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    <title>Janus Newstrujew</title>
    <link>https://paper.wf/newstrujew/</link>
    <description>Gedanken, die nicht in einen Mastodon-Tröt passen&lt;a href=&#34;https://autistics.life/@Newstrujew/&#34; rel=&#34;me&#34;&gt;&lt;/a&gt;</description>
    <pubDate>Tue, 12 May 2026 11:52:11 +0000</pubDate>
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      <title>Wie wandert man eigentlich aus?</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/wie-wandert-man-eigentlich-aus</link>
      <description>&lt;![CDATA[#flucht #sowjetunion #antisemitismus #diskriminierung #chancengleichheit #bildung &#xA;&#xA;Ich bin in einem Land geboren, das nicht mehr existiert: die Sowjetunion. Die Auswanderung nach Deutschland ist ein einschneidendes Ereignis meines Lebens, das es in ein &#34;davor&#34; und ein &#34;danach&#34; aufteilt. Menschen, die in Deutschland geboren sind, können sich so etwas meist nicht einmal annähernd vorstellen. Viele meinen jedoch, dass sie es könnten, weil sie z.B. schon mal paar Jahre im Ausland verbracht haben. Und sie meinen, sie wären dadurch zu einem Urteil über &#34;die Ausländer&#34; berechtigt.&#xA;&#xA;Eigentlich will ich niemanden belehren, aber diese Erfahrungen sind in keinster Weise vergleichbar. Es ist etwas völlig anderes, wenn man aus Verzweiflung auswandert und nie wieder zurück kann. Wenn man nicht weiß, was einen erwartet. Wenn man sich nicht verständigen kann, weil man die Sprache nicht kann. Wenn man auf Hilfe angewiesen ist und gleichzeitig weiß, dass einen eigentlich niemand hier haben will.!--more--&#xA;&#xA;Dabei hatte es meine Familie gut. Wir durften &#34;geregelt&#34; einreisen, mit Erlaubnis. Wir konnten unsere Reise sorgfältig planen und mussten unser Leben nicht riskieren. Wenn ich hier also meine Erfahrungen skizziere, bedenkt bitte: Leute, die heute in Deutschland Asyl suchen, mussten sehr viel mehr durchmachen. Und gleichzeitig müssen sie mit der Unsicherheit leben, morgen vielleicht schon in das Land abgeschoben zu werden, das sie unter großem Risiko für sich verlassen haben.&#xA;&#xA;Wieso auswandern?&#xA;&#xA;Gewisse Kreise in Deutschland sind überzeugt: eine Auswanderung passiert primär aus wirtschaftlichen Gründen. Warum in der Heimat bleiben, wenn es anderswo mehr Geld gibt? Tatsächlich gehört aber eine ordentliche Portion Verzweiflung dazu, alles zu verlassen, was man kennt, und ins Ungewisse zu reisen.&#xA;&#xA;Als die Sowjetunion sich ihrem Ende zuneigte, wurden die Ausreisen häufiger. Das hatte vor allem damit zu tun, dass eine Ausreise nach Israel für Juden zwar immer noch nicht gerade unproblematisch war, aber immerhin legal. Und zwar war es die Zeit der leeren Ladenregale, aber seien wir mal ehrlich: wer wandert denn in die permanente Kriegszone Israel aus, um unbeschwert einkaufen zu können?&#xA;&#xA;Der tatsächliche Grund hatte sehr viel mit Antisemitismus zu tun. Juden waren in der Sowjetunion immer massiver Diskriminierung ausgesetzt. Die Idee, in einem jüdischen Staat zu leben und nie wieder alltäglichen Antisemitismus zu erleben, hatte eine enorme Anziehungskraft.&#xA;&#xA;Einige unserer Bekannten und Verwandten sind ausgewandert. Sie schickten uns offizielle Einladungen, damit wir auch eine Ausreise beantragen konnten. Diese Briefe lagen bei uns jahrelang herum, unbenutzt. Das Leben wurde immer beschwerlicher und ungewisser, aber meine Eltern wollten nicht weg.&#xA;&#xA;Trotzdem bereiteten sie sich auf alle Eventualitäten vor, und so wurde ich in dieser Zeit unterrichtet, um wenigstens etwas übers Judentum zu lernen, mit dem ich überhaupt nicht vertraut war. Meine Eltern lernten Hebräisch.&#xA;&#xA;Und dann war die Sowjetunion nicht mehr. Wir lebten plötzlich in einem Land, in dem ungezügelter Nationalismus regierte. Dieser führte schon bald zu einem Bürgerkrieg. Das betraf uns zwar nicht unmittelbar. Dass der Bürgerkrieg bald mit einem Waffenstillstand enden und dieser Waffenstillstand Jahrzehnte halten würde, war zu dem Zeitpunkt aber nicht absehbar.&#xA;&#xA;Der Nationalismus hingegen war eine direkte Bedrohung. Dieser richtete sich gegen Russen wie gegen Juden. Als russischsprachiger Jude war ich das Feindbild schlechthin. Die Familie meines Vaters lebte seit mindesten hundert Jahren in dieser Stadt, länger kann ich meine Familiengeschichte nicht zurückverfolgen. Aber das zählte nicht mehr, und tatsächlich blieb von der ehemals zahlreichen russischsprachigen und jüdischen Bevölkerung der Stadt innerhalb von wenigen Jahren kaum etwas übrig.&#xA;&#xA;Ich hatte hier keine Zukunft mehr, das war meinen Eltern klar. Der sowjetische Antisemitismus war schlimm, aber man kannte ihn. Man wusste, was man tun und lassen sollte, um die schlimmsten Auswüchse zu vermeiden. Der neue Antisemitismus kannte dagegen keine Grenzen und war unberechenbar.&#xA;&#xA;Dazu kam die wachsende Kriminalität. Mein Vater war Kleinunternehmer, Kennern der Epoche sagt vielleicht der Begriff &#34;Kooperative&#34; etwas. Ihm wurde schon damals klar, dass jegliche unternehmerische Tätigkeit sich bald mit der organisierten Kriminalität arrangieren muss. Das wollte er nicht.&#xA;&#xA;Ein Nachbar von uns, ein deutlich erfolgreicherer Unternehmer, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Einige Monate nach unserer Abreise schlug er mit seiner Familie in unserem Wohnheim auf. Sie mussten das Land fluchtartig in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verlassen, weil er irgendeinem Kriminellen in die Quere kam. Ihm blieb nichts anderes übrig, nachdem er Drohungen bekam, in denen der Tagesablauf seiner Kinder genau geschildert wurde.&#xA;&#xA;Wohin soll es gehen?&#xA;&#xA;Es kommt für euch vielleicht wie ein Schock, aber Deutschland war nicht unsere erste Wahl. Nach Israel wollten meine Eltern zwar nicht, weil sie ihre Kinder schützen wollten. Aber sie wären viel lieber in die USA ausgereist, und das nicht nur wegen der deutschen Geschichte. In den USA waren schon viele Bekannte, die die Lage bereits erkundet haben und notfalls helfen konnten. In Deutschland kannten wir niemanden.&#xA;&#xA;Die Antworten von der deutschen und von der amerikanischen Botschaft kamen zwar fast zeitgleich bei uns an. Während Deutschland uns aber eine Einreisegenehmigung schickte, kam von den Amerikanern die Einladung zu einem Interview. In der amerikanischen Botschaft, die damals nur im fernen Moskau existierte. Zu dem die gesamte Familie erscheinen musste, den sturen Großvater und die demente Großmutter eingeschlossen. Die andere Großmutter mit der klinischen Depression natürlich auch. Und dieses Interview würde zwar wahrscheinlich zu einer Einreiseerlaubnis führen (dem Beruf meines Vaters sei dank), aber ohne Garantie und ohne eines verlässlichen zeitlichen Rahmens.&#xA;&#xA;Die Wahl fiel nicht leicht. Auf der einen Seite Gewissheit, aber es war ja Deutschland. Auf der anderen Seite eine beschwerliche Reise, vermutlich viel Wartezeit (und wer weiß, was in der Zwischenzeit passieren könnte), ungewisser Ausgang. Und mein Großvater, der es niemals verzeihen würde, sollte er diese Reise umsonst gemacht haben.&#xA;&#xA;Kürzlich meinte mein Vater, die Entscheidung hätte ich getroffen. Und tatsächlich erinnere ich mich dumpf an das Gespräch, in dem mich das Unterstützungssystem in Deutschland überzeugt hat, im Gegensatz zu den USA, wo meine Eltern schon bald ins kalte Wasser geworfen würden. Aber natürlich kann man eine solche Entscheidung nicht auf ein Kind abwälzen, obwohl es erstaunlich viele Eltern versuchen. Vermutlich, weil auch Erwachsene damit völlig überfordert sind.&#xA;&#xA;Jedenfalls beschlossen meine Eltern, ihr Glück nicht herauszufordern. Es ging nach Deutschland.&#xA;&#xA;Die Vorbereitungen&#xA;&#xA;Flugtickets waren schon bald gekauft, für eine wahrlich astronomische Summe. Aber wie verpackt und verschifft man ein Leben?&#xA;&#xA;Hier hatten wir Glück: wir konnten recht viele Sachen ins Flugzeug mitnehmen, und wir durften einen Container nach Deutschland schicken. Die Details kenne ich nicht, diesen Container habe ich nie gesehen. Aber er muss durchaus geräumig gewesen sein.&#xA;&#xA;Jedoch natürlich nicht so geräumig, dass wir alles mitnehmen könnten. Und deswegen hatten wir die Qual der Wahl: Was braucht man? Was wirft man weg? Was lässt sich verkaufen? Was verschenkt man?&#xA;&#xA;Und da war noch etwas. Der neue Nationalstaat hatte Bedenken, dass die Juden Kulturgüter und Geld aus dem Land ausführen würden. Also wurden strikte Beschränkungen auferlegt. Beispielsweise durfte man höchstens 400 US-Dollar (soweit ich mich erinnere) an westlichen Währungen mitnehmen. Schon der Währungstausch war streng limitiert, mein Vater hat bereits über Jahre Möglichkeiten gesucht, westliche Währungen zu kaufen. Wertlose Nationalwährung durfte man dagegen mitnehmen, wie man wollte. Alle Ähnlichkeiten mit den Gesetzen des Dritten Reiches sind natürlich rein zufällig.&#xA;&#xA;Also durften wir etliche bürokratische Hürden nehmen, um unsere hochgradig &#34;wertvolle&#34; Sammlung von diversen Ansteckbuttons und ein paar Silberlöffel ausführen zu dürfen. Nach dieser Erfahrung haben wir uns die Mühe mit den Briefmarken gespart und sie einfach in einen Briefumschlag gepackt. In diesem Briefumschlag liegen sie übrigens immer noch, es hatte seitdem niemand Lust auf diese Sammlung.&#xA;&#xA;Und was Geld anging, so fand mein Vater jemanden, den er bestechen konnte, damit es da keine Probleme gab. Nicht, dass wir derart viel Geld hätten. Aber wir hatten eine Wohnung, die wir hofften zu verkaufen. Was sich mit einem laufenden Bürgerkrieg als ziemlich schwierig herausstellte. Letztendlich musste dieses Unterfangen aufgegeben werden, für die Wohnung wurde nicht annähernd genug geboten. Ein Freund meines Vaters hat die Wohnung paar Jahre später verkauft, als die Nachfrage wieder anstieg. Das Geld hat er nach Israel mitgenommen, von dort kam es irgendwie zu uns.&#xA;&#xA;Es waren Sommerferien, aber ich war auch beschäftigt. Ich bastelte Kartons aller Größen, damit wir unser Geschirr verpacken konnten. Und ich verkaufte unsere Sachen auf dem Markt, mit eher mäßigem Erfolg. Der Handel lief nur wirklich, wenn meine Mutter dazukam.&#xA;&#xA;Einmal kam meine Klassenlehrerin an meinem Stand vorbei. Ich bin erst vor einem Jahr an diese Schule gewechselt, und ich mochte sie sehr. Ich mochte auch diese Lehrerin, und ich wäre lieber sehr viel länger in ihrer Klasse geblieben. Aber da haben wir uns verabschiedet, und ich habe sie nie wieder gesehen.&#xA;&#xA;Zwei Wochen Deutschunterricht für mich haben auch gepasst. Eine Frau, die im Nachbarhaus wohnte, hat mich unterrichtet. Ich denke, sie war Deutschlehrerin? Als wir nach Deutschland kamen, konnte ich jedenfalls lesen, ohne den Sinn des Gelesenen zu verstehen.&#xA;&#xA;Am Ende hätten wir viele Sachen dort lassen können. Die Streichhölzer zum Beispiel, die in Deutschland so teuer sein sollten. Sind sie ja auch im Vergleich, aber wozu braucht man sie in einem Nichtraucher-Haushalt, der keinen Gasherd mehr hat?&#xA;&#xA;Mein Großvater hat sehr viel Zeug eingepackt. Er hatte Angst, irgendetwas zurückzulassen, was er vielleicht noch gebrauchen könnte. Der Großteil seiner Sachen wurde nie wieder benutzt.&#xA;&#xA;Hätten wir doch mehr Bücher mitgenommen... In den ersten Monaten, bis unser Container ankam, hatte ich nur vier Bücher. Ich kannte sie auswendig.&#xA;&#xA;Stattdessen habe ich einem Freund meine Bücher gezeigt, um sie zu verschenken. Aber er war nicht so recht begeistert. Einige Bücher konnten wir verkaufen, aber ich denke, ein großer Teil der Bücher ist einfach so in der Wohnung geblieben.&#xA;&#xA;Die Reise&#xA;&#xA;Am Flughafen ist mir vor allem eine Tüte mit Geldscheinen in Erinnerung geblieben, die wir nach den Kontrollen den Freunden übergaben, die uns verabschieden kamen. Die notwendige Bestechungssumme ist nämlich deutlich geschrumpft, weil wir ja kein Geld für die Wohnung bekommen haben und deswegen nicht sonderlich weit über der erlaubten Ausfuhrgrenze lagen. Auch die Gebühren fürs Übergewicht hielten sich in Grenzen. Die Reste unseres Geldes in Nationalwährung sahen aber nach beeindruckend viel aus, der Hyperinflation sei dank. Dafür hatten wir keine Verwendung mehr.&#xA;&#xA;Und dann waren wir in Frankfurt am Main. Schon den Weg zum Flughafenbahnhof zu finden war eine Herausforderung. Mein Bruder hatte recht passables Englisch, fand aber niemanden, mit dem er sich damit verständigen konnte. Letztendlich haben wir uns zwei Polizistinnen zur Hilfe geholt, die irgendwann verstanden, was wir brauchten, und uns zum Bahnhof begleiteten.&#xA;&#xA;Dort waren sie aber wieder überfordert, denn einen Bahn-Informationsstand gab es nicht, und sie hatten keine Ahnung, wie wir an unser Ziel kommen. Nach wiederum viel Hin und Her kam heraus, dass wir zum Hauptbahnhof müssen und erst dort einen Ticket für einen Fernzug bekommen.&#xA;&#xA;Am Hauptbahnhof wurden uns Tickets für einen ICE verkauft, die einen beachtlichen Teil unserer spärlichen Geldreserven gefressen haben. Wie sich später herausstellte, wäre ein anderer Zug nicht viel langsamer, aber sehr viel billiger gewesen. Aber so ist es, wenn man von nichts eine Ahnung hat.&#xA;&#xA;Wir mussten noch zweimal umsteigen, bis wir am Ziel ankamen, mit unserem ganzen Gepäck kein leichtes Unterfangen. Immerhin stellten wir bald fest, dass Züge in Deutschland erst losfahren, wenn alle Passagiere mit dem Aus- und Einsteigen fertig sind.&#xA;&#xA;Die kleine Tasche meiner dementen Großmutter haben wir im letzten Zug dennoch vergessen. Aber wir hatten Glück: jemand hat sie dort entdeckt, und dieser jemand wusste auch, wo wir ausgestiegen waren. Dass wir auf dem Weg zum Durchgangslager waren, war klar. Diese Tasche fand uns also schon am nächsten Tag.&#xA;&#xA;Und noch etwas war in diesem Zug passiert. Ich muss ziemlich verloren ausgesehen haben. Jemand drückte mir 10 DM in die Hand und sagte: &#34;Willkommen in Deutschland!&#34; Für mich war es enorm viel Geld, ein ganzes Vermögen. Ich habe mir danach noch lange ausgerechnet, was ich mir davon kaufen könnte, bis ich diesen Geldschein irgendwann verlor.&#xA;&#xA;Bis wir endlich im Durchgangslager ankamen, das wir auch erst finden mussten, war es schon dunkel. Wir bekamen unsere Zimmer, einen mittelgroßen Berg an Lebensmitteln und durften uns ausruhen. Von den Lebensmitteln haben uns besonders ein Eimer (ja, ein regulärer 10 Liter Eimer) mit Bockwürstchen und eine Konservendose mit 3 kg Bohnen beeindruckt. Wir bekamen den Ratschlag, keine Lebensmittel zurückzulassen, denn wir würden keine mehr bekommen.&#xA;&#xA;Am nächsten Tag durften meine Eltern wählen, wohin es weitergehen soll. Sie wollten natürlich in eine Großstadt, bekamen da aber eine Absage: Großstädte seien alle voll. Also wählten sie den Ort aus der Liste aus, den sie immerhin in ihrem Atlas fanden. Dass es in Deutschland einen Dutzend Orte mit diesem Namen gibt, wussten sie natürlich nicht.&#xA;&#xA;Noch einen Tag später war das Wochenende vorbei, und es ging weiter. Noch eine andere Familie kam mit uns, sie kamen am Freitag an und verbrachten deswegen einen Tag mehr im Durchgangslager. Wieder eine lange Reise, diesmal aber immerhin mit einem Minibus. Den Weg mussten wir nicht mehr suchen.&#xA;&#xA;Und weiter?&#xA;&#xA;Wir kamen in einem malerischen Dorf an. Meine Eltern hätten sicherlich eine schlechtere Wahl treffen können. Der Nachteil wurde schon bald klar: bis auf einen winzigen Laden, in dem für uns alles viel zu teuer war, gab es hier keine Lebensmittel zu kaufen. Für &#34;richtige&#34; Einkäufe musste man zwölf Kilometer fahren. Der Bus zweimal täglich (ja, einmal am Morgen und einmal am Nachmittag) war zu nichts zu gebrauchen.&#xA;&#xA;Wir haben die Gegend zunächst zu Fuß erkundet. Im drei Kilometer entfernten Nachbarort fanden wir Bahngleise, aber keinen Bahnhof. Wie ich jetzt weiß, war es eine stillgelegte Strecke.&#xA;&#xA;Also musste schnellstmöglich ein Auto gekauft werden, schon allein wegen des Sprachkurses, für den meine Eltern jeden Tag fünfzig Kilometer in eine Richtung fahren mussten (immerhin in Fahrgemeinschaft mit einer anderen Familie). Ein anderer Bewohner des Wohnheims hat meinen Vater zu paar Autohäusern gefahren. Das Auto, das er dann nehmen musste, war vermutlich kein Schnäppchen. Aber immerhin konnte er einen Kredit für einen Teil des Kaufpreises heraushandeln.&#xA;&#xA;Für mich musste eine Schule organisiert werden. Zuerst ging es an die Grundschule, weil es die ja im Ort gab. Zum Glück wurde dort gesagt, ich sei für die Grundschule zu alt.&#xA;&#xA;Also ist der Heimleiter mit mir zu der nächstgelegenen Schule gefahren (zwölf Kilometer, siehe oben). Welche Schulart? Hauptschule, da gingen ja alle Kinder in diesem Wohnheim hin. Wir hatten keine Ahnung. Wörterbuch sagte, dass &#34;Haupt&#34; irgendwie wichtig sei, schien also gut zu sein.&#xA;&#xA;Meine Lehrerinnen merkten zum Glück schon bald, dass ich an der Hauptschule falsch sei. Es war für mich aber noch lange die Horrorvorstellung, dass ich dorthin zurückgeschickt würde, wenn meine Leistungen nicht gut genug sind. Und ich blieb auch an der Realschule unterfordert, bis ich im Abitur ans Gymnasium kam.&#xA;&#xA;Ich wurde schon an der Hauptschule eine Klassenstufe zurückgestellt, an der Realschule ging es noch eine Klassenstufe tiefer. Das ist eine Erfahrung, die sehr viele Kinder durchmachen. Begründet wird es damit, dass der Schulstoff dann einfacher sei. Das ist eine fragliche Begründung, denn eigentlich ist das Problem nicht die Komplexität des Schulstoffs, sondern die fehlenden Sprachkenntnisse. Und der Spracherwerb geht unabhängig von Klassenstufe voran.&#xA;&#xA;So sehr mich diese Zurückstufung damals schmerzte, eigentlich war sie gut für mich. Dadurch war ich erstmals in meiner Schullaufbahn unter Gleichaltrigen. Und gerade in der Pubertät ist es wichtig, in der Entwicklung auf dem gleichen Stand zu sein.&#xA;&#xA;Apropos Spracherwerb: an der Hauptschule gab es einen Sprachkurs. Dieser brachte zwar nicht viel, aber dadurch lernte ich einige russischsprachige Kinder kennen, mit denen ich die Pausen verbrachte. An der Realschule gab es keinen Sprachkurs, so dass ich in den Pausen Deutsch sprach und es dadurch deutlich schneller lernte.&#xA;&#xA;Nach etwas über einem Jahr schafften wir es, aus dem Wohnheim in eine nahegelegene Kleinstadt umzuziehen. Einfach war es nicht, denn Ausländern hat man auch auf dem Land ungern vermietet. Vermutlich wollte die Wohnung mit ihrer kaum existenter Wärmeisolierung und Beheizung durch Gaskamine einfach niemand haben. Im Winter ging in meinem Zimmer nachts die Temperatur runter auf 11°. Der Misthaufen hinter dem Haus tat sein Übriges. Eine bessere Wohnung fanden wir erst zwei Jahre später.&#xA;&#xA;Arbeit gab es für Ausländer natürlich auch keine. Mein Vater fing mit unbezahlten Praktika an, um irgendwie die Sprache zu lernen. Später fand er einen Job, in dem er sämtliche Arbeit in der Firma machte, aber unter Sozialhilfeniveau bezahlt wurde. Irgendwann gab es endlich eine Gehaltserhöhung, mit der wir unabhängig von staatlichen Leistungen waren (wollte man mir im Ausländeramt nicht recht glauben).&#xA;&#xA;Wir wollten zu seiner Arbeitsstelle umziehen, fanden schon eine Wohnung. Während wir noch mit Reparaturen beschäftigt waren, reichte sein Chef Insolvenz ein, und wir mussten den Umzug abblasen. Zum Glück, muss man sagen. Denn mein Vater fand einen besser bezahlten Job in der Nähe, und ich musste die Schule nicht wechseln. Nach noch einem Jobwechsel kam er zum Renteneintritt immerhin auf ein Lohnniveau, das in seinem Beruf manche Berufseinsteiger*innen bekommen.&#xA;&#xA;Meine Mutter hatte dagegen überhaupt keine Chance, in ihren Beruf zu kommen. Sie hatte eine Reihe von schlecht bezahlten Aushilfsjobs. Einen Job hat sie länger gemacht, obwohl sie davon eigentlich keine Ahnung hatte - dafür aber ich. Ihrem Chef war es gerade recht, dass insbesondere anfangs ich einen großen Teil der Arbeit machte. Für ihn kam das sehr günstig.&#xA;&#xA;Es stand also nicht besonders gut um unsere Finanzen. Dass ich in dieser Zeit mehrmals im Ausland war, war der jüdischen Gemeinde (oder genauer: der ZWST) zu verdanken, die in den Sommerferien vergleichsweise billig Reisen für Kinder und Jugendliche organisierte. Ich war dennoch im Nachteil: während deutsche Jugendliche bereits problemlos innerhalb Europas verreisten, brauchte ich nicht nur ein Visum für Italien, sondern auch ein ziemlich teures Transitvisum für Österreich.&#xA;&#xA;Mit der Volljährigkeit durfte ich zum ersten und letzten Mal in &#34;meine&#34; Botschaft, um einen Pass zu bekommen. Dort ließ man mich so richtig spüren, was man von Vaterlandsverrätern hält. Umso erleichterter war ich über die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts, die es erstmals unter bestimmten Umständen ermöglichte, die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen, ohne die alte Staatsangehörigkeit aufgeben zu müssen. Es ist ja nicht so, dass ich die zweite Staatsangehörigkeit brauchte, aber ich wollte mich schlicht nicht der Willkür dieser Botschaft aussetzen lassen. Natürlich hat die Union wenige Jahre später diese sinnvolle Änderung wieder zurückgedreht.&#xA;&#xA;Da war ich aber bereits deutscher Staatsbürger. Ich musste mich nicht mehr mit dem Ausländeramt auseinandersetzen und habe die erstaunliche Erfahrung gemacht, dass deutsche Behörden freundlich und hilfsbereit sein können. Außerdem bekam ich kaum noch Komplimente zu meiner deutschen Sprache, meine Sprache hat also endlich ein Niveau erreicht, das Leute als akzeptabel empfanden und nicht mehr besonders hervorheben mussten.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:flucht" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">flucht</span></a> <a href="/newstrujew/tag:sowjetunion" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">sowjetunion</span></a> <a href="/newstrujew/tag:antisemitismus" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">antisemitismus</span></a> <a href="/newstrujew/tag:diskriminierung" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">diskriminierung</span></a> <a href="/newstrujew/tag:chancengleichheit" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">chancengleichheit</span></a> <a href="/newstrujew/tag:bildung" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">bildung</span></a></p>

