vorreiterrolle, sondern akzeptierte irgendwann widerwillig aus dem Westen kommende Trends. Ich kenne mich hier schlecht aus, aber zwei Fotos will ich zeigen.&#xA;&#xA;Schuluniform der Jungen bestehend aus blauer Hose mit blauer Jacke. Schuluniform der Mädchen bestehend aus braunem Kleid mit weißer Schürze.&#xA;Schwarz-Weiß-Foto, Farben nicht erkennbar. Schuluniform der Jungen ist sehr militärisch anmutend, Hose mit Mantel. Der letztere vollständig zugeknöpft und mit einem breiten Gürtel. Schuluniform der Mädchen bestehend aus Kleid mit Schürze.&#xA;&#xA;Oben sind Schuluniformen, wie sie an sowjetischen Schulen in den 80er Jahren getragen wurden. Unten dagegen die Uniformen eines russischen Gymnasiums vor der Oktoberrevolution 1917. Vielleicht sieht man hier, dass die Uniform der Jungen mit der Zeit angepasst und bequemer wurde. Die der Mädchen hat sich kaum verändert.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:feminismus" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">feminismus</span></a> <a href="/newstrujew/tag:sowjetunion" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">sowjetunion</span></a> <a href="/newstrujew/tag:geschichte" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">geschichte</span></a></p>

<blockquote><p>Wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen.
<small>(George Santayana)</small></p></blockquote>

<p>Dieser Satz gilt auch für Linke, die sozialistische Staaten zu Vorreitern bei den Frauenrechten glorifizieren. Denn das waren sie mitnichten.</p>

<p>Bemerkung vorab: meine Erfahrungswerte beziehen sich allesamt auf die Sowjetunion. In anderen sozialistischen Ländern wie der DDR könnte es deutlich anders ausgesehen haben.</p>

<p>Zunächst einmal ist es richtig, dass Frauen und Männer (ja, binär) im Arbeitsleben der Sowjetunion formell gleichgestellt waren. Ob das wirtschaftliche oder ideologische Gründe hatte, will ich hier gar nicht diskutieren. Schauen wir uns lieber das Drumherum an.</p>

<p>Acht Stunden Lohnarbeit am Tag, zuzüglich verpflichtende Werks- und Parteiversammlungen, zuzüglich Arbeitswege, das hatten also beide Seiten. Und dann?</p>

<p>Dann musste beispielsweise gekocht werden, Fertiggerichte existierten ja nicht. Das übernahmen fast ausnahmslos Frauen.</p>

<p>Dann war da noch die Wäsche. Wer in den 80er Jahren in der Sowjetunion eine Waschmaschine (nicht unbedingt eine automatische) besaß, konnte sich glücklich schätzen. Meine Mutter verbrachte die Hälfte von jedem Samstag mit der Wäsche. Ja, auch hier waren Frauen dran.</p>

<p><img src="https://pixelfed.de/storage/m/_v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/tPujDgAScMyo/W5AcD7Flh34R1Zjfd4qFu6Ztxu28VZlpRyPe1b1k.jpg" alt="Zwei Frauen waschen Wäsche. Vor ihnen stehen große Bottiche mit Wasser, in denen Kleidung eingeweicht wird. Eine der Frauen hält ein Waschbrett, an dem sie ein Kleidungsstück reibt."></p>

<p>Dieses Bild stammt aus einem Film von 1979 (Москва слезам не верит, <a href="https://ru.rbth.com/read/1538-soviet-washing-laundry" rel="nofollow">Quelle</a>). So in etwa kenne ich das auch noch.</p>

<p>Und dann waren da natürlich noch Kinder. Werktags haben die Eltern ihre Kinder kaum gesehen. Wenn sie nicht in der Kita waren, spielten sie draußen. An Wochenenden aber waren auch vor allem die Mütter für die Kinder zuständig. Von den Vätern wurde vor allem erwartet, die Kinder zu bestrafen.</p>

