Ich bin in einem Land geboren, das nicht mehr existiert: die Sowjetunion. Die Auswanderung nach Deutschland ist ein einschneidendes Ereignis meines Lebens, das es in ein “davor” und ein “danach” aufteilt. Menschen, die in Deutschland geboren sind, können sich so etwas meist nicht einmal annähernd vorstellen. Viele meinen jedoch, dass sie es könnten, weil sie z.B. schon mal paar Jahre im Ausland verbracht haben. Und sie meinen, sie wären dadurch zu einem Urteil über “die Ausländer” berechtigt.
Eigentlich will ich niemanden belehren, aber diese Erfahrungen sind in keinster Weise vergleichbar. Es ist etwas völlig anderes, wenn man aus Verzweiflung auswandert und nie wieder zurück kann. Wenn man nicht weiß, was einen erwartet. Wenn man sich nicht verständigen kann, weil man die Sprache nicht kann. Wenn man auf Hilfe angewiesen ist und gleichzeitig weiß, dass einen eigentlich niemand hier haben will.
Ein Bekannter will Müllwagenfahrer sein. Er ist dafür qualifiziert und auch motiviert. Ein Problem hat er dennoch: er kann keine Bewerbungen schreiben.
Er kam nämlich erst vor einigen Jahren aus dem Ausland nach Deutschland. Sein Deutsch ist nicht sonderlich gut, und mit dem Schreiben hat er es ohnehin nicht so. Braucht man aber für den Job ja auch nicht.
Ich bin immer wieder fasziniert, wie wenig sich der ukrainische (und russische) Schulunterricht in der 30 Jahren seit dem Ende der Sowjetunion weiterentwickelt hat. Da erzählt man mir beispielsweise über das Fach Werken. Wobei es aber wörtlich weiterhin “Arbeit” heißt.
Und das ergibt eigentlich nur im sowjetischen Kontext einen Sinn. Hier galt ideologisch bedingt nur das manuelle Erzeugen von etwas als Arbeit, im Gegensatz zur intellektueller Arbeit oder Dienstleistungen zum Beispiel.
In dem Fach wird auch weiter in feinster sowjetischer Manier nach Geschlecht getrennt: Jungs an die Werkbank, Mädchen an den Herd. Die beiden Mädchen meinen übereinstimmend, dass sie das Fach sogar mögen würden, wenn sie zu den Jungs dürften. Dürfen sie aber nicht.
Es ist interessant, dass im 21. Jahrhundert Lehrer*innen diskutieren, wie man den Einsatz technischer Hilfsmittel in Klausuren eindämmen könnte. Während man ja eigentlich davon ausgehen kann, dass diese technischen Hilfsmittel nach der Schule nicht plötzlich verschwinden.
Das ist natürlich nicht mein Fachbereich, und ich beziehe mich nur auf einen Blogbeitrag, dieser scheint aber einleuchtend. Wenn eine Klausurfrage durch eine Google-Suche besser als durch eigene Leistung beantwortet werden kann, welchen Sinn hat diese Frage dann noch?
In 2020 hat sich Schweden fast täglich gefreut, dass ihre Strategie des Nichtstun aufgeht und die Todeszahlen sinken. Tatsächlich hatten sie bloß bis zu zwei Wochen Meldeverzug, was zu Graphen wie diesem führte:
Ich will mal kurz (haha, als ob ich mich kurz fassen könnte) dokumentieren, wie gut gemeinte Maßnahmen genau entgegengesetzte und gar verheerende Wirkung haben können.
Es geht um Deutsch-Förderunterricht. Das kann ja eigentlich nicht schaden?