<p>Ich bin in einem Land geboren, das nicht mehr existiert: die Sowjetunion. Die Auswanderung nach Deutschland ist ein einschneidendes Ereignis meines Lebens, das es in ein “davor” und ein “danach” aufteilt. Menschen, die in Deutschland geboren sind, können sich so etwas meist nicht einmal annähernd vorstellen. Viele meinen jedoch, dass sie es könnten, weil sie z.B. schon mal paar Jahre im Ausland verbracht haben. Und sie meinen, sie wären dadurch zu einem Urteil über “die Ausländer” berechtigt.</p>

<p>Eigentlich will ich niemanden belehren, aber diese Erfahrungen sind in keinster Weise vergleichbar. Es ist etwas völlig anderes, wenn man aus Verzweiflung auswandert und nie wieder zurück kann. Wenn man nicht weiß, was einen erwartet. Wenn man sich nicht verständigen kann, weil man die Sprache nicht kann. Wenn man auf Hilfe angewiesen ist und gleichzeitig weiß, dass einen eigentlich niemand hier haben will.</p>

<p>Dabei hatte es meine Familie gut. Wir durften “geregelt” einreisen, mit Erlaubnis. Wir konnten unsere Reise sorgfältig planen und mussten unser Leben nicht riskieren. Wenn ich hier also meine Erfahrungen skizziere, bedenkt bitte: Leute, die heute in Deutschland Asyl suchen, mussten sehr viel mehr durchmachen. Und gleichzeitig müssen sie mit der Unsicherheit leben, morgen vielleicht schon in das Land abgeschoben zu werden, das sie unter großem Risiko für sich verlassen haben.</p>

<h2 id="wieso-auswandern" id="wieso-auswandern">Wieso auswandern?</h2>

<p>Gewisse Kreise in Deutschland sind überzeugt: eine Auswanderung passiert primär aus wirtschaftlichen Gründen. Warum in der Heimat bleiben, wenn es anderswo mehr Geld gibt? Tatsächlich gehört aber eine ordentliche Portion Verzweiflung dazu, alles zu verlassen, was man kennt, und ins Ungewisse zu reisen.</p>

<p>Als die Sowjetunion sich ihrem Ende zuneigte, wurden die Ausreisen häufiger. Das hatte vor allem damit zu tun, dass eine Ausreise nach Israel für Juden zwar immer noch nicht gerade unproblematisch war, aber immerhin legal. Und zwar war es die Zeit der leeren Ladenregale, aber seien wir mal ehrlich: wer wandert denn in die permanente Kriegszone Israel aus, um unbeschwert einkaufen zu können?</p>

<p>Der tatsächliche Grund hatte sehr viel mit Antisemitismus zu tun. Juden waren in der Sowjetunion immer massiver Diskriminierung ausgesetzt. Die Idee, in einem jüdischen Staat zu leben und nie wieder alltäglichen Antisemitismus zu erleben, hatte eine enorme Anziehungskraft.</p>

<p>Einige unserer Bekannten und Verwandten sind ausgewandert. Sie schickten uns offizielle Einladungen, damit wir auch eine Ausreise beantragen konnten. Diese Briefe lagen bei uns jahrelang herum, unbenutzt. Das Leben wurde immer beschwerlicher und ungewisser, aber meine Eltern wollten nicht weg.</p>

<p>Trotzdem bereiteten sie sich auf alle Eventualitäten vor, und so wurde ich in dieser Zeit unterrichtet, um wenigstens etwas übers Judentum zu lernen, mit dem ich überhaupt nicht vertraut war. Meine Eltern lernten Hebräisch.</p>

<p>Und dann war die Sowjetunion nicht mehr. Wir lebten plötzlich in einem Land, in dem ungezügelter Nationalismus regierte. Dieser führte schon bald zu einem Bürgerkrieg. Das betraf uns zwar nicht unmittelbar. Dass der Bürgerkrieg bald mit einem Waffenstillstand enden und dieser Waffenstillstand Jahrzehnte halten würde, war zu dem Zeitpunkt aber nicht absehbar.</p>

<p>Der Nationalismus hingegen war eine direkte Bedrohung. Dieser richtete sich gegen Russen wie gegen Juden. Als russischsprachiger Jude war ich das Feindbild schlechthin. Die Familie meines Vaters lebte seit mindesten hundert Jahren in dieser Stadt, länger kann ich meine Familiengeschichte nicht zurückverfolgen. Aber das zählte nicht mehr, und tatsächlich blieb von der ehemals zahlreichen russischsprachigen und jüdischen Bevölkerung der Stadt innerhalb von wenigen Jahren kaum etwas übrig.</p>

<p>Ich hatte hier keine Zukunft mehr, das war meinen Eltern klar. Der sowjetische Antisemitismus war schlimm, aber man kannte ihn. Man wusste, was man tun und lassen sollte, um die schlimmsten Auswüchse zu vermeiden. Der neue Antisemitismus kannte dagegen keine Grenzen und war unberechenbar.</p>

<p>Dazu kam die wachsende Kriminalität. Mein Vater war Kleinunternehmer, Kennern der Epoche sagt vielleicht der Begriff “Kooperative” etwas. Ihm wurde schon damals klar, dass jegliche unternehmerische Tätigkeit sich bald mit der organisierten Kriminalität arrangieren muss. Das wollte er nicht.</p>

<p>Ein Nachbar von uns, ein deutlich erfolgreicherer Unternehmer, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Einige Monate nach unserer Abreise schlug er mit seiner Familie in unserem Wohnheim auf. Sie mussten das Land fluchtartig in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verlassen, weil er irgendeinem Kriminellen in die Quere kam. Ihm blieb nichts anderes übrig, nachdem er Drohungen bekam, in denen der Tagesablauf seiner Kinder genau geschildert wurde.</p>

<h2 id="wohin-soll-es-gehen" id="wohin-soll-es-gehen">Wohin soll es gehen?</h2>

<p>Es kommt für euch vielleicht wie ein Schock, aber Deutschland war nicht unsere erste Wahl. Nach Israel wollten meine Eltern zwar nicht, weil sie ihre Kinder schützen wollten. Aber sie wären viel lieber in die USA ausgereist, und das nicht nur wegen der deutschen Geschichte. In den USA waren schon viele Bekannte, die die Lage bereits erkundet haben und notfalls helfen konnten. In Deutschland kannten wir niemanden.</p>

<p>Die Antworten von der deutschen und von der amerikanischen Botschaft kamen zwar fast zeitgleich bei uns an. Während Deutschland uns aber eine Einreisegenehmigung schickte, kam von den Amerikanern die Einladung zu einem Interview. In der amerikanischen Botschaft, die damals nur im fernen Moskau existierte. Zu dem die gesamte Familie erscheinen musste, den sturen Großvater und die demente Großmutter eingeschlossen. Die andere Großmutter mit der klinischen Depression natürlich auch. Und dieses Interview würde zwar wahrscheinlich zu einer Einreiseerlaubnis führen (dem Beruf meines Vaters sei dank), aber ohne Garantie und ohne eines verlässlichen zeitlichen Rahmens.</p>

<p>Die Wahl fiel nicht leicht. Auf der einen Seite Gewissheit, aber es war ja <em>Deutschland</em>. Auf der anderen Seite eine beschwerliche Reise, vermutlich viel Wartezeit (und wer weiß, was in der Zwischenzeit passieren könnte), ungewisser Ausgang. Und mein Großvater, der es niemals verzeihen würde, sollte er diese Reise umsonst gemacht haben.</p>

<p>Kürzlich meinte mein Vater, die Entscheidung hätte ich getroffen. Und tatsächlich erinnere ich mich dumpf an das Gespräch, in dem mich das Unterstützungssystem in Deutschland überzeugt hat, im Gegensatz zu den USA, wo meine Eltern schon bald ins kalte Wasser geworfen würden. Aber natürlich kann man eine solche Entscheidung nicht auf ein Kind abwälzen, obwohl es erstaunlich viele Eltern versuchen. Vermutlich, weil auch Erwachsene damit völlig überfordert sind.</p>

<p>Jedenfalls beschlossen meine Eltern, ihr Glück nicht herauszufordern. Es ging nach Deutschland.</p>

<h2 id="die-vorbereitungen" id="die-vorbereitungen">Die Vorbereitungen</h2>

<p>Flugtickets waren schon bald gekauft, für eine wahrlich astronomische Summe. Aber wie verpackt und verschifft man ein Leben?</p>

<p>Hier hatten wir Glück: wir konnten recht viele Sachen ins Flugzeug mitnehmen, und wir durften einen Container nach Deutschland schicken. Die Details kenne ich nicht, diesen Container habe ich nie gesehen. Aber er muss durchaus geräumig gewesen sein.</p>

<p>Jedoch natürlich nicht so geräumig, dass wir alles mitnehmen könnten. Und deswegen hatten wir die Qual der Wahl: Was braucht man? Was wirft man weg? Was lässt sich verkaufen? Was verschenkt man?</p>

<p>Und da war noch etwas. Der neue Nationalstaat hatte Bedenken, dass die Juden Kulturgüter und Geld aus dem Land ausführen würden. Also wurden strikte Beschränkungen auferlegt. Beispielsweise durfte man höchstens 400 US-Dollar (soweit ich mich erinnere) an westlichen Währungen mitnehmen. Schon der Währungstausch war streng limitiert, mein Vater hat bereits über Jahre Möglichkeiten gesucht, westliche Währungen zu kaufen. Wertlose Nationalwährung durfte man dagegen mitnehmen, wie man wollte. Alle Ähnlichkeiten mit den Gesetzen des Dritten Reiches sind natürlich rein zufällig.</p>

<p>Also durften wir etliche bürokratische Hürden nehmen, um unsere hochgradig “wertvolle” Sammlung von diversen Ansteckbuttons und ein paar Silberlöffel ausführen zu dürfen. Nach dieser Erfahrung haben wir uns die Mühe mit den Briefmarken gespart und sie einfach in einen Briefumschlag gepackt. In diesem Briefumschlag liegen sie übrigens immer noch, es hatte seitdem niemand Lust auf diese Sammlung.</p>

<p>Und was Geld anging, so fand mein Vater jemanden, den er bestechen konnte, damit es da keine Probleme gab. Nicht, dass wir derart viel Geld hätten. Aber wir hatten eine Wohnung, die wir hofften zu verkaufen. Was sich mit einem laufenden Bürgerkrieg als ziemlich schwierig herausstellte. Letztendlich musste dieses Unterfangen aufgegeben werden, für die Wohnung wurde nicht annähernd genug geboten. Ein Freund meines Vaters hat die Wohnung paar Jahre später verkauft, als die Nachfrage wieder anstieg. Das Geld hat er nach Israel mitgenommen, von dort kam es irgendwie zu uns.</p>

<p>Es waren Sommerferien, aber ich war auch beschäftigt. Ich bastelte Kartons aller Größen, damit wir unser Geschirr verpacken konnten. Und ich verkaufte unsere Sachen auf dem Markt, mit eher mäßigem Erfolg. Der Handel lief nur wirklich, wenn meine Mutter dazukam.</p>

<p>Einmal kam meine Klassenlehrerin an meinem Stand vorbei. Ich bin erst vor einem Jahr an diese Schule gewechselt, und ich mochte sie sehr. Ich mochte auch diese Lehrerin, und ich wäre lieber sehr viel länger in ihrer Klasse geblieben. Aber da haben wir uns verabschiedet, und ich habe sie nie wieder gesehen.</p>

<p>Zwei Wochen Deutschunterricht für mich haben auch gepasst. Eine Frau, die im Nachbarhaus wohnte, hat mich unterrichtet. Ich denke, sie war Deutschlehrerin? Als wir nach Deutschland kamen, konnte ich jedenfalls lesen, ohne den Sinn des Gelesenen zu verstehen.</p>

<p>Am Ende hätten wir viele Sachen dort lassen können. Die Streichhölzer zum Beispiel, die in Deutschland so teuer sein sollten. Sind sie ja auch im Vergleich, aber wozu braucht man sie in einem Nichtraucher-Haushalt, der keinen Gasherd mehr hat?</p>

<p>Mein Großvater hat sehr viel Zeug eingepackt. Er hatte Angst, irgendetwas zurückzulassen, was er vielleicht noch gebrauchen könnte. Der Großteil seiner Sachen wurde nie wieder benutzt.</p>

<p>Hätten wir doch mehr Bücher mitgenommen... In den ersten Monaten, bis unser Container ankam, hatte ich nur vier Bücher. Ich kannte sie auswendig.</p>

<p>Stattdessen habe ich einem Freund meine Bücher gezeigt, um sie zu verschenken. Aber er war nicht so recht begeistert. Einige Bücher konnten wir verkaufen, aber ich denke, ein großer Teil der Bücher ist einfach so in der Wohnung geblieben.</p>

<h2 id="die-reise" id="die-reise">Die Reise</h2>

<p>Am Flughafen ist mir vor allem eine Tüte mit Geldscheinen in Erinnerung geblieben, die wir nach den Kontrollen den Freunden übergaben, die uns verabschieden kamen. Die notwendige Bestechungssumme ist nämlich deutlich geschrumpft, weil wir ja kein Geld für die Wohnung bekommen haben und deswegen nicht sonderlich weit über der erlaubten Ausfuhrgrenze lagen. Auch die Gebühren fürs Übergewicht hielten sich in Grenzen. Die Reste unseres Geldes in Nationalwährung sahen aber nach beeindruckend viel aus, der Hyperinflation sei dank. Dafür hatten wir keine Verwendung mehr.</p>

<p>Und dann waren wir in Frankfurt am Main. Schon den Weg zum Flughafenbahnhof zu finden war eine Herausforderung. Mein Bruder hatte recht passables Englisch, fand aber niemanden, mit dem er sich damit verständigen konnte. Letztendlich haben wir uns zwei Polizist*innen zur Hilfe geholt, die irgendwann verstanden, was wir brauchten, und uns zum Bahnhof begleiteten.</p>

<p>Dort waren sie aber wieder überfordert, denn einen Bahn-Informationsstand gab es nicht, und sie hatten keine Ahnung, wie wir an unser Ziel kommen. Nach wiederum viel Hin und Her kam heraus, dass wir zum Hauptbahnhof müssen und erst dort einen Ticket für einen Fernzug bekommen.</p>

<p>Am Hauptbahnhof wurden uns Tickets für einen ICE verkauft, die einen beachtlichen Teil unserer spärlichen Geldreserven gefressen haben. Wie sich später herausstellte, wäre ein anderer Zug nicht viel langsamer, aber sehr viel billiger gewesen. Aber so ist es, wenn man von nichts eine Ahnung hat.</p>

<p>Wir mussten noch zweimal umsteigen, bis wir am Ziel ankamen, mit unserem ganzen Gepäck kein leichtes Unterfangen. Immerhin stellten wir bald fest, dass Züge in Deutschland erst losfahren, wenn alle Passagiere mit dem Aus- und Einsteigen fertig sind.</p>

<p>Die kleine Tasche meiner dementen Großmutter haben wir im letzten Zug dennoch vergessen. Aber wir hatten Glück: jemand hat sie dort entdeckt, und dieser jemand wusste auch, wo wir ausgestiegen waren. Dass wir auf dem Weg zum Durchgangslager waren, war klar. Diese Tasche fand uns also schon am nächsten Tag.</p>

<p>Und noch etwas war in diesem Zug passiert. Ich muss ziemlich verloren ausgesehen haben. Jemand drückte mir 10 DM in die Hand und sagte: “Willkommen in Deutschland!” Für mich war es enorm viel Geld, ein ganzes Vermögen. Ich habe mir danach noch lange ausgerechnet, was ich mir davon kaufen könnte, bis ich diesen Geldschein irgendwann verlor.</p>

<p>Bis wir endlich im Durchgangslager ankamen, das wir auch erst finden mussten, war es schon dunkel. Wir bekamen unsere Zimmer, einen mittelgroßen Berg an Lebensmitteln und durften uns ausruhen. Von den Lebensmitteln haben uns besonders ein Eimer (ja, ein regulärer 10 Liter Eimer) mit Bockwürstchen und eine Konservendose mit 3 kg Bohnen beeindruckt. Wir bekamen den Ratschlag, keine Lebensmittel zurückzulassen, denn wir würden keine mehr bekommen.</p>

<p>Am nächsten Tag durften meine Eltern wählen, wohin es weitergehen soll. Sie wollten natürlich in eine Großstadt, bekamen da aber eine Absage: Großstädte seien alle voll. Also wählten sie den Ort aus der Liste aus, den sie immerhin in ihrem Atlas fanden. Dass es in Deutschland einen Dutzend Orte mit diesem Namen gibt, wussten sie natürlich nicht.</p>

<p>Noch einen Tag später war das Wochenende vorbei, und es ging weiter. Noch eine andere Familie kam mit uns, sie kamen am Freitag an und verbrachten deswegen einen Tag mehr im Durchgangslager. Wieder eine lange Reise, diesmal aber immerhin mit einem Minibus. Den Weg mussten wir nicht mehr suchen.</p>

<h2 id="und-weiter" id="und-weiter">Und weiter?</h2>

<p>Wir kamen in einem malerischen Dorf an. Meine Eltern hätten sicherlich eine schlechtere Wahl treffen können. Der Nachteil wurde schon bald klar: bis auf einen winzigen Laden, in dem für uns alles viel zu teuer war, gab es hier keine Lebensmittel zu kaufen. Für “richtige” Einkäufe musste man zwölf Kilometer fahren. Der Bus zweimal täglich (ja, einmal am Morgen und einmal am Nachmittag) war zu nichts zu gebrauchen.</p>

<p>Wir haben die Gegend zunächst zu Fuß erkundet. Im drei Kilometer entfernten Nachbarort fanden wir Bahngleise, aber keinen Bahnhof. Wie ich jetzt weiß, war es eine stillgelegte Strecke.</p>

<p>Also musste schnellstmöglich ein Auto gekauft werden, schon allein wegen des Sprachkurses, für den meine Eltern jeden Tag fünfzig Kilometer in eine Richtung fahren mussten (immerhin in Fahrgemeinschaft mit einer anderen Familie). Ein anderer Bewohner des Wohnheims hat meinen Vater zu paar Autohäusern gefahren. Das Auto, das er dann nehmen musste, war vermutlich kein Schnäppchen. Aber immerhin konnte er einen Kredit für einen Teil des Kaufpreises heraushandeln.</p>