<p>Die Literatur und die Spielfilme der Sowjetunion sind von entsprechenden Stereotypen durchzogen. Mütter kochen, Töchter lernen kochen. Mütter waschen, Töchter helfen. Diese Konstanten wurden meines Wissens nach nirgendwo infrage gestellt.</p>

<p>Nur als Beispiel zwei Standbilder aus einem sowjetischen Zeichentrickzyklus (Обезьянки, 1983-1987) über eine Affenmama, die kocht, wäscht und nebenbei auf ihre fünf Kinder aufpasst. Sehr überzogen dargestellt natürlich, aber trotzdem als normaler Mütteralltag gezeigt.</p>

<p><img src="https://pixelfed.de/storage/m/_v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/rgLe7BBoXeqM/bNPiPTbHXrn4kxj7Bz7Ei9FFuIygwMDD3FALlX04.jpg" alt="Eine Affenmama legt irgendwelche Blätter in eine Schüssel, auf dem Herd steht ein Topf.">
<img src="https://pixelfed.de/storage/m/_v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/TFECVLBcAQJh/xRGFG7qTRo29oFNrUdhfF9B7B7p1hMjH4fVfHRJR.jpg" alt="Eine Affenmama wäscht Wäsche mit einem Waschbrett und schaut gleichzeitig, was ihre Kinder tun. Im Hintergrund ist eine Wäscheleine mit Kindersachen."></p>

<p>Wenn Männer mehr Freizeit als Frauen hatten, was machten sie damit? Sie gingen beispielsweise in den Hof oder in den Park und spielten: Domino, Schach, Dame, Hockey.</p>

<p><img src="https://pixelfed.de/storage/m/_v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/QrX8zfCC9vQF/iCZXBtRyAxDCpUZYu3J3KMHD3L8W2iDE1VNFlH3x.jpg" alt="Vier Männer sitzen am Tisch draußen und spielen Domino">
<img src="https://pixelfed.de/storage/m/_v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/Qu3uDGAQhEBu/oSPKxINopDgRzHtgI3qe8cZeNqCWNe2d7WKpFmfI.jpg" alt="Auf einer Eisfläche spielen Männer Hockey. Viele Menschen schauen zu, meist Männer und Kinder, nur ein paar Frauen."></p>

<p>Sowjetische Fotos zeigen immer ausschließlich Männer beim Spielen (<a href="https://back-in-ussr.com/2017/07/dosug-sovetskih-lyudey.html" rel="nofollow">Quelle</a>).</p>

<p>Die weniger gesellschaftlich akzeptierte Freizeitbeschäftigung der Männer war das Trinken. Auch hier bezeichnend: Alkoholismus war größtenteils ein Männerproblem. Frauen hatten dafür schlicht keine Zeit.</p>

<p>Auch bei der Abschaffung der Stereotype beispielsweise um Kleidung und Frisuren spielte die Sowjetunion mitnichten eine Vorreiterrolle, sondern akzeptierte irgendwann widerwillig aus dem Westen kommende Trends. Ich kenne mich hier schlecht aus, aber zwei Fotos will ich zeigen.</p>

<p><img src="https://pixelfed.de/storage/m/_v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/MZA1bSZ8L96l/JhibQWISfSWtOigxJXVcLMK1T4L0FxMYPKRtccpJ.jpg" alt="Schuluniform der Jungen bestehend aus blauer Hose mit blauer Jacke. Schuluniform der Mädchen bestehend aus braunem Kleid mit weißer Schürze.">
<img src="https://pixelfed.de/storage/m/_v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/kTb4vC1TD9vl/Ct2JdD6AVdX673rc60Fo7oAFDj9WKdtE8yvDZ4AL.jpg" alt="Schwarz-Weiß-Foto, Farben nicht erkennbar. Schuluniform der Jungen ist sehr militärisch anmutend, Hose mit Mantel. Der letztere vollständig zugeknöpft und mit einem breiten Gürtel. Schuluniform der Mädchen bestehend aus Kleid mit Schürze."></p>

