Ich bin in einem Land geboren, das nicht mehr existiert: die Sowjetunion. Die Auswanderung nach Deutschland ist ein einschneidendes Ereignis meines Lebens, das es in ein “davor” und ein “danach” aufteilt. Menschen, die in Deutschland geboren sind, können sich so etwas meist nicht einmal annähernd vorstellen. Viele meinen jedoch, dass sie es könnten, weil sie z.B. schon mal paar Jahre im Ausland verbracht haben. Und sie meinen, sie wären dadurch zu einem Urteil über “die Ausländer” berechtigt.
Eigentlich will ich niemanden belehren, aber diese Erfahrungen sind in keinster Weise vergleichbar. Es ist etwas völlig anderes, wenn man aus Verzweiflung auswandert und nie wieder zurück kann. Wenn man nicht weiß, was einen erwartet. Wenn man sich nicht verständigen kann, weil man die Sprache nicht kann. Wenn man auf Hilfe angewiesen ist und gleichzeitig weiß, dass einen eigentlich niemand hier haben will.
Habe usbekische Pässe gesehen und mit Entsetzen festgestellt, dass in diese “Nationalität” eingetragen wird, in bester sowjetischer Tradition. Damit ist nicht etwa die Staatsangehörigkeit gemeint, sondern die ethnische Herkunft.
Dieser Eintrag war in der Sowjetunion die Grundlage für die Diskriminierung unzähliger Menschen. Gerade Juden, die oft nicht einmal am Aussehen oder Nachnamen erkennbar waren, wurden so weiterhin dem auf allen Ebenen grassierenden Antisemitismus ausgesetzt.
Sowohl Ukraine als auch Russland haben diesen Eintrag völlig zurecht abgeschafft. Wobei Wikipedia auf einen Artikel verlinkt, laut dem russisch-orthodoxe Christen die Wiedereinführung dieses Eintrags forderten, um der “Diskriminierung des russischen Volkes” entgegenzuwirken.
Also Leute, die ihr “wir wollen Karl” skandiert... Wahrscheinlich habt ihr recht, dass er als Gesundheitsminster das kleinste Übel wäre. Aber vergesst bitte nicht, dass er eine Reihe sehr problematischer Standpunkte vertritt. Und das wird in diesem Tweet nochmal sehr deutlich:
Eine bekannte Psychotherapeutin meinte, dass nur aus der ehemaligen Sowjetunion stammende Juden eine solche Angst vor Antisemitismus hätten, nicht etwa deutsche oder amerikanische.
Das könnte stimmen. Denn der Antisemitismus war in der Sowjetunion omnipräsent. Ein paar Beispiele.
Ich habe schon einige Male die Übernahme einer gut gemeinten Bewegung durch problematische Charaktere mitbekommen, wenn auch nicht aus der nächsten Nähe. Ich schreibe mal auf, wie das in etwa abläuft, weil ich denke, dass viele die Zeichen nicht deuten können.
Zunächst einmal finden sich mehrere Menschen zusammen und gründen eine Bewegung, um die Welt zu verbessern. Man ist sich einig, was und warum zu tun ist, alle verstehen sich, es ist ein tolles Gefühl.
Weil “Ich kenne einen Schwarzen/Juden/Transsexuellen und ihn stört das gar nicht” immer wieder als Rechtfertigung herangezogen wird...
Vor vielen Jahren haben wir in einer größeren Teenie-Gruppe etwas diskutiert. Plötzlich brüllten alle: “Scheiß-Ossies!”
Dann ist ihnen eingefallen, dass ein Mädchen in der Runde aus Leipzig war. Plötzlich schauten alle sie fragend an. Und sie sagte: “Ja, ich mag die auch nicht.”