<p>Für mich musste eine Schule organisiert werden. Zuerst ging es an die Grundschule, weil es die ja im Ort gab. Zum Glück wurde dort gesagt, ich sei für die Grundschule zu alt.</p>

<p>Also ist der Heimleiter mit mir zu der nächstgelegenen Schule gefahren (zwölf Kilometer, siehe oben). Welche Schulart? Hauptschule, da gingen ja alle Kinder in diesem Wohnheim hin. Wir hatten keine Ahnung. Wörterbuch sagte, dass “Haupt” irgendwie wichtig sei, schien also gut zu sein.</p>

<p>Meine Lehrer*innen merkten zum Glück schon bald, dass ich an der Hauptschule falsch sei. Es war für mich aber noch lange die Horrorvorstellung, dass ich dorthin zurückgeschickt würde, wenn meine Leistungen nicht gut genug sind. Und ich blieb auch an der Realschule unterfordert, bis ich im Abitur ans Gymnasium kam.</p>

<p>Ich wurde schon an der Hauptschule eine Klassenstufe zurückgestellt, an der Realschule ging es noch eine Klassenstufe tiefer. Das ist eine Erfahrung, die sehr viele Kinder durchmachen. Begründet wird es damit, dass der Schulstoff dann einfacher sei. Das ist eine fragliche Begründung, denn eigentlich ist das Problem nicht die Komplexität des Schulstoffs, sondern die fehlenden Sprachkenntnisse. Und der Spracherwerb geht unabhängig von Klassenstufe voran.</p>

<p>So sehr mich diese Zurückstufung damals schmerzte, eigentlich war sie gut für mich. Dadurch war ich erstmals in meiner Schullaufbahn unter Gleichaltrigen. Und gerade in der Pubertät ist es wichtig, in der Entwicklung auf dem gleichen Stand zu sein.</p>

<p>Apropos Spracherwerb: an der Hauptschule gab es einen Sprachkurs. Dieser brachte zwar nicht viel, aber dadurch lernte ich einige russischsprachige Kinder kennen, mit denen ich die Pausen verbrachte. An der Realschule gab es keinen Sprachkurs, so dass ich in den Pausen Deutsch sprach und es dadurch deutlich schneller lernte.</p>

<p>Nach etwas über einem Jahr schafften wir es, aus dem Wohnheim in eine nahegelegene Kleinstadt umzuziehen. Einfach war es nicht, denn Ausländern hat man auch auf dem Land ungern vermietet. Vermutlich wollte die Wohnung mit ihrer kaum existenter Wärmeisolierung und Beheizung durch Gaskamine einfach niemand haben. Im Winter ging in meinem Zimmer nachts die Temperatur runter auf 11°. Der Misthaufen hinter dem Haus tat sein Übriges. Eine bessere Wohnung fanden wir erst zwei Jahre später.</p>

<p>Arbeit gab es für Ausländer natürlich auch keine. Mein Vater fing mit unbezahlten Praktika an, um irgendwie die Sprache zu lernen. Später fand er einen Job, in dem er sämtliche Arbeit in der Firma machte, aber unter Sozialhilfeniveau bezahlt wurde. Irgendwann gab es endlich eine Gehaltserhöhung, mit der wir unabhängig von staatlichen Leistungen waren (wollte man mir im Ausländeramt nicht recht glauben).</p>

<p>Wir wollten zu seiner Arbeitsstelle umziehen, fanden schon eine Wohnung. Während wir noch mit Reparaturen beschäftigt waren, reichte sein Chef Insolvenz ein, und wir mussten den Umzug abblasen. Zum Glück, muss man sagen. Denn mein Vater fand einen besser bezahlten Job in der Nähe, und ich musste die Schule nicht wechseln. Nach noch einem Jobwechsel kam er zum Renteneintritt immerhin auf ein Lohnniveau, das in seinem Beruf manche Berufseinsteiger*innen bekommen.</p>

<p>Meine Mutter hatte dagegen überhaupt keine Chance, in ihren Beruf zu kommen. Sie hatte eine Reihe von schlecht bezahlten Aushilfsjobs. Einen Job hat sie länger gemacht, obwohl sie davon eigentlich keine Ahnung hatte – dafür aber ich. Ihrem Chef war es gerade recht, dass insbesondere anfangs ich einen großen Teil der Arbeit machte. Für ihn kam das sehr günstig.</p>

<p>Es stand also nicht besonders gut um unsere Finanzen. Dass ich in dieser Zeit mehrmals im Ausland war, war der jüdischen Gemeinde (oder genauer: der ZWST) zu verdanken, die in den Sommerferien vergleichsweise billig Reisen für Kinder und Jugendliche organisierte. Ich war dennoch im Nachteil: während deutsche Jugendliche bereits problemlos innerhalb Europas verreisten, brauchte ich nicht nur ein Visum für Italien, sondern auch ein ziemlich teures Transitvisum für Österreich.</p>

<p>Mit der Volljährigkeit durfte ich zum ersten und letzten Mal in “meine” Botschaft, um einen Pass zu bekommen. Dort ließ man mich so richtig spüren, was man von Vaterlandsverrätern hält. Umso erleichterter war ich über die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts, die es erstmals unter bestimmten Umständen ermöglichte, die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen, ohne die alte Staatsangehörigkeit aufgeben zu müssen. Es ist ja nicht so, dass ich die zweite Staatsangehörigkeit brauchte, aber ich wollte mich schlicht nicht der Willkür dieser Botschaft aussetzen lassen. Natürlich hat die Union wenige Jahre später diese sinnvolle Änderung wieder zurückgedreht.</p>

<p>Da war ich aber bereits deutscher Staatsbürger. Ich musste mich nicht mehr mit dem Ausländeramt auseinandersetzen und habe die erstaunliche Erfahrung gemacht, dass deutsche Behörden freundlich und hilfsbereit sein können. Außerdem bekam ich kaum noch Komplimente zu meiner deutschen Sprache, meine Sprache hat also endlich ein Niveau erreicht, das Leute als akzeptabel empfanden und nicht mehr besonders hervorheben mussten.</p>
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      <guid>https://paper.wf/newstrujew/wie-wandert-man-eigentlich-aus</guid>
      <pubDate>Sat, 13 Jul 2024 08:44:09 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Was sagt der BMI überhaupt aus?</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/was-sagt-der-bmi-uberhaupt-aus</link>
      <description>&lt;![CDATA[#wissenschaft #übergewicht&#xA;&#xA;Wir haben es schon so oft gehört, dass wir diese Aussage kaum noch infrage stellen: Übergewicht ist ungesund. Das sagen uns zahlreiche Expert*innen, die es mit Studienergebnissen untermauern können. Warum also daran zweifeln?&#xA;&#xA;Zwar haben wir vielleicht schon mal gehört, dass BMI ziemlich übler rassistischer Mist ist. Aber das ändert ja an der Validität der Aussage nichts. Oder etwa doch?!--more--&#xA;&#xA;Dieser Thread von von Mekka Okereke ist sehr lesenswert. Kurzzusammenfassung: Ergebnisse der meisten US-Studien zu Auswirkungen des BMI sind verfälscht, weil schwarze Menschen grundsätzlich einen höheren BMI haben.&#xA;&#xA;Wenn eine US-Studie also aufzeigt, dass Menschen mit höherem BMI früher sterben, dann heißt es mitnichten, dass Übergewicht zu früherem Tod führt. Vielmehr wird hier systemischer Rassismus beschrieben: viele dieser Menschen sind schwarz, und sie sterben aufgrund von Diskriminierung früher.&#xA;&#xA;Als Gegenbeispiel führt Mekka Okereke das Vereinigte Königreich an, wo schwarze Menschen wohl im Durchschnitt deutlich länger als weiße leben, obwohl sie auch dort einen höheren BMI haben.&#xA;&#xA;Sicherlich gibt es Studien, die auch Diskriminierungserfahrungen in Betracht ziehen, so dass das Ergebnis von diesen nicht verfälscht wird. Aber diese sind weniger, und ihre Ergebnisse nicht ganz so aussagekräftig. Deswegen gehen sie naturgemäß unter.&#xA;&#xA;Auch kann man nicht unbedingt sagen, dass europäische Studien zuverlässiger wären. Man muss berücksichtigen, dass hoher BMI gesellschaftlich nicht akzeptiert ist. Zur Begründung dieses Fatshamings werden auch gerne US-Studien herangezogen, die angebliche gesundheitliche Risiken aufzeigen.&#xA;&#xA;Menschen, die als übergewichtig zählen, sind also allein durch den damit verbundenen Stress gesundheitlich mehr belastet. Dazu kommen ständige Diäten, die bekanntlich fast nie wirken, extrem ungesund sind und durch Schuldgefühle das Stressniveau auch noch erhöhen.&#xA;&#xA;Zurück zum BMI: dieses hat den Anspruch, den gesunden Gewichtsbereich eines Menschen aufzuzeigen. Diesem Anspruch wird er aber nicht gerecht, und die gerne in diesem Zusammenhang zitierten Studien sind größtenteils fehlerhaft.&#xA;&#xA;Ich muss Mekka Okereke zustimmen: es gibt genetische Faktoren, die das Idealgewicht eines Menschen sehr deutlich verändern können. Verallgemeinerungen wie der BMI sind schädlich und zum Teil dafür verantwortlich, dass so viele Menschen mit ihrem Körper unzufrieden sind.&#xA;&#xA;Welche Auswirkungen hat Übergewicht tatsächlich? Schwer zu sagen bei dieser Studienlage. In letzter Zeit habe ich aber Studien gesehen, dass das Gewicht gar nicht ausschlaggebend sei. Wichtiger seien der Lebensstil und die Ernährung. Hört sich plausibel an.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:wissenschaft" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">wissenschaft</span></a> <a href="/newstrujew/tag:%C3%BCbergewicht" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">übergewicht</span></a></p>

<p>Wir haben es schon so oft gehört, dass wir diese Aussage kaum noch infrage stellen: Übergewicht ist ungesund. Das sagen uns zahlreiche Expert*innen, die es mit Studienergebnissen untermauern können. Warum also daran zweifeln?</p>

<p>Zwar haben wir vielleicht schon mal gehört, dass BMI ziemlich übler rassistischer Mist ist. Aber das ändert ja an der Validität der Aussage nichts. Oder etwa doch?</p>

<p><a href="https://hachyderm.io/@mekkaokereke/109917011319803148" rel="nofollow">Dieser Thread von von Mekka Okereke</a> ist sehr lesenswert. Kurzzusammenfassung: Ergebnisse der meisten US-Studien zu Auswirkungen des BMI sind verfälscht, weil schwarze Menschen grundsätzlich einen höheren BMI haben.</p>

<p>Wenn eine US-Studie also aufzeigt, dass Menschen mit höherem BMI früher sterben, dann heißt es mitnichten, dass Übergewicht zu früherem Tod führt. Vielmehr wird hier systemischer Rassismus beschrieben: viele dieser Menschen sind schwarz, und sie sterben aufgrund von Diskriminierung früher.</p>

<p>Als Gegenbeispiel führt Mekka Okereke das Vereinigte Königreich an, wo schwarze Menschen wohl im Durchschnitt deutlich länger als weiße leben, obwohl sie auch dort einen höheren BMI haben.</p>

<p>Sicherlich gibt es Studien, die auch Diskriminierungserfahrungen in Betracht ziehen, so dass das Ergebnis von diesen nicht verfälscht wird. Aber diese sind weniger, und ihre Ergebnisse nicht ganz so aussagekräftig. Deswegen gehen sie naturgemäß unter.</p>

<p>Auch kann man nicht unbedingt sagen, dass europäische Studien zuverlässiger wären. Man muss berücksichtigen, dass hoher BMI gesellschaftlich nicht akzeptiert ist. Zur Begründung dieses Fatshamings werden auch gerne US-Studien herangezogen, die angebliche gesundheitliche Risiken aufzeigen.</p>

<p>Menschen, die als übergewichtig zählen, sind also allein durch den damit verbundenen Stress gesundheitlich mehr belastet. Dazu kommen ständige Diäten, die bekanntlich fast nie wirken, extrem ungesund sind und durch Schuldgefühle das Stressniveau auch noch erhöhen.</p>

<p>Zurück zum BMI: dieses hat den Anspruch, den gesunden Gewichtsbereich eines Menschen aufzuzeigen. Diesem Anspruch wird er aber nicht gerecht, und die gerne in diesem Zusammenhang zitierten Studien sind größtenteils fehlerhaft.</p>

<p>Ich muss Mekka Okereke zustimmen: es gibt genetische Faktoren, die das Idealgewicht eines Menschen sehr deutlich verändern können. Verallgemeinerungen wie der BMI sind schädlich und zum Teil dafür verantwortlich, dass so viele Menschen mit ihrem Körper unzufrieden sind.</p>

<p>Welche Auswirkungen hat Übergewicht tatsächlich? Schwer zu sagen bei dieser Studienlage. In letzter Zeit habe ich aber Studien gesehen, dass das Gewicht gar nicht ausschlaggebend sei. Wichtiger seien der Lebensstil und die Ernährung. Hört sich plausibel an.</p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/newstrujew/was-sagt-der-bmi-uberhaupt-aus</guid>
      <pubDate>Sun, 26 Feb 2023 14:17:57 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Was ist eigentlich Autismus?</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/was-ist-eigentlich-autismus</link>
      <description>&lt;![CDATA[#autismus #wissenschaft #diagnostik&#xA;&#xA;Ich habe mich jahrelang mit Autismus beschäftigt, auch um mich selber besser verstehen zu können. Dabei war für mich die Frage zentral: was ist Autismus überhaupt?&#xA;&#xA;Es wurde nicht besser, als ich in einem Buch über Autismus von Merkmalen einer autistischen Persönlichkeit las, die ich zuvor für Ausprägungen meine Individualität hielt. Wo hört eigentlich bei mir Autismus auf, und wo fängt meine Individualität an?!--more--&#xA;&#xA;Wir wissen, dass wir nichts wissen&#xA;&#xA;Tatsächlich muss man feststellen, dass Jahrzehnte der Autismus-Forschung reichlich wenig gebracht haben. Die Diagnosekriterien für Autismus wurden zwar mit der Zeit verbessert, orientieren sich aber nach wie vor ausschließlich danach, wie autistische Menschen von Außen wahrgenommen werden.&#xA;&#xA;In autistischen Kreisen wird oft gesagt, ein autistisches Gehirn sei anders &#34;verdrahtet&#34;. Allerdings ist diese Aussage, so einleuchtend sie auch ist, keinesfalls belegt. Einen neurologischen Unterschied autistischer Gehirne hat man bis heute nicht finden können.&#xA;&#xA;Es gibt lediglich einige unbestätigte Hypothesen, was dieser neurologische Unterschied sein könnte. Viele von diesen (z.B. Spiegelneuronen) werden zwar weiterhin verbreitet, scheiden aber schon allein deswegen aus, weil sie auf Stereotypen basieren und nicht mit Erfahrungen autistischer Menschen übereinstimmen.&#xA;&#xA;Eine andere Hypothese, die Intense World Theory, scheint immerhin einige autistische Erfahrungen zu erklären. Ein tatsächlicher Beleg für diese Hypothese steht nach wie vor aus.&#xA;&#xA;Dabei wissen wir eigentlich, dass Autismus erblich ist. Sehr viele autistische Menschen bekommen im Erwachsenenalter plötzlich Autismus bescheinigt, weil ihr Kind sich als autistisch herausstellt. Dass bei autistischen Menschen mindestens ein Elternteil ebenfalls autistisch ist, scheint die Regel zu sein.&#xA;&#xA;Die Suche nach den beteiligten Erbfaktoren ist bislang trotz erheblichen Aufwandes erfolglos geblieben. Oder sie hatte vielmehr sehr viel Erfolg: es wurden tausende Gene identifiziert, die Einfluss auf Autismus haben könnten.&#xA;&#xA;Vielleicht ist die Vielzahl der genetischen Faktoren ein Indikator dafür, wie vielschichtig Autismus ist. Ohne Frage sind die Unterschiede im Autismus-Spektrum enorm. Aber es könnte auch sein, dass die genetischen Untersuchungen schlicht vom falschen Autismus-Verständnis ausgegangen sind und deswegen zu keinem sinnvollen Ergebnis führen konnten.&#xA;&#xA;Die autistische Kommunikation&#xA;&#xA;So unterschiedlich autistische Menschen auch sind, in ihren Erfahrungsberichten habe ich scheinbar zwei Themenkomplexe identifiziert, die universell für Autismus sind. Nach Außen fällt insbesondere die autistische Kommunikation auf.&#xA;&#xA;Autistische Menschen kommunizieren anders, so viel ist klar. Es ist eine direktere Art der Kommunikation, bei der viel mehr Inhalte über das Gesagte transportiert werden. Der Mimik beispielsweise kommt eine sehr viel geringere Rolle zu.&#xA;&#xA;Hier kommen sehr viele Missverständnisse her. Allistische (also nicht autistische) Menschen erkennen automatisch eine Diskrepanz zwischen der Botschaft und der Mimik. Und das gibt ihnen ein schlechtes Gefühl, das sie nicht zuordnen können. Die Person ist irgendwie &#34;seltsam&#34;.&#xA;&#xA;Oder sie unterstellen autistischen Menschen die Absicht, verletzen zu wollen. Ja, es wurden bloß Tatsachen benannt. Das ist in der allistischen Kommunikation aber bei vielen Themen unüblich. Man umschreibt Dinge oder erwähnt sie erst gar nicht. Ein ungeschriebener sozialer Vertrag, an den sich autistische Menschen oft nicht halten.&#xA;&#xA;Ein weiteres Spannungsfeld: Höflichkeitsfloskeln. Für autistische Menschen tragen ein &#34;guten Morgen&#34; oder ein &#34;danke sehr&#34; nichts zur Konversation bei. Menschen sprechen das automatisch aus, ohne damit wirklich ein Gefühl ausdrücken zu wollen. Sollte also optional sein, ist es für allistische Menschen aber nicht.&#xA;&#xA;Wohlgemerkt sind Menschen grundsätzlich anpassungsfähig. Deswegen können autistische Menschen natürlich lernen, diesen Erwartungen zu entsprechen (sogenanntes Masking). Das kommt für sie jedoch nicht natürlich, sondern ist stets mit Anstrengung verbunden. Eine Anstrengung, der nicht dauerhaft aufrecht erhalten werden kann.&#xA;&#xA;Deswegen wundert es nicht, dass autistische Menschen völlig unbewusst andere Menschen finden, die ähnlich kommunizieren. Hier gibt es keine Missverständnisse. Keinen Druck, sich zu verstellen, um das Gegenüber nicht zu beleidigen.&#xA;&#xA;Diesen Effekt beobachtet man auf sozialen Medien sehr deutlich. Autistische Menschen kommunizieren bevorzugt mit anderen autistischen Menschen. Dabei ist es unerheblich, ob sich diese Menschen eindeutig als autistisch zu erkennen geben. Oft genug wissen sie gar nicht, dass sie autistisch sind, und kommen erst später zu dieser Erkenntnis.&#xA;&#xA;Die Reizverarbeitung&#xA;&#xA;Der andere große Themenbereich ist die autistische Wahrnehmung. Oft wird das so beschrieben, dass autistischen Menschen ein Reizfilter fehlen würde, weswegen sie alle Reize gleichzeitig und ungefiltert wahrnehmen.&#xA;&#xA;Wiederum nach außen sichtbar wird es oft in sozialen Situationen. Autistische Menschen klagen oft darüber, einer Konversation nicht folgen zu können, wenn in der Nähe noch jemand spricht oder die Umgebung allgemein laut ist.&#xA;&#xA;Ebenso kann es schwierig sein, bestimmte Reize zu ignorieren: laute Musik, flimmerndes Licht, Kälte, unbequeme Kleidung, Geschmack oder Textur des Essens etc. Auch typisch: viele autistische Menschen reagieren auf eine unerwartete Berührung wie auf physischen Schmerz.&#xA;&#xA;Auch hier gilt: Menschen sind anpassungsfähig, und sie können lernen, das alles zu ertragen. Niemand sollte es von ihnen aber erwarten. Denn es ist wiederum mit Anstrengung verbunden, geht also nicht dauerhaft.&#xA;&#xA;Man kann sich diese Reizempfindlichkeit nicht &#34;abtrainieren&#34;. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass Menschen diesen Reizen auszusetzen ihre Reizempfindlichkeit irgendwann senken würde. Es gibt dagegen viele Berichte darüber, wie die ständige Anstrengung sie in einen Burnout getrieben hat.&#xA;&#xA;Und alles andere?&#xA;&#xA;Aber das ist doch nicht alles, was autistische Menschen auszeichnet? Was ist mit dem Desinteresse an sozialen Interaktionen, fixen Tagesabläufen, besonderen Interessen, Stimming, fehlendem Augenkontakt?&#xA;&#xA;Die gibt es natürlich auch. Allerdings bin ich persönlich zunehmend davon überzeugt, dass all diese Merkmale eine Folge der zwei bereits beschriebenen Themenkomplexe sind. Und natürlich unserer Gesellschaft, in der alle autistischen Menschen aufwachsen müssen.&#xA;&#xA;So haben sämtliche autistische Menschen, die ich kennengelernt habe (ja, survivorship bias hier), durchaus ein Interesse an sozialen Interaktionen. Sie haben allerdings durchwegs schlechte Erfahrungen mit diesen gemacht.&#xA;&#xA;Denn unsere Gesellschaft erwartet von autistischen Menschen, sich an die Spielregeln allistischer Kommunikation zu halten, ohne diese je erklärt zu haben. Diese seien ja &#34;natürlich&#34; und &#34;selbstverständlich&#34;. Allistische Menschen interessieren sich dagegen in den seltensten Fällen für die Spielregeln autistischer Kommunikation, selbst wenn diese klar erklärt werden.&#xA;&#xA;Autistische Menschen leben oft mit permanenter Überforderung und Überreizung. Es gibt eine Reihe von Bewältigungsstrategien, die dagegen helfen. Zu diesen gehören fixe Tagesabläufe: man weiß, was zu erwarten ist, das gibt Sicherheit.&#xA;&#xA;Auch besondere Interessen, also die thematische Vertiefung in ein Spezialgebiet, erfüllen denselben Zweck: hier erfährt man Bestätigung und weiß gleichzeitig, was zu erwarten ist.&#xA;&#xA;Das Stimming wird heutzutage als ein Mechanismus gesehen, der der emotionalen Selbstregulation hilft. Es muss nicht immer das Wedeln mit den Armen sein, sondern irgendeine Bewegung (und oft genug nicht einmal eine Bewegung), die den Menschen zur inneren Ruhe kommen lässt.&#xA;&#xA;Schließlich ist da noch die Erwartung der allistischen Gesellschaft, dass Menschen im Gespräch einander in die Augen schauen. Das beschreiben autistische Menschen aber oftmals als zu intensiv. Der Augenkontakt überflutet sie mit Reizen, was wiederum beim Gespräch stört.&#xA;&#xA;Interessant ist, dass Augenkontakt oft als Begründung genommen wird, dass ein Mensch nicht autistisch sein könne. Da Augenkontakt in unserer Gesellschaft aber gefordert wird, schauen autistische Menschen oft (und nicht immer wissentlich) auf einen Punkt neben dem Auge. Den Unterschied nehmen allistische Menschen nicht wahr.&#xA;&#xA;Schlussfolgerungen&#xA;&#xA;Derzeit vermute ich also stark, dass die Kommunikation und die Reizverarbeitung tatsächlich die Merkmale sind, die autistische Menschen auszeichnen. Alles andere ist darauf zurückzuführen, dass sie damit in einer Gesellschaft aufwachsen müssen, die nicht für autistische Menschen gedacht ist.&#xA;&#xA;Tatsächlich gehe ich sogar davon aus, dass sowohl die Kommunikation als auch die Reizverarbeitung auf ein und dieselbe Besonderheit des autistischen Gehirns zurückgehen. Vielleicht liefert die Forschung ja irgendwann eine Antwort auf die Frage, welche das ist. Ich rechne allerdings eher nicht damit.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:autismus" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">autismus</span></a> <a href="/newstrujew/tag:wissenschaft" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">wissenschaft</span></a> <a href="/newstrujew/tag:diagnostik" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">diagnostik</span></a></p>