<p>Oben sind Schuluniformen, wie sie an sowjetischen Schulen in den 80er Jahren getragen wurden. Unten dagegen die Uniformen eines russischen Gymnasiums vor der Oktoberrevolution 1917. Vielleicht sieht man hier, dass die Uniform der Jungen mit der Zeit angepasst und bequemer wurde. Die der Mädchen hat sich kaum verändert.</p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/newstrujew/stellung-der-frauen-in-der-sowjetunion</guid>
      <pubDate>Wed, 06 Oct 2021 12:20:43 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Was passierte mit den deutschen Juden, die in der Sowjetunion Zuflucht suchten?</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/was-passierte-mit-den-deutschen-juden-die-in-der-sowjetunion-zuflucht-suchten</link>
      <description>&lt;![CDATA[#geschichte #sowjetunion #antisemitismus&#xA;&#xA;Nachdem 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen, haben viele Juden das Land verlassen. Man kennt viele Geschichten deutscher Juden, die in den USA eine neue Heimat fanden. Worüber man weniger hört, sind aber die Geschichten der Juden, die in der Sowjetunion eine Zuflucht gesucht haben, oft aus ideologischen Gründen.&#xA;&#xA;!--more--Bei den Schicksalen solcher Familien zeigt sich ein deutliches Muster. Die Sowjetunion nahm zunächst ausländische Expert*innen bereitwillig auf. Mit den Säuberungen in 1937, spätestens aber mit dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion in 1941 nahm das Unheil seinen Lauf auf.&#xA;&#xA;So absurd es klingen mag, deutsche Juden wurden meist der Spionage zugunsten Deutschlands angeklagt. Hier half auch keine einwandfreie Reputation. Einige wurden hingerichtet, andere nach Sibirien verbannt.&#xA;&#xA;Nachdem 1953 Stalin starb, wurden viele wieder rehabilitiert. Den Toten und den Kranken brachte das allerdings wenig.&#xA;&#xA;Wer überlebte, hatte mit dem grassierenden Antisemitismus der Sowjetunion zu leben. Erst nach 1991 durften die Familien nach Deutschland zurückkehren. Zwei solche Familien kenne ich hier.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:geschichte" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">geschichte</span></a> <a href="/newstrujew/tag:sowjetunion" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">sowjetunion</span></a> <a href="/newstrujew/tag:antisemitismus" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">antisemitismus</span></a></p>

<p>Nachdem 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen, haben viele Juden das Land verlassen. Man kennt viele Geschichten deutscher Juden, die in den USA eine neue Heimat fanden. Worüber man weniger hört, sind aber die Geschichten der Juden, die in der Sowjetunion eine Zuflucht gesucht haben, oft aus ideologischen Gründen.</p>

<p>Bei den Schicksalen solcher Familien zeigt sich ein deutliches Muster. Die Sowjetunion nahm zunächst ausländische Expert*innen bereitwillig auf. Mit den Säuberungen in 1937, spätestens aber mit dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion in 1941 nahm das Unheil seinen Lauf auf.</p>

<p>So absurd es klingen mag, deutsche Juden wurden meist der Spionage zugunsten Deutschlands angeklagt. Hier half auch keine einwandfreie Reputation. Einige wurden hingerichtet, andere nach Sibirien verbannt.</p>

<p>Nachdem 1953 Stalin starb, wurden viele wieder rehabilitiert. Den Toten und den Kranken brachte das allerdings wenig.</p>

<p>Wer überlebte, hatte mit dem <a href="https://paper.wf/newstrujew/antisemitismus-in-der-sowjetunion" rel="nofollow">grassierenden Antisemitismus der Sowjetunion</a> zu leben. Erst nach 1991 durften die Familien nach Deutschland zurückkehren. Zwei solche Familien kenne ich hier.</p>
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      <pubDate>Fri, 17 Sep 2021 15:21:58 +0000</pubDate>
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