Ich bin in einem Land geboren, das nicht mehr existiert: die Sowjetunion. Die Auswanderung nach Deutschland ist ein einschneidendes Ereignis meines Lebens, das es in ein “davor” und ein “danach” aufteilt. Menschen, die in Deutschland geboren sind, können sich so etwas meist nicht einmal annähernd vorstellen. Viele meinen jedoch, dass sie es könnten, weil sie z.B. schon mal paar Jahre im Ausland verbracht haben. Und sie meinen, sie wären dadurch zu einem Urteil über “die Ausländer” berechtigt.
Eigentlich will ich niemanden belehren, aber diese Erfahrungen sind in keinster Weise vergleichbar. Es ist etwas völlig anderes, wenn man aus Verzweiflung auswandert und nie wieder zurück kann. Wenn man nicht weiß, was einen erwartet. Wenn man sich nicht verständigen kann, weil man die Sprache nicht kann. Wenn man auf Hilfe angewiesen ist und gleichzeitig weiß, dass einen eigentlich niemand hier haben will.
Irgendwie muss ich gerade an meinen sowjetischen Geschichtsunterricht zurückdenken. Es scheint dort einige Erklärungen des aktuellen russischen Angriffskriegs zu geben. Ein Text über Geschichtsnarrative, Imperialismus und russisches Selbstverständnis.
Hinweis: Ich habe zwar ein sehr gutes Gedächtnis, aber nach über 30 Jahren kann ich mich natürlich nicht mehr an jedes Detail erinnern. Und während ich vermute, dass meine Erfahrung repräsentativ für die Sowjetunion und heutiges Russland ist, ist sie anekdotische Evidenz.
Die Freunde erzwungener Schwangerschaften erzählen gerne über Leute, deren Mütter eigentlich abtreiben wollten. Was naturgemäß zu kurz kommt, sind Geschichten der Leute, der wegen erzwungener Schwangerschaften gestorben sind.
Habe usbekische Pässe gesehen und mit Entsetzen festgestellt, dass in diese “Nationalität” eingetragen wird, in bester sowjetischer Tradition. Damit ist nicht etwa die Staatsangehörigkeit gemeint, sondern die ethnische Herkunft.
Dieser Eintrag war in der Sowjetunion die Grundlage für die Diskriminierung unzähliger Menschen. Gerade Juden, die oft nicht einmal am Aussehen oder Nachnamen erkennbar waren, wurden so weiterhin dem auf allen Ebenen grassierenden Antisemitismus ausgesetzt.
Sowohl Ukraine als auch Russland haben diesen Eintrag völlig zurecht abgeschafft. Wobei Wikipedia auf einen Artikel verlinkt, laut dem russisch-orthodoxe Christen die Wiedereinführung dieses Eintrags forderten, um der “Diskriminierung des russischen Volkes” entgegenzuwirken.
Ich bin immer wieder fasziniert, wie wenig sich der ukrainische (und russische) Schulunterricht in der 30 Jahren seit dem Ende der Sowjetunion weiterentwickelt hat. Da erzählt man mir beispielsweise über das Fach Werken. Wobei es aber wörtlich weiterhin “Arbeit” heißt.
Und das ergibt eigentlich nur im sowjetischen Kontext einen Sinn. Hier galt ideologisch bedingt nur das manuelle Erzeugen von etwas als Arbeit, im Gegensatz zur intellektueller Arbeit oder Dienstleistungen zum Beispiel.
In dem Fach wird auch weiter in feinster sowjetischer Manier nach Geschlecht getrennt: Jungs an die Werkbank, Mädchen an den Herd. Die beiden Mädchen meinen übereinstimmend, dass sie das Fach sogar mögen würden, wenn sie zu den Jungs dürften. Dürfen sie aber nicht.
Wenn ihr euch beim Lesen der Nachrichten fragt, was Russland mit der Ukraine will, wenn es schon die eigenen Territorien kaum versorgen kann: es hat auch damit zu tun, dass das kollektive Trauma Russlands, der Zerfall der Sowjetunion, nie verarbeitet wurde.
Die Propaganda der Sowjetunion war plump. Man wusste, dass ihr nicht zu trauen war. Und doch ist bei vielen Menschen etwas hängengeblieben: wir sind stark, wir werden gefürchtet und beneidet, ohne uns geht keine Rechnung auf.
Wir haben hier sehr viele russischsprachige Kinderbücher, aber kaum welche aus den sowjetischen Zeiten. Und wenn welche da sind, werden viele nie gelesen.
Ich denke, ich kann das Problem mit diesen Büchern endlich richtig artikulieren.
Eine bekannte Psychotherapeutin meinte, dass nur aus der ehemaligen Sowjetunion stammende Juden eine solche Angst vor Antisemitismus hätten, nicht etwa deutsche oder amerikanische.
Das könnte stimmen. Denn der Antisemitismus war in der Sowjetunion omnipräsent. Ein paar Beispiele.
Wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen.
(George Santayana)
Dieser Satz gilt auch für Linke, die sozialistische Staaten zu Vorreitern bei den Frauenrechten glorifizieren. Denn das waren sie mitnichten.
Bemerkung vorab: meine Erfahrungswerte beziehen sich allesamt auf die Sowjetunion. In anderen sozialistischen Ländern wie der DDR könnte es deutlich anders ausgesehen haben.
Nachdem 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen, haben viele Juden das Land verlassen. Man kennt viele Geschichten deutscher Juden, die in den USA eine neue Heimat fanden. Worüber man weniger hört, sind aber die Geschichten der Juden, die in der Sowjetunion eine Zuflucht gesucht haben, oft aus ideologischen Gründen.