<p>Ich habe mich jahrelang mit Autismus beschäftigt, auch um mich selber besser verstehen zu können. Dabei war für mich die Frage zentral: was ist Autismus überhaupt?</p>

<p>Es wurde nicht besser, als ich in einem Buch über Autismus von Merkmalen einer autistischen Persönlichkeit las, die ich zuvor für Ausprägungen meine Individualität hielt. Wo hört eigentlich bei mir Autismus auf, und wo fängt meine Individualität an?</p>

<h2 id="wir-wissen-dass-wir-nichts-wissen" id="wir-wissen-dass-wir-nichts-wissen">Wir wissen, dass wir nichts wissen</h2>

<p>Tatsächlich muss man feststellen, dass Jahrzehnte der Autismus-Forschung reichlich wenig gebracht haben. Die Diagnosekriterien für Autismus wurden zwar mit der Zeit verbessert, orientieren sich aber nach wie vor ausschließlich danach, wie autistische Menschen von Außen wahrgenommen werden.</p>

<p>In autistischen Kreisen wird oft gesagt, ein autistisches Gehirn sei anders “verdrahtet”. Allerdings ist diese Aussage, so einleuchtend sie auch ist, keinesfalls belegt. Einen neurologischen Unterschied autistischer Gehirne hat man bis heute nicht finden können.</p>

<p>Es gibt lediglich einige unbestätigte Hypothesen, was dieser neurologische Unterschied sein könnte. Viele von diesen (z.B. Spiegelneuronen) werden zwar weiterhin verbreitet, scheiden aber schon allein deswegen aus, weil sie auf Stereotypen basieren und nicht mit Erfahrungen autistischer Menschen übereinstimmen.</p>

<p>Eine andere Hypothese, die Intense World Theory, scheint immerhin einige autistische Erfahrungen zu erklären. Ein tatsächlicher Beleg für diese Hypothese steht nach wie vor aus.</p>

<p>Dabei wissen wir eigentlich, dass Autismus erblich ist. Sehr viele autistische Menschen bekommen im Erwachsenenalter plötzlich Autismus bescheinigt, weil ihr Kind sich als autistisch herausstellt. Dass bei autistischen Menschen mindestens ein Elternteil ebenfalls autistisch ist, scheint die Regel zu sein.</p>

<p>Die Suche nach den beteiligten Erbfaktoren ist bislang trotz erheblichen Aufwandes erfolglos geblieben. Oder sie hatte vielmehr sehr viel Erfolg: es wurden tausende Gene identifiziert, die Einfluss auf Autismus haben könnten.</p>

<p>Vielleicht ist die Vielzahl der genetischen Faktoren ein Indikator dafür, wie vielschichtig Autismus ist. Ohne Frage sind die Unterschiede im Autismus-Spektrum enorm. Aber es könnte auch sein, dass die genetischen Untersuchungen schlicht vom falschen Autismus-Verständnis ausgegangen sind und deswegen zu keinem sinnvollen Ergebnis führen konnten.</p>

<h2 id="die-autistische-kommunikation" id="die-autistische-kommunikation">Die autistische Kommunikation</h2>

<p>So unterschiedlich autistische Menschen auch sind, in ihren Erfahrungsberichten habe ich scheinbar zwei Themenkomplexe identifiziert, die universell für Autismus sind. Nach Außen fällt insbesondere die autistische Kommunikation auf.</p>

<p>Autistische Menschen kommunizieren anders, so viel ist klar. Es ist eine direktere Art der Kommunikation, bei der viel mehr Inhalte über das Gesagte transportiert werden. Der Mimik beispielsweise kommt eine sehr viel geringere Rolle zu.</p>

<p>Hier kommen sehr viele Missverständnisse her. Allistische (also nicht autistische) Menschen erkennen automatisch eine Diskrepanz zwischen der Botschaft und der Mimik. Und das gibt ihnen ein schlechtes Gefühl, das sie nicht zuordnen können. Die Person ist irgendwie “seltsam”.</p>

<p>Oder sie unterstellen autistischen Menschen die Absicht, verletzen zu wollen. Ja, es wurden bloß Tatsachen benannt. Das ist in der allistischen Kommunikation aber bei vielen Themen unüblich. Man umschreibt Dinge oder erwähnt sie erst gar nicht. Ein ungeschriebener sozialer Vertrag, an den sich autistische Menschen oft nicht halten.</p>

<p>Ein weiteres Spannungsfeld: Höflichkeitsfloskeln. Für autistische Menschen tragen ein “guten Morgen” oder ein “danke sehr” nichts zur Konversation bei. Menschen sprechen das automatisch aus, ohne damit wirklich ein Gefühl ausdrücken zu wollen. Sollte also optional sein, ist es für allistische Menschen aber nicht.</p>

<p>Wohlgemerkt sind Menschen grundsätzlich anpassungsfähig. Deswegen können autistische Menschen natürlich lernen, diesen Erwartungen zu entsprechen (sogenanntes Masking). Das kommt für sie jedoch nicht natürlich, sondern ist stets mit Anstrengung verbunden. Eine Anstrengung, der nicht dauerhaft aufrecht erhalten werden kann.</p>

<p>Deswegen wundert es nicht, dass autistische Menschen völlig unbewusst andere Menschen finden, die ähnlich kommunizieren. Hier gibt es keine Missverständnisse. Keinen Druck, sich zu verstellen, um das Gegenüber nicht zu beleidigen.</p>

<p>Diesen Effekt beobachtet man auf sozialen Medien sehr deutlich. Autistische Menschen kommunizieren bevorzugt mit anderen autistischen Menschen. Dabei ist es unerheblich, ob sich diese Menschen eindeutig als autistisch zu erkennen geben. Oft genug wissen sie gar nicht, dass sie autistisch sind, und kommen erst später zu dieser Erkenntnis.</p>

<h2 id="die-reizverarbeitung" id="die-reizverarbeitung">Die Reizverarbeitung</h2>

<p>Der andere große Themenbereich ist die autistische Wahrnehmung. Oft wird das so beschrieben, dass autistischen Menschen ein Reizfilter fehlen würde, weswegen sie alle Reize gleichzeitig und ungefiltert wahrnehmen.</p>

<p>Wiederum nach außen sichtbar wird es oft in sozialen Situationen. Autistische Menschen klagen oft darüber, einer Konversation nicht folgen zu können, wenn in der Nähe noch jemand spricht oder die Umgebung allgemein laut ist.</p>

<p>Ebenso kann es schwierig sein, bestimmte Reize zu ignorieren: laute Musik, flimmerndes Licht, Kälte, unbequeme Kleidung, Geschmack oder Textur des Essens etc. Auch typisch: viele autistische Menschen reagieren auf eine unerwartete Berührung wie auf physischen Schmerz.</p>

<p>Auch hier gilt: Menschen sind anpassungsfähig, und sie können lernen, das alles zu ertragen. Niemand sollte es von ihnen aber erwarten. Denn es ist wiederum mit Anstrengung verbunden, geht also nicht dauerhaft.</p>

<p>Man kann sich diese Reizempfindlichkeit nicht “abtrainieren”. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass Menschen diesen Reizen auszusetzen ihre Reizempfindlichkeit irgendwann senken würde. Es gibt dagegen viele Berichte darüber, wie die ständige Anstrengung sie in einen Burnout getrieben hat.</p>

<h2 id="und-alles-andere" id="und-alles-andere">Und alles andere?</h2>

<p>Aber das ist doch nicht alles, was autistische Menschen auszeichnet? Was ist mit dem Desinteresse an sozialen Interaktionen, fixen Tagesabläufen, besonderen Interessen, Stimming, fehlendem Augenkontakt?</p>

<p>Die gibt es natürlich auch. Allerdings bin ich persönlich zunehmend davon überzeugt, dass all diese Merkmale eine Folge der zwei bereits beschriebenen Themenkomplexe sind. Und natürlich unserer Gesellschaft, in der alle autistischen Menschen aufwachsen müssen.</p>

<p>So haben sämtliche autistische Menschen, die ich kennengelernt habe (ja, survivorship bias hier), durchaus ein Interesse an sozialen Interaktionen. Sie haben allerdings durchwegs schlechte Erfahrungen mit diesen gemacht.</p>

<p>Denn unsere Gesellschaft erwartet von autistischen Menschen, sich an die Spielregeln allistischer Kommunikation zu halten, ohne diese je erklärt zu haben. Diese seien ja “natürlich” und “selbstverständlich”. Allistische Menschen interessieren sich dagegen in den seltensten Fällen für die Spielregeln autistischer Kommunikation, selbst wenn diese klar erklärt werden.</p>

<p>Autistische Menschen leben oft mit permanenter Überforderung und Überreizung. Es gibt eine Reihe von Bewältigungsstrategien, die dagegen helfen. Zu diesen gehören fixe Tagesabläufe: man weiß, was zu erwarten ist, das gibt Sicherheit.</p>

<p>Auch besondere Interessen, also die thematische Vertiefung in ein Spezialgebiet, erfüllen denselben Zweck: hier erfährt man Bestätigung und weiß gleichzeitig, was zu erwarten ist.</p>

<p>Das Stimming wird heutzutage als ein Mechanismus gesehen, der der emotionalen Selbstregulation hilft. Es muss nicht immer das Wedeln mit den Armen sein, sondern irgendeine Bewegung (und oft genug nicht einmal eine Bewegung), die den Menschen zur inneren Ruhe kommen lässt.</p>

<p>Schließlich ist da noch die Erwartung der allistischen Gesellschaft, dass Menschen im Gespräch einander in die Augen schauen. Das beschreiben autistische Menschen aber oftmals als zu intensiv. Der Augenkontakt überflutet sie mit Reizen, was wiederum beim Gespräch stört.</p>

<p>Interessant ist, dass Augenkontakt oft als Begründung genommen wird, dass ein Mensch nicht autistisch sein könne. Da Augenkontakt in unserer Gesellschaft aber gefordert wird, schauen autistische Menschen oft (und nicht immer wissentlich) auf einen Punkt <em>neben</em> dem Auge. Den Unterschied nehmen allistische Menschen nicht wahr.</p>

<h2 id="schlussfolgerungen" id="schlussfolgerungen">Schlussfolgerungen</h2>

<p>Derzeit vermute ich also stark, dass die Kommunikation und die Reizverarbeitung tatsächlich die Merkmale sind, die autistische Menschen auszeichnen. Alles andere ist darauf zurückzuführen, dass sie damit in einer Gesellschaft aufwachsen müssen, die nicht für autistische Menschen gedacht ist.</p>

<p>Tatsächlich gehe ich sogar davon aus, dass sowohl die Kommunikation als auch die Reizverarbeitung auf ein und dieselbe Besonderheit des autistischen Gehirns zurückgehen. Vielleicht liefert die Forschung ja irgendwann eine Antwort auf die Frage, welche das ist. Ich rechne allerdings eher nicht damit.</p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/newstrujew/was-ist-eigentlich-autismus</guid>
      <pubDate>Mon, 21 Nov 2022 14:18:07 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Doch, Triggerwarnungen können durchaus effektiv sein</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/doch-triggerwarnungen-konnen-durchaus-effektiv-sein</link>
      <description>&lt;![CDATA[wissenschaft&#xA;&#xA;In einem Mastodon-Beitrag wurde auf diese Studie aufmerksam gemacht, die zu dem Schluss kommt, Triggerwarnungen seien nicht effektiv. Diese Studie würde ich gerne auseinander nehmen. Denn eigentlich wird hier nur ein möglicher Weg untersucht, wie Triggerwarnungen eingesetzt werden können.&#xA;&#xA;Zunächst einmal ist da die zitierte Kritik an den Triggerwarnungen. Die fängt mit dem üblichen Bullshit an:&#xA;&#xA;  Critics have suggested that trigger warnings imperil free speech, academic freedom, and effective teaching!--more--&#xA;&#xA;Ja, Rücksichtnahme auf Mitmenschen macht vieles komplizierter. Ist aber kein Grund, um darauf zu verzichten.&#xA;&#xA;Deutlich gefährlicher ist da die andere Aussage:&#xA;&#xA;  Other critics have suggested that trigger warnings foster unreasonable expectations about the world, hampering natural resilience among young people&#xA;&#xA;Die Behauptung, man müsse Menschen bestimmten schlechten Dingen nun einmal aussetzen, um ihre &#34;natürliche Abwehr&#34; zu stärken, kommt leider immer wieder. Insbesondere (aber nicht nur) bei autistischen Menschen führt das oft zur nachhaltigen Traumatisierung.&#xA;&#xA;Ich sage es mal in aller Deutlichkeit: das Prinzip &#34;was uns nicht umbringt, macht uns stark&#34; funktioniert nicht. Stattdessen bringt es eine Vielzahl an Menschen mit physischen und psychischen Leiden hervor.&#xA;&#xA;Und dann ist da noch diese Aussage, deren Problematik vielleicht nicht ganz offensichtlich is:&#xA;&#xA;  People who view trauma as a core part of their identity have worse symptoms&#xA;&#xA;Also, ob jemand das Trauma als zentralen Bestandteil der eigenen Identität ansieht, bestimmt die Ausprägung der Symptome. Na, merkt ihr das Problem?&#xA;&#xA;Diese Aussage bezieht sich nur auf die Symptome, also ausschließlich die äußerlich sichtbaren Auswirkungen des Traumas. Sie sagt nichts darüber aus, ob sich eine Person besser oder schlechter fühlt.&#xA;&#xA;Tatsächlich ist es sehr wahrscheinlich, dass Menschen, die das Trauma nicht als Bestandteil ihrer Persönlichkeit akzeptieren, die Symptome ihrer Traumatisierung nach Möglichkeiten verstecken. Das bedeutet aber nicht, dass es ihnen besser geht, ganz im Gegenteil.&#xA;&#xA;Das Tüpfelchen auf dem i ist die Fragestellung der Studie. Diese ist:&#xA;&#xA;  do [trigger warnings] help trauma survivors emotionally prepare to engage with difficult material?&#xA;&#xA;Die Frage ist also, ob Menschen sich durch die vorherige Warnung besser mit für sie problematischen Material auseinandersetzen können.&#xA;&#xA;Aber ganz ehrlich: warum müssen sie das überhaupt? Wenn wir wissen, dass diese Inhalte für jemanden traumatisierend sein können, warum setzen wir sie ihnen überhaupt vor?&#xA;&#xA;Nun gut, auch dieser Frage hat sich die Studie angenommen. Und stellt fest, dass die Vermeidung problematischer Inhalte für Betroffene zumindest kurzfristig tatsächlich hilfreich sein kann. Allerdings kommt schon im nächsten Satz:&#xA;&#xA;  it maintains or worsens PTSD in the long run&#xA;&#xA;Gibt es also Studien, die zeigen, dass Traumatisierung sich durch die Vermeidung von Triggern verschlimmert? Zwei der zitierten Nachweise scheinen theoretische Arbeiten zu sein, die die Mechanismen von PTBS zu erklären versuchen. Deren Vorhersagen sind grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen, solange sie nicht experimentell überprüft sind.&#xA;&#xA;Eine Arbeit (&#34;Cognitive factors involved in the onset and maintenance of posttraumatic stress disorder (PTSD) after physical or sexual assault&#34; von 1999) hat tatsächlich untersucht, welche Faktoren sich dafür verantwortlich zeigen, dass PTBS sich &#34;festsetzt&#34;. Einer der identifizierten Faktoren sind in der Tat dysfunktionale Strategien, konkret: Vermeidung und Suche nach Sicherheit.&#xA;&#xA;Das ist irgendwo einleuchtend: Menschen, die die Auseinandersetzung mit ihren Problemen meiden, können diese nicht lösen. Allerdings steht hier ganz gewiss nicht, dass diese Auseinandersetzung bedeutet, sich den eigenen Triggern aussetzen zu lassen. Vielmehr muss die Auseinandersetzung im psychotherapeutischen Rahmen stattfinden, unter Anleitung von kompetenten Fachkräften!&#xA;&#xA;Mit dieser Scheinargumentation haben die Autoren der Studie also &#34;belegt&#34;, dass die Vermeidung von Triggern keinen Sinn habe. Und bei ihrer eigenen Versuchsdurchführung haben sie sich deswegen darauf beschränkt, Menschen nach einer vorherigen Warnung zu retraumatisieren und ihre Reaktion zu bewerten.&#xA;&#xA;Und siehe da: eine Retraumatisierung ist immer problematisch, ob mit Warnung oder ohne! Wer hätte das gedacht?&#xA;&#xA;Lasst euch bitte von solchen Studien und dem Anspruch auf wissenschaftliche Objektivität nicht davon abbringen, Triggerwarnungen zu verwenden. Solange ihr nämlich Betroffenen die Wahl gebt, nach einer solchen Triggerwarnungen auf problematische Inhalte zu verzichten, bringen sie auch durchaus etwas.&#xA;&#xA;Nachträgliche Ergänzung: Ich will doch noch explizit sagen, dass ich die Durchführung dieser Studie unter ethischen Gesichtspunkten für absolut unverantwortlich halte. Die Teilnehmer*innen der Studie wurden online angeworben. Diese hat man nicht einmal gesehen, ganz zu schweigen von angemessener Begleitung.&#xA;&#xA;Menschen mit PTBS gezielt zu retraumatisieren, ohne sie dabei psychotherapeutisch zu begleiten, ist absolut nicht in Ordnung. Das wäre den Forschenden auch klar, hätten sie sich je mit Betroffenen unterhalten. Diesen Schritt scheinen sie sich aber gespart zu haben.&#xA;&#xA;Das ist leider eine häufige Erscheinung in psychologischen Studien. Man ignoriert Einwände von Betroffenen und unterstellt ihnen, nicht objektiv über ihre Kondition urteilen zu können. Stattdessen verlässt man sich ausschließlich auf Fremdwahrnehmung und richtet damit mitunter massiven Schaden an.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:wissenschaft" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">wissenschaft</span></a></p>

<p>In einem Mastodon-Beitrag wurde auf <a href="https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/2167702620921341" rel="nofollow">diese Studie</a> aufmerksam gemacht, die zu dem Schluss kommt, Triggerwarnungen seien nicht effektiv. Diese Studie würde ich gerne auseinander nehmen. Denn eigentlich wird hier nur ein möglicher Weg untersucht, wie Triggerwarnungen eingesetzt werden können.</p>

<p>Zunächst einmal ist da die zitierte Kritik an den Triggerwarnungen. Die fängt mit dem üblichen Bullshit an:</p>

<blockquote><p>Critics have suggested that trigger warnings imperil free speech, academic freedom, and effective teaching</p></blockquote>

<p>Ja, Rücksichtnahme auf Mitmenschen macht vieles komplizierter. Ist aber kein Grund, um darauf zu verzichten.</p>

<p>Deutlich gefährlicher ist da die andere Aussage:</p>

<blockquote><p>Other critics have suggested that trigger warnings foster unreasonable expectations about the world, hampering natural resilience among young people</p></blockquote>

<p>Die Behauptung, man müsse Menschen bestimmten schlechten Dingen nun einmal aussetzen, um ihre “natürliche Abwehr” zu stärken, kommt leider immer wieder. Insbesondere (aber nicht nur) bei autistischen Menschen führt das oft zur nachhaltigen Traumatisierung.</p>

<p>Ich sage es mal in aller Deutlichkeit: das Prinzip “was uns nicht umbringt, macht uns stark” funktioniert nicht. Stattdessen bringt es eine Vielzahl an Menschen mit physischen und psychischen Leiden hervor.</p>

<p>Und dann ist da noch diese Aussage, deren Problematik vielleicht nicht ganz offensichtlich is:</p>

<blockquote><p>People who view trauma as a core part of their identity have worse symptoms</p></blockquote>

<p>Also, ob jemand das Trauma als zentralen Bestandteil der eigenen Identität ansieht, bestimmt die Ausprägung der Symptome. Na, merkt ihr das Problem?</p>

<p>Diese Aussage bezieht sich nur auf die <em>Symptome</em>, also ausschließlich die äußerlich sichtbaren Auswirkungen des Traumas. Sie sagt nichts darüber aus, ob sich eine Person besser oder schlechter fühlt.</p>

<p>Tatsächlich ist es sehr wahrscheinlich, dass Menschen, die das Trauma nicht als Bestandteil ihrer Persönlichkeit akzeptieren, die Symptome ihrer Traumatisierung nach Möglichkeiten verstecken. Das bedeutet aber nicht, dass es ihnen besser geht, ganz im Gegenteil.</p>

<p>Das Tüpfelchen auf dem i ist die Fragestellung der Studie. Diese ist:</p>

<blockquote><p>do [trigger warnings] help trauma survivors emotionally prepare to engage with difficult material?</p></blockquote>

<p>Die Frage ist also, ob Menschen sich durch die vorherige Warnung besser mit für sie problematischen Material auseinandersetzen können.</p>

<p>Aber ganz ehrlich: warum müssen sie das überhaupt? Wenn wir wissen, dass diese Inhalte für jemanden traumatisierend sein können, warum setzen wir sie ihnen überhaupt vor?</p>

<p>Nun gut, auch dieser Frage hat sich die Studie angenommen. Und stellt fest, dass die Vermeidung problematischer Inhalte für Betroffene zumindest kurzfristig tatsächlich hilfreich sein kann. Allerdings kommt schon im nächsten Satz:</p>

<blockquote><p>it maintains or worsens PTSD in the long run</p></blockquote>

<p>Gibt es also Studien, die zeigen, dass Traumatisierung sich durch die Vermeidung von Triggern verschlimmert? Zwei der zitierten Nachweise scheinen theoretische Arbeiten zu sein, die die Mechanismen von PTBS zu erklären versuchen. Deren Vorhersagen sind grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen, solange sie nicht experimentell überprüft sind.</p>

<p>Eine Arbeit (“Cognitive factors involved in the onset and maintenance of posttraumatic stress disorder (PTSD) after physical or sexual assault” von 1999) hat tatsächlich untersucht, welche Faktoren sich dafür verantwortlich zeigen, dass PTBS sich “festsetzt”. Einer der identifizierten Faktoren sind in der Tat dysfunktionale Strategien, konkret: Vermeidung und Suche nach Sicherheit.</p>

<p>Das ist irgendwo einleuchtend: Menschen, die die Auseinandersetzung mit ihren Problemen meiden, können diese nicht lösen. Allerdings steht hier ganz gewiss nicht, dass diese Auseinandersetzung bedeutet, sich den eigenen Triggern aussetzen zu lassen. Vielmehr muss die Auseinandersetzung im psychotherapeutischen Rahmen stattfinden, unter Anleitung von kompetenten Fachkräften!</p>

<p>Mit dieser Scheinargumentation haben die Autoren der Studie also “belegt”, dass die Vermeidung von Triggern keinen Sinn habe. Und bei ihrer eigenen Versuchsdurchführung haben sie sich deswegen darauf beschränkt, Menschen nach einer vorherigen Warnung zu retraumatisieren und ihre Reaktion zu bewerten.</p>

<p>Und siehe da: eine Retraumatisierung ist immer problematisch, ob mit Warnung oder ohne! Wer hätte das gedacht?</p>

<p>Lasst euch bitte von solchen Studien und dem Anspruch auf wissenschaftliche Objektivität nicht davon abbringen, Triggerwarnungen zu verwenden. Solange ihr nämlich Betroffenen die Wahl gebt, nach einer solchen Triggerwarnungen auf problematische Inhalte zu verzichten, bringen sie auch durchaus etwas.</p>

<p><strong>Nachträgliche Ergänzung</strong>: Ich will doch noch explizit sagen, dass ich die Durchführung dieser Studie unter ethischen Gesichtspunkten für absolut unverantwortlich halte. Die Teilnehmer*innen der Studie wurden online angeworben. Diese hat man nicht einmal gesehen, ganz zu schweigen von angemessener Begleitung.</p>

<p>Menschen mit PTBS gezielt zu retraumatisieren, ohne sie dabei psychotherapeutisch zu begleiten, ist absolut nicht in Ordnung. Das wäre den Forschenden auch klar, hätten sie sich je mit Betroffenen unterhalten. Diesen Schritt scheinen sie sich aber gespart zu haben.</p>

<p>Das ist leider eine häufige Erscheinung in psychologischen Studien. Man ignoriert Einwände von Betroffenen und unterstellt ihnen, nicht objektiv über ihre Kondition urteilen zu können. Stattdessen verlässt man sich ausschließlich auf Fremdwahrnehmung und richtet damit mitunter massiven Schaden an.</p>
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      <guid>https://paper.wf/newstrujew/doch-triggerwarnungen-konnen-durchaus-effektiv-sein</guid>
      <pubDate>Thu, 17 Nov 2022 08:41:47 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Wie Antisemitismus in der russischen Literatur gerechtfertigt wird</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/wie-antisemitismus-in-der-russischen-literatur-gerechtfertigt-wird</link>
      <description>&lt;![CDATA[#antisemitismus #russland #imperialismus&#xA;&#xA;Da ich bereits über Antisemitismus beim großen ukrainischen Dichter Taras Schewtschenko gestolpert bin, wollte ich noch schauen, wie es um den gefeierten russischen Dichter Alexander Puschkin steht. Und bin unmittelbar auf einen russischsprachigen Artikel zum Thema gestoßen.&#xA;&#xA;Der Artikel nimmt für sich den Anspruch heraus, tiefer zu blicken als oberflächliche Betrachtungen von Puschkins Werken. Und kommt zu dem Schluss, dass Puschkin trotz zahlreicher mehr als problematischer Aussagen kein Antisemit war.&#xA;&#xA;Für mich ist dieser Artikel eine gute Illustration, wie man mit Spitzfindigkeiten und Definitionsverschiebungen alles und jeden entschuldigen kann. Und dass solche Entschuldigungen selbst dann mit Vorsicht zu genießen sind, wenn der Autor selber betroffen ist. Der Autor ist Jude und schreibt für eine jüdische Publikation.!--more--&#xA;&#xA;Was ist überhaupt Antisemitismus?&#xA;&#xA;Es fängt an mit der Definition des Antisemitismus, für die ein Leonid Natkowitsch zitiert wird. Wer ist Leonid Natkowitsch? Keine Ahnung. Von ihm finden sich kaum Erwähnungen außerhalb dieses Artikels.&#xA;&#xA;Die Definition geht jedenfalls so:&#xA;&#xA;  Antisemitismus ist der Hass auf Juden, der durch die Angst wegen der überhöhten Vorstellung von ihren Möglichkeiten entstanden ist.&#xA;&#xA;Das ist eine eigenartig spezifische Definition, die schon einmal sehr viele Erscheinungsformen des Antisemitismus ausschließt. Und so philosophiert der Autor über Hass, der ja ein mächtiges Gefühl und schwer zu verstecken sei.&#xA;&#xA;Dadurch erschöpft sich die Verteidigung Puschkins hier in der Feststellung, dass Puschkin kein Interesse an der &#34;Lösung der jüdischen Frage&#34; zeigte. Danke aber auch. Folgt man dieser (auch hierzulande häufigen) Logik, ist niemand ein Antisemit, der nicht wenigstens die Juden aktiv ermorden will.&#xA;&#xA;Dass Puschkin in einem zitierten Text die Ermordung der Juden durch russische Soldaten völlig neutral erwähnt, als ein übliches Vorgehen, das keiner Wertung unterliegt, das zählt nach der Logik des Autors nicht als Antisemitismus.&#xA;&#xA;Tatsächlich ist es ziemlich witzlos zu diskutieren, ob ein vor 185 Jahren verstorbener Autor vor Hass auf Juden brannte. Das ist heute unwichtig und lenkt lediglich ab. Viel wichtiger ist es, ob sein Werk antisemitisch ist und antisemitische Vorurteile befeuert. Und, falls ja, ob und in welcher Form dieses noch auf den Lehrplan gehört.&#xA;&#xA;Der zeitliche Rahmen&#xA;&#xA;Tatsächlich stellt der Autor eine Verachtung Puschkins gegenüber Juden fest, die sich auch auf sein literarisches Werk übertragen hat. Ein Problem sieht er darin nicht. Das begründet er, wie so oft, mit dem zeitlichen Rahmen.&#xA;&#xA;Wenn Puschkin also die Juden mit Schimpfwörtern belegt, dann laut Autor nur deswegen, weil es zu seiner Zeit als &#34;normal&#34; galt. Und ohnehin wäre ihm nie im Leben eingefallen, dass ein Jude je seine Bücher lesen und beleidigt sein könnte.&#xA;&#xA;Sollte diese Argumentation jemandem bekannt vorkommen: genau so wird auch der Rassismus alter Bücher entschuldigt. Weil, wer hätte sich denn damals vorstellen können, dass Schwarze bzw. Ureinwohner Amerikas bzw. Juden intellektuell in der Lage wären, Bücher zu lesen?&#xA;&#xA;Ob gesellschaftlich üblich oder nicht, sollte das tatsächlich Puschkins Bild der Juden gewesen sein, dann war es ganz klar antisemitisch. Hinzu kommt, dass verletzte Gefühle hier das geringste Problem sind. Unabhängig von der Leserschaft sind literarische Werke, die ein antisemitisches Bild vermitteln, natürlich problematisch.&#xA;&#xA;Von &#34;guten&#34; und von &#34;schlechten&#34; Juden&#xA;&#xA;Dabei soll es Puschkin irgendwie entschuldigen, dass er kaum &#34;gute&#34; Juden gekannt hat. Juden, die etwas erreicht haben, gab es in Russland damals nicht.&#xA;&#xA;Gesehen hat er also laut Artikel: Kneipenbesitzer, Kleinhändler, Handwerker, Pächter. Somit stamme seine Verachtung vom sozialen Status dieser Menschen.&#xA;&#xA;Nun wissen wir, wie es sich nennt, wenn jemand von schlechten Charaktereigenschaften einzelner auf das gesamte jüdische Volk schließt. Genau, das nennt sich Antisemitismus.&#xA;&#xA;Nicht nur das. Ich will nicht behaupten, mich allzu gut mit Puschkins Werk auszukennen. Dennoch scheint es mir, dass ihm eine allgemeine Verachtung für das &#34;gemeine Volk&#34; fremd war. Aber Juden waren da anscheinend eine Ausnahme?&#xA;&#xA;Wobei, Puschkin hat nicht alle Juden verachtet. Der Artikel nennt zwei Ausnahmen.  Der Frauenheld Puschkin hatte wohl durchaus &#34;Respekt&#34; für jüdische Frauen. Und die Juden aus den biblischen Erzählungen waren auch in Ordnung. Ich lasse das einfach so stehen...&#xA;&#xA;Schlussfolgerungen&#xA;&#xA;Ich will wirklich nicht den gesamten Artikel auseinander nehmen. Dass die Verteidigung Puschkins derartige rhetorische Kniffe erfordert, zeigt sehr deutlich: es geht hier sehr wohl um Antisemitismus.&#xA;&#xA;Das ist nicht das einzige Problem mit Puschkin. Seine Werke sind durchsetzt mit Abwertung nicht-russischer Völker. Sie rechtfertigen russische Eroberungen und sind damit Teil einer imperialistischer Ideologie.&#xA;&#xA;Eigentlich Grund genug, um diesen Texten kritisch gegenüberzustehen. Und sich vielleicht zu fragen, ob es noch zeitgemäß ist, dass diese so viel Platz auf russischen Lehrplänen einnehmen.&#xA;&#xA;Tatsächlich sieht man aber in Russland eine Glorifizierung Puschkins, die höchstens noch zunimmt. Seine Werke werden als Rechtfertigung der russischen Politik bemüht, Kritik an ihm ist unerwünscht.&#xA;]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:antisemitismus" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">antisemitismus</span></a> <a href="/newstrujew/tag:russland" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">russland</span></a> <a href="/newstrujew/tag:imperialismus" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">imperialismus</span></a></p>

<p>Da ich bereits über Antisemitismus beim großen ukrainischen Dichter Taras Schewtschenko gestolpert bin, wollte ich noch schauen, wie es um den gefeierten russischen Dichter Alexander Puschkin steht. Und bin unmittelbar auf <a href="https://berkovich-zametki.com/2012/Zametki/Nomer6/Havchin1.php" rel="nofollow">einen russischsprachigen Artikel zum Thema</a> gestoßen.</p>

<p>Der Artikel nimmt für sich den Anspruch heraus, tiefer zu blicken als oberflächliche Betrachtungen von Puschkins Werken. Und kommt zu dem Schluss, dass Puschkin trotz zahlreicher mehr als problematischer Aussagen kein Antisemit war.</p>

<p>Für mich ist dieser Artikel eine gute Illustration, wie man mit Spitzfindigkeiten und Definitionsverschiebungen alles und jeden entschuldigen kann. Und dass solche Entschuldigungen selbst dann mit Vorsicht zu genießen sind, wenn der Autor selber betroffen ist. Der Autor ist Jude und schreibt für eine jüdische Publikation.</p>

<h2 id="was-ist-überhaupt-antisemitismus" id="was-ist-überhaupt-antisemitismus">Was ist überhaupt Antisemitismus?</h2>

<p>Es fängt an mit der Definition des Antisemitismus, für die ein Leonid Natkowitsch zitiert wird. Wer ist Leonid Natkowitsch? Keine Ahnung. Von ihm finden sich kaum Erwähnungen außerhalb dieses Artikels.</p>

<p>Die Definition geht jedenfalls so:</p>

<blockquote><p>Antisemitismus ist der Hass auf Juden, der durch die Angst wegen der überhöhten Vorstellung von ihren Möglichkeiten entstanden ist.</p></blockquote>

<p>Das ist eine eigenartig spezifische Definition, die schon einmal sehr viele Erscheinungsformen des Antisemitismus ausschließt. Und so philosophiert der Autor über Hass, der ja ein mächtiges Gefühl und schwer zu verstecken sei.</p>

<p>Dadurch erschöpft sich die Verteidigung Puschkins hier in der Feststellung, dass Puschkin kein Interesse an der “Lösung der jüdischen Frage” zeigte. Danke aber auch. Folgt man dieser (auch hierzulande häufigen) Logik, ist niemand ein Antisemit, der nicht wenigstens die Juden aktiv ermorden will.</p>

<p>Dass Puschkin in einem zitierten Text die Ermordung der Juden durch russische Soldaten völlig neutral erwähnt, als ein übliches Vorgehen, das keiner Wertung unterliegt, das zählt nach der Logik des Autors nicht als Antisemitismus.</p>

<p>Tatsächlich ist es ziemlich witzlos zu diskutieren, ob ein vor 185 Jahren verstorbener Autor vor Hass auf Juden brannte. Das ist heute unwichtig und lenkt lediglich ab. Viel wichtiger ist es, ob sein Werk antisemitisch ist und antisemitische Vorurteile befeuert. Und, falls ja, ob und in welcher Form dieses noch auf den Lehrplan gehört.</p>

<h2 id="der-zeitliche-rahmen" id="der-zeitliche-rahmen">Der zeitliche Rahmen</h2>

<p>Tatsächlich stellt der Autor eine Verachtung Puschkins gegenüber Juden fest, die sich auch auf sein literarisches Werk übertragen hat. Ein Problem sieht er darin nicht. Das begründet er, wie so oft, mit dem zeitlichen Rahmen.</p>

<p>Wenn Puschkin also die Juden mit Schimpfwörtern belegt, dann laut Autor nur deswegen, weil es zu seiner Zeit als “normal” galt. Und ohnehin wäre ihm nie im Leben eingefallen, dass ein Jude je seine Bücher lesen und beleidigt sein könnte.</p>

<p>Sollte diese Argumentation jemandem bekannt vorkommen: genau so wird auch der Rassismus alter Bücher entschuldigt. Weil, wer hätte sich denn damals vorstellen können, dass Schwarze bzw. Ureinwohner Amerikas bzw. Juden intellektuell in der Lage wären, Bücher zu lesen?</p>

<p>Ob gesellschaftlich üblich oder nicht, sollte das tatsächlich Puschkins Bild der Juden gewesen sein, dann war es ganz klar antisemitisch. Hinzu kommt, dass verletzte Gefühle hier das geringste Problem sind. Unabhängig von der Leserschaft sind literarische Werke, die ein antisemitisches Bild vermitteln, natürlich problematisch.</p>

<h2 id="von-guten-und-von-schlechten-juden" id="von-guten-und-von-schlechten-juden">Von “guten” und von “schlechten” Juden</h2>

<p>Dabei soll es Puschkin irgendwie entschuldigen, dass er kaum “gute” Juden gekannt hat. Juden, die etwas erreicht haben, gab es in Russland damals nicht.</p>

<p>Gesehen hat er also laut Artikel: Kneipenbesitzer, Kleinhändler, Handwerker, Pächter. Somit stamme seine Verachtung vom sozialen Status dieser Menschen.</p>

<p>Nun wissen wir, wie es sich nennt, wenn jemand von schlechten Charaktereigenschaften einzelner auf das gesamte jüdische Volk schließt. Genau, das nennt sich Antisemitismus.</p>

<p>Nicht nur das. Ich will nicht behaupten, mich allzu gut mit Puschkins Werk auszukennen. Dennoch scheint es mir, dass ihm eine allgemeine Verachtung für das “gemeine Volk” fremd war. Aber Juden waren da anscheinend eine Ausnahme?</p>

<p>Wobei, Puschkin hat nicht alle Juden verachtet. Der Artikel nennt zwei Ausnahmen.  Der Frauenheld Puschkin hatte wohl durchaus “Respekt” für jüdische Frauen. Und die Juden aus den biblischen Erzählungen waren auch in Ordnung. Ich lasse das einfach so stehen...</p>

<h2 id="schlussfolgerungen" id="schlussfolgerungen">Schlussfolgerungen</h2>

<p>Ich will wirklich nicht den gesamten Artikel auseinander nehmen. Dass die Verteidigung Puschkins derartige rhetorische Kniffe erfordert, zeigt sehr deutlich: es geht hier sehr wohl um Antisemitismus.</p>

<p>Das ist nicht das einzige Problem mit Puschkin. Seine Werke sind durchsetzt mit Abwertung nicht-russischer Völker. Sie rechtfertigen russische Eroberungen und sind damit Teil einer imperialistischer Ideologie.</p>

<p>Eigentlich Grund genug, um diesen Texten kritisch gegenüberzustehen. Und sich vielleicht zu fragen, ob es noch zeitgemäß ist, dass diese so viel Platz auf russischen Lehrplänen einnehmen.</p>

<p>Tatsächlich sieht man aber in Russland eine Glorifizierung Puschkins, die höchstens noch zunimmt. Seine Werke werden als Rechtfertigung der russischen Politik bemüht, Kritik an ihm ist unerwünscht.</p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/newstrujew/wie-antisemitismus-in-der-russischen-literatur-gerechtfertigt-wird</guid>
      <pubDate>Tue, 15 Nov 2022 16:12:44 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Das Bewerbungsschreiben: Deutschlands Gatekeeper</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/das-bewerbungsschreiben-deutschlands-gatekeeper</link>
      <description>&lt;![CDATA[#bildung #chancengleichheit&#xA;&#xA;Ein Bekannter will Müllwagenfahrer sein. Er ist dafür qualifiziert und auch motiviert. Ein Problem hat er dennoch: er kann keine Bewerbungen schreiben.&#xA;&#xA;Er kam nämlich erst vor einigen Jahren aus dem Ausland nach Deutschland. Sein Deutsch ist nicht sonderlich gut, und mit dem Schreiben hat er es ohnehin nicht so. Braucht man aber für den Job ja auch nicht.&#xA;&#xA;!--more--Also tut er das, was so ziemlich alle Menschen in seiner Situation tun: er schreibt irgendwas und findet jemanden, der seinen Text korrigiert.&#xA;&#xA;Bewerbung abgeschickt. Absage.&#xA;&#xA;Und das wundert auch nicht. Den Text habe ich später gesehen. Dieser war grammatikalisch zwar einwandfrei, inhaltlich aber eine Katastrophe.&#xA;&#xA;Einige Monate später findet sich eine Bekannte, die das Bewerbungsschreiben professionell tut. Sie überredet ihn zu einem neuen Anlauf.&#xA;&#xA;Neues Bewerbungsschreiben. Zack, Einladung zum Gespräch. Nach einem kurzen Gespräch soll er bitte alle Formalitäten erledigen, damit er möglichst schnell anfangen kann.&#xA;&#xA;Ähnliche Situation in der Schule. Meine Frau hilft hier Kindern unter anderem mit dem Schreiben von Bewerbungen. Mit ihrer Hilfe wird das Ergebnis ganz ansehnlich. Und damit bekommen sie ziemlich sicher einen Ausbildungsplatz.&#xA;&#xA;Aber sie betreut nur zehn Kinder pro Jahrgangsstufe, und auch diese muss sie teilweise noch überreden, ihre Hilfe anzunehmen. Was machen die anderen?&#xA;&#xA;Die anderen setzen das Wissen zum Bewerbungsschreiben ein, das ihnen in der Schule vermittelt wurde. Eventuell lassen sie sich vielleicht noch von Verwandten helfen.&#xA;&#xA;Vielleicht haben sie ja das Glück, dass sich jemand in der Familie tatsächlich auskennt. Oft genug kommt aber ein Schreiben voller Standardfloskeln heraus. Denn das ist es, was ihnen in der Schule beigebracht wird.&#xA;&#xA;Seit meiner Schulzeit hat sich in diesem Bereich nichts geändert. Es wird kaum erwähnt, wie wichtig es ist, dass sich ihr Bewerbungsschreiben von den anderen abhebt. Dass man überzeugend herausarbeiten muss, wieso man die beste Kandidatur für den Job ist. Und Hilfestellung, um diesen komplizierten Trick als Schüler*in zu schaffen, bekommt man ohnehin nicht.&#xA;&#xA;Mit einem Bewerbungsschreiben voller Floskeln lässt sich in Deutschland kein Preis gewinnen. Meist bekommt man nur den Ausbildungsplatz, auf den sich ohnehin niemand bewirbt. Zumindest wenn es keine Beziehungen gibt, die den Platz dennoch sichern.&#xA;&#xA;Da können einige Leute noch so viel behaupten, dass sie sich aus eigener Kraft hochgearbeitet hätten. Welche Rolle Glück dabei gespielt hat, haben sie nämlich gar nicht bemerkt.&#xA;&#xA;Die erste Hürde in Deutschland ist stets das Bewerbungsschreiben. Dieses bestimmt mehr über die Zukunftschancen als die Qualifikation. Und es ist eine reine Glückssache, ob sich jemand findet, um diese Hürde überwinden zu helfen.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:bildung" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">bildung</span></a> <a href="/newstrujew/tag:chancengleichheit" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">chancengleichheit</span></a></p>

<p>Ein Bekannter will Müllwagenfahrer sein. Er ist dafür qualifiziert und auch motiviert. Ein Problem hat er dennoch: er kann keine Bewerbungen schreiben.</p>

<p>Er kam nämlich erst vor einigen Jahren aus dem Ausland nach Deutschland. Sein Deutsch ist nicht sonderlich gut, und mit dem Schreiben hat er es ohnehin nicht so. Braucht man aber für den Job ja auch nicht.</p>

<p>Also tut er das, was so ziemlich alle Menschen in seiner Situation tun: er schreibt irgendwas und findet jemanden, der seinen Text korrigiert.</p>

<p>Bewerbung abgeschickt. Absage.</p>

<p>Und das wundert auch nicht. Den Text habe ich später gesehen. Dieser war grammatikalisch zwar einwandfrei, inhaltlich aber eine Katastrophe.</p>

<p>Einige Monate später findet sich eine Bekannte, die das Bewerbungsschreiben professionell tut. Sie überredet ihn zu einem neuen Anlauf.</p>

<p>Neues Bewerbungsschreiben. Zack, Einladung zum Gespräch. Nach einem kurzen Gespräch soll er bitte alle Formalitäten erledigen, damit er möglichst schnell anfangen kann.</p>

<p>Ähnliche Situation in der Schule. Meine Frau hilft hier Kindern unter anderem mit dem Schreiben von Bewerbungen. Mit ihrer Hilfe wird das Ergebnis ganz ansehnlich. Und damit bekommen sie ziemlich sicher einen Ausbildungsplatz.</p>

<p>Aber sie betreut nur zehn Kinder pro Jahrgangsstufe, und auch diese muss sie teilweise noch überreden, ihre Hilfe anzunehmen. Was machen die anderen?</p>

<p>Die anderen setzen das Wissen zum Bewerbungsschreiben ein, das ihnen in der Schule vermittelt wurde. Eventuell lassen sie sich vielleicht noch von Verwandten helfen.</p>

<p>Vielleicht haben sie ja das Glück, dass sich jemand in der Familie tatsächlich auskennt. Oft genug kommt aber ein Schreiben voller Standardfloskeln heraus. Denn das ist es, was ihnen in der Schule beigebracht wird.</p>

<p>Seit meiner Schulzeit hat sich in diesem Bereich nichts geändert. Es wird kaum erwähnt, wie wichtig es ist, dass sich ihr Bewerbungsschreiben von den anderen abhebt. Dass man überzeugend herausarbeiten muss, wieso man die beste Kandidatur für den Job ist. Und Hilfestellung, um diesen komplizierten Trick als Schüler*in zu schaffen, bekommt man ohnehin nicht.</p>

<p>Mit einem Bewerbungsschreiben voller Floskeln lässt sich in Deutschland kein Preis gewinnen. Meist bekommt man nur den Ausbildungsplatz, auf den sich ohnehin niemand bewirbt. Zumindest wenn es keine Beziehungen gibt, die den Platz dennoch sichern.</p>

<p>Da können einige Leute noch so viel behaupten, dass sie sich aus eigener Kraft hochgearbeitet hätten. Welche Rolle Glück dabei gespielt hat, haben sie nämlich gar nicht bemerkt.</p>

<p>Die erste Hürde in Deutschland ist stets das Bewerbungsschreiben. Dieses bestimmt mehr über die Zukunftschancen als die Qualifikation. Und es ist eine reine Glückssache, ob sich jemand findet, um diese Hürde überwinden zu helfen.</p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/newstrujew/das-bewerbungsschreiben-deutschlands-gatekeeper</guid>
      <pubDate>Fri, 11 Nov 2022 08:58:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Kann jemand eure Wohnadresse aus den Daten auf sozialen Medien ableiten?</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/kann-jemand-eure-wohnadresse-aus-den-daten-auf-sozialen-medien-ableiten</link>
      <description>&lt;![CDATA[#gewalt #stalking&#xA;&#xA;Falls ihr Stalking befürchtet, solltet ihr vorsichtig damit sein, welche Informationen ihr auf sozialen Medien preisgibt. Ja, eine abgedroschene Phrase. Vor einiger Zeit habe ich aber als Experiment erfolgreich die Wohnadresse eines Twitter-Accounts bestimmt (mit Erlaubnis).&#xA;&#xA;Sicherlich gibt es Leute, die sich mit dem Thema besser auskennen als ich. Dennoch hoffe ich, dass meine Erkenntnisse euch helfen.&#xA;&#xA;!--more--Zunächst einmal das Wichtigste: es geht nicht nur um Informationen, aus denen Straßenname und Hausnummer ersichtlich sind. Jede Information, die den Suchbereich verkleinert, kann verwertet werden.&#xA;&#xA;Man kann es sich so vorstellen, dass jede Information einen (eventuell sehr großen) Kreis ergibt, in dem ihr euch aufhalten könntet. Sind es genug solche Kreise, wird ihre Überschneidung der Ort sein, an dem ihr wohnt.&#xA;&#xA;Dementsprechend schränken bereits Aussagen (auch indirekte) zu Feiertagen und Schulferien den Suchbereich ein. Daraus lässt sich das Bundesland ableiten, ein erster Anhaltspunkt.&#xA;&#xA;Ähnlich verhält es sich mit Aussagen zu Autobahnen oder öffentlichen Verkehrsmitteln. A1 führt zwar durch ganz Deutschland, wenn ihr sie aber erwähnt, dann seid ihr in dem vergleichsweise schmalen Streifen um die Autobahn herum zu suchen.&#xA;&#xA;Wenn ihr darüber klagt, dass euer Arbeitsweg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln drei Umstiege beinhaltet und zwei Stunden dauert, schränkt das den Suchbereich noch mehr ein. Hinweise auf euren Arbeitsort habt ihr ja sicherlich fallen lassen, und da kann man schätzen, wo ihr in etwa herkommt.&#xA;&#xA;Aber vielleicht ist euer Wohnort ja gar kein Geheimnis. Wie findet man ein Haus unter vielen?&#xA;&#xA;Hier sind Fotos natürlich am hilfreichsten. Auch Fotos, auf denen &#34;nichts besonderes&#34; zu sehen ist.&#xA;&#xA;Auf Fotos ist die Himmelsrichtung oft erkennbar. Fotografiert ihr aus den Fenstern, kann man daraus die Ausrichtung des Hauses ableiten. Und dadurch ist schon einmal mindestens die Hälfte der infrage kommenden Häuser weg.&#xA;&#xA;Sind Nachbarhäuser sichtbar, lässt sich eine Skizze der Umgebung anfertigen. Größen und Entfernungen lassen sich auf Fotos gut schätzen. Dann weiß man genau, nach welcher Konstellation man auf den Luftaufnahmen des Kartendienstes sucht.&#xA;&#xA;Noch mehr helfen natürlich markante Straßen- oder Aushängeschilder, die sich unmittelbar lokalisieren lassen. Selbst fernab eurer Wohnung lassen diese auf eure üblichen Wege schließen und dadurch auch darauf, von wo ihr wahrscheinlich kommt.&#xA;&#xA;Dazu kommen Landmarken in euren Fotos, deren Position sich bestimmen lässt. Das können markante Gebäude sein (Kirchen), aber auch beispielsweise Mobilfunkmasten. Karten aller Mobilfunkmasten existieren, und es ist oft möglich zu bestimmen, welcher genau da zu sehen ist.&#xA;&#xA;Auch ein Haus mit sehr vielen Parteien bedeutet nicht, dass ihr dort anonym seid. Anhand von Fotos aus euren Fenstern lässt sich vor Ort schätzen, in welchem Stockwerk ihr seid. Eventuell lässt sich sogar das konkrete Fenster bestimmen.&#xA;&#xA;Zu guter Letzt: Amazon-Wunschlisten sind hochgradig problematisch. Ein Käufer kann die Rechnung abrufen, und je nach Verkäufer wird dort die Lieferadresse zu sehen sein. Einen Weg im Voraus zu erkennen, ob das der Fall sein wird, kenne ich nicht. Definitiv nicht angegeben wird die Adresse auf Rechnungen von Amazon. Als Lösung kann man sich also entweder auf Amazon als Verkäufer beschränken, oder man lässt an eine Packstation liefern.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:gewalt" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">gewalt</span></a> <a href="/newstrujew/tag:stalking" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">stalking</span></a></p>

<p>Falls ihr Stalking befürchtet, solltet ihr vorsichtig damit sein, welche Informationen ihr auf sozialen Medien preisgibt. Ja, eine abgedroschene Phrase. Vor einiger Zeit habe ich aber als Experiment erfolgreich die Wohnadresse eines Twitter-Accounts bestimmt (mit Erlaubnis).</p>

<p>Sicherlich gibt es Leute, die sich mit dem Thema besser auskennen als ich. Dennoch hoffe ich, dass meine Erkenntnisse euch helfen.</p>

<p>Zunächst einmal das Wichtigste: es geht nicht nur um Informationen, aus denen Straßenname und Hausnummer ersichtlich sind. <em>Jede</em> Information, die den Suchbereich verkleinert, kann verwertet werden.</p>

<p>Man kann es sich so vorstellen, dass jede Information einen (eventuell sehr großen) Kreis ergibt, in dem ihr euch aufhalten könntet. Sind es genug solche Kreise, wird ihre Überschneidung der Ort sein, an dem ihr wohnt.</p>

<p>Dementsprechend schränken bereits Aussagen (auch indirekte) zu Feiertagen und Schulferien den Suchbereich ein. Daraus lässt sich das Bundesland ableiten, ein erster Anhaltspunkt.</p>

<p>Ähnlich verhält es sich mit Aussagen zu Autobahnen oder öffentlichen Verkehrsmitteln. A1 führt zwar durch ganz Deutschland, wenn ihr sie aber erwähnt, dann seid ihr in dem vergleichsweise schmalen Streifen um die Autobahn herum zu suchen.</p>

<p>Wenn ihr darüber klagt, dass euer Arbeitsweg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln drei Umstiege beinhaltet und zwei Stunden dauert, schränkt das den Suchbereich noch mehr ein. Hinweise auf euren Arbeitsort habt ihr ja sicherlich fallen lassen, und da kann man schätzen, wo ihr in etwa herkommt.</p>

<p>Aber vielleicht ist euer Wohnort ja gar kein Geheimnis. Wie findet man ein Haus unter vielen?</p>

<p>Hier sind Fotos natürlich am hilfreichsten. Auch Fotos, auf denen “nichts besonderes” zu sehen ist.</p>

<p>Auf Fotos ist die Himmelsrichtung oft erkennbar. Fotografiert ihr aus den Fenstern, kann man daraus die Ausrichtung des Hauses ableiten. Und dadurch ist schon einmal mindestens die Hälfte der infrage kommenden Häuser weg.</p>

<p>Sind Nachbarhäuser sichtbar, lässt sich eine Skizze der Umgebung anfertigen. Größen und Entfernungen lassen sich auf Fotos gut schätzen. Dann weiß man genau, nach welcher Konstellation man auf den Luftaufnahmen des Kartendienstes sucht.</p>

<p>Noch mehr helfen natürlich markante Straßen- oder Aushängeschilder, die sich unmittelbar lokalisieren lassen. Selbst fernab eurer Wohnung lassen diese auf eure üblichen Wege schließen und dadurch auch darauf, von wo ihr wahrscheinlich kommt.</p>

<p>Dazu kommen Landmarken in euren Fotos, deren Position sich bestimmen lässt. Das können markante Gebäude sein (Kirchen), aber auch beispielsweise Mobilfunkmasten. Karten aller Mobilfunkmasten existieren, und es ist oft möglich zu bestimmen, welcher genau da zu sehen ist.</p>

<p>Auch ein Haus mit sehr vielen Parteien bedeutet nicht, dass ihr dort anonym seid. Anhand von Fotos aus euren Fenstern lässt sich vor Ort schätzen, in welchem Stockwerk ihr seid. Eventuell lässt sich sogar das konkrete Fenster bestimmen.</p>

<p>Zu guter Letzt: Amazon-Wunschlisten sind hochgradig problematisch. Ein Käufer kann die Rechnung abrufen, und je nach Verkäufer wird dort die Lieferadresse zu sehen sein. Einen Weg im Voraus zu erkennen, ob das der Fall sein wird, kenne ich nicht. Definitiv nicht angegeben wird die Adresse auf Rechnungen von Amazon. Als Lösung kann man sich also entweder auf Amazon als Verkäufer beschränken, oder man lässt an eine Packstation liefern.</p>
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      <guid>https://paper.wf/newstrujew/kann-jemand-eure-wohnadresse-aus-den-daten-auf-sozialen-medien-ableiten</guid>
      <pubDate>Fri, 04 Nov 2022 14:00:34 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Ich bin Autist, und das weiß ich ohne eine Diagnose</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/ich-bin-autist-und-das-weiss-ich-ohne-eine-diagnose</link>
      <description>&lt;![CDATA[#autismus #selfdx #diagnostik #identität&#xA;&#xA;Ich oute mich mal. Ich bin ein selbstdiagnostizierter Autist.&#xA;&#xA;Warum ich das so schreibe? Weil es eine kleine, aber sehr laute Gruppe in der Autismus-Community gibt, die bei dieser Selbstbeschreibung gleich in Rage aufspringt und ihr die Legitimität abspricht. Mir können sie nichts mehr anhaben, aber es gibt zu viele Menschen, die dadurch massiv verunsichert werden.&#xA;&#xA;Deswegen will ich meinen Weg erklären, und dafür muss ich ganz von vorne anfangen. Bei meinem Cousin.&#xA;&#xA;!--more--Mein Cousin ist Autist, mit einer Diagnose der alten Schule. Das bedeutet, dass sämtliche seiner Komorbiditäten (etliche Sachen, bis hin zum Marfan-Syndrom) unter die Bezeichnung &#34;Autismus&#34; gepackt wurden. War früher so üblich, als bei Autismus noch Intelligenzminderung erwartet wurde.&#xA;&#xA;Was für viele Leute der Film &#34;Rainman&#34; war, war für meine Familie mein Cousin: ein völlig verzerrtes Sinnbild des Autismus. Dadurch wurde Autismus bei mir nie in Betracht gezogen, trotz (wie ich es heute weiß) eindeutiger Zeichen. Ich kam zu gut zurecht, war zu intelligent.&#xA;&#xA;Mit ca. 12 Jahren habe ich gemerkt, dass Masking funktioniert. Natürlich kannte ich die Bezeichnung nicht. Aber es war dennoch eine halbwegs bewusste Entscheidung, mein Verhalten an die Erwartungen anzupassen, um so besser akzeptiert zu werden.&#xA;&#xA;Ich habe das Masking derart perfektioniert, dass ich heute größte Mühe habe, irgendwie zwischen mir und der Maske unterscheiden zu können. Und aus gesellschaftlicher Sicht ging es mir damit gut. Ich hatte beruflichen Erfolg, habe geheiratet. Blieb aber irgendwie &#34;seltsam&#34;.&#xA;&#xA;Mit 28 Jahren hörte ich erstmals den Begriff &#34;Asperger&#34;. Leute, die ich kannte, haben sich als &#34;Aspie&#34; geoutet.&#xA;&#xA;Ja, der Begriff ist veraltet und schädlich. Aber ohne ihn hätte ich mich womöglich nie mit Autismus beschäftigt. Denn autistisch war ja mein Cousin, nicht ich.&#xA;&#xA;Anfangs war es also ein leiser Verdacht, was immer da mit &#34;Aspie&#34; gemeint war, könnte auch mein Leben erklären. Ich bin über die Jahre sehr tief in die fachlichen Informationen eingestiegen, aber es blieb bei einem begründeten Verdacht. Es war alles zu schwammig, zu uneindeutig.&#xA;&#xA;Geändert hat es sich erst durch andere autistische Menschen, wie z.B. den großartigen Pete Wharmby. Ich las dort plötzlich von Erfahrungen, die ich nachvollziehen konnte. Ich bekam Erklärungen für meine eigenen Verhaltensweisen, für Reaktionen anderer Menschen auf mich.&#xA;&#xA;Urplötzlich ergab alles Sinn. Ich verstand nun auch, warum einige Dinge für mich so schwer oder gar unmöglich sind. Ich konnte mich selber akzeptieren.&#xA;&#xA;Nach etwa 10 Jahren war meine Reise abgeschlossen. Aus dem Verdacht wurde Gewissheit.&#xA;&#xA;Ich weiß, dass viele autistische Menschen auf Hilfe angewiesen sind. Ich weiß, dass ich privilegiert bin, wenn ich sage, auch ohne sie im Leben zurechtkommen zu können. Mir fehlte es in meinem Leben aber nicht an Unterstützung, mit fehlte es an Akzeptanz.&#xA;&#xA;Und die finde ich bei anderen autistischen Menschen. Wie sich herausstellt, sind die meisten Menschen, mit denen ich enger interagiere, ebenfalls autistisch. Das passiert automatisch, ohne unser Wissen. Weil wir ähnlich kommunizieren. Weil wir einander verstehen.&#xA;&#xA;Deswegen ist es so bitter für mich, wenn Teile der autistischen Community eine offizielle Diagnose, die mir rein gar nichts bringt, als Vorbedingung dafür sehen, dass sie mich akzeptieren. Und mir weismachen wollen, ich habe mich als &#34;Verdachtsautist&#34; zu bezeichnen.&#xA;&#xA;Wieso sollte ich jemanden anlügen, dass mein Autismus bloß ein Verdacht wäre? Ich habe mich lang genug mit dem Thema beschäftigt. Ich weiß genau, auf welcher Grundlage mir eine offizielle Diagnose gestellt werden könnte. Ich weiß auch, warum man sie mir verweigern könnte.&#xA;&#xA;Nichts davon ändert etwas daran, dass ich ein Autist bin. Ich bin als Autist geboren, ich werde auch mein Leben lang einer bleiben.&#xA;&#xA;Ich habe die Schnauze voll. Ich lasse mir nicht mehr den Mund verbieten. Und euer elitäres Gatekeeping könnt ihr euch sonstwohin stecken.&#xA;&#xA;Ich rede nur über meine eigene Erfahrung. Ich brauche niemanden, der meine Eltern nach ihrer verzerrten Sicht auf mich befragt, um in Erfahrung zu bringen, ob ich autistisch bin. Andere Menschen werden dagegen vielleicht eine externe Bestätigung haben wollen. Ich kann und will nicht verallgemeinern.&#xA;&#xA;Zu guter Letzt: ich kenne die Argumentation gegen Selbstdiagnosen. Ich habe mich ausführlich mit ihr beschäftigt, und ich finde sie nicht stichhaltig.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:autismus" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">autismus</span></a> <a href="/newstrujew/tag:selfdx" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">selfdx</span></a> <a href="/newstrujew/tag:diagnostik" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">diagnostik</span></a> <a href="/newstrujew/tag:identit%C3%A4t" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">identität</span></a></p>

<p>Ich oute mich mal. Ich bin ein selbstdiagnostizierter Autist.</p>

<p>Warum ich das so schreibe? Weil es eine kleine, aber sehr laute Gruppe in der Autismus-Community gibt, die bei dieser Selbstbeschreibung gleich in Rage aufspringt und ihr die Legitimität abspricht. Mir können sie nichts mehr anhaben, aber es gibt zu viele Menschen, die dadurch massiv verunsichert werden.</p>

<p>Deswegen will ich meinen Weg erklären, und dafür muss ich ganz von vorne anfangen. Bei meinem Cousin.</p>

<p>Mein Cousin ist Autist, mit einer Diagnose der alten Schule. Das bedeutet, dass sämtliche seiner Komorbiditäten (etliche Sachen, bis hin zum Marfan-Syndrom) unter die Bezeichnung “Autismus” gepackt wurden. War früher so üblich, als bei Autismus noch Intelligenzminderung erwartet wurde.</p>

<p>Was für viele Leute der Film “Rainman” war, war für meine Familie mein Cousin: ein völlig verzerrtes Sinnbild des Autismus. Dadurch wurde Autismus bei mir nie in Betracht gezogen, trotz (wie ich es heute weiß) eindeutiger Zeichen. Ich kam zu gut zurecht, war zu intelligent.</p>

<p>Mit ca. 12 Jahren habe ich gemerkt, dass Masking funktioniert. Natürlich kannte ich die Bezeichnung nicht. Aber es war dennoch eine halbwegs bewusste Entscheidung, mein Verhalten an die Erwartungen anzupassen, um so besser akzeptiert zu werden.</p>

<p>Ich habe das Masking derart perfektioniert, dass ich heute größte Mühe habe, irgendwie zwischen mir und der Maske unterscheiden zu können. Und aus gesellschaftlicher Sicht ging es mir damit gut. Ich hatte beruflichen Erfolg, habe geheiratet. Blieb aber irgendwie “seltsam”.</p>

<p>Mit 28 Jahren hörte ich erstmals den Begriff “Asperger”. Leute, die ich kannte, haben sich als “Aspie” geoutet.</p>

<p>Ja, der Begriff ist <a href="https://paper.wf/newstrujew/nein-asperger-syndrom-gibt-es-nicht" rel="nofollow">veraltet und schädlich</a>. Aber ohne ihn hätte ich mich womöglich nie mit Autismus beschäftigt. Denn autistisch war ja mein Cousin, nicht ich.</p>

<p>Anfangs war es also ein leiser Verdacht, was immer da mit “Aspie” gemeint war, könnte auch mein Leben erklären. Ich bin über die Jahre sehr tief in die fachlichen Informationen eingestiegen, aber es blieb bei einem begründeten Verdacht. Es war alles zu schwammig, zu uneindeutig.</p>

<p>Geändert hat es sich erst durch andere autistische Menschen, wie z.B. den großartigen <a href="https://petewharmby.com/" rel="nofollow">Pete Wharmby</a>. Ich las dort plötzlich von Erfahrungen, die ich nachvollziehen konnte. Ich bekam Erklärungen für meine eigenen Verhaltensweisen, für Reaktionen anderer Menschen auf mich.</p>

<p>Urplötzlich ergab alles Sinn. Ich verstand nun auch, warum einige Dinge für mich so schwer oder gar unmöglich sind. Ich konnte mich selber akzeptieren.</p>

<p>Nach etwa 10 Jahren war meine Reise abgeschlossen. Aus dem Verdacht wurde Gewissheit.</p>

<p>Ich weiß, dass viele autistische Menschen auf Hilfe angewiesen sind. Ich weiß, dass ich privilegiert bin, wenn ich sage, auch ohne sie im Leben zurechtkommen zu können. Mir fehlte es in meinem Leben aber nicht an Unterstützung, mit fehlte es an Akzeptanz.</p>

<p>Und die finde ich bei anderen autistischen Menschen. Wie sich herausstellt, sind die meisten Menschen, mit denen ich enger interagiere, ebenfalls autistisch. Das passiert automatisch, ohne unser Wissen. Weil wir ähnlich kommunizieren. Weil wir einander verstehen.</p>

<p>Deswegen ist es so bitter für mich, wenn Teile der autistischen Community eine offizielle Diagnose, die mir rein gar nichts bringt, als Vorbedingung dafür sehen, dass sie mich akzeptieren. Und mir weismachen wollen, ich habe mich als “Verdachtsautist” zu bezeichnen.</p>

<p>Wieso sollte ich jemanden anlügen, dass mein Autismus bloß ein Verdacht wäre? Ich habe mich lang genug mit dem Thema beschäftigt. Ich weiß genau, auf welcher Grundlage mir eine offizielle Diagnose gestellt werden könnte. Ich weiß auch, warum man sie mir verweigern könnte.</p>

<p>Nichts davon ändert etwas daran, dass ich ein Autist bin. Ich bin als Autist geboren, ich werde auch mein Leben lang einer bleiben.</p>

<p>Ich habe die Schnauze voll. Ich lasse mir nicht mehr den Mund verbieten. Und euer elitäres Gatekeeping könnt ihr euch sonstwohin stecken.</p>

<p>Ich rede nur über meine eigene Erfahrung. <em>Ich</em> brauche niemanden, der meine Eltern nach ihrer verzerrten Sicht auf mich befragt, um in Erfahrung zu bringen, ob ich autistisch bin. Andere Menschen werden dagegen vielleicht eine externe Bestätigung haben wollen. Ich kann und will nicht verallgemeinern.</p>

<p>Zu guter Letzt: ich kenne die Argumentation gegen Selbstdiagnosen. Ich habe mich ausführlich mit ihr beschäftigt, und ich <a href="https://paper.wf/newstrujew/validitaet-von-autismus-selbstdiagnosen" rel="nofollow">finde sie nicht stichhaltig</a>.</p>
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      <guid>https://paper.wf/newstrujew/ich-bin-autist-und-das-weiss-ich-ohne-eine-diagnose</guid>
      <pubDate>Thu, 03 Nov 2022 08:40:26 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Blockempfehlung für Phodopus Sungorus @fotobus und Gefolgschaft</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/blockempfehlung-fur-phodopus-sungorus-anfotobus-und-gefolgschaft</link>
      <description>&lt;![CDATA[#autismus #diagnostik #selfdx #transfeindlichkeit #feminismus&#xA;&#xA;Ich schreibe Blockempfehlungen sehr selten, schon gar nicht als ausführlichen Text. Aber dieser toxische Mobbing-Account schadet der Autismus-Community enorm.&#xA;&#xA;Sie behauptet, für ihr Mobbing gäbe es keine Belege. Doch. 🤷!--more--&#xA;&#xA;Zunächst einmal: sie sieht sich als Kämpferin für Rechte der Autisten, und es trifft nicht immer die Falschen. Das wiegt den Schaden aber nicht auf.&#xA;&#xA;Außerdem: hier alles mit Screenshots zu dokumentieren, ist sicherlich nicht die feine Art. Aber sie will ja Belege haben.&#xA;&#xA;Screenshot eines Posts von fotobus. Klasse ist auch, wie das Wehren gegen ungerechtfertigte Vorwürfe, gegen Lügen bis hin zur Verleumdung ins Gegenteil verkehrt wird. Ich tu keinem was. Aber werde immer mal wieder aus der Ecke SelfDX/Queer angegriffen und als Arschloch dargestellt. Das läuft seit Jahren so.&#xA;&#xA;Natürlich sieht sich fotobus als das eigentliche Opfer hier. Sie wird andauernd und ungerechtfertigt von folgenden Gruppen angegriffen:&#xA;&#xA;Queers&#xA;Gendersternchen-Fans&#xA;SelfDX-Bubble&#xA;&#xA;Ja warum eigentlich?&#xA;&#xA;Transfeindlichkeit&#xA;&#xA;Fangen wir an mit dem Vorwurf der Transfeindlichkeit. Laut fotobus völlig ungerechtfertigt, denn sie habe ja &#34;nichts gegen Transsexuelle&#34;.&#xA;&#xA;Hier sehen wir, wie sie reagiert, wenn sie auf Misgendering hingewiesen wird.&#xA;&#xA;Screenshot eines Posts von fotobus. Joa, und. Ich hab den Namen nicht gelesen. Er hat mich nicht interessiert. Sein, des Users, des Accounts, Geschlecht interessiert mich auch nicht. Meins hat hier auch keinen interessiert und ich jammer nicht darüber rum. Ich wollt hier schließlich mit niemandem ins Bett. Bye.&#xA;&#xA;Ja, überhaupt nicht transfeindlich.&#xA;&#xA;Sie legt später noch einmal nach.&#xA;&#xA;Screenshot eines Posts von fotobus. Übrigens, ich wurde in diesem Gespräch auch &#39;misgendert&#39;. Aber wichtig ist das immer nur bei denen selbst, nie bei anderen. (Mir ist es völlig egal, welches Geschlecht die Leute bei mir annehmen hier auf Twitter.) Es ist faszinierend. Faszinierend doppelmoralisch.&#xA;&#xA;Klar, wenn sie (männlicher Accountname, keine Pronomen, spricht von sich in der männlichen Form) misgendert wird, dann ist es dasselbe, wie wenn sie die Pronomen einer Person missachtet und nach einem Hinweis pöbelt.&#xA;&#xA;Das ist jetzt nur ein Beispiel von vielen, die sich über die Jahre ereignet haben. In der Gefolgschaft von fotobus gibt es auch extrem transfeindliche Personen, und das stört sie nicht. Sie kommentiert Transfeindlichkeit sogar wohlwollend.&#xA;&#xA;Umfrage von Mundpilz. Liebe Autisten wer soll einen Autismusvortrage bei entropiagpn halten. 1. eine Borderlinerin die vorgibt Autist zu sein. 2. ein Typ der sich für eine Frau hält und davon labert Frauen die das anders sehen zu vergewaltigen (und ja es ist nicht zu fassen) Hashtag GPN18.  fotobus antwortet, 3. mundpilz antwortet darauf, exakt blos keiner davon eh!&#xA;&#xA;Anti-Feminismus&#xA;&#xA;Außerdem wird fotobus von Leuten angefeindet, die das Gendersternchen gut finden. Und das angeblich bloß, weil sie darauf hinweist, dass sie davon sensorischen Overload bekommt.&#xA;&#xA;Ich kann nicht beurteilen, ob es stimmt. Aber es gibt sicherlich mehr Gründe für Anfeindungen.&#xA;&#xA;Denn fotobus erscheint an Kompromissen nicht interessiert und ist grundsätzlich gegen das Entgendern. Sie belehrt Menschen, das generische Maskulinum wäre völlig in Ordnung.&#xA;&#xA;![Screenshot einer Antwort von fotobus an EducationHumor. &#39;Liebe Schüler&#39;. Denn &#39;Schüler&#39; ist ein Wort ohne jede sexus-anzeigende Endung.&#xA;Als Lehrer solltest du das wissen.](https://pixelfed.de/storage/m/v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/e9lGci21FlaD/L1pwZjyQMyTpyZv5RY92gEfnZ9fQpUczCzlWdpPa.jpg)&#xA;&#xA;Da kommt irgendwie der Verdacht auf, sensorische Probleme wären bloß ein vorgeschobener Grund.&#xA;&#xA;Anti-SelfDX&#xA;&#xA;Schließlich ist da die SelfDX-Bubble, die &#34;richtigen&#34; Autisten scheinbar so viel Ärger bereitet. Und dabei geht es fotobus doch angeblich um eine Kleinigkeit: richtige Bezeichnungen.&#xA;&#xA;![Screenshot eines Posts von fotobus. Ich akzeptiere jeden Eigenverdacht.&#xA;Aber keine Selbst-&#39;DIAGNOSE&#39;. Echt nicht. Schon gar nicht nach den Bedrohungen damals. Und hier werde ich ja auch schon wieder beschimpft.](https://pixelfed.de/storage/m/v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/6MAhJDTcFw9L/v4zwqkzPicGv6PXHEnLWDUHSokG0HCJL9xEdmr3M.jpg)&#xA;&#xA;Nur am Rande: zu der Argumentation, die fotobus und ihr Gefolge gegen Autismus-Selbstdiagnosen benutzen, gibt es einen langen Text von mir. Diesen hat fotobus sicherlich gesehen, behauptet aber weiter, die &#34;SelfDX-Bubble&#34; hätte keine Argumente.&#xA;&#xA;Gestern hat fotobus also geschrieben, Eigenverdacht würde akzeptiert. Am selben Tag hat sich ein kleiner Twitter-Account über Schwierigkeiten beschwert, an eine Autismus-Diagnose zu kommen. fotobus war sofort zur Stelle mit ungebetenen und nutzlosen Ratschlägen.&#xA;&#xA;Dieser Account hat nie von etwas anderem als einem Verdacht gesprochen. Hat aber den &#34;Fehler&#34; gemacht, fotobus auf die Übergriffigkeit hinzuweisen, einfach so anzunehmen, man sei nicht informiert.&#xA;&#xA;![Screenshot eines Posts von fotobus. Heute drehen echt alle am Rad. Darunter der Screenshot einer Antwort an fotobus. Erst fett übergriffig sein und fragwürdige Infos splainen und bei Gegenwind blocken... Danke das du mein Erlebnis heute NOCH beschissener gemacht hast und einen Verdacht und Wissen mit Füßen getreten hast. Diese Antwort zitiert einen Tweet von fotobus. Vielleicht findest du mit dieser Liste Hilfe.&#xA;Autismus wird von spezialisierten Psychiatern/Neruologen diagnostiziert, nicht von Hausärzten. Ein Bluttest kann Autismus nicht zeigen und psychisch ist Autismus auch nicht.](https://pixelfed.de/storage/m/v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/aXbqOMmbfsfS/oOqJ9qlbrPnPWsYN71gtVmCFZVsmS2j3pHB0V8It.jpg)&#xA;&#xA;Und wurde der Gefolgschaft zum Fraß vorgeworfen (Schwärzung von mir).&#xA;&#xA;Später ordnet fotobus diesen Account willkürlich der &#34;SelfDX-Bubble&#34; zu und pöbelt weiter gegen ihn.&#xA;&#xA;![Screenshot eines Posts von fotobus. Nö, SIE hatte einen Screenshot MEINES Tweets getwittert, nachdem ich SIE blockiert hatte. Naja, zweierlei Maß und so. Nichts Neues aus dieser Ecke. Mich stört es nicht. Ich stehe zu meinen Tweets. Aber die, die es stört, sollten es ggf. nicht selbst tun. Darunter ein Screenshot meiner Tweets. Und dann tweetet er noch den Screenshot von diesem Tweet, vermutlich nachdem du ihn bereits blockiert hast. Ja, so einer ist es. Er überschreitet systematisch Grenzen und setzt sich über Blocks hinweg. Aber er meint es natürlich nur gut. &#xA;Es tut mir leid, dass du dich auch mit diesem Typen herumschlagen musst. Und ich hoffe, dass du echte Hilfe findest!](https://pixelfed.de/storage/m/v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/MDR3fGLVWnNO/hoczTaNajXwJSzR7rdAxBausnQUgNEbHMIm4Ak0n.jpg)&#xA;&#xA;Wenn sie einen 40 Follower Account ihren 1500 Followern vorführt, ist es angeblich dasselbe, wie wenn dieser Account unten in einem Thread einen Screenshot postet. 🤡&#xA;&#xA;Jedenfalls hat sie mit der Taktik Erfolg, und der Account verschwindet hinter einem Schloss.&#xA;&#xA;Mobbing&#xA;&#xA;Womit wir beim Thema Mobbing wären. Wie bereits oben sichtbar, arbeitet fotobus viel mit Feindbildern, von denen &#34;SelfDX-Bubble&#34; scheinbar die schlimmste ist.&#xA;&#xA;Sie schreibt munter weiter Antworten im Thread, die die Person nicht sehen kann. Wird sie selber blockiert, antwortet sie anderen Menschen, die an dem Thread beteiligt sind.&#xA;&#xA;Und sie teilt Screenshots, die ihre Gefolgschaft auf das Ziel ansetzen.&#xA;&#xA;Sie liest trotz Block noch eine ganze Weile mit. Alles, was ihr verwerflich erscheint, wird als Screenshot mit der Gefolgschaft geteilt. Also so Sachen, wie Menschen mit Autismus-Selbstdiagnosen auch Akzeptanz zeigen.&#xA;&#xA;![Screenshot eines Posts von fotobus. Jap, liebe Selbst-&#39;Diagnostizierer&#39;,&#xA;sucht euch doch ein Hobby, das Autisten nicht schadet. Fänd ich auch echt knorke von euch. Danke im Voraus. Darunter ein Screenshot des Tweets von anndarkest. imagine du bist so obsessed dass du mich blockierst und trotzdem screenshots von meinen tweets hochlädst um dich über mich zu echauffieren fotobus such dir doch ein hobby das andere autisten nicht verletzt wär voll lieb wenn du meine grenze akzeptieren würdest](https://pixelfed.de/storage/m/v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/1y6sV7SK91rM/jkSMiWLKcjc47QXEdWsPtgxvTnxHVHEdc2fBJrQP.jpg)&#xA;&#xA;Nein, sie mag damit nicht aufhören.&#xA;&#xA;Dabei kommt es mitunter zu Absurditäten, z.B. wenn sie Sarkasmus nicht erkennt und ihren &#34;Feinden&#34; die Verdrehung ihrer Worte vorwirft.&#xA;&#xA;Screenshot eines Posts von fotobus. Woran man Selbst-&#39;Diagnostizierer&#39; gut erkennt. Sie neigen zu totaler Absurdität, um jene zu diskreditieren, die Selbst-&#39;Diagnose&#39; reichlich dämlich und schädlich finden. Es war nie die Rede von Hautfarbe oder sexueller Orientierung des Arztes. Was für ein absurder Quatsch! Darunter ein abgeschnittener Screenshot eines Tweets von anndarkest.&#xA;&#xA;In ihrer Gefolgschaft finden sich aber so einige Leute, die auf jeden Zug aufspringen, sobald sie die Richtung aufzeigt.&#xA;&#xA;Und dann retweetet sie noch die Takes ihrer Gefolgschaft, um mehr Leute auf die &#34;Diskussion&#34; anzusetzen. So absurde Behauptungen wie die, dass Leute sich aufgrund von Tiktok-Videos Selbstdiagnosen stellen würden.&#xA;&#xA;Screenshot eines Posts von TageMofficial. Ich verweise nochmal auf Tiktok wo Selfdx in Bezug zu Autismus wirklich Trend ist. Da werden Vorurteile rangezogen um diese Selbstdiagnosen zu stellen. Vorurteile die den Alltag von Autisten erschweren, aber eben durch sowas verbreitet und verfestigt werden.&#xA;&#xA;Nein, diese Menschen hören nur sich selber.&#xA;&#xA;Man kennt die Taktiken sehr gut aus TERF-Kreisen. Noch eine Ähnlichkeit gibt es: reagieren die Betroffenen emotional, weil man ihre mühsam gewonnene Identität mit den Füßen tritt, betonen fotobus und Konsorten, wie objektiv sie selber doch seien.&#xA;&#xA;Die Problematik&#xA;&#xA;Ja, mir ist hier endgültig der Kragen geplatzt. Weil fotobus sehr viel Zeit darauf verwendet, Twitter nach relevanten Stichwörtern abzusuchen. Dadurch ist sie oft der erste Eindruck, den Menschen von der Autismus-Bubble bekommen. Und kein positiver.&#xA;&#xA;Ich kenne Leute, die sich deswegen angewidert von der Autismus-Community zurückgezogen haben. Viele andere würden gerne mehr über autistische Erfahrungen reden, fürchten aber Anfeindungen aus dieser Bubble. Der Schaden für die Community ist tatsächlich enorm.&#xA;&#xA;Die bekannten Accounts der Person sind @fotobus, @Ausweichbus, @fotoCount, @fotobus@mastodon.social.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:autismus" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">autismus</span></a> <a href="/newstrujew/tag:diagnostik" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">diagnostik</span></a> <a href="/newstrujew/tag:selfdx" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">selfdx</span></a> <a href="/newstrujew/tag:transfeindlichkeit" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">transfeindlichkeit</span></a> <a href="/newstrujew/tag:feminismus" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">feminismus</span></a></p>

<p>Ich schreibe Blockempfehlungen sehr selten, schon gar nicht als ausführlichen Text. Aber dieser toxische Mobbing-Account schadet der Autismus-Community enorm.</p>

<p>Sie behauptet, für ihr Mobbing gäbe es keine Belege. Doch. 🤷</p>

<p>Zunächst einmal: sie sieht sich als Kämpferin für Rechte der Autisten, und es trifft nicht immer die Falschen. Das wiegt den Schaden aber nicht auf.</p>

<p>Außerdem: hier alles mit Screenshots zu dokumentieren, ist sicherlich nicht die feine Art. Aber sie will ja Belege haben.</p>

<p><img src="https://pixelfed.de/storage/m/_v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/epyYJ25puchq/UQpIPTm0PWojqsYE5sgsH41zj0VuXJKjpm7Y3aD3.jpg" alt="Screenshot eines Posts von fotobus. Klasse ist auch, wie das Wehren gegen ungerechtfertigte Vorwürfe, gegen Lügen bis hin zur Verleumdung ins Gegenteil verkehrt wird. Ich tu keinem was. Aber werde immer mal wieder aus der Ecke SelfDX/Queer angegriffen und als Arschloch dargestellt. Das läuft seit Jahren so."></p>

<p>Natürlich sieht sich fotobus als das eigentliche Opfer hier. Sie wird andauernd und ungerechtfertigt von folgenden Gruppen angegriffen:</p>
<ol><li>Queers</li>
<li>Gendersternchen-Fans</li>
<li>SelfDX-Bubble</li></ol>

<p>Ja warum eigentlich?</p>

<h2 id="transfeindlichkeit" id="transfeindlichkeit">Transfeindlichkeit</h2>

<p>Fangen wir an mit dem Vorwurf der Transfeindlichkeit. Laut fotobus völlig ungerechtfertigt, denn sie habe ja “nichts gegen Transsexuelle”.</p>

<p>Hier sehen wir, wie sie reagiert, wenn sie auf Misgendering hingewiesen wird.</p>

<p><img src="https://pixelfed.de/storage/m/_v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/vDTM6sMRY1np/KGThdKqdu8Gh7gy18ZmMVkFlSoGmfuoCfQDtZpu0.jpg" alt="Screenshot eines Posts von fotobus. Joa, und. Ich hab den Namen nicht gelesen. Er hat mich nicht interessiert. Sein, des Users, des Accounts, Geschlecht interessiert mich auch nicht. Meins hat hier auch keinen interessiert und ich jammer nicht darüber rum. Ich wollt hier schließlich mit niemandem ins Bett. Bye."></p>

<p>Ja, überhaupt nicht transfeindlich.</p>

<p>Sie legt später noch einmal nach.</p>

<p><img src="https://pixelfed.de/storage/m/_v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/vaO3Qtpu72C4/jRuDEENHLFlCuSBxScF7nMgFanQ0S8Nruqv0oGSF.jpg" alt="Screenshot eines Posts von fotobus. Übrigens, ich wurde in diesem Gespräch auch &#39;misgendert&#39;. Aber wichtig ist das immer nur bei denen selbst, nie bei anderen. (Mir ist es völlig egal, welches Geschlecht die Leute bei mir annehmen hier auf Twitter.) Es ist faszinierend. Faszinierend doppelmoralisch."></p>

<p>Klar, wenn sie (männlicher Accountname, keine Pronomen, spricht von sich in der männlichen Form) misgendert wird, dann ist es dasselbe, wie wenn sie die Pronomen einer Person missachtet und nach einem Hinweis pöbelt.</p>

<p>Das ist jetzt nur ein Beispiel von vielen, die sich über die Jahre ereignet haben. In der Gefolgschaft von fotobus gibt es auch extrem transfeindliche Personen, und das stört sie nicht. Sie kommentiert Transfeindlichkeit sogar wohlwollend.</p>

<p><img src="https://pixelfed.de/storage/m/_v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/MtZhoRDnch2o/0TpN6PzV7HClATp7odMuBTwsHo6g4uN9Qpk9QCRz.jpg" alt="Umfrage von Mundpilz. Liebe Autisten wer soll einen Autismusvortrage bei entropiagpn halten. 1. eine Borderlinerin die vorgibt Autist zu sein. 2. ein Typ der sich für eine Frau hält und davon labert Frauen die das anders sehen zu vergewaltigen (und ja es ist nicht zu fassen) Hashtag GPN18.  fotobus antwortet, 3. mundpilz antwortet darauf, exakt blos keiner davon eh!"></p>

<h1 id="anti-feminismus" id="anti-feminismus">Anti-Feminismus</h1>

<p>Außerdem wird fotobus von Leuten angefeindet, die das Gendersternchen gut finden. Und das angeblich bloß, weil sie darauf hinweist, dass sie davon sensorischen Overload bekommt.</p>

<p>Ich kann nicht beurteilen, ob es stimmt. Aber es gibt sicherlich mehr Gründe für Anfeindungen.</p>

<p>Denn fotobus erscheint an Kompromissen nicht interessiert und ist grundsätzlich gegen das Entgendern. Sie belehrt Menschen, das generische Maskulinum wäre völlig in Ordnung.</p>

<p><img src="https://pixelfed.de/storage/m/_v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/e9lGci21FlaD/L1pwZjyQMyTpyZv5RY92gEfnZ9fQpUczCzlWdpPa.jpg" alt="Screenshot einer Antwort von fotobus an EducationHumor. &#39;Liebe Schüler&#39;. Denn &#39;Schüler&#39; ist ein Wort ohne jede sexus-anzeigende Endung.
Als Lehrer solltest du das wissen."></p>

<p>Da kommt irgendwie der Verdacht auf, sensorische Probleme wären bloß ein vorgeschobener Grund.</p>

<h1 id="anti-selfdx" id="anti-selfdx">Anti-SelfDX</h1>

<p>Schließlich ist da die SelfDX-Bubble, die “richtigen” Autisten scheinbar so viel Ärger bereitet. Und dabei geht es fotobus doch angeblich um eine Kleinigkeit: richtige Bezeichnungen.</p>

<p><img src="https://pixelfed.de/storage/m/_v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/6MAhJDTcFw9L/v4zwqkzPicGv6PXHEnLWDUHSokG0HCJL9xEdmr3M.jpg" alt="Screenshot eines Posts von fotobus. Ich akzeptiere jeden Eigenverdacht.
Aber keine Selbst-&#39;DIAGNOSE&#39;. Echt nicht. Schon gar nicht nach den Bedrohungen damals. Und hier werde ich ja auch schon wieder beschimpft."></p>

<p>Nur am Rande: zu der Argumentation, die fotobus und ihr Gefolge gegen Autismus-Selbstdiagnosen benutzen, gibt es <a href="https://paper.wf/newstrujew/validitaet-von-autismus-selbstdiagnosen" rel="nofollow">einen langen Text von mir</a>. Diesen hat fotobus sicherlich gesehen, behauptet aber weiter, die “SelfDX-Bubble” hätte keine Argumente.</p>

<p>Gestern hat fotobus also geschrieben, Eigenverdacht würde akzeptiert. Am selben Tag hat sich ein kleiner Twitter-Account über Schwierigkeiten beschwert, an eine Autismus-Diagnose zu kommen. fotobus war sofort zur Stelle mit ungebetenen und nutzlosen Ratschlägen.</p>

<p>Dieser Account hat nie von etwas anderem als einem Verdacht gesprochen. Hat aber den “Fehler” gemacht, fotobus auf die Übergriffigkeit hinzuweisen, einfach so anzunehmen, man sei nicht informiert.</p>

<p><img src="https://pixelfed.de/storage/m/_v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/aXbqOMmbfsfS/oOqJ9qlbrPnPWsYN71gtVmCFZVsmS2j3pHB0V8It.jpg" alt="Screenshot eines Posts von fotobus. Heute drehen echt alle am Rad. Darunter der Screenshot einer Antwort an fotobus. Erst fett übergriffig sein und fragwürdige Infos splainen und bei Gegenwind blocken... Danke das du mein Erlebnis heute NOCH beschissener gemacht hast und einen Verdacht und Wissen mit Füßen getreten hast. Diese Antwort zitiert einen Tweet von fotobus. Vielleicht findest du mit dieser Liste Hilfe.
Autismus wird von spezialisierten Psychiatern/Neruologen diagnostiziert, nicht von Hausärzten. Ein Bluttest kann Autismus nicht zeigen und psychisch ist Autismus auch nicht."></p>

<p>Und wurde der Gefolgschaft zum Fraß vorgeworfen (Schwärzung von mir).</p>

<p>Später ordnet fotobus diesen Account willkürlich der “SelfDX-Bubble” zu und pöbelt weiter gegen ihn.</p>

<p><img src="https://pixelfed.de/storage/m/_v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/MDR3fGLVWnNO/hoczTaNajXwJSzR7rdAxBausnQUgNEbHMIm4Ak0n.jpg" alt="Screenshot eines Posts von fotobus. Nö, SIE hatte einen Screenshot MEINES Tweets getwittert, nachdem ich SIE blockiert hatte. Naja, zweierlei Maß und so. Nichts Neues aus dieser Ecke. Mich stört es nicht. Ich stehe zu meinen Tweets. Aber die, die es stört, sollten es ggf. nicht selbst tun. Darunter ein Screenshot meiner Tweets. Und dann tweetet er noch den Screenshot von diesem Tweet, vermutlich nachdem du ihn bereits blockiert hast. Ja, so einer ist es. Er überschreitet systematisch Grenzen und setzt sich über Blocks hinweg. Aber er meint es natürlich nur gut. 
Es tut mir leid, dass du dich auch mit diesem Typen herumschlagen musst. Und ich hoffe, dass du echte Hilfe findest!"></p>

<p>Wenn sie einen 40 Follower Account ihren 1500 Followern vorführt, ist es angeblich dasselbe, wie wenn dieser Account unten in einem Thread einen Screenshot postet. 🤡</p>

<p>Jedenfalls hat sie mit der Taktik Erfolg, und der Account verschwindet hinter einem Schloss.</p>

<h2 id="mobbing" id="mobbing">Mobbing</h2>

<p>Womit wir beim Thema Mobbing wären. Wie bereits oben sichtbar, arbeitet fotobus viel mit Feindbildern, von denen “SelfDX-Bubble” scheinbar die schlimmste ist.</p>

<p>Sie schreibt munter weiter Antworten im Thread, die die Person nicht sehen kann. Wird sie selber blockiert, antwortet sie anderen Menschen, die an dem Thread beteiligt sind.</p>

<p>Und sie teilt Screenshots, die ihre Gefolgschaft auf das Ziel ansetzen.</p>

<p>Sie liest trotz Block noch eine ganze Weile mit. Alles, was ihr verwerflich erscheint, wird als Screenshot mit der Gefolgschaft geteilt. Also so Sachen, wie Menschen mit Autismus-Selbstdiagnosen auch Akzeptanz zeigen.</p>

<p><img src="https://pixelfed.de/storage/m/_v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/1y6sV7SK91rM/jkSMiWLKcjc47QXEdWsPtgxvTnxHVHEdc2fBJrQP.jpg" alt="Screenshot eines Posts von fotobus. Jap, liebe Selbst-&#39;Diagnostizierer&#39;,
sucht euch doch ein Hobby, das Autisten nicht schadet. Fänd ich auch echt knorke von euch. Danke im Voraus. Darunter ein Screenshot des Tweets von anndarkest. imagine du bist so obsessed dass du mich blockierst und trotzdem screenshots von meinen tweets hochlädst um dich über mich zu echauffieren fotobus such dir doch ein hobby das andere autisten nicht verletzt wär voll lieb wenn du meine grenze akzeptieren würdest"></p>

<p>Nein, sie mag damit nicht aufhören.</p>

<p>Dabei kommt es mitunter zu Absurditäten, z.B. wenn sie Sarkasmus nicht erkennt und ihren “Feinden” die Verdrehung ihrer Worte vorwirft.</p>

<p><img src="https://pixelfed.de/storage/m/_v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/zyvlWlkyIFuS/NSr7LrDwCmU9W0IdEKw98XwjaOkqCHMGyoqMrclL.jpg" alt="Screenshot eines Posts von fotobus. Woran man Selbst-&#39;Diagnostizierer&#39; gut erkennt. Sie neigen zu totaler Absurdität, um jene zu diskreditieren, die Selbst-&#39;Diagnose&#39; reichlich dämlich und schädlich finden. Es war nie die Rede von Hautfarbe oder sexueller Orientierung des Arztes. Was für ein absurder Quatsch! Darunter ein abgeschnittener Screenshot eines Tweets von anndarkest."></p>

<p>In ihrer Gefolgschaft finden sich aber so einige Leute, die auf jeden Zug aufspringen, sobald sie die Richtung aufzeigt.</p>

<p>Und dann retweetet sie noch die Takes ihrer Gefolgschaft, um mehr Leute auf die “Diskussion” anzusetzen. So absurde Behauptungen wie die, dass Leute sich aufgrund von Tiktok-Videos Selbstdiagnosen stellen würden.</p>

<p><img src="https://pixelfed.de/storage/m/_v2/495313347312455455/a48ad3dc0-89cf68/A81yPnCWIOFP/VRv3HF0HuL86Yu9t2tEjdn577ag3rwmH2o63cg2r.jpg" alt="Screenshot eines Posts von TageM_official. Ich verweise nochmal auf Tiktok wo Selfdx in Bezug zu Autismus wirklich Trend ist. Da werden Vorurteile rangezogen um diese Selbstdiagnosen zu stellen. Vorurteile die den Alltag von Autisten erschweren, aber eben durch sowas verbreitet und verfestigt werden."></p>

<p>Nein, diese Menschen hören nur sich selber.</p>

<p>Man kennt die Taktiken sehr gut aus TERF-Kreisen. Noch eine Ähnlichkeit gibt es: reagieren die Betroffenen emotional, weil man ihre mühsam gewonnene Identität mit den Füßen tritt, betonen fotobus und Konsorten, wie objektiv sie selber doch seien.</p>

<h2 id="die-problematik" id="die-problematik">Die Problematik</h2>

<p>Ja, mir ist hier endgültig der Kragen geplatzt. Weil fotobus sehr viel Zeit darauf verwendet, Twitter nach relevanten Stichwörtern abzusuchen. Dadurch ist sie oft der erste Eindruck, den Menschen von der Autismus-Bubble bekommen. Und kein positiver.</p>

<p>Ich kenne Leute, die sich deswegen angewidert von der Autismus-Community zurückgezogen haben. Viele andere würden gerne mehr über autistische Erfahrungen reden, fürchten aber Anfeindungen aus dieser Bubble. Der Schaden für die Community ist tatsächlich enorm.</p>

<p>Die bekannten Accounts der Person sind <a href="https://twitter.com/fotobus" rel="nofollow">@fotobus</a>, <a href="https://twitter.com/Ausweichbus" rel="nofollow">@Ausweichbus</a>, <a href="https://twitter.com/fotoCount" rel="nofollow">@fotoCount</a>, <a href="https://mastodon.social/@fotobus" rel="nofollow"><a href="https://paper.wf/@/fotobus@mastodon.social" class="u-url mention" rel="nofollow">@<span>fotobus@mastodon.social</span></a></a>.</p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://paper.wf/newstrujew/blockempfehlung-fur-phodopus-sungorus-anfotobus-und-gefolgschaft</guid>
      <pubDate>Tue, 01 Nov 2022 20:44:37 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Der Rassismus der EU-Flüchtlingspolitik</title>
      <link>https://paper.wf/newstrujew/der-rassismus-der-eu-fluchtlingspolitik</link>
      <description>&lt;![CDATA[#ukraine #russland #eu #krieg #flucht #politik&#xA;&#xA;Am 22. Februar schrieb ich auf Twitter:&#xA;&#xA;  Der Optimismus der deutschen Nachrichten, die von Putin immer noch ein Einlenken erwarten, ist ja so bewundernswert...&#xA;&#xA;Ich habe genug über den 2. Weltkrieg gelesen, um kaum noch daran zu zweifeln, dass ein Krieg unmittelbar bevorsteht. Worüber ich mich getäuscht habe, war aber der Ablauf.&#xA;&#xA;!--more--Meine Erwartung war: Angriff auf die Ukraine nach einer angeblichen ukrainischen Provokation. Dann würde Russland die ukrainischen Ostgebiete besetzen, weil sie ja angeblich zu Luhansk und Donezk gehören. Dann weiter vorrücken, weil sie eine &#34;Pufferzone&#34; brauchen. Nur zum Schutz der Zivilisten, versteht sich. Und irgendwann würde diese &#34;Pufferzone&#34; zur gesamten Ukraine.&#xA;&#xA;Das wäre das logische Vorgehen gewesen. Denn solange Russland nicht zugibt, die ganze Ukraine erobern zu wollen, würde sich die internationale Community nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen können.&#xA;&#xA;Dass Russland anders vorgegangen ist, kann nur durch maßlose Selbstüberschätzung erklärt werden. Man hatte tatsächlich die Erwartung, die Ukraine innerhalb weniger Tage erobern zu können. Man hätte die Welt vor vollendete Tatsachen gestellt, wie man es bereits 2014 mit der Annexion Krims erfolgreich durchgespielt hat. Damals war die internationale Reaktion bestenfalls inkonsequent, und nur deswegen haben wir nun diesen Krieg.&#xA;&#xA;Am 22. Februar haben wir eine ukrainische Freundin meiner Frau angerufen und sie überzeugt, ihre Kinder nach Deutschland zu bringen. Das Problem: sie konnte die Einreisebestimmungen der EU nicht erfüllen, insbesondere würde ihre Covid-Impfung nicht anerkannt. Während die EU die Pandemie bereits größtenteils laufen ließ, wurde sie weiterhin als Ausrede benutzt, um Einreisen aus ärmeren Ländern zu beschränken.&#xA;&#xA;Dass diese Freundin dennoch schon am 27. Februar bei uns war, hat mit einer anderen Fehleinschätzung von mir zu tun. Ich habe damit gerechnet, dass die EU die Einreise aus der Ukraine unmöglich machen würde, sobald absehbar war, dass Millionen Menschen auf der Flucht sind. Das hat man ja in der Vergangenheit bereits mehrmals gesehen.&#xA;&#xA;Ich habe unterschätzt, welche zentrale Rolle Rassismus dabei spielt. Solche Behandlung war nur für Syrer und Afghanen reserviert, nicht für Ukrainer. Tatsächlich hat man gesehen, dass man Menschen mit ukrainischer Staatbürgerschaft mit offenen Armen willkommen hieß. Menschen mit anderen Staatsbürgerschaften, die auch aus der Ukraine fliehen mussten, hatten weniger Glück. Insbesondere schwarze Menschen, die beispielsweise in der Ukraine studiert haben, sahen sich rassistischen Übergriffen ausgesetzt. Ihr Schicksal interessierte niemanden.&#xA;&#xA;Aber mit den Ukrainer*innen war die Solidarität groß. Das sonst so fremdenfeindliche Polen hat noch am Tag des russischen Angriffs die Grenzen uneingeschränkt für Geflüchtete geöffnet. Es wurde sehr schnell enorm viel Hilfe organisiert, nicht zuletzt von Freiwilligen. Sogar die deutsche Bürokratie zeigte, dass man auf Hilfe angewiesene Menschen etwas besser behandeln kann, als man es sonst so tut.&#xA;&#xA;Ich will mich ganz sicher nicht beklagen, ich bin dankbar. Der Familie geht es gut, und ich bin froh darüber.&#xA;&#xA;Mich macht allerdings auch traurig, dass es überhaupt zu diesem Krieg kommen musste. Denn hier ist auch ein massives Versagen der EU-Politik ursächlich, spätestens seit 2014.&#xA;&#xA;Und es macht mich traurig, dass wir anderswo in der Welt weiterhin wegsehen und Menschen im Stich lassen. Daran hat auch dieser Krieg nichts geändert.]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="/newstrujew/tag:ukraine" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">ukraine</span></a> <a href="/newstrujew/tag:russland" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">russland</span></a> <a href="/newstrujew/tag:eu" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">eu</span></a> <a href="/newstrujew/tag:krieg" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">krieg</span></a> <a href="/newstrujew/tag:flucht" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">flucht</span></a> <a href="/newstrujew/tag:politik" class="hashtag" rel="nofollow"><span>#</span><span class="p-category">politik</span></a></p>

<p>Am 22. Februar <a href="https://twitter.com/Newstrujew/status/1496026584180051970" rel="nofollow">schrieb ich auf Twitter</a>:</p>

<blockquote><p>Der Optimismus der deutschen Nachrichten, die von Putin immer noch ein Einlenken erwarten, ist ja so bewundernswert...</p></blockquote>

<p>Ich habe genug über den 2. Weltkrieg gelesen, um kaum noch daran zu zweifeln, dass ein Krieg unmittelbar bevorsteht. Worüber ich mich getäuscht habe, war aber der Ablauf.</p>

<p>Meine Erwartung war: Angriff auf die Ukraine nach einer angeblichen ukrainischen Provokation. Dann würde Russland die ukrainischen Ostgebiete besetzen, weil sie ja angeblich zu Luhansk und Donezk gehören. Dann weiter vorrücken, weil sie eine “Pufferzone” brauchen. Nur zum Schutz der Zivilisten, versteht sich. Und irgendwann würde diese “Pufferzone” zur gesamten Ukraine.</p>

<p>Das wäre das logische Vorgehen gewesen. Denn solange Russland nicht zugibt, die ganze Ukraine erobern zu wollen, würde sich die internationale Community nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen können.</p>

<p>Dass Russland anders vorgegangen ist, kann nur durch maßlose Selbstüberschätzung erklärt werden. Man hatte tatsächlich die Erwartung, die Ukraine innerhalb weniger Tage erobern zu können. Man hätte die Welt vor vollendete Tatsachen gestellt, wie man es bereits 2014 mit der Annexion Krims erfolgreich durchgespielt hat. Damals war die internationale Reaktion bestenfalls inkonsequent, und nur deswegen haben wir nun diesen Krieg.</p>

<p>Am 22. Februar haben wir eine ukrainische Freundin meiner Frau angerufen und sie überzeugt, ihre Kinder nach Deutschland zu bringen. Das Problem: sie konnte die Einreisebestimmungen der EU nicht erfüllen, insbesondere würde <a href="https://paper.wf/newstrujew/pandemiebekampfung-als-vorwand-fur-eu-einreisebeschrankungen" rel="nofollow">ihre Covid-Impfung nicht anerkannt</a>. Während die EU die Pandemie bereits größtenteils laufen ließ, wurde sie weiterhin als Ausrede benutzt, um Einreisen aus ärmeren Ländern zu beschränken.</p>

<p>Dass diese Freundin dennoch schon am 27. Februar bei uns war, hat mit einer anderen Fehleinschätzung von mir zu tun. Ich habe damit gerechnet, dass die EU die Einreise aus der Ukraine unmöglich machen würde, sobald absehbar war, dass Millionen Menschen auf der Flucht sind. Das hat man ja in der Vergangenheit bereits mehrmals gesehen.</p>

<p>Ich habe unterschätzt, welche zentrale Rolle Rassismus dabei spielt. Solche Behandlung war nur für Syrer und Afghanen reserviert, nicht für Ukrainer. Tatsächlich hat man gesehen, dass man Menschen mit ukrainischer Staatbürgerschaft mit offenen Armen willkommen hieß. Menschen mit anderen Staatsbürgerschaften, die auch aus der Ukraine fliehen mussten, hatten weniger Glück. Insbesondere schwarze Menschen, die beispielsweise in der Ukraine studiert haben, sahen sich rassistischen Übergriffen ausgesetzt. Ihr Schicksal interessierte niemanden.</p>

<p>Aber mit den Ukrainer*innen war die Solidarität groß. Das sonst so fremdenfeindliche Polen hat noch am Tag des russischen Angriffs die Grenzen uneingeschränkt für Geflüchtete geöffnet. Es wurde sehr schnell enorm viel Hilfe organisiert, nicht zuletzt von Freiwilligen. Sogar die deutsche Bürokratie zeigte, dass man auf Hilfe angewiesene Menschen etwas besser behandeln kann, als man es sonst so tut.</p>

<p>Ich will mich ganz sicher nicht beklagen, ich bin dankbar. Der Familie geht es gut, und ich bin froh darüber.</p>

<p>Mich macht allerdings auch traurig, dass es überhaupt zu diesem Krieg kommen musste. Denn hier ist auch ein massives Versagen der EU-Politik ursächlich, spätestens seit 2014.</p>

<p>Und es macht mich traurig, dass wir anderswo in der Welt weiterhin wegsehen und Menschen im Stich lassen. Daran hat auch dieser Krieg nichts geändert.</p>
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      <guid>https://paper.wf/newstrujew/der-rassismus-der-eu-fluchtlingspolitik</guid>
      <pubDate>Mon, 31 Oct 2022 10:38:02 +0000</pubDate>
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